Besuch bei der Zahnfee
Ärzte sind ja so eine Sache für sich aber um manche kommt man einfach nicht drum herum zum Beispiel wenn man seinen Zahn in Stücke zerlegt hat.
Also wähle ich lustlos die Telefonnummer von dem Arzt meines Vertrauens. Anrufbeantworter, noch mal Glück gehabt, in dem Moment klackt es als ich gerade auflegen will und die nette Sprechstundenhilfe ist dran. Wenn ich nur sie besuchen müsste wäre ich nur halb so aufgeregt. Nach 3 unruhigen Nächten betrete ich das Wartezimmer und bin schon nach kurzer Zeit sichtlich genervt. Gegenüber sitzt eine Türkin mittleren Alters vielleicht auch jünger und wirft mir finstere Blicke zu, als würde ich ihr in den nächsten Minuten sämtliche Zähne entreißen und in meinem Zahnfeekostüm lachend davon fliegen.
Ich versuche mich abzulenken in dem ich in eine andere Richtung schaue und stelle fest, dass dies auch keine bessere Wahl ist. Neben mir sitzt ein älterer Herr dessen Augen ganz trüb sind und diese starren ins Nichts. Mein Blick schweift Augenblicklich zur Tür als diese mit lauten Poltern aufgezogen wird. Ein Mann Mitte 40 betritt den Raum, einer der es wichtig hat „Ach da bist du ja Vater“ ruft er laut und setzt sich neben den trüben Blick. „Wartest du schon lange?“ fragt er erneut und seine aggressive Stimme hallt im ganzen Raum. „Nein, Nein“ sagt der alte Herr und starrt auf den Boden. Meine Blicke untersuchen seinen Sohn. Er hat dunkles Haar, einen grauen Trenchcoat unter dem er einen Anzug trägt, am Anzug befestigt ist ein Schild auf dem in großen Buchstaben Bosch steht. Ach so einer ist das also. Wir sitzen nun zu viert im Raum. Herr Bosch hat sich eine Zeitschrift geholt irgendwas mit Autos. Hab ich mir schon fast gedacht, dass so einer nichts Ordentliches lesen wird aber wenigstens ist es wieder still. Ich muss mich räuspern und denke ich hätte mir etwas zu trinken mitnehmen sollen. Bei Wartezimmerszenarien werde ich immer nervös, die Stimmung ist so angespannt, dass ich es fast nicht wage zu atmen, wie kann ich da die Dreistigkeit besitzen laute von mir zu geben die den Lärmpegel von einem Dezibel übersteigen? Auf dem Zeitschriftenregal, steht eine Wasserflasche von Aldi und neben ihr ein paar Pappbecher. Die Flasche zischelt mir zu „Hey wenn du Durst hast, dann schraub mich doch auf und erleichtere dich? Wofür steh ich denn hier rum?“ Doch ich verwerfe den Gedanken schnell wieder als das Behandlungszimmer aufgeht und die Sprechstundenhilfe einen Namen in die Runde wirft. Ich müsste Lügen welcher Name dies gewesen wäre, war ich doch gerade in Gedanken eine begnadete Journalistin beim Stern. Auf jeden fall springen der alte Herr und der Bosch Mann gleichzeitig auf, das sind also diejenigen die diesen Namen tragen. Die Situation eskaliert sie können sich nicht einigen wer zuerst das Zimmer betritt, sie verlieren den Verstand und verprügeln sich. Nein Quatsch. Der jüngere huscht schlagartig ins Zimmer und die Tür hinter ihm verschließt sich. Wieder warten. Von außen höre ich wie die blonde Sprechstundenhilfe laut einen neuen Termin vereinbart, sie spricht wohl mit einer alten Person, die nicht mehr gut bei Gehör ist. Ich behalte recht, eine alte Frau betritt den Raum, sie sieht so hilflos aus. Kann kaum stehen und müht sich dabei ab ihre Jacke von der Garderobe zu zerren. Ich habe das Bedürfnis aufzustehen und ihr dabei zu helfen aber irgendetwas hält mich davon ab. Was ist wenn sie meine Hilfe gar nicht willl, weil sie ihre Schwäche nicht eingestehen möchte? Sie hält die Jacke bereits in ihren Händen und keucht von der Anstrengung die sie gerade hinter sich gebracht hat. Die Tür bleibt offen stehen und Herr Bosch betritt erneut den Raum und wechselt sich mit seinem Vater ab. Dieses Mal sagt er aber kein Wort, der Arzt hat ihn wohl ruhig gestellt, sei ihm gedankt dafür. Mittlerweile wurde auch die Frau mit der Zahnfee Paranoia ins Behandlungszimmer gerufen.
Mein Blick schweift zu meiner Uhr und ich stelle mit erschrecken fest, dass ich schon eine geschlagene Stunde in diesem kleinen stickigen Zimmer sitze. Ist nicht gleich Mittagspause? Komme ich überhaupt noch an die Reihe oder wurde ich vergessen, weil ich ein hoffnungsloser Fall bin den man nicht mehr behandeln kann und nur noch eins hilft? Nämlich ein Gebiss. Gerade als ich nervös an meinen Fingernägeln kauend mir ausmale wie Dr. M mich betäubt und mir genüsslich alle Zähne entfernt, steht er in der Tür und winkt mich zu ihm. Okay die Vollstreckung beginnt nun also verabschiedet euch von eurem Leben liebe Zähne. Ich stelle meine Tasche auf diesen grauen Plastikstuhl, dessen Verwendungszwecke ich bis heute nicht verstanden habe und lege mich auf die Liege, gleich ja gleich ist es soweit.
Aber Pustekuchen! Ich werde mit einem freundlichen Lächeln begrüßt öffne meinen Mund brav weit und er sagt „Danke, das war es auch schon“ ich starre ihn ungläubig an und stammele mit Nachdruck ein „Wie bitte?“
Nach kurzer Pause erklärt er mir, dass ich eine Krone brauche die ungefähr so viel kostet wie ein neuer Kleinwagen. Ich stehe auf verabschiede mich belämmert und denke da habe ich ja gerade noch mal Glück gehabt. Zumindest bis zum nächsten Termin, aber der ist ja Gott sei Dank erst im Februar und bis dahin ist es noch sehr, sehr lange hin.






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