traenchen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 36 0

37 Kilo

Ich hatte keine Gefühle mehr. Ich fühlte außer Haß auf diesen abstoßenden und hässlichen Körper nichts mehr, war innerlich kalt und leer.

Wie viele Mädchen im fand ich mich immer zu dick. Heute kann ich sagen, ich war nicht dick, denn 55 Kilo bei einer Größe von 1,65 kann man nun wahrlich nicht als Übergewicht bezeichnen. Ich war depressiv, verkroch mich immer Zuhause, hatte kein Selbstbewusstsein und wohl ziemlich viele Minderwertigkeitskomplexe. Irgendwann fing ich an abzunehmen. Ich war stolz auf mich und meinen neuen Körper. Rank und schlank wurde ich, mein Selbstbewusstsein stieg mit jedem verlorenen Kilo. Das Gefühl des Hungerns und die Kontrolle darüber zu haben, nicht zu essen, versetzte mich in einen Glückszustand. Physiologisch gesehen ist diese Reaktion normal. Auf Hungergefühle reagiert der Körper nach einiger Zeit, wenn der Hunger nicht gestillt wird, mit der Ausschüttung von Endorphinen um den (Hunger-)Schmerz zu unterdrücken. Ähnliche Glücksgefühle lassen sich auch während Fastenkuren beobachten.

Allerdings kippte meine Stimmung irgendwann wieder. Ich war in einer Sucht gefangen und dies wurde mir mit voller Wucht bewusst. In meinem Kopf drehte sich alles um Essen und Nichtessen und darum die Kalorien, welche ich unter der Aufsicht meiner besorgten Eltern wohl oder übel zu mir nehmen musste, durch Bewegung wieder zu verbrennen. Ich fror ständig, verbot mir das Stillsitzen und wenn ich schon sitzen musste, dann auf der Stuhlkante, damit an meinem Hintern auch ja kein Fett ansetzen konnte. Wenn ich las, lief ich durch die Wohnung und selbst beim fernsehen machte ich noch Gymnastik. Irgendwann bekam ich vor jeder Mahlzeit eine Panikattacke und einen Heulkrampf, wollten mich meine Eltern zu einem Bissen mehr überreden. Ich konnte nicht mehr rational denken, jedenfalls nicht wenn es um mich und meinen Zustand ging. In der Schule hatte ich so gute Noten wie nie zuvor, ich flüchtete mich ins Lernen. Irgendwann fingen meine Zähne im Kiefer an zu knacken und als ich eines Abends im Bett lag und mein Herz unregelmäßig schlug, bekam ich Angst und dachte das ist jetzt das Ende. Sterben wollte ich nie, ich wollte mich einfach nur bestrafen, für diesen hässlichen Körper, mein Dasein, mein ganzes trauriges Leben. Der Hungerschmerz übertönte meinen inneren Schmerz, wie ein Schrei drückte ich meinen innerlichen Druck mit meinem abgemagerten Körper aus.

Wie kann man in 4 Monaten 18 Kilo verlieren? Die Magersucht ist in dieser Hinsicht noch relativ unerforscht, auch die Ursachen und Auslöser dieser Krankheit lassen Fragen offen. Fest steht, dass sicher eine genetische Disposition dazu beiträgt, manche Menschen durch eine harmlos beginnende Diät direkt in eine gefährliche Magersucht zu katapultieren. Hinzu kommen soziale und psychische Faktoren, welche schließlich zur totalen Verweigerung der Nahrungsaufnahme beitragen. Gesund ist solch ein schneller unnatürlicher Gewichtsverlust für den Körper auf keinen Fall. Ein Arztbesuch brachte bei mir die Wahrheit zutage: Das Blutbild fast nicht mehr rekonstruierbar und meine Organe drohten zu versagen. Es war sehr erniedrigend mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren zu werden. Von da aus ging es sofort weiter in die Psychiatrie nach Würzburg. Dort legte man mir eine Magensonde und Infusionen, um alle lebenswichtigen Funktionen aufrecht zu erhalten. Mir war zu dem Zeitpunkt alles egal. Ich fühlte mich zu schwach um zu protestieren und irgendwie war ich auch froh die Verantwortung für mich abgeben zu können, ja eigentlich hatte ich die Kontrolle ja schon längst verloren. Die Ärzte und Schwestern setzten alle Hebel in Bewegung, damit ich überlebte. Das erschreckte mich und es war mir fremd im Mittelpunkt zu stehen.

Sechs Wochen musste ich im Bett liegen, wurde über die Sonde ernährt, durfte mich nicht bewegen und musste zunehmen. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht mehr viel aus dieser Zeit, was wohl daran liegen mag, dass man mich zwei Wochen mit Valium und Antidepressiva vollgepumpt hatte. Nach dem Absetzen des Valiums und meinem Erwachen aus dem angenehmen, ständigen Dämmerschlaf hatte ich dann viel Zeit zum Nachdenken.
Anhand der Reaktionen der Ärzte, meiner Eltern und Freunde, die alle irgendwann aus dem Nebel an meinem Bett auftauchten, begriff ich dann langsam wie nah ich am Tod vorbeigeschrammt war. Die besorgten Gesichter meiner Familie und meiner besten Freunde, ihr Weinen wenn sie mich da liegen sahen inmitten der Schläuche, berührte mich und ich fühlte mich unheimlich schuldig und schlecht ihnen das anzutun. Meine Arme waren so dünn, dass die Adern oben auflagen und blau durch die dünne pergamentähnliche Haut schimmerten, die Einstiche der Spritzen und Infusionsnadeln hinterließen schlecht verheilende Wunden und blaue Flecken, mein spitzes Gesicht, meine Streichholzbeine, mein eingefallener Bauch, „mein Gesamtkunstwerk“, ein stiller Schrei, ein Hilferuf.

Ich, die mich nie getraut habe eigene Ansprüche geltend zu machen, mich immer im Hintergrund gehalten und eigentlich nie großartigen Ärger verursacht hatte, oft zurückgestecken musste, bediente mich instinktiv dieses Mittels, um aus meinem inneren Gefängnis auszubrechen, meinen Schmerz loszuwerden, mich abzureagieren. Ich wollte keinem damit schaden, also lies ich es an mir aus. Dass ich am Ende damit auch wieder andere Menschen treffen sollte, damit hatte ich nicht gerechnet und es war mir sehr unangenehm.

Mit den Jahren habe ich gelernt mit meinen inneren Schmerz auf andere Weise umzugehen. Ich lasse meinen Körper in Ruhe, aber bis ich dahin gekommen bin, habe ich noch einige Zeit damit vergeudet zu hungern und mich vor der Welt zu verstecken. Irgendwann habe ich angefangen und bin unbequem für meine Umgebung geworden. Ich habe gesagt was mich stört, einengt, nervt und kritisiert. Es war erschreckend daraufhin Abweisung zu erfahren. Jetzt wo ich nicht mehr so funktionierte wie man es von mir erwartete wendeten sich einige Leute von mir ab, die mit meinem neuen Selbstbewusstsein nicht klar kamen. Ich verlor Freunde und auch mein Vater distanzierte sich immer mehr von mir. Heute weiß ich, dass ich viel Schmerz und unverarbeitete Erlebnisse von ihm unbewusst übernommen hatte. Als ich Kind war, erlebte ich ihn nur im alkoholisierten Zustand. Für mich war das normal und für ihn war es die einzige Möglichkeit mit seinem eigenen Schmerz und seiner Wut klarzukommen. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich nicht böse bin, wenn ich meine Rechte einfordere oder meine Meinung loswerde. Dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss wenn ich kritisiere, streite, diskutiere, ich habe den Sarkasmus für mich entdeckt und meine große Klappe. Und ich bin stolz darauf.

Es war ein langer Weg bis dahin wo ich heute stehe. Ich bin stärker geworden, habe mich durch viele Therapien gequält und dadurch immer besser kennengelernt. Ich glaube mein Weg hat meine Persönlichkeit geformt. Ich bin durch das, was ich mir angetan habe, dadurch dass ich schon einmal ganz unten war, und durch die Erfahrung der Hilfe die mir gegeben wurde bis ich meinen Weg wieder alleine gehen konnte, gewachsen. Ich habe keine Angst mehr vor dem Leben, denn schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ich habe Erfahrungen gesammelt, viele (kranke) Persönlichkeiten kennnengelernt, Schicksale gesehen, in menschliche und psychische Abgründe geschaut, Freundinnnen an diese verdammte Magersucht verloren, aber auch Heilung gesehen, wieder entdeckte Lebensfreude geteilt und jahrelange Freundschaften geschlossen.

Ich versuche nun dafür zu kämpfen, das öffentliche Bild der "Klapse" in den Köpfen der Menschen auzubrechen, konfrontiere die Menschen damit dort gewesen zu sein, und das sogar mehrmals. Ich denke mit viel Dankbarkeit an diese Zeit zurück. Mir wurde dort ein Raum gegeben, den ich mir selber schon lange nicht mehr eingeräumt hatte, ich wurde aufgefangen, mir wurde fehlende Zuwendung und Anerkennung geschenkt. Klar, es war oft hart und ich habe mich genauso oft auch eingesperrt und in meines freien Willen beraubt gefühlt. Und doch war die Zeit dort auch immer eine Zeit des Aufbruchs, des Wiederentdeckens des zugeschütteten Ichs, die Freiheit die eigene Persönlichkeit neu zu entdecken und zu erkennnen wer ich eigentlich bin, ohne mein erdrückendes Umfeld.

Ich denke nicht dass die Jahre des Hungerns verlorene Jahre waren. Eigentlich bin ich dankbar dass alles so gekommen ist, denn sonst wäre ich jetzt nicht die die ich bin. Und irgendwie habe ich es auch weitgehend geschafft mich aus dieser verdammten Sucht zu befreien. Ich schlucke immer noch Antidepressiva und gestehe mir dies auch zu, sozusagen als letzte Stütze, die mich vor zu tiefen seelischen Abstürzen schützt. Ich weiß es nicht, aber vielleicht muss ich damit weiterleben, aber dieses Leben ist besser als alles was bisher war.

36 Antworten

Kommentare

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    Hallo traenchen,

    gelungener Artikel zu einem wichtigen Thema, finde ich.
    Erst heute habe ich wieder eine ehemalige Mitschülerin gesehen, die vor zwei oder drei Jahren nach England gegangen ist, um da Abi zu machen. Vor etwa einem Jahr ist sie in unsere Stadt zurückgekommen, weil sie dem Stress wohl nicht gewachsen war und magersüchtig geworden ist. Ich weiß nicht, was sie jetzt macht, da ich auch nie etwas mit ihr zu tun hatte, aber jedes mal, wenn ich sie sehe, hoffe ich, dass sie zugenommen hat. Leider sind ihre Arme immer noch so unglaublich dünn...
    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute!

    Viele Grüße

    07.08.2006, 19:52 von Zara-Mercedes
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    Für Betroffene ein Forum: http://56562.rapidforum.com

    21.06.2006, 14:16 von ana_hh
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    Ein schöner Bericht, auch wenn *schön* wohl das falsche Wort für diese Erkrankung ist! Kann Dich SEHR gut verstehen ... hänge selber in diesem Wahn fest und schaff es einfach nicht!
    Alles Liebe für Dich!!!

    20.06.2006, 16:22 von die_sprotte
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    Bewegender Artikel.

    Auch ich litt an Magersucht. 30 kg in ca. 5 Monaten ist nicht mehr normal. Ich hatte die Kontrolle über mich und meinen Körper, bis ich einen Jungen kennenlernte und daraus - ja mal wieder - keine Beziehung wurde, die Abitur-Klausuren bevorstanden .. Kurz gesagt: Stress kam auf.
    So begann ich wie eine Wilde zu essen und schnell hatte ich das alte Gewicht wieder erreicht. Traurig ist nur, dass es so recht niemand bemerkt hat - nicht mal meien Eltern. Eine Freundin sagte mir nur, ich solle aufpassen, nicht magersüchtig zu werden. Ich bin alleine mit meinen Gedanken gewesen.

    Heute habe ich immer noch mein altes Gewicht und versuche abzunehmen, da mir das wirklich nicht schaden würde - wirklich objektiv gesehen. So ganz will es jedoch nicht klappen. Ich sollte einen Arzt oder Psychologen aufsuchen.

    Oder einfach nur den ersten Freund haben ..

    06.06.2006, 00:34 von de_Sese
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    einen riesiegen respekt habe ich vor deinen mut und deiner inzwischen erlangten ehrlichkeit zu dir selbst.

    05.06.2006, 21:13 von phanaeus
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    Fabelhafter Artikel...
    ich hab selbst eine Bekannte der es ähnlich erging,aber das reicht ja schon ans Extremste
    Ich wünsche dir weiterhin einen starken Willen

    05.06.2006, 20:39 von Anjamaus
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    liebe ...

    ich finde es sehr mutig, wie du über deine geschichte schreibst.

    als ich den artikel las, habe ich mich ein wenig im netz umgeschaut, unb bin gleich auf einige pro ana / mia seiten gestoßen. die bilder und meinungen der mädels haben mich abgestoßen. das traurige an einer essstöung ist, dass man den betroffenen meist erzählen kann, was man will, einsehen werden sie es meistens nicht. im schlimmsten falle wird behauptet, man seie bloß neidisch und solle sich an die eigene nase packen, etc.

    auf deinem weiteren lebensweg wünsche ich dir nur das beste, und hoffe, dass du vor ähnlichen schweren rückschlägen bewahrt wirst.

    ich bewundere deine offenheit und deinen starken willen.

    bewundernde grüße,

    anna

    02.06.2006, 15:18 von peaches_n_cream
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    das mit der werbung neben dem artikel kann man nicht rausnehmen, es sei denn neon würde sich generell dafür entscheiden eine werbefreie seite haben zu wollen.

    oder man nimmt firefox als browser und installiert das plugin addblock. damit kann man diese werbungen selber ausblenden. ich z.b. sehe die gar nicht.

    auch wenn ich den artikel noch nicht ganz zuende gelesen habe und obwohl ich selber auch zwei frauen kenne die magersüchtig waren und eine dritte, die auf dem beste wege dahin ist; deine worte lassen mich kreidebleich werden!

    26.05.2006, 16:21 von AndyG
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