benjamin_pruefer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 11

Bis der Tod sie mir wegnimmt

Es war nur eine Nacht nach der Disko. Daraus wurde zarte Liebe. Und plötzlich eine Frage des Überlebens.

Im September 2003 sitze ich in einer Ecke neben der Tanzfläche des »Heart of Darkness«. Es ist drei Uhr, der Club ist schummerig, mein Kopf auch, ich nippe an einem Glas Wasser. Aus den Boxen dröhnt eine Abipartymischung aus Abba, Ice T, Pink Floyd und Madonna. Rucksacktouristen tanzen mit kambodschanischen und vietnamesischen Mädchen. Seit zwei Monaten bin ich auf einer Reise durch Asien, um mein Leben und mich selbst interessanter zu machen. Nun Phnom Penh. Ein Freund zappelt vorbei wie das Duracell-Häschen und ruft: »Ey krass, wie sind hier mitten in Kambodscha, ich meine, es ist Kambodscha, und wir haben uns weißes Zeug in die Nase gezogen, geil, das ist total abgedreht!« Und verschwindet in der Menge.

Ein Mädchen taucht aus dem Dunkeln auf, das einzige ungeschminkte. Sie fragt, ob sie sich neben mich setzen darf. Dann schaut sie zu Boden, sie weiß nicht, wie sie ein Gespräch anfangen soll. Sie zeigt mir ihre Fingernägel. »Look. Did my nail today. Two dolla’!« Etwas an ihren Händen irritiert mich. Die Nägel sind die eines Mädchens aus der Großstadt: lang und rot, auf jedem noch ein Streifen aus silbernem Glitzerlack. Doch die Hände passen nicht dazu. Sie sind faltig, voller Narben und Runzeln. Für einen Augenblick sehe ich vor mir, wie sie in der Sonne Reis erntet und Kühe hütet. »Two dollars for painting your nails?«, sage ich, »that is a lot.« Wir schweigen einen Moment unentschlossen.

»What is your name?«, frage ich.
»Rose«, sagt sie.
»No, your real name.«
»Sreykeo.« Srääi-kao.

Wenn mich jemand fragt, wie ich sie getroffen habe, erzähle ich nicht mehr als das: Sie habe mich in einer Disko angesprochen, und dann habe eins das andere gegeben. Ich erzähle nicht, warum sie mich in Wahrheit angesprochen hat, nicht, dass ihr Leben jetzt an meinem hängt, nichts von der Krankheit und auch nichts von unserer gemeinsamen Armut. Aber ich habe es jetzt satt zu lügen.

Wobei ja alles damit anfängt, dass ich mich selbst belüge: Ich denke, da ist ein schönes Mädchen meinem Charme erlegen. Am Morgen betrachte ich ihr Gesicht, während sie noch schläft. Sie hat lange schwarze Haare, volle Lippen und die hohen Wangenknochen der Khmer. Als sie spürt, dass ich sie betrachte, dreht sie sich um, blickt mich an und runzelt die Stirn. »What are you thinking?«, frage ich sie. Wenn sie etwas sagen muss, das ihr unangenehm ist, flüstert sie immer, das kenne ich inzwischen. »Whether you have to pay me or not«, flüstert sie. Belämmert setze ich mich auf die Bettkante, das Moskitonetz hängt vor meinem Gesicht. Von wegen Charme. Außerdem habe ich keine Ahnung, was man in so einer Situation zahlt. Sie lächelt. Ich gebe ihr 20 Dollar und komme mir reichlich blöd vor. Sie leiht sich mein Lieblingshemd aus und verspricht, es zurückzubringen. Kurz vor der Tür dreht sie sich um, küsst mich durch das Moskitonetz auf den Mund und verschwindet.

Phnom Penh ist kein Ort der zärtlichen Küsse. Kein Paris des Ostens oder so was. Durch die Straßen knattern Schwärme aus Honda-Mofas. Man riecht die Holzkohlefeuer der Küchen, die Räucherstäbchen in den Pagoden und den Müll in den Rinnsteinen. Kambodscha hat 30 Jahre Bürgerkrieg und einen Völkermord hinter sich. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer ist verblüffend. Mütter verkaufen ihre Töchter in Sexfabriken, in denen sie im wahrsten Sinne des Wortes totgefickt werden. Wenn in Phnom Penh ein Verkehrsunfall passiert, kommt ein Krankenwagen, aber die Helfer fragen die Unfallopfer zuerst, ob sie Geld haben. Wenn nicht, fahren sie weiter.

Ich hatte nicht erwartet, mein Lieblingshemd wiederzusehen. Doch am nächsten Tag klopft Sreykeo an meine Tür. Auf einem Moped-Taxi fahren wir zu ihrer Familie. Wie ein altes Paar. Sie lebt in einem verwitterten Wohnblock, der so groß und hässlich ist, dass die Khmer ihn in einer englisch-französischen Verballhornung nur »la building« nennen – das Gebäude. Ein Setzkasten mit Menschen darin. Die Wohnungen sind nach vorne offen. Glasscheiben gibt es nicht. Überall spielende Kinder. Vor dem Block sitzen Männer und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Sreykeos Leben ist einfach: Tagsüber kümmert sie sich um ihre zweijährige Nichte, blättert im Englischwörterbuch oder sitzt im Internetcafé und träumt von »the worl’« – von der weiten Welt, also von allem außerhalb Kambodschas. Nachts geht sie »working«, wie sie es nennt.

Einen Monat lebe ich bei ihrer Familie. Wir schauen uns amerikanische B-Movies im Kino an oder kauern uns auf die Flusspromenade. Nachts schlafen wir auf Bastmatten. Dass sie in mich verliebt ist, kapiere ich, als ich krank werde. Ich liege im Fieberwahn auf den Fliesen ihrer Wohnung, kann mich kaum auf die Seite drehen und keinen Schluck Wasser bei mir behalten. Sie weint, betet zu Buddha und sagt, es sei ihre Schuld: Da sie anschaffen gegangen sei, würde sie bestraft. Nachdem ich wieder nach Deutschland geflogen bin, telefonieren wir jeden Tag und schicken uns eine SMS vor dem Einschlafen. Seither komme ich sie jedes Jahr mindestens acht Wochen besuchen. Nach einem halben Jahr werden ihre Worte beim Telefonieren von einem Husten zerstückelt, der immer aufdringlicher wird. Ein Arzt stellt eine Mandelentzündung fest und verschreibt Antibiotika. Der Husten bleibt. Dann ruft sie mich auf dem Handy bei der Arbeit an. Sie klingt aufgeregt, doch die Verbindung ist so schlecht, dass ich kein Wort verstehe. Ich brülle ins Telefon, sie solle mir eine E-Mail schicken. Zehn Minuten später öffne ich sie. In die Betreffzeile hat sie »Hi darling« geschrieben. Die Mail selbst enthält nur ein Wort: »positive.«

Bisher waren HIV für mich drei Buchstaben, die ab und zu zwischen den Werbeblöcken auftauchen. Jetzt denke ich an eine Frau, die lange Wimpern hat und am liebsten Cheeseburger isst. Auf dem Nasenrücken hat sie eine kleine Narbe, weil sie als Kind die Treppe zum Stelzenhaus der Mutter runtergefallen ist. Sie hat noch nie etwas von Globalisierung gehört. Dafür kann sie Fische mit der Hand fangen, Motorrad fahren und jeden irischen Kneipenschläger im Billard besiegen. Wenn nicht bald etwas passiert, wird sie von Hautkrankheiten und Eiterbeulen zerfressen, nach Durchfällen abmagern und schließlich von einer Lungenentzündung oder Tuberkulose getötet. Leider interessiert das keine Sau. Es gibt keine Therapeutin mit einem Seidentuch um den Hals, die verständnisvoll nickt. Wir denken, wenn in der Dritten Welt hunderttausend Menschen auf einmal an AIDS oder was auch immer sterben, sei der Tod des Einzelnen weniger schlimm. Doch Sreykeo hat meinen Zynismus gebrochen. Ich habe mir oft gewünscht, ich hätte einfach weitergelebt wie zuvor. Dann hätte ich wahrscheinlich einen iPod und wech selnde Beziehungen, die mit den Worten »Lass uns gute Freunde bleiben« enden. Besser könnte es mir nicht gehen.

Ihre Krankheit bringt auch mich in Lebensgefahr. Als ich Sreykeo in Kambodscha besuche, reißt das Kondom. Zweimal. Eine Woche später lassen wir in Bangkok routinemäßig die Konzentration der Viren in ihrem Blut messen. Ergebnis: über 100 000 pro Milliliter, enorm hoch. Eine Übertragung ist daher leicht möglich.

Ein paar Wochen später in Deutschland beginnen die Symptome: geschwollene Lymphknoten, schmerzende Gliedmaßen, Zerschlagenheit, Fieber und manchmal ein Hautausschlag. Ich bereite mich auf ein Leben mit der Krankheit vor, schließe alle Versicherungen ab, die eine Gesundheitsprüfung verlangen, solange noch Zeit ist. Der Arzt beim Tropeninstitut schaut mich mit großen Augen an, als ich ihm erzähle, warum ich den Test mache. Er fragt mich, aus welchem Land meine Freundin komme. Ich weiß, warum. Der in Asien verbreitete Subtyp E gilt als besonders leicht heterosexuell übertragbar. Dann das Ergebnis. Es dauert einen Monat, bis ich es wirklich begriffen habe. Nur eine hartnäckige Grippe. Kein HIV. Es geht weiter wie bisher. Für mich.

Das Grausame an dieser Krankheit ist die langsame und unnachgiebige Art, mit der sie voranschreitet. Stückchen für Stückchen zerstört sie jede Hoffnung. An Sreykeos bellenden Husten, den ich beim Telefonieren höre, gewöhne ich mich. Ihre Oberarme werden immer dünner – da ihre Kleider dadurch immer weiter wirken, scheint sie kleiner zu werden. Unter ihren Haaren wachsen mit Eiter gefüllte Beulen. Da sie ständig krank ist, verliert sie einen Job als Bedienung in einem französischen Restaurant und einen an der Rezeption eines Guesthouse. Dadurch ist sie komplett von den 250 Dollar abhängig, die ich ihr monatlich per Western Union schicke. Ihre Mutter setzt sie unter Druck, damit sie das Geld an sie weitergibt. Sie sagt zum Beispiel: »Wenn du es uns nicht gibst, schmeißt uns der Vermieter aus der Wohnung.« Oder: »Wir haben die hohen Schulden nur, weil wir dir das Krankenhaus bezahlt haben, als du mit 15 krank warst.« Meistens sind diese Geschichten gelogen.

Doch sie setzt dem Virus etwas entgegen, das ich bewundere und das mich gleichzeitig wahnsinnig macht: ihre Sturheit. Zum Beispiel fällt ihr im Supermarkt ein, dass sie am Abend unbedingt Spaghetti mit Käse essen will. »Käse in Kambodscha?«, sage ich. »Viel zu teuer.« Sie nimmt ein Stück aus dem Kühlregal und bleibt einfach stehen. Ich zerre an ihrer Hand. Erfolglos. Ich stemme mich mit der Schulter gegen ihren Rücken. Keine Wirkung. Irgendwann zerren wir an dem Stück Käse wie zwei Löwen an einem zerfleischten Zebra. Dann halte ich das Stück über meinen Kopf, während sie an mir hochspringt. Eine Angestellte eilt herbei und sagt, der Käse sei ja total zermatscht, den müssten wir jetzt auch kaufen. Mit der gleichen Sturheit begegnet sie dem Virus. Sreykeo hat keine Krankenversicherung. Aber in Thailand werden Kopien von Markenmedikamenten hergestellt, deren Qualität gleichwertig ist. Für 35 bis 85 Dollar pro Monat hindern diese Medikamente das Virus daran, sich zu vermehren. Sreykeo trägt nun ständig in ihrer Handtasche zwei Plastikfläschchen mit Tabletten. Davon schluckt sie zwei um neun Uhr morgens und zwei um neun Uhr abends. Ihre Armbanduhr erinnert sie alle zwölf Stunden mit einem Piepser daran. Der Erfolg der Therapie ist verblüffend: Zurzeit fließen so wenige Viren durch ihr Blut, dass diese aus technischen Gründen nicht mehr nachgewiesen werden können. Der Zustand ihres Immunsystems entspricht fast dem eines gesunden Menschen, ihr Körpergewicht ist normal. Geheilt ist sie nicht. Sie weiß auch nicht, wie viele Jahre ihr bleiben. Sie ist jetzt 24 Jahre alt, ich bin 26. Doch sie hat gelernt, dass HIV verwundbar ist.

Und Sreykeo hat einen Wunschtraum, der sie am Leben hält. Es ist der gleiche Traum, den alle Mädchen in den Pagoden in die Schwaden der Räucherstäbchen wispern: ein Mann, ein Sohn und eine Tochter. Dafür kämpft Sreykeo wild. Sie setzt sich gegen ihre Mutter durch, die sie zu einem Dummchen am Reiskocher erziehen wollte und lieber sähe, dass sie anschaffen geht. Aber stattdessen kauert sie in ihrem Zimmer auf dem Boden, übt englische Grammatik und löst die Aufgaben, die ihr Lehrer ihr stellt, fehlerfrei. Sie lernt, mit Geld umzugehen, und führt ein Haushaltsbuch. Mich berührt sie, als sei ich aus Kristall. Sie pflegt unsere Beziehung und deren Rituale. Zum Beispiel die tägliche Gute-Nacht-SMS vor dem Einschlafen. Oder das Tigerritual: Wir fauchen uns vor dem Auflegen an wie zwei Raubkatzen. Das wirkt lächerlich, wenn sie mich unterwegs auf dem Handy anruft. Für uns ist es notwendig.

Wenn sie am Telefon aber anfängt zu flüstern, weiß ich schon, dass sie kein Geld mehr hat. Dann brülle ich sie an. Was dazu führt, dass sie es mir nicht mehr sagt, sondern sich irgendwo was leiht. Wenn ich ihr dann etwas schicke, geht das sofort wieder für die Rückzahlung der Schulden drauf. Also ruft sie wieder an und fragt, ob ich ihr Geld schicken kann – allerdings erst, wenn sie seit zwei Tagen nichts mehr gegessen hat. Irgendwann fange ich an, mit Kreditkarte zu bezahlen, weil mein Dispo überzogen ist. So schaukeln sich meine und Sreykeos Schulden hoch. Ich stehe jeden Morgen eine Stunde früher auf, um in die Redaktion zu kommen, weil ich mir ein S-Bahn-Ticket nicht mehr leisten kann. In meinem Kühlschrank stehen noch eine Packung Zucker und eine Flasche Bratensoße. An den Wochenenden, wenn ich nicht in der Kantine meines Betriebes essen kann, hungere ich. Mein Chef sagt mir, dass ich kurz vor einer Abmahnung stehe, weil ich unkonzentriert und geistig abwesend arbeite. Mein Leben ist Chaos.

Weihnachten 2004 halte ich es nicht mehr aus. Ich bin bei meinen Eltern. Meine Geschwister und ich singen »Stille Nacht« im Kerzenlicht, fröhlich, laut und möglichst schief. Die zwei Katzen meiner Eltern streichen verwundert um einen riesigen Berg aus Geschenken. Dann ruft Sreykeo an. Erst wünscht sie meinen Eltern »Merry Christmas«. Als dann ich mit ihr spreche, flüstert sie wieder. Sie sagt mir, dass sie mit einem Mann getanzt habe. Ich verstehe, was das bedeutet. Sie sagt, das Geld für die Familie habe nicht gereicht. Ich antworte ihr, dass sie nicht meine Freundin sein kann, wenn sie mit anderen Männern schläft. Sie rechtfertigt sich: Sie habe doch nur das Geld von ihm gewollt. Ich sage ihr, dass ich später Kinder haben will. Dass das mit ihr nicht geht. Dass ich mich von ihr trenne. Sie sagt, dass sie dann kein Leben mehr hat.

Viele verstehen nicht, warum ich mich doch anders entschieden habe. Dass ich nun wieder mit Sreykeo zusammen bin. Hätte ich sie verlassen, hätte ich sagen können: »Schlimme Geschichte. Ich konnte nichts für sie tun.« Jeder hätte mir zugestimmt. Aber ich hätte nie wieder mit etwas zufrieden sein können, ohne mich anzulügen.

Wie schwierig es für eine Frau ist, die Prostitution aufzugeben, begreift man nicht, wenn man das Milieu nicht kennt. Es klebt an ihr, es ist in ihrem Kopf. Auch wenn sie nicht mehr mit fremden Männern schläft, wird sie im Spiegel immer eine Nutte sehen. Und Sreykeo kann wegen HIV nicht alleine überleben. Jemand muss sich um sie kümmern – entweder ich oder ihre Familie. Wegen ihrer Krankheit geht sie davon aus, dass ich sie früher oder später verlassen werde. Also versucht sie, möglichst viel Geld zu verdienen. Mir ist klar geworden, dass Sreykeo aus der Prostitution nur rauskommt, wenn sie sich darauf verlassen kann, dass ich bei ihr bleibe. Ihr altes Leben kann sie nur hinter sich lassen, wenn sie sicher weiß, dass jenseits davon auch ein neues auf sie wartet.

Wir haben jetzt einen Vertrag geschlossen, der bei ihr über dem Bett hängt. Ich muss ihr zeigen, dass ich bei ihr bleiben, sie heiraten und nach Deutschland holen werde. Außerdem muss ich sie regelmäßig anrufen. Sie darf nicht mehr an die Orte gehen, an denen sie früher anschaffen war. Sie muss einen Job haben. Sie muss Englisch schreiben lernen. Sie darf sich kein Geld leihen. Sobald ich keine Schulden mehr habe und sie die englische Grammatik beherrscht, kann sie nach Deutschland kommen.

Ich habe mich in den letzten zwei Jahren sehr verändert, sagen meine Freunde. Selbstsicherer sei ich jetzt, lauter, aggressiver. Ich bin sogar ein bisschen spirituell geworden. Das heißt nicht, dass ich jetzt Kirchensteuer zahle. Aber manchmal blinzle ich in den Himmel und flüstere: »Vielen Dank für die Scheiße, die du mir heute wieder eingebrockt hast. Ich werde sie auslöffeln in der Gewissheit, dass alles einem höheren Sinn dient, den ich leider noch nicht erkennen kann.«

Bis heute können wir beide nicht ganz verstehen, wie wir aneinander geraten sind. »Why did you talk to me in the ›Heart of Darkness‹? «, frage ich sie.

»Because you just drink water when I see you. You did not dance with the bargirls. I don’t like men who go to the bargirls.«

Den wahren Grund, warum sie mich angesprochen hat, hat sie mir nie selbst erzählt. Ich habe es von meinem Bruder erfahren, der Sreykeo in Kambodscha besucht hat. Am Tag, bevor wir uns trafen, hat sie zwei Wasserschildkröten im Teich vor dem Königspalast freigelassen. Ein Männchen und ein Weibchen – ein buddhistisches Ritual. Auf die Panzer hatte sie in der Sprache der Khmer ihr Gebet geschrieben. Sie bat um einen Mann, der für sie sorgt. Dann färbte sie sich ihre aufgehellten Haare wieder schwarz, ließ sich die Nägel lackieren und fuhr ins »Heart of Darkness«. Es stimmt, ich habe nachgesehen, im Teich schwimmen tatsächlich zwei Schildkröten. Nur die Schrift kann man nicht mehr lesen.

Wir verabschieden uns auf dem Flughafen. Es ist wie in einem schlechten Film. Zwischen uns eine Glasscheibe. Sie presst ihre Hand dagegen, ich meine auch. Sie lächelt, Tränen laufen ihr über die Backen. Dann der Aufruf. Die Rolltreppe bewegt sie unerbittlich weg von mir. Plötzlich sehe ich, wie es sein wird, wenn sie stirbt. Es wird nicht an einem Tag passieren. Sie wird tapfer lächeln, aber kleiner werden, immer kleiner und kleiner. Jeden Tag ein Stück. Bis der Tod sie mir wegnimmt und aus ihr eine Nummer in einer Aidsstatistik macht.

Aber bis dahin machen wir dem Virus noch eine Menge Arbeit.


Tags: Liebeskummer, Heiraten, Fernbeziehung
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