PONY. 06.11.2012, 11:31 Uhr 29 47

Das Licht in mir

Ich quetsche ein „Sehr schön.“ aus meinem Mund und sehe wie es direkt vor meinen Füßen auf dem neuen Parkettboden landet.

Meine tauben Füße stecken in meinen Schuhen fest, die mich mechanisch über das nasse Gras tragen. "Der Mann ist wirklich kompetent." flüsterst du in mein Ohr, als er uns gerade auf die frisch gestrichene Fassade aufmerksam macht. "Ja.", flüstere ich zurück und mein Kopf bewegt sich dabei einmal auf und wieder ab. Ich starre in den Himmel, der nicht aufhören will sich zu drehen. Ich habe das Gefühl, dass der Strudel, der sich dort oben bei den Wolken bildet, immer näher kommt und droht mich mitzureißen. Ich bin ihm hilflos ausgeliefert, diese Gewalt wird zu groß sein, er wird mich durch die Luft wirbeln und irgendwann fallen lassen.

Wir betreten den Flur durch einen großen Türbogen. "Wow, der bietet wirklich Platz!" rufst du mit begeisterter Stimme, die viel höher ist als gewöhnlich. "Ja, 8 qm." sagt der Mann, öffnet die Türe zu einer zusätzlichen Abstellkammer und zeigt mir, wo ich den Staubsauger abstellen kann. Die Türe knarzt beim zu und aufmachen, das Geräusch dröhnt durch meinem Kopf und übertönt eure weiteren Worte. Ich schließe meine Augen und fühle mich, als würde ich jeden Moment umfallen. Einfach so, mit dem Kopf auf die Bodenfliesen und es wäre gar nicht schlimm für mich. Vielleicht würde der graue Schleier durch den Aufprall aus meinem Kopf entweichen, das Licht anspringen und ich könnte wieder reden und denken. Das ist eigentlich alles was ich will. Wieder denken können und nicht ständig dieses trägen Züge auf meinem Gesicht tragen. Ich möchte wieder eine Stimme mit Ausdruck und einen kleinen Teil deiner großen Begeisterung, für die ich dich so liebe.

"Du bist so still. Wie findest du´s?", fragst du mit strahlenden Augen, als wir auf dem Balkon stehen und auf den Quittenbaum blicken. Meine Mutter hat früher immer Quittenmarmelade gemacht, die habe ich als Kind gehasst. Heute mag ich sie komischerweise. Ich würde gerne Marmelade einkochen, wenn ich es könnte. Wir könnten dann jeden morgen an der "hochwertigen Küchentheke sitzen, die ablösefrei ist" und Quittengelee essen, bis uns davon schlecht wird. "Ich mag den Baum.", sage ich und mein Mund verzieht sich zu einer Art Lächeln. "Dir kann man nichts recht machen. Willst du nicht zusammen ziehen?", deine Stimme bebt und du tust mir unfassbar leid. "Mir geht´s heute einfach nicht gut.", flüstere ich.

Der Mann führt uns anschließend noch durch ein „frisch renoviertes Bad, mit großem Fenster“ und ein „entzückendes kleines Zimmer, das Platz für ein, oder zwei Kinder bietet.“ Dabei zwinkert er mir zu, als sei ich eine billige Straßennutte, die es mit jedem ohne Gummi macht. Ich kann es manchmal kaum in Worte fassen, wie sehr ich selbstgefällige Männer in Anzügen hasse. Vielleicht habe ich auch generell ein Problem mit Männern, aber bestimmt nicht so ein großes wie mit mir selbst, denke ich und versuche mich zu konzentrieren. Ich bin von meinem drehenden Kopf noch immer ganz benebelt, versuche, aber einen halbwegs seriösen Eindruck zu machen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten werfe ich dem Mann mein schönstes gekünsteltes Lächeln zu und quetsche ein "Sehr schön." aus meinem Mund und sehe wie es direkt vor meinen Füßen auf dem neuen Parkettboden landet.


"Dir geht´s doch nie gut.", sagst du, als wir wieder im Auto sitzen und die kahlen Bäume an uns vorbei rauschen. Ich öffne das Fenster und strecke den Arm heraus, wie ich das früher immer machte. Ich erinnere mich an das kurze Gefühl von Freiheit, dass ich damals in meinem Cabrio spürte. Ich höre die laute Musik aus den Lautsprechern dröhnen und sehe meine Haare im Wind wehen. „Was haben die den alle mit ihrem: das Leben ist so hart?“ dachte ich damals. Für mich hatte nichts einen Anfang und nichts ein Ende. Kurze Zeit später saß ich in der U-Bahn und plötzlich hatte ich Angst. Ich war nicht krank, aber irgendwie packte mich die Angst vor dem Tod und meine Gedanken wurden in ein sanftes Grau getunkt. Es kam aus heiterem Himmel, ich kenne nicht einmal den Grund dafür. Es hat mich eingehüllt und nicht mehr losgelassen.

„Es geht mir gut.“, sage ich und drücke diesen kleinen Schalter neben meinem Ohr, der dafür sorgt, dass meine Backen und meine Augenbrauen nach oben gezogen werden. Dann schaue ich in den Himmel, sehe wie die Welt sich dreht und warte bis der Strudel mich endlich aus meinem Sitz reißt. Ich denke an die Quittenmarmelade und an meine Mutter und an alles was danach passierte. An alles, was das Licht in mir erlöschen ließ.


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29 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ,,Vielleicht habe ich auch generell ein Problem mit
    Männern, aber bestimmt nicht so ein großes wie mit mir selbst...."
    Verstoerend und wundervoll zugleich, dein Text...

    10.11.2012, 22:29 von LupinaThirteen
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  • 1

    Ich würde auch gerne weiter lesen :)

    08.11.2012, 21:28 von Kaffeeliebe
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  • 0

    Nimmt einen ziemlich mit... die Atmosphäre beim Lesen der Arbeit,- das, was zwischen den Zeilen steht.

    Weckt Emotionen auf unaufdringliche Weise. Sehr guter Text.

    08.11.2012, 15:21 von TilmannKleye
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  • 1

    "IIch mag den Baum.", sage ich und mein Mund verzieht sich zu einer Art Lächeln.

    Einer meiner Lieblingssätze. Toll beschriebene Befindlichkeit.

    07.11.2012, 21:27 von Jackie_Grey
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  • 1

    Die Protagonistin in diesem Text ist bestimmt nicht depressiv! Sie lebt nur das falsche Leben, dass nicht zu ihr passt. Der Anzugträger-Typ hingegen ist genau da angekommen, wo er sein will. Ein klassischer Fall von Menschlichkeit; erstmal den Fehler bei sich suchen und versuchen seine Gedanken umzukrempeln, damit wieder alles passt. 


    Sie muss sich wieder in ihr Cabrio setzen und da weiter machen, wo sie zuletzt ihre Freiheit gespürt hat! Das Licht kann nicht einfach erlischen. Ich möchte ein neues Ende oder einen zweiten Teil, bitte!

    Eine gute Bildsprache übrigens!

    07.11.2012, 20:13 von See_Emm_Why_Kay
    • 0

      Die Protagonistin in diesem Text ist bestimmt nicht depressiv!

      Eine gewagte These finde ich, anhand dieser recht wenigen Informationen? Ich würde das nicht ausschließen. Denke aber, meine Interpretation geht ohnehin in eine andere Richtung: Das erloschene Licht zum Beispiel habe ich als Folge eines Verlusts (der Mutter evtl.?) verstanden.

      08.11.2012, 00:54 von Mrs.McH
    • 0

      Dann interpretieren wir da vielleicht beide zuviel rein. 


      Indem die Protagonistin ja selber schon spürt, dass sie sich nach vergangener Freiheit sehnt und sich in ihrem Inneren alles gegen diese Häuslichkeit und Sicherheit wehrt, hat sie doch schon die Antwort auf ihre Traurigkeit.

      Wäre sie depressiv, wüsste sie gar nicht erst, wonach sie sich sehnt. 

      Denke ich...

      08.11.2012, 08:31 von See_Emm_Why_Kay
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    • 0

      Genau; die Angst ist hier das Stichwort. Und sie ist eine Krankheit in unserem Kopf. Eine Depression hat sicherlich auch sehr viel mit Angst und Panik zutun, aber ist dennoch wieder ein ganz anderen Thema, denke ich. 

      In einer Depression befindet man sich unter anderem, gerade weil man weiss, dass man sich nach nichts mehr sehnt. Was Angst macht...

      09.11.2012, 11:51 von See_Emm_Why_Kay
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  • 1

    Den Titel als auch den letzten Satz finde ich arg pathetisch, aber genau darum scheint's ja nun mal in der Geschichte zu gehen: Das erloschene Licht der Protagonistin als Metapher für eine mehr oder minder latente Depression. Ansonsten rundum gut.

    P.S.: Hab' beim Lesen dieses Lied gehört, das passte irgendwie gut.

    07.11.2012, 01:35 von justanotherpicture
    • 0

      Das Lied passt super.

      07.11.2012, 19:48 von wunschpunkt
    • 0

      Ja passt echt gut

      08.11.2012, 07:51 von PONY.
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  • 2

    JA! Ist denn schon Weihnachten ? Noch ein guter Text heute.
    Und ich liebe Deine Protagonisten, die sich selbst sabotieren und im Wege stehen und im Strudel des Grauens untergehen. denn so sind die Menschen halt. Wieso und warum...man muß nicht immer alles zu Tode begründen.
    Denn dann ist meistens noch ne Fortsetzung drin, okay ?

    06.11.2012, 22:27 von cosmokatze
    • 1

      für die Protagonisten hoffe ich, dass ihr derzeitiger Zustand ein schnelles Ende und keine Fortsetzung findet :)

      09.11.2012, 12:05 von PONY.
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  • 0

    Ich finde den Text ansich ganz okay, aber das Ende kommt mir irgendwie zu abrupt, es liest sich ein wenig so, als sei nun das Thema auf dem Tisch, und gut is'. Meiner Meinung nach hätte hier noch etwas nachgelegt werden müssen, ähnlich gut dem Rest des Textes.

    06.11.2012, 18:28 von topfbluemchen
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  • 0

    hmmm hmmm hmmm.
    weiß nicht :)
    ich denke, quatzat sagte das, was mir auch so vage durch den kopf ging.

    06.11.2012, 17:57 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Trotzdem Danke fürs Lesen ;)

      06.11.2012, 18:12 von PONY.
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