Ursel 20.10.2010, 12:46 Uhr 2 2

Augenrot

Und du wirst morgens wach und nichts erscheint dir eine größere Hürde als aufzustehen.

Das Leben ist heute wieder mal gegen dich und dir grault es vor deinem beschissenen Spiegelbild. Und es grault dir vor deinem Leben und du ziehst die Decke ganz weit ins Gesicht. Doch irgendwann fällt dir ein, dass es doch bestimmt noch einen besseren Weg gibt sich schlecht zu fühlen.
Du greifst neben dich und machst dir erst mal mit geschlossenen Augen eine Zigarette an. Kaffee denkst, es ist zwar schwer aufzustehen und einen zu kochen, aber das wunderbare Gefühl, auf leeren Magen einen schwarzen Kaffee zu trinken ist zu verlockend. Du kriechst also aus deinem Bett, bloß nicht strecken, denkst du, bloß nicht räkeln. Steif bleiben fühlt sich so wunderbar krank an.

Der erste Schluck zieht deinen Magen zusammen und der Rauch des filterlosen Tabaks gibt dir einen astreinen Drive für den Rest des Tages, du belügst dich selbst, weil du dir einredest, gleich, gleich fange ich schon an, mit meinem Leben. Hast doch immer perfekt gelebt davon, mehr zu sein, als du bist, denkst du.

Heute wirst du nach so langer Zeit mal wieder allein sein, deine Freundin ist übers Wochenende weggefahren und du hast schließlich einen Grund dich schlecht zu fühlen, die Arbeit kann warten.
Es könnte sich ergeben, dass du beachtliche ungeahnte tiefen von Einsamkeit erlebst.

Aber zuerst, zuerst schläfst du nochmal ein. Kaffee und Zigaretten und das Leben im Allgemeinen machen ja müde. Es ist 15 Uhr als du wieder wach wirst und siehst wie es draußen bei Tauwetter schneit. „Ha“, denkst du, „hab ich doch gewusst, dass heute alles gegen mich ist.“
Und du, du bist auch gegen dich.

Lustlos gehst du ans klingelnde Telefon, ach klar ja, du freuest dich bestimmt auf die Verabredung, bis heute Abend sei alles wieder gut - belügst du dich und mich. Und fragst dich, ob es schon Zeit genug ist für dein erstes Bier und hasst die Menschen dafür, dass sie dir vorschreiben wollen, wann es Zeit ist.
Es ist deine Zeit und du musst ja schließlich wissen, wann du was machen möchtest und heute, heute ist der Tag, an dem du dich nicht ertragen kannst, an dem du nicht ertragen kannst, dass es Menschen gibt, denen du etwas bedeutest.
Du hasst dich selbst dafür und gehst zu deinem Nachbarn, der hat bestimmt etwas Härteres als Zigaretten und Bier und Gras. Wenigstens der, denkst du, wenigstens der enttäuscht dich nie.

Dein Telefon klingelt erneut und ich sage dir wie sehr ich mich auf den Abend freue und ich überhöre in meiner grenzenlosen Naivität, all das, was du mir sagst, klar das Wetter ist gegen dich und Mensch, immer diese Menschen, die etwas von dir wollen und all die sozialen Kontakte, die vielen Freunde, dein Leben ist wirklich schwer zu ertragen. Und so richtig Antrieb hättest du nicht, aber freuest dich sehr auf den Abend - ich denke mit mir und du denkst mit dem braunen Zeug auf deinem Küchentisch.

Meine Laune ist komisch nun, weil mein Unterbewusstsein wohl irgendwie spürt was mit meinem besten Freund los ist und ich denke ich kriege bestimmt meine Tage.

Gegen 6 rufst du mich an, es täte dir so unendlich leid und du wüsstest auch nicht was los ist und manchmal hättest du solche Tage und du könnest auf gar keinen Fall jetzt jemanden in deiner Nähe ertragen und du fühlest dich so schlecht und wüsstest auch nicht was los ist und du seist ein egoistisches Arschloch, dass wüsstest du auch, aber du könntest nun mal nicht anders heute, als alleine sein. „Musst du heute wieder?“, frage ich. „Nein“, sagst du, „quatsch, es geht nur ums alleine sein.“
Und du hasst dich dafür und ich irgendwie auch, weil du mich anlügst. Wenn du den Menschen, die dir Nahestehen weh tust, hast du ja auch einen Grund dafür, dich zu hassen, denkst du und greifst zu einem Bier.

Ich weine, weine um dich, weil ich ahne was du vor hast, weine um mich, weil ich ahne, was ich vorhabe und mich ins Auto setze. Die Sinnlosigkeit meines Vorhabens ist mir eigentlich klar, aber ich kann dich doch nicht einfach lassen. Ich kann doch nicht so tun als wüsste ich nicht. Viel zu schnell komme ich bei dir an und klingle an deiner Tür, es brennt Licht, ich weiß, dass du zu Hause bist, ich weiß, wie du da jetzt liegst, halb totgeschlagen von der Dunkelheit in dir, und ich weiß auch, dass du mir nicht aufmachen wirst. Wenn ich all das nicht wüsste, wäre ich mehr umsonst hier, als ich sowieso bin.
All das weiß ich und rufe dich verzweifelt an, dein Nachbar macht die Tür auf und schaut mich mit stecknadelkopfgroßen Augen an: „Ach, der liegt bestimmt in der Wanne“. Ich hasse ihn für seine Augen und für seine Großzügigkeit, lieber etwas abgeben, dann ist man ja nicht alleine mit all dem Müll im Blut.

Ich stehe vor deiner Tür, fühle mich abgewiesen, fühle mich verraten und habe Angst. Angst um dich, weil ich mir vorstelle, wie du in deiner Badewanne ertrinkst, Angst um mich, weil ich mir vorstelle, wie ich an meiner Verzweiflung ertrinke, Angst davor, dass das Leben wirklich beschissen ist und nicht zu ertragen.

Du hingegen hast gerade das Gefühl von Watte um dich herum, von Kontrolle, bist froh, dass es aufgehört hat zu klingeln an deiner Tür. Du bist einfach zu zart besaitet und schaffst dir eine Art "heile Welt" ohne Trauer und heftige Gefühle, um zu überleben und nicht einfach alles hinzuschmeißen und von der nächsten Brücke zu springen, aber mit dem Herzen Sehen, kannst du nicht. Du bist glücklich für die nächsten Stunden.

Am nächsten Tag hast du einen Grund nicht aufstehen zu können, hast einen Grund, dass dein Körper steif ist, hast einen Grund, dich und die Welt zu hassen, und mich, weil ich dir geschrieben habe, dass ich raus bin aus deinem Leben. Du kriechst aus deinem Bett und schaust dir dein beschissenes Spiegelbild an. Du siehst schlimm aus, weil dein Leben zur Strafe Herzblut in deine Augen kippt.

Ich werde wach und habe einen Grund die Welt zu hassen und mich, und weil ich dir geschrieben habe, dass ich raus bin aus deinem Leben und die ganze Nacht geweint. Ich krieche aus meinem Bett und schaue mein beschissenes Spiegelbild an, ich sehe schlimm aus, weil mein Leben zur Strafe Herzblut in meine Augen kippt.

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2 Antworten

Kommentare

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    Krass gut.

    20.10.2010, 17:58 von singlefaehig
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    gefällt... sehr :)

    20.10.2010, 13:10 von Zuckerwatte26
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