Diasam 11.11.2010, 21:40 Uhr 12 23

Bis dass der Tod uns scheidet

Wenn man nicht mehr selbst über sich bestimmen kann…

Gestatten, mein Name ist Wegener, Morbus Wegener. Zumindest nennen mich meine Freunde so. Ansonsten bin ich aber auch unter dem Synonym Wegener'sche Granulomatose bekannt, wobei letzteres häufig von meinen Neidern gebraucht wird.

Zuletzt habe ich Bekanntschaft mit einem wunderschönen jungen Mädchen gemacht. Na ja, eigentlich ist es schon ein Weilchen her, dass Wir Uns bzw. ich sie kennen lernte, hat es doch etwas Zeit und einige Anläufe gebraucht, bis Wir miteinander warm geworden sind. Aber jetzt sind Wir richtig dicke Freunde, unzertrennlich, Wir teilen wirklich alles miteinander.

Damals habe ich mir größte Mühe gegeben, mir einen Platz in ihrem Leben zu erkämpfen. Lange hat es gedauert, bis sie mich überhaupt bemerkte. Viel musste ich mitmachen, ertragen, mich beweisen, dass ich nicht locker ließe, egal was da komme. Zu Beginn hat sie sich sehr dagegen gesträubt. Egoistisch, wie sie damals noch war, wollte sie ihr Leben ganz alleine bestimmen, mich nicht mit einbeziehen, einfach machen was sie will. Sie war sehr stark - anfangs. Dann hat sie immer versucht wegzulaufen. Viel ist sie gelaufen und wie schnell. So schnell, dass ich beinahe nicht hinterherkam. Das konnte ich nicht zulassen, schließlich waren wir doch jetzt eine Einheit. Doch was ein richtiger Dickkopf ist, der lässt sich nicht so leicht überzeugen. Um ehrlich zu sein, mag ich das ja, wenn ich auf ein klein wenig Widerstand stoße. Dann kann ich mich mal so richtig austoben, zumal sie mir ja auch echt gefiel, so strahlend gesund, strotzend vor Energie und Enthusiasmus. Wie sie das Leben noch vor sich hatte, mit all ihren Träumen - ein richtiger Sonnenschein eben.
Ich gebe zu, es war nicht leicht sie für mich zu gewinnen, aber ich wusste, ich würde Gelingen haben. Ich hatte ja auch eine wirklich gute Strategie. Man kann niemanden überfallen, man muss es schleichend angehen. Schritt für Schritt. Sie sollte sich langsam an mich, an Uns gewöhnen, damit Wir auch alles in vollen Zügen genießen konnten.
Irgendwann hatte ich sie dann so weit. Zunächst hat sie mit ihrem Sport aufgehört. Zeit, die Wir nun gemeinsam hatten, Zeit die sie nicht mehr im Training mit den anderen verbrachte. Schon bald darauf gehörten auch die Wochenenden und Abende nur noch Uns zwei. Wo zuvor noch Discobesuche, Treffen mit Freunden oder ihre selbstsüchtigen Hobbys stattfanden, war nur noch Platz für sie und mich. Es schien ihr zu gefallen, denn es kam so weit, dass sie nicht mal mehr morgens aufstehen wollte. Sie versäumte gerne mal Vorlesungen oder vernachlässigte ihre Arbeit, um den Tag mit mir im Bett zu verbringen. Wir hatten es Uns richtig gemütlich gemacht, Wir beide.

Nur manchmal, da habe ich so meine Bedenken, dass sie mich nicht überall dabei haben will. Dann besucht sie meine Neider und redet von mir, als sei ich nicht dabei. Kennt ihr das, wenn in der 3. Person von euch gesprochen wird, obwohl ihr doch direkt daneben steht?!
Anfangs waren es ja nur lockere Gespräche, aber mit der Zeit wurden diese Besuche immer intensiver. Ich habe das Gefühl, dass sie mich hintergeht. Dabei bemerkt sie gar nicht, wie sehr sie sich damit schadet. An manchen Tagen bin ich besonders verletzt. Dann, wenn sie sich selber Schmerzen zufügt. Und alles nur, weil einer dieser Neider ihr dazu rät, sich Nadeln in die Bauchdecke zu rammen und ihr verspricht, dass es ihr dann besser ginge.
Wie schön sie war, hat sie längst vergessen. Was findet sie nur an dieser Art der Selbstzerstörung, wenn ihr die Haare büschelweise ausfallen, sie sich Nacht für Nacht windet, weil sie keinen Schlaf findet, ihr blasser Körper übersäht ist von Blauen Flecken? Sie macht sich Sorgen, das sehe ich. Schwer abgenommen hat sie. Wieso tut sie sich das an? Wieso verschmäht sie mich so, nach allem, was Wir zusammen durchgemacht haben?
Ich war bei ihr, als ihr die Luft wegblieb, sie nicht mehr atmen konnte, nachdem sie die Treppen rauf in den ersten Stock zu gehen versuchte. Ich habe sie umgarnt, all die schlaflosen Nächte, in denen sie wegen der Hustenkrämpfe kein Auge zugemacht hat. Ihr beigestanden, wenn sie zu schwach war, um aufzustehen sich ein Glas Wasser zu hohlen, um den Blutgeschmack runter zu spülen. Als ihr niemand glaubte und sie selbst anfing, an sich zu zweifeln, unter Tränen ihr Spiegelbild anschrie, war ich es, der bei ihr war. Und als es dann verstummte und nur noch ein Wimmern zu vernehmen war, legte sie sich wieder zu mir. Wir waren Uns so nah!

Wann merkt sie endlich, dass sie etwas Besonderes ist, für mich? Einzigartig? Sie weiß doch, wie wählerisch ich bin, dass nur sehr wenige meine Bekanntschaft machen dürfen.

Auch, wenn sie gerade alles tut, um mich loszuwerden, ich werde sie nicht loslassen. Ich werde weiter um sie kämpfen, dessen kann sie sich sicher sein!

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12 Antworten

Kommentare

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    Hehe, musste ein bisschen grinsen genau so sehe ich meine Krankheit auch, obwohl diese nicht so schlimm ist. Gute Idee

    14.02.2011, 13:07 von missbutterfly400
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    Ist das der Artikel den du gemeint hast?
    Ich schließe mich den anderen an, die Perspektive ist gut und interessant gewählt. Kommt so viel besser rüber, als wenn man einfach erzählt wie schlecht es einem geht.

    09.01.2011, 21:07 von Luanna
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    Wirklich traurig...
    Die Idee, es aus der obrigen Perspektive zu erzählen, finde ich gut, macht aufmerksamer auf die Krankheit als stupide Dokumentationen.

    09.01.2011, 10:28 von topfbluemchen
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    hmmmm
    was mich erschreckt ist das verbohrte ,besessenwirkende verhalten von ihm

    er zerstörte ja quasi ihr ganzes leben ..mit ner strategie die immer mehr sie selbst (auch ihren lebensstil) auslöschte ..so kommt es mir zumindest vor..auch das sie zu schwach ist um sich von ihm loszulösen oder sich gar für ihn unattraktiv macht

    (wer weiss ?!)

    einen gegentext ihrerseite wäre dazu ganz interessant
    aber das wird wohl bewusst sein um freiheiten der interpretationen zu kreieren

    kurzum...gut gelungener artikel der zum nachdenken anregt ...wenn man den will :-)

    23.11.2010, 14:45 von Bearhugger
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      @Bearhugger "er zerstörte ja quasi ihr ganzes leben..." Ja, das hat ne tödliche krankheit so an sich...

      02.01.2011, 11:20 von RockDieMoehre
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    verstörend, traurig.

    sehr gute idee mit der perspektive.

    21.11.2010, 01:53 von nic.is.listen
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    Wow.. ich habe mir nur gerade einen Account gemacht, um hierauf antworten zu können und ich kann trotzdem gar nicht beschreiben, wie mich dein Text mitgenommen und bewegt hat!

    Allein die Perspektive und die Erzählweise sind so krass, dass ich es kaum fassen kann. Ich hoffe so sehr, dass du nicht die Person bist, um die es geht, auch wenn ich mir etwas anderes nicht vorstellen könnte.

    Das ist wahnsinnig gut geschrieben! Danke!

    16.11.2010, 20:00 von MilkaSchokolade
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    Sehr schöner Text und durch die Perspektive sehr interessant...

    ... aber beim näheren nachdenken, ist er schon ziemlich
    traurig!

    16.11.2010, 18:16 von galaxxia
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    Interessante Perspektive.

    16.11.2010, 16:42 von ohkathrina
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    krasse perspektive... habe selber einen fall in der nahen verwandschaft... einziger lichtblick ist, dass es nicht vererbbar ist und ich somit hoffentlich davon verschont bleibe..
    alles gute TT

    16.11.2010, 13:46 von T.Traumtaenzerin
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    Ei der daus...

    15.11.2010, 14:39 von Onestone
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      @Onestone hahaha.
      empfehlung für den kommentar.

      17.12.2010, 20:46 von YOLK
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