MaasJan 21.02.2012, 19:12 Uhr 7 12

Blicklicht

Es ist dunkel und er sitzt vor diesem Spiegel, mit verschränkten Beinen im Schneidersitz.

Es ist dunkel und er sitzt vor diesem Spiegel, mit verschränkten Beinen im Schneidersitz.
Nicht umdrehen soll er sich.
Sonst geschieht es.
Sie haben gesagt, es würde sonst schlimm werden.
Davor er hat Angst.
Allein die Stummelkerze vor ihm erleuchtet die Dunkelheit ein wenig..
So sitzt er da, mit Gedanken in seinem Kopf. Und was vorher schon wirr war, ist jetzt erst recht ein Wirrwar.
Vergeblich starrt er in den Spiegel, versucht zu erkennen was hinter ihm ist.
Die züngelnden Flammen leuchten gerade mal sein Gesicht aus. Dahinter gähnt die tiefe Schwärze und unendliche Stille.
Wenn er sich etwas antut, haben sie gesagt, passiert auch etwas.
Sie lassen ihn einfach liegen.
Schaudernd streicht er sich mit seinen Fingern durch den Bart. Es ziept ein wenig und seine Finger bleiben an einer verkrusteten Stelle hängen. Entschlossen rupft er einige Barthaare heraus, wendet und betrachtet das Büschel fasziniert im Kerzenschein.
Zusammengehalten von einem kleinen Fleischbrocken sieht es fast aus wie ausgerupftes Unkraut.
Ein wenig verstimmt wirft er das aus dem Leben gerissene Stückchen seiner selbst fort und fährt vorsichtig über die Stelle am Kinn. Natürlich würde es wieder Krusten.
Ein Teufelskreis.
Dreh dich nicht herum, haben sie gesagt.
Tunlichst wird er es vermeiden.
Was auch hinter ihm lauert, er kann es ja doch nicht sehen, in der Dunkelheit.
Warum er hier sitzt, auf den alten Holzdielen vor dem Spiegel?
Wenn er es wüsste, säße er vermutlich nicht mehr im Schneidersitz wie paralysiert in die Flamme starrend da.
Immer kleiner wird sie, die Kerze. Wenn sie erlischt, wird es direkt doppelt dunkel.
Die Schwester im Spiegel stirbt mit ihr. Und dann sitzt er da.
Ausmalen kann er sich die Situation schlecht. Mehr als einen schwarzen Ton kennt er nicht.
Mit jedem Tropfen Wachs, der in den Ritzen der Dielen versickert, versickert auch ein Stück seiner Angst.
Was sollte ihn schon im Düsteren überraschen?
Dreh dich nicht um. Egal was passiert.
Ob er es beherzigen soll?
Die Flamme zehrt an den letzten Resten Wachs, saugt gierig durch den Docht jedes Leben aus der Kerze.
Er sitzt stumm da.
Sieht er seine Konturen schwinden? Oder frisst die Dunkelheit ihm die Sinne?
Mit einer kleinen Rauchfahne verlischt die Flamme und überlässt ihn der Schwärze.
Dreh dich nicht um. Was auch immer in deinem Kopf vor sich geht, dreh dich nicht um.
Sie haben gesagt, es würde sonst schlimm werden.
Vorsichtig tastet seine Hand nach vorne, bekommt den Spiegel zu fassen und legt ihn mit der glatten Seite auf die Dielen. Allein ist er jetzt. So ganz ohne Spiegelbilder.
Hat er noch was zu verlieren?
Langsam und bedächtig dreht er seinen Kopf, wirft einen Blick über die Schulter, der sich doch nur in der Dunkelheit verirrt.
Dreh dich nicht um. Was auch immer in deinem Kopf vor sich geht, dreh dich nicht um.
Sie haben gesagt, es würde sonst schlimm werden.



Tags: hell, dunkel, an, aus
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7 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Mir fällt auf, dass ich dem noch gar nicht seine hoch verdiente Empfehlung gegeben habe. Der ist untypisch für dich. Dass du sowas auch kannst - sieh an.

    Wie immer aus Sicht eines Erzählers, der in der Quasiichperson schreibt. Soviel zum Altbewährten. Aber diesmal nicht ironisch, halb distanziert, absurd, bizarr (was ich sehr mag), sondern teilnehmend. Richtig mit Gefühlen und so. Das finde ich extrem schwierig, ohne pathetisch oder schmalzig zu sein, aber es hat ziemlich gut geklappt. (Bei den meisten nervt es mich, wenn sie von Gefühlen schreiben, aber das ist eine andere Geschichte). Gutes Erzähltempo, gute Dramaturgie, gute Sprache. Ich hab da echt nichts zu meckern.

    Den Wirwarrwitz konnteste dir trotzdem nicht verkneifen, hm? Macht aber nichts kaputt.

    -x-- -x-- -x--

    12.05.2012, 17:17 von Trebor-Faust
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  • 0

    Da kommt mein Faible für solche Szenarien wieder durch. Und das, obwohl mir bei der Geschichte einiges fehlt, auch wenn es kein Zug ist, den ich vermisse.

    23.02.2012, 18:49 von nyx_nyx
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  • 1

    Wosn der Zug.

    Der Zug fehlt.

    Das hat son ganz komischn Zug.

    Zug es bei dir, als du schrubst?

    Ich zieh nach Zug.

    Zugucken is klasse.

    Z'ugefähr nich so zgut wie mit Zug.

    ZUG!

    22.02.2012, 09:35 von quatzat
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  • 2

    heidewitzka!!!

    Und was vorher schon wirr war, ist jetzt erst recht ein Wirrwar.

    22.02.2012, 09:12 von Traumversinken
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  • 0

    Das schreit nach Fortsetzung!

    22.02.2012, 07:48 von Spielverderberin
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