Eve_LaMell 10.08.2010, 08:38 Uhr 4 0

Das Klo

Als ich die Tür zur Damentoilette öffnete, tat sich mir Schreckliches auf. Es war ein Bild, wie aus einem dieser Drogenfilme.

Erfahrungen mit Klubklos habe ich zu genüge.
Ich hab gesehen und gehört, wie Pärchen im Klo vor mir gefickt haben und ihre Schreie dabei bis zur Tanzfläche vordrangen, habe gesehen, wie Leute von Kreditkartenecken Lines ziehen, wie Mädels sich gegenseitig die Fresse einschlagen wollen, wie Typen auf Mädchenklos Mädchen belästigen, wie Tussen auf dem Männerklo versuchen im Stehen zu pissen. Ich habe gesehen, wie Leute, die Drogen genommen haben von Türstehern in die Kabine gesperrt wurden, bis die Cops da waren, um sie mitzunehmen. Ich habe gesehen, wie Türsteher Türen aufgebrochen haben um halbtote Alkohol- und Drogenleichen, die seit Stunden die Kabine besetzen von der Schüssel zu holen. Ich werde nie den Bremsstreifen vergessen, den eine Arbeitskollegin bei einer dieser letzteren Aktionen im totalen Delirium und runtergelassenen Hosen auf der Kloschüssel hinterlassen hat. Ich habe in Klubklos auch selber schon gekotzt, was das Zeug hält, habe geschlafen, geheult, gekifft und gelitten.

Aber Ich habe mir nie Gedanken über diese Orte gemacht. Da geht man halt hin, schifft und geht dann weitertanzen.
Bis ich zuletzt an einem dieser nicht ganz so stillen Örtchen eine Situation erlebt habe, die völlig von dieser Welt zu sein schien.

Ich arbeite öfters bei Technoparties an der Kasse. Als ich letztes Mal endlich die Kasse geschlossen, gezählt und im Save des Büros verstaut hatte, war meine Blase so aufs äußerste gespannt, dass ich an nichts mehr denken konnte, als den Druck schnellstens zu beseitigen. Als ich die Tür zur Damentoilette öffnete, tat sich mir Schreckliches auf.

Es war ein Bild, wie aus einem dieser Drogenfilme. Die Tür dröhnte synchron zu den wummernden Bässen. Schummriges, gelbes Licht kam von einer losen Glühbirne an der Decke.
Der Raum war aufgeteilt in zwei Reihen separater Klos und einem kleinen Gang dazwischen. Vorne, wo ich stand, waren zwei Waschbecken. Beim ersten Schritt in das beige geflieste Zimmer trat ich auf Scherben. Ich sah auf den Boden. Es gab praktisch keine Stelle, an der kein zerbrochenes, dunkelbraunes Glas lag. Doch da war noch etwas anderes prägnantes. Blut. Ich sah umher und erkannte immer mehr davon. Teilweise nur einzelne Tropfen, teilweise völlig verschmierte Schlieren, die sich durch das halbe Zimmer zogen.
Am Waschbecken zog eine Frau mit kurzen blonden Haaren gerade ne Line. Ganz hinten stand ein Mädchen, das hysterisch irgendwas in ihr Handy kreischte. Sie heulte und schrie und sah wirklich erbärmlich aus. Ihr halbes Top war vollgekotzt, ihre Schminke über ihr halbes Gesicht verschmiert und sie war schon völlig heiser vom Schreien. Scheinbar versuchte sie, ihren Freund davon zu überzeugen doch nicht die Andere zu nehmen. Die Geschichte konnte ich mir zusammen reimen.
Die Tür hinter mir öffnete sich und ein Mädchen mit riesengroßen, pechschwarzen Augen sprang in den Raum. Man konnte neben dem ganzen Schwarz ihrer Pupillen gar nicht sehen, welche Augenfarbe sie hatte.
Ich erkannte sie nicht gleich, als ich sie vor ein paar Monaten das letzte Mal gesehen hatte, war sie hochschwanger. Ihr Körper war jetzt wieder muskulös und sehnig, und gehüllt einen höllisch kurzen Minirock und ein Top, das ihr gerade bis zum Bauchnabel reichte. Die vielen Pillen machen einen zapplig, kein Wunder, dass sie wieder so aussah.
Als sie mich erkannte, fiel sie mir um den Hals und erzählte mir von ihrem drei Monate alten Kind, das sie an den Wochenenden zu ihren Eltern brachte. Sie könne nicht aufs Partymachen verzichten. Das arme Kind, dachte ich mir, während sie hin und her zappelnd vor mir stand, mich mit pechschwarzen Augen ansah und grinste.

Ich ging ein paar Schritte auf die Kabinen zu und fast alle, die nicht besetzt waren, waren voll mit Blut und übersät mit Scherben. Irgendwer hatte benutze OBs und Binden herumgeworfen, zwei Klos waren ganz und gar vollgekotzt. Das alles war so abstoßend und widerlich, ich konnte es nicht fassen. Ich war so angewidert, dass es mich regelrecht schüttelte. Was war denn hier passiert? Das sah alles aus, als hätte hier ein Massaker stattgefunden.

Ich suchte mir eine Kabine, die einigermaßen betretbar war und schloss die Tür. An deren Innenseite allerdings hatte jemand mit beiden Händen von oben bis unten Blut verschmiert. Ich verrichtete so schnell es ging mein Geschäft und versuchte dabei so gut ich nur konnte, irgendwie nicht mit meiner Umgebung in Kontakt zu geraten.

Beim Rausgehen, als ich schon dachte, ich hätte das Schlimmste hinter mir, stand plötzlich eine alte Freundin vor mir, die ich von früher kannte. Wir waren beide in derselben Kleinstadt aufgewachsen und zur selben Schule gegangen. Irgendwann war sie abgegangen. Sie war psychisch labil, das wusste ich, sie wohnte seit Jahren in einer betreuten Wohngruppe und hatte seit damals sicher 100 Kilo zugenommen.
Ihr Top und ihre Arme waren völlig blutverschmiert, ihre Augen völlig verquollen. Sie lächelte. „Du bist so schön“, sagte sie und kicherte. Dann fing sie urplötzlich an zu weinen und rannte aus dem Klo.

Ich war total runter mit den Nerven. War das alles wirklich war? Die ganze Situation schien so abstrus, furchtbar, abstoßend und grotesk. Die beschlagenen Spiegel, das Blut überall, die koksende Schnalle am Waschbecken, die zugedröhnte Mutter, die Schreie der Verlassenen, die blutverschmierten Hände und das irre Lachen der alten Freundin.

Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte dieser Ort auch der Eingang zur Hölle sein können.

4 Antworten

Kommentare

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    true story?

    29.10.2010, 13:32 von himbeerblond
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