Zwischen Bildungselite und Selbstfindung
Das Experiment Bologna-Prozess und wie eine Generation damit leben muss
Nach dem gemeinsamen Wirtschaftsraum wollten die Länder der Europäischen Union 1999 im italienischen Bologna den Grundstein für den gemeinsamen Bildungsraum legen. Große Visionen trieben die Bildungspolitiker der damals 29 Länder an, als sie die Erklärung unterzeichneten: Schluss mit den unzähligen verschiedenen Abschlüssen. Allein Bachelor, Master und der Doktor sollten in Zukunft vergeben werden und somit einheitliche und vergleichbare Abschlüsse für jeden sichergestellt sein. Mit einem einheitlichen Bewertungssystem könnten die Studenten dann überall in der EU studieren. Studiengänge werden aufgeteilt in Module, für deren Abschluss man eine feste Anzahl „Credit Points“ bekommt. Diese Punkte sollten an jeder Hochschule anerkannt werden. Die Welt, oder besser die EU, würde allen Studenten offen stehen: Ein paar Semester in Heidelberg, dann nach London und den Abschluss in Paris machen –bald kein Problem mehr.
Zehn Jahre nach Beginn des Bologna Prozesses und ein Jahr bevor die Umstellung abgeschlossen sein soll, sieht die Realität jedoch anders aus in der „Bildungsrepublik“ Deutschland, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sie uns gern attestiert.
Die Erklärung von Bologna sieht vor, dass ein Bachelor-Studium zwischen sechs und acht Semester dauern dürfe; in Deutschland sind sechs Semester die Regel. Grund dafür sei häufig das Spardiktat der Bundesländer, die durch Zielvorgaben ihre Hochschulen zwängen schnell, viele Akademiker auf den Arbeitsmarkt zu bringen, so Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, gegenüber der Wochenzeitung „ Die Zeit“.
„Die Folge ist ein völlig überfrachtetes Studium, das keinen Raum mehr lässt für das eigentlich Wichtige (…) mehr Zeit fürs Auslandsstudium, mehr Grundlagenwissen (…).“, meint Harro Müller-Michaels, Germanistik Professor aus Bochum und einer der Väter der Bologna-Reform in „die Zeit“.
Im Land der Dichter und Denker scheint also das humboldtsche Bildungsideal nicht mehr zu gelten. Die Freiheit und Unabhängigkeit der Lehre und der Hochschulen sowie der Grundsatz, dass Bildung mehr sei als nur Ausbildung.
Studenten seien heute mehr „Hamster im Laufrad“ und es wäre bedenklich, dass kaum noch Zeit bliebe für Praktika und der Blick über den Tellerrand, klagt Professor Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes in einem Interview mit „Unicompact.de“.
Über zwei Drittel der Studiengänge in der Bundesrepublik sind schon auf die neuen Abschlüsse umgestellt doch auch in Sachen Mobilität hat die Reform bisher versagt: Laut einer Studie des Hochschul-Informations-System, kurz HIS, aus dem Jahr 2007 gingen nur etwa 15 Prozent der Bachelor-Studenten ins Ausland im Gegensatz zu den etwa 30 Prozent aller Studenten.
Von einem europäischen Hochschulraum könne keine Rede sein, sogar ein innerdeutscher Studienortwechsel sei nahezu unmöglich, so Kempen. Zudem sei das System zur Vergabe der „Credit Points“ in vielen Ländern unterschiedlich und kaum vergleichbar.
Es gibt viel Kritik an der Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland doch von einem Willen zur Nachbesserung hört und sieht man wenig.
In „die Zeit“ sagt Müller-Michaels: „Das haben wir nicht gewollt.“. Eine wohl unbefriedigende Antwort für die zehntausende von Studierenden, die derzeit mit den Auswirkungen der Reform leben müssen, die als Vision begann und an der jetzt sogar ihre Gründerväter zweifeln."Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.zeit.de/online/2008/48/bachelor-kommentar?page=1
http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,576339,00.html
http://www.zeit.de/2007/44/C-Bama-Aufmacher?page=1
http://www.unicompact.de/index.php?id=1439
Tags: Studium






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