TTTT 25.07.2007, 21:40 Uhr 3 1

Bei uns ist alles anders

Das war es schon immer, denn mein Papa war Hausmann und war immer da für mich. Jetzt muss ich da sein für ihn

Seit ich denken kann ist meine Familie anders und ich bin anders, denn meine Eltern kommen aus Vietnam. Mit fünf habe ich habe ich mir blonde Haare gewünscht und die Jahre zur Volljährigkeit gezählt um mich in „Jennifer" umzubenennen. Wir sind und waren alles andere als typisch in irgendeiner Weise.
So auch meine Eltern, denn meine Mama hat immer viel gearbeitet, während mein Papa meine Schwester und mich täglich irgendwo von der Schule abholte, Mittag machte und zur Musikschule chauffierte. Bei Papa gab es alles was man sich wünschte: Spaghetti zum Mittag und Benjamin Blümchen im Auto. Bei Mama gab es nur Nachrichten im Radio. So bin ich groß geworden, ausgezogen und habe angefangen zu studieren.
Ich glaube meine Eltern vermissen es sehr ihre Kinder zu Hause zu haben, besonders mein Papa ist allein, vor allem mittags.
Meine Schwester und ich sind alles für meine Eltern. Und manchmal glaube ich meine Schwester und ich haben zu Hause ein Loch hinterlassen, das traurig macht und so sehr klafft, dass man davon krank werden kann.

Es war nach den Klausuren als ich zu Hause anrief und meine Mutter meinte ich soll nach Hause kommen, weil Papa krank ist. Die Party lief und ich ignorierte das mulmige Gefühl, denn mein Papa war noch nie richtig krank.
Verkatert machte ich mich auf den Weg am nächsten Morgen und erwartete, dass alles bald wieder ok ist.
Mein Papa sah wirklich nicht gut aus als ich ankam, aber was er hatte verstand ich nicht wirklich. Er selbst nicht und sonst auch keiner. Tage vergingen mein Papa taperte durch die Gegend und je mehr ich das mulmige Gefühl unterdrückte, desto größer wurde es. Dennoch fuhr ich Mittwochmittag wieder, denn es war noch was für die Uni zu tun und ich war froh weg zu kommen vom mulmigen Gefühl und meinen Eltern.

Schneller als ich dachte wurde ich eingeholt, denn am Abend erfuhr ich, dass mein Vater auf der Intensivstation lag. Was er hatte, das wusste keiner.
Aber mein Papa sah besser aus als die Woche davor und munterer. Also waren wir froh, als er auf die normale Station verlegt wurde und sonntags zum Frühstück Croissants verlangte.

Meine Schwester fuhr allein hin an diesem Sonntag und als das Telefon klingelte, war alles anders. „Papa geht es schlecht, er atmet nicht, komm schnell!"
Es war alles wie im Fernsehen: Schläuche, Ärzte und jemand dem es sehr schlecht ging, nur dass das mein Vater war, der so da lag und mich nicht erkannte. Meine große, sonst starke Schwester weinte und die Ärztin meinte sie könnte nicht länger warten. Ich stimmte zu ohne etwas zu wissen. Meine Mutter kam und der Oberarzt auch.
Tage vergingen, ich saß dort auf der Intensivstation hielt seine Hand, hörte dem Gepiepse zu und zuckte jedes Mal wieder zusammen. Mein Papa „schlief", wie es die Ärzte sagten und pumpten ihn mit allem zu was es gab. Ich wollte nicht mehr gehen und wieder flüchten vor der Angst, also saß ich dort jeden Tag.
Irgendwann ging es aufwärts, weniger Medikamente, denn endlich war das Richtige gefunden, mein Papa atmete allein und erkannte mich. Doch alles andere konnte er nicht allein. Nur sehr langsam bewegte er sich und baute alles auf was er vorher verloren hatte.
Jeden Tag kam er mehr zurück ins Leben, er brauchte mich, meine Schwester und meine Mama. Um liegen zu bleiben, ins Bett zu kommen, zu schlafen, zu essen, aber auch seine Lieblings-CDs standen zu weit weg. Die Krankschwestern verstanden ihn und sein Wünsche nicht oder hatten keine Zeit. Im Krankenhaus muss alles im Rhythmus ticken, alles andere fällt hinten runter. Dort konnte ich meinen Papa nicht alleine lassen, denn er war doch so hilflos.

Dann kam die Reha und die täglichen 75 km hin und zurück. Immer noch konnte ich nicht anders. Es musste sein, ich musste da sein. Jeden Tag. Bis ich in die USA fliegen musste, denn es war ja noch was für die Uni zu tun.

Weit weg von zu Hause. Das schien erst sehr erleichternd, denn es lagen drei schwere, anstrengende und traurige Monate hinter mir. Ich habe wenig geschlafen, viel geweint und Angst gehabt. Mit fünf wollte ich nie zu Hause versauern, Reisen und meine Eltern fern haben. Zum ersten Mal war es anders:
Es fiel mir schwer zu gehen, ich musste meinen Papa alleine lassen und konnte nicht da sein für ihn. Ich konnte keine Spaghetti zum Mittag mitbringen.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Dann hoffe ich das es deinem Vater wieder besser geht...

    ...schöner Artikel

    29.11.2008, 12:17 von TajAway...
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Hmmm schlimme Situation, aber ich habe viel gelernt daraus. Wenn man ganz unten war kann man den Moment oben noch mehr genießen.

      danke für die Komplimente!

      29.02.2008, 00:41 von TTTT
  • 0

    mh.. schön beschrieben... anders ist auch immer irgendwie besonders

    29.10.2007, 21:38 von Grashuepferin
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