"Bin ich Alkoholiker?"
Oder "Der Tag, an dem ich den Postboten mit Toilettenpapier überlistete."
Heute ist irgendwie einer dieser Tage. Einer dieser komischen Tage. Mit komisch meine ich nicht einen dieser komischen Tage an denen man am frühen Morgen aus dem Haus geht, dem finster blickendem Busfahrer halbverschlafen den Fahrausweis zeigt um sich dann gegenüber von diesem zur Musik mit dem Bein im Takt zappelnden heranwachsenden Auszubildenden vom Bau zu setzen. Heute ist einer dieser anderen komischen Tage.
Es fing damit an, dass ich dieses Päckchen auf dem Postamt abholte. Ja, dem Postamt. Das Postamt heißt auch heute noch PostAMT, weil es genauso schnell arbeitet wie ein Postamt. Übrigens genau der Grund weshalb die Post noch nicht an die Börse gegangen ist. Eigentlich schade. Viele der unwissenden Anleger könnten immerhin ihr Geld noch zwei Wochen nach einem so oft heraufbeschworenen Weltbörsenzusammenbruch retten – bei der Arbeitsgeschwindigkeit. Komischerweise war heute das Postamt fast leer. Und damit meinte ich nicht die gewöhnlich spärlich mit menschlichen Lebewesen, ja auch Postbeamte sind Lebewesen, also ich meinte diese spärlich besetzten Schalter. Jetzt haben sie auch noch die gleichen Schalter der Postbank mit denen der Deutschen Post zusammengelegt. Na super. Ständig warte ich hier hinter Bankkunden, die erst mal stundenlang nach Ihrem Sparbuch suchen um dann festzustellen, dass es doch schon leer war.
Also. Das Postamt war relativ leer. Das ist verdächtig. Das ist deshalb verdächtig, weil gewöhnlich mindestens zehn Leute in der Schlange stehen. Ich als wachsames Raubtier – nicht der Mensch ist gemeint, sondern der Mann – witterte Gefahr. Frauen würden grenzenlos und naiv ins Verderben laufen. Nicht jedoch ich. Ich blieb an der Diskretions-Wartelinie stehen. Sogar zehn Zentimeter dahinter. Ich blieb zehn Zentimeter dahinter stehen, obwohl sogar einer der Schalter kundenfrei war.
Ich peilte die Lage. Ja, peilte die Lage, so wie ich es als betrunkener Ankömmling in meiner postpubertären Phase immer vor dem Schlafzimmer tat, bevor ich daran vorbeischlich und meine Zimmertür, möglichst ohne den Staubsauger umzuschmeißen, schloss.
„Ja bitte“ erschall es da links neben mir. Ich zuckte zusammen und ging in eine angriffsbereite Verteidigungsstellung über, bereit ein Ohr abzubeißen. „Ja bitte“ wiederholte sich die Dame und ich erkannte, dass die blonde Mittvierzigerin wohl keine Gefahr darstellte, es sei denn sie erfährt, dass ich mit ihrer 20-jährigen Tochter gestern Nacht in der Disko einen draufmachte und dass ich derjenige war, der ihrer Orchideenallee zwischen Wohn- und Schlafzimmer ordentlich seinen Siegeschampus während des Jubelns über die weibliche Errungenschaft in den Kragen goß.
Nein. Sie konnte es gar nicht wissen. Ich hinterließ keine Spuren. Sogar die Flasche mit meinen Fingerabdrücken warf ich in den Hausmüll. Oh, die Flasche. Verdammt.
Mein Puls schlug schneller als ich über die Diskretions-Wartelinie trat. Irgendjemand spielte die James-Bond-Filmmusik ein. Mit jedem Schritt bahnte sich der Schweiß in meiner Hand seinen Weg. Meine Pulsader schwoll an. Ich hörte das Pochen so laut, dass es alle hören mussten. Als ich vor dem Schalter zum stehen kam und um mich blickte, starrten alle Anwesenden auf uns. Vermutlich weil ich so lang brauchte. Egal. Ich erblickte die Uhr. Es war fünf vor zwölf. Unsere Blicke kreuzten sich.
Meine linke Hand bewegte sich in Zeitlupentempo an der linken Hosentasche meiner Levi´s Jeans vorbei, streifte den Gürtel und zog aus der hinteren Beintasche: den gelben Zettel für die Abholung.
Ich wedelte also mit dem gelben Zettel und sagte: „Ich möchte dieses Paket abholen, bitte.“ Die freundliche Dame säuselte: „Einen Moment, bitte.“ Und ging nach hinten.
Ich hörte ungefähr siebeneinhalb Steine auf den Boden fallen. Siebeneinhalb deswegen, weil meiner noch einmal die Hälfte größer war als der, der anderen Anwesenden.
So jetzt bin ich aber mal gespannt. Das Geburtstagspaket von meiner Schwester. Sie schickte es – wie immer – zu spät los. Die Postamtsdame kam zurück und legte das Paket in Postamtsdamengeschwindigkeit auf den Postamtskundenbetreuungstresen ab – ich wette, dass die hier nachts immer Saufen und Party´s schmeißen – und sagte: „6 Euro 80, bitte.“
Wie jetzt? Ich fragte ungläubig: „Wieso das denn?“ Und sie: „Zoll.“ Gut, dachte ich mir. Immerhin wird sich das schon lohnen. Irgendwie. Hoffte ich. Ich zahlte also sechs Euro achtzig für das zu spät ankommende Geburtstagsgeschenk, dass ich auch noch von der Postfiliale abholen musste, weil der Postbote mal wieder zu faul war seinen Arsch aus dem Postwagen zu bewegen um an meiner Haustüre zu klingen. Oder? Nein, er musste ja aussteigen um dieses gelbe Zettelchen einzuwerfen. Wieso klingelte er dann nicht? Hmm. Vielleicht war ich ja gar nicht da. Egal.
Ich schüttelte das Päckchen. Es war eine Flasche drin. Es war sehr schwer. Ich fuhr mit dem Bus nach Hause und bemerkte während der Fahrt, dass an einer Seite des Paketes ein Zettel klebte. Ich öffnete den Umschlag, holte den Zettel heraus und las. „Berechnung der Einfuhrabgaben zur mündlichen Zollanmeldung“. Aha. „Der Anmelder hat erklärt, dass die für die angemeldeten Waren entrichtete Einfuhrumsatzsteuer in voller Höhe als Vorsteuer abgezogen werden kann.“ Der Anmelder? Ich meldete doch gar nichts an! Außerdem steht hier „kann“. Was soll das eigentlich? Unter ANMELDER steht doch tatsächlich mein Name. Und „vertreten durch die Deutsche Post AG“.
Ich lass mich doch nicht von der Post vertreten. Von dieser Deutschen Post AG, die Postamtsfilialen mit der Postbank zusammenlegt und in einer Schnecken-Mach3-Geschwindigkeit von mir Zoll verlangt? Sind die noch ganz dicht. Ich beschloss den Zettel dem Nachbarshund in kleine Stückchen gerissen unter das Futter zu mischen und stieg aus dem Bus. Zuhause angekommen stellte ich das Paket erst einmal auf den Boden. Nachdem ich meine Jacke auszog fand ich, dass der Boden ein unwürdiger Platz war und stellte das Paket auf den Sessel.
Nachdem ich dann wiederum meinen PC anschmiss und den Backofen vorwärmte merkte ich, dass ich mich drückte. Ich drückte mich. Hatte ich Angst? Wovor denn? Ich merkte ich hatte Angst ein Paket auszupacken, dass der Zoll öffnete und worin eine Flasche sein musste.
Ich nahm also all meinen Mut zusammen und schnitt mit einem Messer die Klebestreifen auf. Es war ganz schön viel Klopapier drin. „Super“ dachte ich und freute mich insgeheim, dass meine Schwester scheinbar vorausahnte, dass meine Geburtstagsgäste, beim Versuch mich zu einer Mumie zu verwandeln, all mein Klopapier aufgebraucht hatten.
Ich holte eine der leeren Klorollen und wickelte das Klopapier auf. Cool, vierlagiges Charmin. Ich bin ihr halt doch etwas wert. Als ich so wickelte fielen meine Gedanken wieder auf die vermutete Flasche. Ich legte die Klopapierrolle zur Seite und suchte nach einer Flasche. Da! Und da auch! Zwei Flaschen. Ich zog sie heraus und stellte fest, dass es sich um zwei Flaschen Martini handelte. Einmal „Bianco“ und einmal „Rosato“.
Zwei Einliterflaschen. So eine Dreiviertelliterflasche kostet beim Supermarkt um die Ecke 5,49. Abgesehen davon wollte ich weniger Alkohol trinken. Jetzt stehen doch tatsächlich drei Literflaschen Martini – eine noch von der Geburtstagsfeier – bei mir zuhause. Die viertelvolle Dreiviertelliterflasche aus dem Kühlschrank habe ich jetzt nicht hinzu gerechnet.
Also in der viertelvollen Dreiviertelliterflasche bezieht sich das viertelvoll auf die Dreiviertelliterversion, was dann bedeutet, dass es ein Viertel von Dreiviertel sind und somit nicht dreiviertel einer Einliterflasche fehlt, was ja bedeuten würde, die Dreiviertelliterflasche wäre ganz leer. Bruchrechnen. Naja egal.
Also ich habe nun mehr als drei Liter Martini zuhause, obwohl ich keinen Alkohol mehr trinken wollte. Drei Liter Martini, von denen eine vom Geburtstag übrig blieb, eine vermutlich komplett durch die Zollgebühren von mir bezahlt wurde und zwei, die meine Schwester kaufte. Moment mal. 1 plus 1 plus 2 sind vier. Ist ja logisch. Eine wurde ja doppelt bezahlt. Zollabgaben und den Betrag für den sie meine Schwester kaufte. Ich bin mir sicher, dass sie im Supermarkt um die Ecke billiger gewesen wäre, auch wenn dann dieser schöne Aufkleber in serbischer Sprache mit dem Balkandesign fehlen würde.
Ich freute mich natürlich trotzdem über das Geschenk, auch wenn ich mir Sorgen machte über die Gedanken meiner Schwester, was ich wohl in der Freizeit nach meiner Arbeit immer tun würde. Nur weil ich Single bin. Also bitte. Als ob ich´s nötig hätte.
Mir wars dann irgendwie doch egal und ich goß mir ein Gläschen ein, ging ins Bad, legte das Klopapier auf den Boden und nutzte die Gelegenheit die verdauten mexikanischen Bohneneintopfreste von gestern Abend ins Ungewisse zu stoßen. Meine Gedanken schweiften ab. Ich meinte mich zu erinnern, dass ich gestern auf auf der Toilette war, als es an der Tür klingelte. War das vielleicht der Postbeamte? Ein Schlückchen Martini sollte mir auf die Sprünge helfen. Ahhh…ist das lecker.
Ich schwor mir keinen Postbeamten mehr entkommen zu lassen, falls er an meiner Tür klingelte.
Es klingelte. Verdammt! Kurz nach Mittag, da kommt er immer hier auf dem Dorf! Ich versuchte so schnell wie nur möglich meine Hose hochzuziehen, während sich meine linke Hand noch mit dem Charmin-Toilettenpapier in ihr befand, schaffte es aber trotzdem irgendwie, stieß mit der rechten Fußspitze das Whiskyglas mit dem Martini um – Oh Gott nein! – und rannte zur Tür. Ich riss sie auf.
Der Postbeamte war schon auf dem Weg zum Wagen zurück. Erst jetzt merkte ich, dass meine Hand mit dem Toilettenpapier noch in meiner Hose war. Ich zog beides schnell heraus und rief:“Halt!“. Der Postbeamte drehte sich herum und war verärgert, dass jetzt sein Zeitplan wieder durcheinander kam.
Er knirschte:“Der gelbe Zettel liegt im Briefkasten. Morgen ab 9 Uhr können Sie das Paket in der Zentrale abholen.“ „Aber sie halten es doch noch in der Hand!“ „Ja, aber der gelbe Zettel liegt nun schon mal in Ihrem Briefkasten.“
Hmmmpf. Scheiß´ Postbeamter. Da kam es nur gerade recht, als er auf das Charmin-Toilettenpapier in meiner linken Hand aufmerksam wurde. Er schmunzelte:“Ich habe Sie wohl gerade vom Topf heruntergeholt. Haha.“
Das wollte ich mir nicht bieten lassen. Ich bot ihm das vierlagige Charmin-Toilettenpapier, das sich vor kurzem noch an der Ausstoßstelle des mexikanischen Bohneneintopfverdauten befand, an und sagte:“Ich bin Toilettenpapierprüfer. Sie wissen schon. Saugfähigkeit. Verletzungsgefahr. Qualitätsüberprüfung. Ist nicht benutzt. Wir unterziehen es ja keinen Toilettentests, sondern rein wissenschaftlichen im Labor. Sagen sie mir doch mal Ihre Meinung dazu.“
Ha! Ein Toilettenpapierfetischist. Der Schnelligkeit seines Griffes nach, war er ein Toilettenpapierfetischist. Seine Augen leuchteten vor Erregung. Er drückte es und rieb es zwischen den Fingern. „Hmm. Ein wenig feucht. Aber vierlagrig, das ist bequem.“ „Ja, es ist eine ganz neue Entwicklung. Die Feuchtigkeit soll ein noch besseres Gefühl geben und den Reinigungseffekt erhöhen.“
Jetzt wurde er freundlicher, vermutlich geschmeichelt darüber, dass ich seinen Meinung als Toilettenpapierfetischist hören wollte. Er sagte:“Ach kommen Sie hier. Ich wusste nicht, dass sie mit Ihren Labortests so viel beschäftigt sind. Da kann man schon mal ein Klingeln überhören. Geben sie mir den gelben Zettel und unterschreiben Sie hier für das Paket.“
Er drückte mir das Paket in die Hand und ich unterschrieb. Ich wünschte ihm noch einen schönen Tag und schloss breit grinsend die Tür hinter mir.
So ein Idiot! Ich habe doch tatsächlich gerade einem Postbeamten durch das Befühlen des von mir, für mein mexikanisches Bohneneintopfverdautes von gestern Abend, benutzten vierlägrigen – vermutlich gefälschtem – Charmin-Toilettenpapiers aus dem Balkan, für das ich 6 Euro 80 Zoll, inklusive zwei Flaschen Martini mit serbischen Aufklebern, beim Postamt heute Morgen zahlen musste, weil genau dieser Postbeamte gestern nur einen gelben Zettel einschmiss und ich die Klingel überhörte, überredet mir das heutige Paket doch noch zu geben.
So schließt sich der Kreis. Welch ein Idiot! Ich schüttelte das Paket ein wenig und stellte fest, dass wohl eine Flasche drin sein musste. Der Absender kam aus Polen, deshalb wohl kein Zoll. Ich ging in meine Wohnung stellte das Paket auf den Boden, nein, ich hob es wieder auf um ihm den würdigeren Platz auf dem Sessel zu verschaffen, und ging zur Toilette.
Da fiel mir plötzlich ein, dass ich ja die Flasche Martini verschüttete. Ich nahm ein wenig von dem Charmin-Toilettenpapier legte es auf die Martinipfütze wartete ein paar Minuten und wrang es danach über meinem Glas aus und setzte mich auf die Toilettenbrille. Kostbares Gut. Ich hatte ja nur noch eine Literflasche Martini von meinem Geburtstag, zwei Literflaschen von meiner Schwester irgendwo vom Balkan, eine viertelvolle Dreiviertelliterflasche im Kühlschrank, eine Literflasche, für die ich heute Morgen 6,80 Zoll zahlte, nur weil dieser Idiot von Postbeamten, der mir die Story mit dem Toilettenpapier abnahm, gestern zu faul war…naja Sie kennen die Geschichte ja schon.
So saß ich nun da, trank ein Schlückchen von dem geretteten Martini und dachte über die Welt nach.
Ich trank noch ein Schlückchen und dachte über mich nach.
Trank noch eins.
Und noch eins.
Gerade als ich aufstehen wollte, um das Glas nachzufüllen, fragte ich mich:
„Bin ich Alkoholiker?“






Kommentare
hihi
16.06.2010, 22:11 von Ozelotte