Das Glitzermädchen
Schmerzen in den Beinen, in den Armen, ein dröhnender Schädel. Hat die Leber eigentlich Nervenzellen?
Draußen dämmert es wieder, sie schaut auf die Uhr. 20:36. Aber das ist eigentlich ja irrelevant. Das Bettlaken ist voller Glitzer, Mascara, ein Teller steht am Rand, dekorativ mit selbstgedrehten, ausgedrückten Zigaretten bestückt. Das wollte sie ja eigentlich nicht mehr machen. Hat sie etwa gestern wieder geweint? Ein paar Mal Strecken, umdrehen, eigentlich müssten um die zehn Stunden Schlaf doch genug sein. Aufstehen wird sie trotzdem erst in einer Stunde.
Sie sah schon mal besser aus. Gestern zum Beispiel. Ans Essen ist gerade nicht zu denken. Wobei, sie hat ja eigentlich seit über 24 Stunden keine feste Nahrung mehr aufgenommen, da müsste doch eigentlich was gehen. Der Magen rebelliert, Vollkornnudeln ohne Soße sind vielleicht ein bisschen zu viel.
„Modelst du?“, wurde sie gestern von einem anderen Glitzermädchen gefragt. „Nein“, sagte sie und dachte „Eigentlich bin ich doch der größte Loser der in Berlin rumläuft“.
Es wird ein wenig Musik gehört, der IPod ist sowieso noch an, halblaut.
Eigentlich könnte man heute ja auch mal zuhause blieben. Baden, Kerzen anzünden, Bright Eyes hören, früh schlafen.
Aber das kann sie sowieso nicht. Früh heißt früh morgens, der Rhythmus ist mittlerweile einfach drin. Es ist ja auch Samstag. Keiner bleibt Samstag zuhause.
Sie denkt noch ein wenig über die Generation Bachelor nach, fragt sich wann sie das letzte Mal wirklich ein Buch für die Uni gelesen, beziehungsweise besessen hat und fühlt sich etwas schuldig, dass sie ihren Eltern in der Ferne das Geld für ein überteuertes Privatstudium aus der Tasche zieht.
Dabei ist Geld in ihrer Welt überbewertet. Geld braucht man für Alkohol, um den Eintritt zu bezahlen und manchmal für Drogen. Sie hatte es schnell raus, die richtigen Leute zu kennen, Türsteher, Veranstalter, Djs. So viele Freunde, so wenig Freundschaft.
Sie versucht sich zu restaurieren, trinkt ein wenig Weißwein, der soll sogar in kleinen Mengen gesund sein.
Gern würde sie eine Freundin einladen, aber sie weiß, dass diese sowieso noch im Koma liegen oder ihre eigene Kokain-Depression verkraften müssen.
Dass sie nichts mit zugesetztem Zucker, E-Stoffen oder künstlichen Aromen isst, aber sich ohne mit der Wimper zu zucken von zwielichtigen Typen auf vollgekotzten Klos bis ins unendliche gestrecktes Koks unter die Nase halten lässt, darüber denkt sie nicht nach. In der Woche ein wenig schwitzen auf dem Laufband und gesunde Ernährung, das müsste doch reichen.
Heute wird ein bisschen mehr geglitzert, es muss schließlich nicht jeder die Augenringe bemerken, die graue Haut, die eingerissenen Mundwinkel. Eigentlich sollte sie auf den unverschämt kostspieligen Concealerkram schon Rabattmarken kriegen.
Es wird nun Electro hochgefahren. Diese Art von Electro, die eine ganze Stadt fest im Griff hat. Sie hört eigentlich ganz andere Musik, aber man hört hier einfach Electro. Man kann sich an alles gewöhnen, sogar sie, die früher behauptet hat, ein „Musik-Faschist“ zu sein.
Es wird sich zusammentelefoniert und die essentiellen Fragen erörtert.
„Bar oder Suicide Circus“? Im letzteren sind immer so viele Druffis. Aber die sind ja letztlich überall. Druffis, so nennen ihre Freunde Menschen, die nicht so attraktiv sind, wie das Glitzermädchen und ihre Freundinnen, und die Spuren der Nacht nicht zu gut verwischen. Mit Drogen hat das nur sekundär etwas zu tun.
„Wer zahlt den Voddi?“ Geld hat ja eigentlich keiner. Die Jungs werden wohl wieder zusammenschmeißen. Sie bittet einen Freund noch schnell, Cola light mitzubringen, denn Orangensaft ist ja nicht so gut, mit dem ganzen Zucker.
Dass sie seit dem Aufstehen schon wieder gut zehn Zigaretten geraucht hat, merkt sie gar nicht.
„Er legt heute Abend auf diesem Open-Air auf“, denkt sie. Gut, dass es Facebook gibt. Sie überlegt noch schnell wie sie ihre Freunde überzeugen kann, ihre Abendplanung zu überdenken. Es muss ja nicht gleich jeder wissen, wie sehr sie ihn eigentlich mag.
Geredet hat sie nicht viel mit ihm. Sie ist sehr schüchtern bei so etwas, sogar wenn sie etwas genommen hat. Er ist auch sehr schüchtern, allerdings nicht unbedingt wenn er etwas genommen hat. Trotzdem, irgendwas stand immer zwischen ihnen, mehr als die Art von unbefangenen, alkoholgeschwängerten Flirts, die sie innerhalb eines Abends ein paar Mal erlebt, war noch nicht drin. Vielleicht ja heute.
Sie wird ein wenig traurig, ihr fällt auf, dass ihre letzte Beziehung ein paar Jahre zurückliegt.
Jetzt schnell noch eine kleine Line, da müsste ja von gestern noch was da sein. Dann geht es auch los. Sie fühlt sich irre glamourös, sogar in ihrer Traurigkeit. Eine Traurigkeit, die daher rührt, dass sie keine wirklichen Probleme hat. Während sie die Treppen heruntergeht fängt ihr Herz an zu pochen.
Diese Aufregung, wenn die Nacht einen nach draußen zieht, diese Vorfreude auf die wummernden Beats, die Menschen, die sie noch kennenlernen wird, diese Ungewissheit, dieses Alles-ist-heute-möglich.
Sie denkt nicht daran, dass das Herzklopfen auch andere Ursachen haben könnte und sie vergisst die Mascaraspuren auf dem Kopfkissen. Zumindest solang der Glitzer noch hält.
Montag ist wieder alles vorbei, sie muss schließlich mal wieder in die Uni. Ihre Kommilitonen werden fragen, was in aller Welt sie am Wochenende getrieben hat, dass sie so fertig aussieht.
Sie wird dümmlich grinsen und von der Bar und den Glitzermädchen und ihren DJ Freunden erzählen und wie viel Spaß sie hatte. Und wird vielleicht nicht einmal merken, dass ihr keiner mehr zuhört.






Kommentare
schaurig traurig, und ich bin mir sicher, überall wird es diese Glitzermädchen geben...
10.10.2010, 10:07 von topfbluemchenWährend des Lesens fiel mir das Lied "Chicago" von Clueso an, die erste Textzeile:
"Sie ist immer da wo was los ist,
immer mitten in der Stadt.
Dort wo die kleine Welt ganz groß ist
sieht sie sich an den Lichtern satt..."
Können einem eigentlich fast leid tun, solche ver(w)irrten Seelen.
danke:) ich hab mich da von einer alten freundin insprieren lassen, die sich wirklich ganz schlimm in diesen yuppiequatsch verrannt hat. schade dass manche menschen sich selbst für so eine scheinwelt aufgeben:/
31.08.2010, 00:29 von traeumerin144ich finds schoen. ist vil ein bisschen ueberzogener yuppie quatsch, aber mir gefaellts trotzdem, weil: schoen geschrieben
30.08.2010, 21:21 von nana-o