Danke für dein gutes Herz
Aufsägen, austauschen, zutackern. Michael Stellmann bekommt das HERZ eines Toten, um am Leben zu bleiben.
Der Mensch, der Michael Stellmann, 21, das Leben retten kann, ist vor ein paar Stunden gestorben. Irgendwo in Europa. Michael liegt in München in einem Kranken haus - bett. Das Bett parkt vor einer elektronischen Flügeltür am Ende eines neonhellen Ganges. Michael wartet darauf, dass die Schleuse zum OP frei wird. Wie immer, wenn er nervös ist, redet er. »Ich krieg ein neues Herz! Da weint man nicht, da lacht man!«, sagt Michael, oder: »Wenn ich wieder daheim bin, grillen wir ein Spanferkel!«
Die Finger seiner Mutter krallen sich in seinen blassen, frisch rasierten Arm. Sein Vater drückt mit zittrigen Fingern immer wieder auf den Auslöser einer Digitalkamera. »So, jetzt können wir«, sagt der Anästhesist irgendwann. Die Tür öffnet sich.
»Bis morgen!«, flüstert sein Vater Michael ins Ohr.
»Falls irgendwas Blödes passiert: Die Handy- PIN und das Passwort für den Laptop sind im Geldbeutel«, flüstert Michael zurück.
Dann rollen die Ärzte sein Bett in den OPBereich. Die Flügeltür schließt mit einem Surren. Der Vater nimmt die Mutter in den Arm, die heftig zu weinen beginnt. Michael wird zu einer Herztransplantation gefahren. Er ist einer von etwa 400 Patienten in Deutschland jährlich, deren altes Herz nicht mehr funktioniert und die deshalb ein neues bekommen. Michaels letzte Chance auf ein zweites Leben.
Vorgeschichte
Am ersten Abend zurück im Dienst bricht Michael in seinem Zimmer einer Bundeswehrkaserne im Schwarzwald zusammen. Es ist Sommer 2005. Am nächsten Morgen schleppt er sich mit viel Mühe zum Arzt, der ihn sofort ins nächste Krankenhaus bringt. Von dort wird er mit dem Rettungshubschrauber ins Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm geflogen. Während des Fluges schlägt ihm der Arzt immer wieder ins Gesicht, daran kann er sich später noch erinnern. An die nächsten drei Tage nicht mehr. Sein Zustand bleibt 72 Stunden lang kritisch. Seine Herzleistung sinkt auf unter zwanzig Prozent.
In den drei Wochen Ferien davor hatte Michael, Zeitsoldat bei der Bundeswehr und damals achtzehn Jahre alt, wie immer, wenn er zu Hause im fränkischen Ort Dentlein war, viel Sport getrieben. Tagsüber trainierte er im Fitnessstudio, abends ging er ins Fußballtraining des SV Großohrenbrunn. Danach fiel er erschöpft und viel zu früh ins Bett. Der Sport, dachten er und seine Eltern. In Wirklichkeit verschleppte er gerade eine Lungenentzündung.
Nach seinem plötzlichen Zusammenbruch in der Kaserne diagnostiziert das Bundeswehrkrankenhaus dem durchtrainierten jungen Mann, den sein Bundeswehrkumpel Dennis als »willensstark, nie zimperlich, manchmal bockig« bezeichnet, eine bakteriell bedingte Herzmuskelentzündung. Das Bakterium kann zwar nicht gefunden werden, aber die Antibiotika schlagen gut an, das Herz erholt sich rasch, nach drei Wochen wird Michael entlassen. Er bleibt ein halbes Jahr zu Hause, die Herzleistung steigt auf siebzig Prozent, man sagt ihm, er sei wieder gesund. Im April 2006 fängt er langsam wieder an zu trainieren, er geht arbeiten, ab Juni spielt er wieder Fußball. An einem Samstag Ende Juli, in seinem dritten Ligaspiel, bricht er nach fünf Minuten bewusstlos zusammen. Sein Trainer rennt auf den Rasen und spritzt ihm kaltes Wasser ins Gesicht. Sein Vater sieht vom Zuschauerrand zu und betet, dass es nur das schwüle Wetter ist. Doch Michaels Herzleistung ist bereits wieder auf dreißig Prozent gesunken.
In der Uniklinik Ulm, in die Michael diesmal gebracht wird, entdeckt man nach einer Gewebeprobe aus dem Herzmuskel das Parvovirus B19. Das Virus verändert die Struktur der Herzmuskelzellen so, dass sie irgendwann ihre Funktionen nicht mehr erfüllen können. Am Ende versagt das Herz. Bewährte Behandlungsmethoden gibt es nicht, deshalb versuchen die Ärzte das Virus mit einer individuellen Interferontherapie, die gerade für eine Studie getestet wird, in den Griff zu bekommen. Nebenwirkungen der Spritzen, die sich Michael ein halbes Jahr lang drei Mal wöchentlich in die Bauchdecke rammt: Übelkeit, Schüttelfrost, Fieber, Atemnot, Haarausfall, Herzrasen, Depressionen und Schädigung des Kurzzeitgedächtnisses. Dazu kommen, wegen der Herzschwäche, immer öfter Rhythmusstörungen. Einmal wacht er mitten in der Nacht in kalten Schweiß gebadet auf, sein Herz rast, ihm ist schlecht, er kann kaum atmen. Die Sanitäter schalten sofort das Blaulicht ein. Noch im Rettungswagen bleibt das Herz stehen. Die Atmung setzt komplett aus. Als Michael nach zwei Minuten wieder zu sich kommt, blickt er direkt in die Innenseiten der Defibrillatoren, die die Sanitäter gerade auf seine Brust drücken wollen.
Den Ärzten wird Michaels Zustand zu gefährlich. Sie wollen ihn zu einem internen Defibrillator überreden, einem espressotellergroßen Gerät, das unter den linken Brustmuskel operiert wird, über die Venen mit dem Herzen verbunden ist und immer dann Elektroschocks von 800 Volt durch den Körper jagt, wenn das Herz versagt. Michael, der bisher immer versuchte, seine Gefühle zu kontrollieren, und Optimismus sowieso für die beste Therapie hielt, bricht emotional zusammen. »Lieber geh ich gleich in den Wald und fall tot um!«, schreit er jedem entgegen, der mit ihm über die Operation reden will. Ihm wird klar, dass diese Krankheit nie mehr aus seinem Leben verschwinden wird. Drei Tage später wird der Defibrillator implantiert. Einmal, ein halbes Jahr später, während er auf einem Fußballplatz der B-Jugend beim Herumrennen zusieht, löst er sogar aus. Acht Schläge durchzucken Michaels Körper, er sackt zusammen, als würden in seiner Brust Chinaböller explodieren. Er ruft den Jungs zu, dass sie ihn nicht berühren und einen Krankenwagen rufen sollen. Die Sanitäter müssen später jeden Finger seiner Hände einzeln ausklappen.
Durch die Interferontherapie wird Michael depressiv. Er versteckt sich in seinem Zimmer und verfolgt stundenlang die Holzmaserungen der Dachschrägen. Irgendwann fängt er für ein paar Wochen sogar zu rauchen an, er, der herzkranke Exsportler, der eigentlich viel lieber schnelle Sprüche klopft, als über den Sinn des Lebens nachzugrübeln. Aber jetzt geht ihm die Frage »Warum ich?« nicht mehr aus dem Kopf. Im April 2007 endet die Interferontherapie ohne eindeutige Erfolge, aber insgesamt geht es Michael besser. Bei einem Fachlehrgang der Bundeswehr lässt er sich in den kommenden Wochen zum Rechnungsführer ausbilden. Er trennt sich von seiner Freundin, wird zum Feldwebel befördert und tritt in Donauwörth immerhin für fast zwölf Wochen den Dienst an. Doch ab August arbeiten die Nieren nicht mehr richtig, seine Leberwerte verschlechtern sich rapide, Michael verliert, vor allem weil er so oft erbrechen muss, über zehn Kilo. Seine Herzleistung sinkt erneut stark ab.
Um auf die für die Beneluxstaaten, Deutschland, Slowenien, Kroatien und Österreich von einer Organisation namens Eurotransplant koordinierte Liste der möglichen Organempfänger zu kommen, müssen sich Patienten untersuchen und nach Bedürftigkeit ordnen lassen. Da es inter national viel weniger Organe gibt, als gebraucht werden, und deshalb jedes Jahr allein in Deutschland 1000 Menschen während der Wartezeit sterben, ist die Einteilung in die drei Dringlichkeitsstufen, die Eurotransplant nach Eingang der Untersuchungsergebnisse festlegt, lebenswichtig. Entscheidend ist dabei die Schwere oder der Verlauf der Erkrankung. Während Herztransplantationspatienten insgesamt im Durchschnitt acht bis zehn Monate auf ein Organ warten und bis zu 25 Prozent während dieser Wartezeit sterben, sind es bei Patienten der ersten Gruppe nur zwischen einem und drei Monaten.
Im Februar 2008 geben die Ärzte alle Hoffnungen auf, dass Michaels altes Herz je wieder gesund werden kann. Sie raten ihm, sich bei einem Transplantationszentrum vorzustellen. Michael hat insofern Glück, als Eurotransplant ihn auf Anhieb »High Urgency« einstuft, weil es ihm bereits so schlecht geht, dass sein Herz nur noch wenige Tage durchhalten könnte. Am 5. Mai 2008 wird er im Münchner Krankenhaus Neuwittelsbach auf der Intensivstation an einen Monitor angeschlossen, um jederzeit für ein eingehendes Herz und die Transplantation im Klinikum Großhadern abrufbar zu sein. Seine Herzleistung liegt zu diesem Zeitpunkt nur noch bei sechzehn Prozent.
Juli 2008, Intensivstation Krankenhaus Neuwittelsbach
Die schlimmste Phase einer Transplantation, sagt Sibylle Storkebaum, die als Psychologin Organempfänger, unter anderen auch Michael, betreut, sei das Warten. Wenn der Körper zwischen Leben und Tod ans Bett gefesselt herumliegt, während der Kopf nicht müde wird, die Tage und Nächte zu zählen. Dazu die Angst, ob man es überhaupt noch schaffen wird, bis das Organ endlich kommt.
Seit 73 Tagen und Nächten bläst sich das Blutdruckmessgerät an Michaels linkem Oberarm jede halbe Stunde auf und piepst. Auf das Signal zieht Michael seinen schmächtigen, weichen Körper am Griff über dem Bett ein kleines Stück hoch, dreht sich vorsichtig nach links hinten und überprüft am Monitor, ob mit dem Puls noch alles in Ordnung ist. Früher, sagt er, sei er richtig fit gewesen. Heute kann er nur noch seinen Bart so in Form halten, wie es ihm gefällt. Ein bisschen trägt er ihn wie Ali G. Nur das Gesicht darunter ist blasser, beinahe durchsichtig.
Der Krankenhausspeiseplan wiederholt sich alle drei Wochen, Michael bestellt jetzt oft Pizza. Er spricht leise, mit fränkischem Dialekt, und sagt immer »man«, wenn er von sich redet. »Man wird geduldig, man muss ja«, sagt er. »Man schaut fern, redet mit den Schwestern und den Ärzten, spielt mal UNO. Nachts versucht man zu schlafen, aber wenn man tagsüber schon die ganze Zeit im Bett liegt, ist das schwer. Dann schaut man halt wieder fern.« In der Nachttischschublade liegt sein Laptop. Ab und an schreibt er in ein Dokument, das sein Vater »Kriegstagebuch« nennt, Sätze wie diesen hier: »Ich habe bis heute nie aufgehört zu kämpfen, egal wie schlimm es war, und das wird sich so schnell nicht ändern.« Manchmal hört er auch Musik, »It?s My Life« von Bon Jovi zum Beispiel. »Ich weiß, klingt albern, aber passt«, sagt Michael. Denn bald wird er ja auch wieder dabei sein, in seinem richtigen Leben, in der Disko, in der Kaserne, beim Biertrinken, bei den Mädchen, beim Fußballgucken, in der Sonne. Hoffentlich.
Ein paar Tage später geht es Michael besser, er ist aufgeregt. Letzte Nacht wurde einer Frau aus dem Nebenzimmer erfolgreich ein Herz transplantiert. Michael hat gehört, dass im Moment besonders viele Organe nach Großhadern kommen. Es ist Sommer, gutes Wetter, Motorradsaison. Erntezeit für Menschen, die auf ein Organ warten, das nur aus einem toten Körper kommen kann.
Über solche Zusammenhänge nachzudenken, findet Michael makaber, aber auch natürlich. Außerdem würden die Leute ja nicht deswegen sterben, damit er ein Herz bekommt, sondern weil der Tod uns eben alle irgendwann erwischt. Er wisse da, wovon er spreche. Wo - her sein Herz kommen wird, will Michael nicht genauer wissen. »Wenn es da ist, ist es meins. Basta.«, sagt er. Alle Mutmaßungen über Geschlecht oder Alter des Spenders, würden einen am Ende ja doch in Teufels Küche bringen. Und deshalb sei es gut, dass die Transplantation anonym ablaufe. Er glaube nicht daran, dass Männer, die ein Frauenherz bekommen, tatsächlich einen Schuhtick entwickeln könnten, wie manchmal behauptet wird. Außer sie wüssten eben, dass das Herz von einer Frau kommt.
»Am Ende ist es ein Motor«, sagt Michael. Er klingt abgeklärt. Vielleicht will er sich aber auch nur schützen. »Ob ich Angst habe, dass die Liebe verschwindet, wenn ich mein Herz verliere? Hier gibt es doch sowieso kaum Frauen. Und mit virusbefallenen Herzmuskelzellen hat die Liebe bestimmt nichts zu tun.«
23. Juli 2008, Intensivstation Neuwittelsbach/Großhadern
»Hallo an alle. Es ist ein Herz da. Ich werde jetzt operiert. Gruß, Michael Stellmann«, lautet der bereits seit Monaten vorformulierte Text der SMS, die Michael gegen 17.45 an Freunde, Kollegen und Verwandte abschickt. Er packt seinen Waschbeutel und die Geldbörse, steckt den Laptop in eine Tasche, die seine Eltern später abholen, und lässt sich mit dem Krankentransport nach Großhadern bringen. Er wird geduscht, rasiert und in ein OP-Hemd gesteckt und dann in ein Bett auf der Herzstation G3 gesetzt, um das endgültige Okay abzuwarten.
Währenddessen fliegt ein Herzchirurg aus Großhadern in ein Krankenhaus irgendwo in Europa, in dem der Spender des neuen Herzens vor ein paar Stunden verstorben ist. Wahrscheinlich wird sein Körper noch an den Maschinen hängen, bis die Ärzte, die aus allen Richtungen herbeifliegen, die verschiedenen Organe entnommen haben. Erst wenn der Arzt aus München das Herz geprüft, für gut befunden und herausoperiert hat, wird in Großhadern die Narkose eingeleitet.
Michael redet. Er wippelt auf seinem Bett herum. Er erzählt Professor Schmoeckel, der ihn später operieren wird, dass er sein altes Herz gerne im Garten vergraben würde. Dann wippelt er wieder. Gegen 22:10 Uhr kommen seine Eltern. Zu dritt setzen sie sich ins Fernsehzimmer, um die anderen Patienten nicht zu stören. Auf dem Tisch liegt die Zeitschrift »Frau mit Herz«. Im Fernsehen läuft Stern-TV über eine Katze, die auf Menschenklos geht.
Sie wundern sich, weshalb es so lange dauert. Frisch ausgebaut und gut gekühlt kann ein Herz vier Stunden gelagert werden. Seit Eurotransplant gemeldet hat, dass ein passendes Organ frei wird, sind schon über fünf Stunden vergangen. Irgendwas scheint bei der Entnahme nicht zu klappen.
Die Mutter krault Michael den Rücken. Michael überlegt, wie lange man, wenn man die Stadt wüsste, wohl bräuchte, um im Internet die Sterbegeschichte des Spenders ausfindig zu machen. Um 24 Uhr gratulieren sie am Telefon Tante Petra zum Geburtstag. Um 1:05 Uhr steht endlich der Pfleger in der Tür. Es hat so lange gedauert, weil der Entnahmearzt dort, wo der Spender gestorben ist, keinen Assistenzarzt finden konnte.
Wenige Sekunden später rollt Michaels Bett durch den hellen Gang zur OP-Schleuse.
24. Juli 2008, OP Großhadern
Um 1:30 Uhr wird Michael narkotisiert. Der Anästhesist schiebt den verkabelten, abgeklebten Körper in den gekachelten Operationssaal. Es ist kühl, und die runde Lampe, die in der Mitte des Raumes über dem OP-Tisch hängt, wirft grünliches Licht an die hohen Wände. Professor Schmoeckel und seine OPSchwester stehen rechts vom Tisch, zwei weitere Herzchirurgen links, am Kopfende, zwischen Computern und Monitoren arbeitet der Anästhesist, der das Team mit Witzen wie »Was ist lustig? - Ein Clown« bei Laune hält. Alles läuft routiniert und ruhig ab, jeder Handgriff tausendmal geprobt, jeder Schlauch, jedes Abdecktuch am Platz. Gegen 2:23 Uhr reicht die Schwester Schmoeckel das Skalpell, der mit einer sicheren, Bewegung einen etwa 25 Zentimeter langen senkrechten Schnitt in Michaels Brustkorb schneidet.
Draußen, vor dem Fernsehzimmer, holt sich der Vater eine Apfelschorle aus dem Getränkeautomaten, den er gerade entdeckt hat.
Die nächsten Hautschichten durchtrennt Schmoeckel mit einem elektrischen Messer. Der scharfe Geruch verbrannter Hautzellen, die gleich wieder verödet werden, kriecht durch die Mundschutze. Dann wird Michaels Brustbein zersägt, ein Mal von oben nach unten in der Mitte durch. Weil der Knochen unterschiedlich dick ist, macht die Säge hohe und tiefe Töne dabei. Schmoeckel lässt sich ein Gerät, das wie ein Schraubstock aussieht, reichen, gemeinsam biegen die Ärzte von beiden Seiten den Brustkorb auseinander und stecken die Thoraxsperre hinein. Mit einer Kurbel öffnen sie Michaels knacksenden Brustkorb so weit, dass man eine gespreizte Hand hineinlegen könnte. Das Telefon klingelt. »Paolo ist in Erding gelandet«, meldet die Schwester und meint den Entnahmearzt.
Gegen 2:50 Uhr ist Michaels krankes Herz freigelegt, von oben kann man zehn Zentimeter tief in seinen Körper blicken. Wer sich auskennt, sieht, dass das Herz zu groß ist und eiert. Dass es sich nicht mehr kräftig zusammenzieht, sondern nur noch wabbelt. Dass es zu schwach ist, um die sechs Liter Blut, die durch den Körper jedes Menschen fließen, zuverlässig in Bewegung zu halten. Sechs Liter Blut, die der Kardiotechniker, der gegen 3:11 Uhr den Operationssaal betritt, für die nächsten eineinhalb Stunden durch die kanülierte große Hohlvene aus Michaels Körper heraus, durch einen Geräteturm neben dem OP-Tisch, der sich Herz-Lungen- Maschine nennt, hindurch und über die Aorta wieder in Michael hineinpumpen wird. Der Kreislauf wird ausgelagert. Nach wenigen Minuten fließt hellrotes Blut durch die Schläuche der Maschine. Michaels altes Herz hört zu schlagen auf. Wie ein dicker, toter Fisch liegt es da. Die Mutter läuft draußen den Gang auf und ab. Sie weint und stöhnt dabei.
Mit einer blauen Kühltruhe in der Hand betritt Paolo den Saal. »Ein kräftiges Superherz habe ich mitgebracht!« Der Anästhesist fragt, ob Paolo genug Tabletten gegen die Übelkeit für die kleine Cessna dabei hatte, die immer so schlimm wackelt. »Dies mal hätte ich eher Ohropax ge - braucht«, Paolo lacht. »War laut! - Soll ich?s gleich auspacken?« Paolo öffnet die Truhe und holt eine große, durchsichtige Plastiktüte heraus, in der wie ein Goldfisch das neue Herz schwimmt. Hellbraun sieht es aus, beinahe farblos. Paolo schneidet die Tüte über einer flachen Silberschüssel auf, das Eiswasser ergießt sich über die Ränder, das Herz liegt nackt und leblos da. Dann übergibt er die Schüssel an Schmoeckel, der das Herz in beiden Händen hin und her wiegt. »Hab ordentlich Vene mitgebracht«, sagt Paolo, packt seine Kühltasche zusammen und verabschiedet sich.
Schmoeckel schneidet mit vier schnellen Schnitten durch die abgeklemmten großen Gefäße, das alte Herz heraus. Dann legt er in den klaffend leeren Brustkorb das neue Herz hinein und näht es mit flinken Fingern an den entscheidenden vier Schnittstellen wieder an. Sein Team assistiert ihm konzentriert. Sauger, Faden, Nadel. Zu hören ist neben dem klappernden Besteck nur noch das gleichmäßige Summen der Herz-Lungen-Maschine.
Gegen 4:38 Uhr ist das neue Herz angenäht. Es kann, wenn alles gut geht, langsam wieder zum Leben erweckt werden. Vorsichtig lösen die Ärzte die Klemmen, drosseln die Pumpkapazität der Herz- Lungen-Maschine und lassen das Blut langsam in das neue Herz fließen. Wie ein Ball bläst es sich auf. Erst wackelt es ein bisschen, dann zuckt es und dann, nach nur wenigen Sekunden fängt es an zu schlagen. Das Herz wird groß, bekommt Volumen - und zieht sich ganz von selbst wieder zusammen. Etwas ungleichmäßig noch, aber ausdauernd. Die Transplantation hat geklappt. Schmoeckel atmet durch, tritt vom Tisch zurück und lockert seinen Mundschutz. »Eine Stunde«, sagt er »Ich geh Kaffee trinken«.
Eine Stunde bekommt das neue Herz Zeit, um unterstützt durch die Herz-Lungen- Maschine und Michaels Blut wieder zu Kräften zu kommen. Die Chirurgen setzen sich auf kleine Hocker und verfallen auf der Stelle in eine Art Sitzschlaf. Die Schwester, seit 14 Uhr am Vortag im Dienst, zählt die Mullbinden. Der Anästhesist werkelt an seinem Computer he rum. Die Eltern im Fernsehzimmer versuchen, Nachrichten anzusehen. Doch sie gucken durch den Bildschirm hindurch. Gegen 5:30 Uhr hat das Herz eine andere Farbe. Rötlichbraun glänzend, kräftig. Schmoeckel ist von der Kaffeepause zurück. Langsam wird die Herz-Lungen- Maschine heruntergefahren. Zur Sicherheit fixieren die Ärzte zwei Schrittmacherkabel am Herz, die nach ein paar Tagen von außen wieder entfernt werden können. Dann packt der Kardiotechniker seinen Computer zusammen, die Chirurgen lösen die Brustsperre, stecken meterweise Mullbinde in Michael hinein, drücken den Oberkörper von beiden Seiten einmal vorsichtig, aber fest zusammen, um die Blutungen zu stillen, und ziehen die Mullbinden wieder heraus. Links oben unter der Schulter wird der Defibrillator herausgeschnitten. Das Brustbein wird mit einer dicken Metallnadel zwischen jeder Rippe einzeln verdrahtet, also Stück für Stück zusammengezogen und verdrillt. Sie vernähen die Unterhautschicht. Am Ende wird Michaels äußere Haut mit großen, metallenen Klammern wie ein Sofapolster sekundenschnell getackert. Schmoeckel hat sich bereits verabschiedet. Er legt der komplett verheulten Mutter im Fernsehzimmer seine Hand auf die Schulter. Die Schwester macht sauber und verbindet. Der Anästhesist kabelt ab. Das Stationsbett wird hereingefahren, und schließlich, es ist 6:15 Uhr, der Patient umgelagert.
31. August 2008, ein Garten in Dentlein
»Ich bin?s: Michael Jackson!«, begrüßt Michael seine Gäste. Zur Feier des Tages trägt er Nadelstreifenjackett, Hemd, Hut, spitze Schuhe und ein türkisfarbenes Stück Papier vor Nase und Mund. Wenn ihn schon alle wegen des Mundschutzes schräg anschauen, will er wenigstens einen Witz daraus machen. Michaels Familie, die Nachbarn, seine Fußballjungs und Dennis und Silvio von der Bundeswehr mit ihren Freundinnen sitzen im Garten der Familie Stellmann an Biertischen und vertilgen ein riesiges Spanferkel. Aus den Computerboxen grölen The Lightning Seeds »Football Is Coming Home«. Das Baby des Cousins klimpert mit der Kinderwagenkette. Die Mutter verteilt selbst gemachten Kartoffelsalat. Gestern Abend ist Michael aus der Reha nach Hause zurückgekehrt. Es geht ihm gut. Sein Körper verträgt das neue Herz hervorragend. Wenn er abends unterm Dach in seinem Zimmer liegt, in dem die Eltern wegen der vielen Keime statt Teppich ganz frisch Laminat verlegt haben, kann er es kräftig und gleichmäßig schlagen hören. Die Ärzte sagen »Durchmarsch« zu seiner Genesungsgeschichte. Krankenhausaufenthalte, Blutabnahmen und Herzmuskeluntersuchungen werden zu Michaels Leben in Zukunft trotzdem genauso dazugehören wie die zwanzig Tabletten, die er jeden Tag schlucken muss. Cortison, Antibiotika, Blutverdünner, Blutdrucksenker ? und vor allem Immunsuppressiva, also Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, damit sein Körper das Herz nicht abstößt. Er soll deshalb möglichst wenig mit Dingen in Kontakt kommen, die Keime übertragen, keine Holzbrettchen verwenden zum Beispiel oder kein Eis aus der Theke essen. Nur dass die Katze bleibt, die die Mutter eigentlich erst einschläfern wollte, konnte er durchsetzen. »Es ist mein Herz. Und ich will mich nicht wegsperren«, sagt Michael, knöpft sein Hemd auf und lässt seine Fußballjungs die Metalldrähte unter der Narbe spüren.
Oben in seinem Zimmer in der Schublade liegt der Defibrillator. Das alte Herz hat er nach der OP nicht zurückbekommen, »das wollten sie weiter ausschlachten«.
Michaels Neugierde auf den Spender ist gewachsen. In ein paar Monaten will er über Eurotransplant einen anonymen Brief an dessen Angehörige schreiben. »Vielleicht macht der Tod für die auch ein bisschen Sinn, wenn sie sehen, wie ich jetzt lebe«, sagt Michael.
Gestern, gleich nach der Ankunft zu Hause, wollte er mit Dennis nach Ansbach ins Alpenmax gehen. Aber der Türsteher der Disko ließ ihn mit Mundschutz nicht rein. Michael fing an zu diskutieren, zeigte die Narbe, schimpfte irgendwann über Diskriminierung und ging dann einfach woanders etwas trinken. »Dass er da nicht gleich ausgeflippt ist, wenn ihm einer so blöd kommt, das bewundere ich. Und das wäre früher wahrscheinlich anders gewesen «, sagt Dennis. »Er ist ein ganzes Stück gelassener geworden.«
Wie lange Michaels neues Herz schlagen wird, weiß, wie bei allen Herzen der Welt, niemand. Die Ein-Jahr-Überlebensrate bei Herztransplantierten beträgt achtzig Prozent, nach fünf Jahren leben noch 65 und nach zehn Jahren 45 Prozent. Maximal, sagt man, halten transplantierte Herzen etwa 25 Jahre. »Ewig sollte ich mir mit dem Kinderkriegen also nicht Zeit lassen«, meint Michael. Andererseits: Die Medizin ist schnell. Forscher gehen davon aus, dass in weniger als fünf Jahren die ersten funktionsfähigen Schweineherzen in Menschen transplantiert werden könnten. Davon gäbe es dann auch genug.
Michael könnte irgendwann, in zwanzig, dreißig Jahren, seinen dritten Geburtstag feiern





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