Affären waren nicht ihr Ding
Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.
Seltsam. Dieser Tag im August. Es waren nur noch wenige Wochen bis zu meinem Examen. Sie trat in mein Leben, ohne sich vorher einmal zu melden. Aber ihr plötzlicher Auftritt zeigte Wirkung: Es fühlte sich an, als hätte ich fünf Minuten vor dem Ende einer Prüfung eine weitere Seite mit Aufgaben entdeckt. Ich sprang auf und ging nach Hause, aber sie folgte mir – und blieb.
Mehr als zehn Jahre. Sie kleidete sich verstörend und ließ dadurch regelmäßig meinen Puls rasen. Zuhause saß sie tagsüber ruhig da und wartete auf ihre Chance, mich in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Sie bedrängte mich im Bus, im Kino, in der Kneipe. „Raus, raus, du musst raus. Oder willst du dich hier übergeben?“, hörte ich sie mit einer Stimme sagen, die keinen Widerspruch duldete. Nachts weckte sie mich immer und immer wieder kurz vor dem Einschlafen. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte. Affären waren nicht ihr Ding.
Sie flüsterte hinter meinem Rücken, lästerte, intrigierte. Nahm mir die Luft, lies mich durch einen Strohhalm atmen und zeigte mir, wie man korrekt hyperventiliert. Schickte mich zum Erbrechen auf die Toilette und wachte ungeduldig vor der Tür. Nicht mal mehr Kaffee ließ sie mich in Ruhe trinken. Dafür hielt sie nach zwei, drei Bier endlich die Klappe.
Meine Freunde sahen uns beide an, als hätte sie mir eine dritte Hand auf den Hinterkopf genäht. Hilft den Klodeckel zu halten, sagte ich entnervt. Meinen Eltern erschien sie völlig fremd, sie war zu durchgedreht für deren rationale Welt. Sie gaben kurze, klare Befehle, um meine komplizierte Beziehung zu ordnen: kein Kaffee mit ihr. Entspannen.
Nach einigen Jahren änderte sie ihren Stil. Ihr schwarzes Äußeres beeindruckte mich und brachte mich zum Nachdenken. Und ich machte mir Gedanken. Viele. Wie die nassen Klamotten beim Kleiderschwimmen hingen diese an mir. Spontane, schnelle Bewegungen waren passé, und gesehen werden wollte ich darin auch nicht. Man konnte damit im Bett liegen und fernsehen – aber auch das fühlte sich nicht gut an. Sondern mumienähnlich.
Es dauerte, bis unsere Beziehung endete. Viele gemeinsame Jahre hatten wir hinter uns. Wir hatten uns gezankt, bekämpft und schließlich so aneinander gewöhnt, dass wir einander immer weniger wahrnahmen. Im Bus, im Kino, in der Kneipe. Dann verließ sie mich. Ohne dass ich es merkte. Ohne ein Wort. Der Alltag hatte uns zermürbt. Danke, Alltag.
Tags: Panikattacke, Depressionen



Kommentare
Warum hast du das jahrelang brav mitgemacht?
09.08.2012, 19:03 von forstHmmm...vielleicht kommts im Text nicht ganz rüber...aber einer Panikattacke ist es bis zu einem gewissen Grad egal, ob ich mich gegen sie wehre.
10.08.2012, 09:44 von tom13Is jetzt natürlich unproduktives Hättehättste von mir, aber gerade wenn du Jahre damit kämpfst, haste da nich ne Behandlung in Erwägung gezogen?
10.08.2012, 09:49 von forststimmt schon, aber leider meint man manchmal besser Bescheid zu wissen als ein Arzt. Ich war beim Psychiater, aber leider nicht bei einer Verhaltenstherapie. Das ist das Tückische an dieser Art von Krankheiten: Sie bleiben lange unbehandelt und verschlimmern sich - bis man auf den Endgegner Depression trifft. Bei jeder Erkältung rennt man dagegen sofort zum Arzt.
10.08.2012, 10:12 von tom13Verstehe. Danke für die Antwort.
10.08.2012, 10:22 von forst