callsen 25.05.2011, 13:40 Uhr 5 0

BIID

„Dann mach ich es eben selbst!“

Als Frank damals eingeschult werden sollte, gaben die Lehrerinnen seiner Mutter den Tipp, mit Frank schon einmal im Vorfeld das Schreiben mit der rechten Hand zu üben. Die Erfahrungen würden nämlich zeigen, dass Linkshänder oft krakeln und später dann ihre Hand beim Schreiben verkrampft halten. Vom Verschmieren der Tinte gar nicht zu reden.

Es wurde zur Qual. Frank war ein ruhiger Junge. Auf dem Spielplatz fiel er meist dadurch auf, dass er still den anderen Jungs hinterherspielte. Also er war nie der Bandenchef. Aber auch nie der, der gehänselt wurde. Frank wurde geduldet und niemandem wäre aufgefallen wenn Frank nicht da gewesen wäre. Aber als seine Mutter und später die Lehrerinnen Frank den Füller in die rechte Hand gaben, fing er von jetzt auf gleich an zu kreischen und zu schreien. Aber nichts half. Kein Zureden und kein Zwang. In Franks Mutter stieg Panik auf. Ihr Kind ein Querulant? Schwer erziehbar? Dies teilten ihr nämlich die Lehrerinnen und zeitweise sogar der Direktor persönlich mit. Sie solle sich doch bitte darum kümmern, dass Frank sich in das Klassengefüge integriere.

Als die Mutter Frank mit der linken Hand schreiben ließ, war alles vorüber. Die Mutter war froh, Frank ebenfalls und sogar die Lehrer zeigten sich erleichtert, da Frank Ruhe gab, ein durchschnittlicher Schüler wurde und nicht krakelte, wie es alle befürchtet hatten.

Frank war als Jugendlicher niemand, der gern freiwillig anpackte. Sein Vater verzweifelte manchmal, wenn Frank selbst für leichteste Aufgaben im Garten eine Ewigkeit brauchte. Sein Vater nannte ihn bei solchen Gelegenheiten immer gern Memme oder Mimose, wenn Frank die Holzscheite nicht schnell genug stapelte oder für die Kiesfuhren mit der Schubkarre zu lange brauchte. Irgendwann bat ihn sein Vater schon gar nicht mehr um etwas. Frank wusste, dass es seiner Mutter zu verdanken war, die auf den Vater einwirkte. Sie beschützte ihn häufig. Aber den enttäuschten Blick in den Augen des Vaters konnte auch sie nicht entfernen.

Frank arbeitete nach seiner Ausbildung als Sachbearbeiter und lernte seine Maria kennen. Sie liebten sich sehr und Maria störte sich nicht an Franks Eigenheiten und seiner Zurückgezogenheit.

Vor etwa 5 Jahren begannen dann die Probleme. Ganz schleichend, sodass heute niemand ganz genau sagen könnte, wann es wirklich ernst wurde. Frank hatte auf einmal des Öfteren Schnittwunden. Über Wochen hinweg war seine Hand bandagiert, so dass er jede Kleinigkeit nur noch mit Links ausführen konnte. Er war ja Linkshänder, dennoch bereiteten ihm das Duschen oder das Anziehen größere Probleme. Helfen durfte man Frank nicht. Er bestand auf seiner Selbstständigkeit. Und kaum waren die Schnittwunden geheilt, hatte Frank etwas Neues. Mal brach er sich bei einem Treppensturz das rechte Handgelenk. Mal waren es zwei Finger der rechten Hand. Mit der Folge, dass Frank fast zwei Jahre lang seine rechte Hand kaum benutzen konnte, da sie eingegipst, bandagiert oder geschient war. Am Anfang fand es Maria noch süß. Ihr Frank der Tolpatsch. Doch dann häuften sich die Diskussionen. Weil Maria helfen wollte und nicht durfte. Oder sie machte ihm seine scheinbare Tollpatschigkeit zum Vorwurf. Später schwiegen sie sich immer öfter an. Maria wollte nicht immer angeschrien werden und Frank wollte seine Ruhe. Folglich trennten sich beide. Aber trotz all der Brüche und Schnitte und Streitigkeiten mit Maria war Frank immer glücklich. Glücklicher als vorher.

Frank grub sich dennoch zu Hause ein und hockte jeden Abend vor seinem Monitor. Im Internet stieß er nach langem Suchen endlich auf eine Seite, die ihm Hoffnung gab. Der stechende Schmerz in seinem Handgelenk war fast unerträglich. Frank nahm keine Schmerztabletten, denn er wollte den Schmerz spüren. Er hatte dafür seine Gründe.

Frank hatte einen Termin bei einem scheinbaren Spezialisten. Nervös nahm er Platz und berichtete, dass er seine rechte Hand hasst und sie aus diesem Grund amputiert werden muss. Der Spezialist war schockiert und riet Frank zu einer Therapie. Schließlich könne einem Menschen doch keine gesunde Hand einfach amputiert werden.

Von nun an kämpfte Frank gegen Windmühlen. Ihm war klar, dass er nur dann vernünftig und zufrieden leben könne, wenn seine rechte Hand endlich weg wäre. Sie war für ihn ein Fremdkörper. Sie war es schon immer. Sie musste weg!

Doch niemand nahm ihn wirklich ernst. Die Experten wollten ihn therapieren. Kein Arzt erklärte sich bereit, eine derartige Amputation vorzunehmen. Frank las im Internet von anderen Menschen, die in ihrer Verzweiflung ihr Bein in Trockeneis gepackt hatten, damit durch die Erfrierungen endlich eine medizinische Indikation für eine Amputation vorliege.

Frank wollte das nicht. Er wollte, dass sein Anliegen ernst genommen wird. Er hatte keine Meise oder war gestört. Also vielleicht ja doch, aber sah für sich nur den einen Ausweg. Und er verzweifelte fast an dem System. Er telefonierte viel und schrieb unzählige Briefe. Er wurde zum absoluten Spezialisten der sogenannten Body Integrity Identity Disorder und musste sich vom System ständig anhören, er habe doch einfach keine Ahnung.

Irgendwann nahmen sie zumindest seine Leidensgeschichte ernst. Was auch damit zusammenhing, dass Frank immer häufiger die Geduld verlor und in Besprechungszimmern schrie: „Dann mach ich es eben selbst! Ich stell mich mit einer Axt vor ein Krankenhaus und hacke sie mir selbst ab.“ Aber die Störung sei mit einer Therapie und den richtigen Medikamenten zu beheben. Er dürfe sich nur nicht dagegen sträuben.

Im letzten Jahr stellte Frank den Kontakt zu einem Arzt in Süddeutschland her. Innerhalb kürzester Zeit war man sich einig.

Vor fast genau einem Jahr verlor Frank seine Hand, aber gewann endlich sein Leben.

Die Leute in seinem alten Leben, die die Wahrheit kennen, wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Für die vielen neuen Freunde ist Frank einfach der, der seine Hand bei einem Unfall verloren hat.

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    The homedepot survey valuable name among the people

    10.08.2018, 16:08 von dulevot
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Site your delivered this kind of manner is rare to see

    thanks a lot

    10.08.2018, 09:20 von Krishna23
    • Kommentar schreiben
  • 0

    It is the best platform to use sing the most commend to see file forever it is the uploaded by the microsoft users get here my computer desktop windows 10 set the icon to screen of desktop and have the short cut to near you forever.

    07.04.2018, 09:36 von Playgame123
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein guter Text, um auf diese Störung hinzuweisen. Ich kann Franks Wunsch zumindest nachvollziehen.

    25.05.2011, 18:28 von Songline
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Es gibt Störungen... Da fällt mir nix zu ein...

    Und Linkshänder auf rechts ziehen zu wollen, halte ich für Körperverletzung...

    25.05.2011, 14:04 von sailor
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare