my_serendipity 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 2

Bipolar. Einmal rauf und runter, bitte...

Erstmal der Teil der spaßig ist. Die Manie.

Stell dir deinen Lieblingsfilm vor. Der Hauptdarsteller wird durch dich ersetzt. Du bist sogar noch besser. Der Film wird untermalt mit deiner Lieblingsmusik. Er wiederholt sich jeden Tag. Du stehst morgens auf, es regnet, tausend dinge sind zu erledigen - scheiß drauf - dann ist halt Regen "toll". Mit dem Stress bist du bis Mittag durch, verführst in der Pause eine Schönheit und am Nachmittag fallen dir noch 2 geniale Konzepte für die Zukunft ein. Bis ins Detail. Andere brauchen für diese Effektivität Tage, ach was sage ich, Wochen. Eine unglaubliche Vollkommenheit macht sich breit. Du bist sehr ehrlich und offen, dein Verstand arbeitet blitzgescheit, alle Probleme sind lösbar. Wenn man sie überhaupt als solche anerkennt. Ich glaube, der Spruch: "Die Welt ist nicht genug..." ist eine Beschreibung aus einer Manie heraus. Alles fühlt sich gut an, man ist glücklich, das Leben ist einfach unglaublich schön......

Dann aber fragt die "Waage" nach ihrer Berechtigung. Man muss sich das so vorstellen: eine alte Waage, jeder Arm am Anschlag. Einer oben, einer unten. Du tanzt oben und unten wartet wer auf dich. Keine Ahnung wer. Aber er entscheidet sich anders und will nicht mehr mitmachen, steht auf und springt von der Waagschale. Ohne ein Zeichen zu geben. In dem Moment weißt du was passiert... der freie Fall. Mit allem was man hat, ist nun Fallen angesagt. Bis es knallt. Herzlich Willkommen auf der anderen Seite der Medaille. Der Verliererseite.
Willkommen in deiner Depression. Fallgeschwindigkeit - vielleicht eine Nacht?!

Ich kann nicht mal 3 Zahlen behalten. Die Konzentration ist weg. Damit auch mein Selbstvertrauen. Meine Aura. Das was mich gestern noch heiß begehrt gemacht hat, ist nicht mehr existent. Tolles Wetter, tolle Aufgaben, du darfst alles machen, was dir gefällt - Moment - was war das noch mal? Das morgendliche Aufstehen gleicht einer nicht lösbaren Aufgabe. Ich kann nicht, ich will nicht, ich muss nicht. Ich muss nicht? Ja, genau. Jegliches Empfinden fehlt auch. Meine ganzen, so sorgfältig augestellten Eckpfeiler meines Lebens, sie sind ebenfalls weg. Meine Ziele. Weg. Meine Wünsche. Weg. Meine Liebe. Weg. Mein Antrieb, meine Kopfleistungen, mein alles. Alles weg. Eine Leere macht sich breit. Ich fahre nur noch auf Reserve. Und wann die nächste Tankstelle kommt, weiß ich nicht. Ich werde unruhig und bekomme Angst.
Aber das ist leider noch lange nicht das Schlimmste - denn jetzt kommt etwas was sehr sehr weh tut (wenn Schmerz als solcher überhaupt zu erkennen ist). Jetzt kommt die eigentliche Qual, die eigentlichen Schmerzen. Meine Lieben, besonders meine Lieben, jeder der sich bemüht, mich in Watte packt, mir Fehler verzeiht und vollstes Verständnis hat, tut mir weh. Sie bemühen sich unglaublich. Aber um so mehr sie tun, um so schlimmer wird es. Es ist wie ein Spiegel. Durch ihr Bemühen sehe ich, welches Wrack ich eigentlich bin. Und das reizt und das schmerzt. Der Schmerz raubt Energie. Die, die ich eigentlich zum Aufstehen benötige... ein Raum, alleine, kein Licht. Wäre das meine Tankstelle?

Wohl kaum. Denn wir brauchen Licht. Wir sind Kreisläufe. Wir sind Evolution. Wir kämpfen. Und wir gewinnen. Vielleicht verlieren wir auch mal. Aber nie ganz. Denn wer will schon aufgeben?

Zur Information. Ich habe jetzt einen Schiedsrichter. Ergenyl. An der Waage stehend und sagend: "Daniel, du warst jetzt lange genug da oben, komm mal runter, mach mal Pause." Dann komme ich runter. Langsam, ohne zu fallen. Wartend, bis ich wieder hoch darf...

Geschrieben zum Verständnis und als Eigentherapie...

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Kommentare

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    Danke für den Text!
    bei meinem Cousin wurde vor kurzem eine bipolare störung diagnostiziert, er ist seit 3 Wochen in der Psychiatrie, es ist ihm eine zeitlang echt schlecht gegangen - und morgen werde ich ihn zum ersten Mal besuchen. ich wollte mich einfach nur ein bisschen einlesen, damit befassen, was das ganze überhaupt ist, "wie" es funktioniert usw, ich will nichts falsch machen, ich bin nervös, wenn ich ihn morgen zum ersten mal wiedersehe, anders wahrnehme oder so. es ist alles nicht leicht für mich, weil er mir sehr nahe steht, er ist jetzt 19, aber trotzdem - ich habe schon wieder mehr verstanden. vor allem das "in Watte packen" finde ich gut - gerade das machen und machten nämlich seine Eltern mit ihm.
    Also, das war's was ich dazu nur loswerden wollte. danke nochmal für den schönen und offenen, ehrlichen Text!

    28.02.2007, 13:41 von bealein
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    hmm, ob ich mich nun selbst in dem Text sehen soll?
    Kommt mir alles sehr bekannt vor, nur das ich nicht weiß wo oben und unten ist auf der Waage.

    Aber mit einem hast du recht. Wenn einen alle in Watte packen gehts nie voran. Ich frage mich immer wieder wie ich dazu gekommen bin manchmal solche Aussetzer zu haben.
    Sag bescheid wenn du ne Lösung gefunden hast, vielleicht passt sie auch auf mich!

    13.12.2006, 15:24 von daHunter
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