lalina 01.03.2013, 20:34 Uhr 33 38

Bleigrau

Wo kein Anfang ist, ist auch kein Ende.

Sanft legt sich der Schnee auf die Äste des Baumes direkt vor seinem Fenster. Eine nackte Linde. In seinem Rücken hört er die Zeiger der Uhr ticken. Seit Stunden schon ist sein einziges Tun das Beobachten. Beobachten, was vor seinem Fenster geschieht und wie sein Kopf dabei arbeitet. Er könnte doch und müsste noch. Hier eine neue Idee und dort doch kein Anfang. Die Flasche Wasser, die vor ihm steht, ist mittlerweile getrunken. Ja, das hatte er geschafft. Immerhin. Seit Tagen schon sind die Wege in der Wohnung immer die gleichen: Bett, Toilette, Küchentisch, Toilette, Küchentisch, Toilette, Bett. Eine seltsame Routine, an die er sich so schnell gewöhnt hatte. Am Anfang wollte er nur einen Gang runter schalten, dieses ewige Rennen, um mithalten zu können, beenden – nur für einen Moment. Nur mal kurz ausruhen, um wieder klar denken zu können und schon ist er in einem ganz neuen Rhythmus gefangen. Nichtstun, alles denken. So wollte er es nie, so akzeptiert er es jetzt. In seinem Kopf explodieren die Gedanken, ein großes Feuerwerk an Möglichkeiten. Aber wie zu Silvester will er sich auch jetzt nur verstecken. Die Fenster schließen und nichts hören. Es gibt kein Draußen, nur ein gruseliges Drinnen. Keine Schale! Und wo ist der Kern?

Die bedrohliche Stille seiner Räume wird nur ab und zu durch das Klingeln des Telefons durchbrochen. Er lässt es klingeln. Das sind die Menschen mit den Plänen – für ihn, für sich und für ein Leben, wie es sein sollte. Er weiß, was sie ihm sagen wollen. Sie wissen, was gut für ihn ist. Er kommt da wieder raus, er muss nur fest daran glauben und ein bisschen an sich arbeiten. Nein, sie geben ihn nicht auf. Ja, eine neue Aufgabe ist er für sie. Seine Qualen, ihr Projekt. Das Nichtkönnen wird nicht verstanden. Funktionieren soll er. Wie leicht sich Sätze sagen, Worte aneinander reihen lassen: Jetzt mach doch mal! Du musst doch nur!

Zu einer Auszeit hatte ihm sein Arzt geraten. Er solle mal wieder nur an sich denken. Und nun hatte er sich in sich selbst verloren. Wo kein Anfang ist, ist auch kein Ende.

Der Junge von gegenüber winkt ihm zu und reißt ihn für Sekunden aus seiner ganz persönlichen Hölle. Und schon konzentriert er sich wieder nur auf die tanzenden Schneeflocken vor seinem Fenster. In dem dämmernden Licht, das diesen verlorenen Tag verabschiedet, scheinen sie bleigrau. Und er denkt in bleigrau.


Tags: ausgebrannt
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33 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Erinnert mich sehr an "Herr Jensen steigt aus" von Jakob Hein!

    20.03.2013, 21:00 von VivYana
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    mag ich.

    07.03.2013, 05:32 von berlin_bombay
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  • 1

    Der Titel trifft es auf dem Punkt. Inhaltlich sehr gut beschrieben.

    06.03.2013, 22:48 von topfbluemchen
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  • 1

    In seinem Rücken hört er die Zeiger der
    Uhr ticken.

    Ist das Uhrwerk im Winterurlaub?

    Die Flasche Wasser, die vor ihm steht, ist mittlerweile getrunken. Ja, das
    hatte er geschafft.

    Da hätte der Arme aber auch wirklich kein Fluid mit unangenehmerer Viskosität finden können.
    Zum Glück war noch Wasser dabei.

    06.03.2013, 10:30 von Grumpelstilzchen
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  • 0

    Ich find nur den Teaser gut, der hat was

    05.03.2013, 09:00 von EliasRafael
    • 0

      Der Teaser hat vor allem eins: eine unlogische Aussage.

      05.03.2013, 09:24 von quatzat
    • 0

      Versteh ich nicht. Weshalb ist die Aussage denn unlogisch?

      06.03.2013, 10:15 von Grumpelstilzchen
    • 0

      Weil ein fehlender Anfang kein fehlendes Ende bedingt.

      06.03.2013, 10:26 von quatzat
    • 0

      Du bist doch nur neidisch, dass der Satz nicht von dir ist.

      06.03.2013, 10:30 von EliasRafael
    • 1

      Er würde mich tatsächlich davon überzeugen, endlich mit diesem Scheiß aufzuhören.

      06.03.2013, 10:33 von quatzat
    • 0

      Achja, stimmt ja. Aus der leeren Menge kann man willkürlich schlussfolgern, wonach es einem dünkt.
      Schau, da liegt das Logik-Studium kaum mal ein halbes Jahr zurück, da fang ich schon wieder an, zu präsupponieren wie nichts Gutes.
      Okay, danke.

      06.03.2013, 10:47 von Grumpelstilzchen
    • 0

      Nicht unbedingt nur so, aber wenn du dir Zeit vorstellst, kann sie unendlich sein, aber einen Anfang besitzen. Sie kann Ewig sein, also weder Anfang noch Ende besitzen, oder sie kann keinen Anfang, aber ein Ende besitzen. Oder stell dir mal vor, du sitzt in einer Kugel und gehst zum Ende. Dann war da kein Anfang, aber ein Ende. Oder Anfang und Ende liegen sehr weit entfernt: warum sollten sie sich gegenseitig bedingen?

      06.03.2013, 10:50 von quatzat
    • 0

      Wenn ich zur Prämisse nehme, dass es kein Ende geben kann, wo es keinen Anfang gab, und keinen Anfang gibt, der kein Ende haben wird, geht das alles.

      Vielleicht führt die Autorin clevererweise ja auch nur eine für sich stehende Prämisse im Teaser auf.

      06.03.2013, 11:00 von Grumpelstilzchen
    • 0

      Dann hätte sie geschrieben: ...kann kein Ende sein.

      06.03.2013, 11:02 von quatzat
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  • 0

    Zu einer Auszeit hatte ihm sein Arzt geraten.
    So so, dieser Arzt ist also hier für die ganzen
     "Ü-10.000 Punkte bei Auszeit"- Freaks verantwortlich. ;-)

    Dein Text hat mir inhaltlich ansonsten sehr gut gefallen.

    05.03.2013, 08:22 von mirror87
    • 0

      Ja, ich mußte leider auch beim lesen ans Spiel denken.

      05.03.2013, 08:32 von Tanea
    • 0

      Auszeit verfolgt uns.

      05.03.2013, 08:35 von mirror87
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  • 1

    atmosphärisch stark, auf der einen Seite.
    zieht rein ins stillgelegte Innenleben.
    auf der anderen, inhaltlich, die Unruhe zwischen von Wunsch und Wirklichkeit, der nagende Unfrieden des Stillen, bleibt es liegen, verpufft die Spannung plötzlich.
    Schade. wirkt unfertig.  

    05.03.2013, 01:43 von schauby
    • 0

      von

      05.03.2013, 01:43 von schauby
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  • 0

    Ist der letzte Satz noch immer der Gleiche wie am Anfang? Wenn ja, dann gefällt er mir gerade sehr gut an dem Text.


    Ansonsten schön die Atmosphäre eingefangen. Ich hätte gerne noch mehr davon, vielleicht von den Menschen, die ständig klingeln.

    05.03.2013, 00:30 von Sommerregen03
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  • 1

    Ich finde den letzten Satz klasse, nur die Platzierung ist etwas daneben. Hätte vielleicht eher in den zweiten oder dritten Absatz gepasst. Wegfallen lassen würde ich ihn jedoch nicht.

    03.03.2013, 23:10 von Henry.Kafur
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