Von Ampeln und Sackgassen
Ich bin ein Zombie. Ich denke nicht. Ich fühle nicht. Ich lebe nicht.
Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich die erste Erleuchtung meines Lebens. Mein bester Freund und ich waren auf dem Weg zur Schule. Auf diesem Weg gab es genau eine Ampel, noch dazu eine sinnlose Ampel, da sie die Fußgänger über eine Sackgasse führte, und in Sackgassen ist der Autoverkehr bekanntermaßen nicht besonders dicht.
Diese Ampel war gerade grün, und ich wollte rennen, um noch über die Sackgasse zu kommen, bevor es rot wurde. Mein Freund aber, Tobias hieß er, hielt mich am Ranzen fest. " 'S is' grüüün!" lautete mein logisches Argument, das ihn dazu bewegen sollte, jetzt doch bitte meinen Schulrucksack loszulassen und selbst auch in die Gänge zu kommen.
Tobias aber war ein bisschen schlauer als ich. Er dachte nicht daran, mich loszulassen, sondern meinte: " Ist doch egal. Dann wird es eben rot.", und als ich ihn daraufhin fragte, ob er lieber stehen wolle, setzte er fort:" wir laufen einfach ganz langsam weiter, so langsam, dass es wieder grün ist, bis wir ankommen, dann müssen wir weder rennen noch warten." Den Plan fand ich genial.
Und so geht es mir nach wie vor, obwohl über ein Jahrzehnt seitdem verstrichen ist.
Denn was mein Freund damals sagte, kann man durchaus als weise bezeichnen.
Als Kind musste ich mir nichts merken, aber ich habe alles in meinem Kopf aufbewahrt, und fünf Minuten waren so ewig, dass sie locker ausreichten, um noch ein Spiel anzufangen.
Nun ist es so, dass ich mir scheinbar alles merken soll, und dafür Nichts in meinem Kopf bewahren kann, und dass fünf Minuten maximal als Zigarettenpause zwischen den Verpflichtungen ausreichen.
Noch dazu soll ich mir die unnsinigsten Dinge einprägen, Dinge wie den Limes gegen Unendlich einer bestimmten kubischen Funktion dritten Grades, oder die Nomenklatur von Komplexionen.
Niemand läuft mehr langsam, um mit Absicht -einfach um der Bequemlichkeit Willen- eine Ampel zu verpassen. Je älter ich werde, desto schneller muss ich auch werden.
Ich habe versucht, mir das mit Einsteins Relativitätstheorie zu erklären:
Sie besagt, dass die Zeit im Bezug auf einen Körper umso langsamer vergeht, je schneller er sich bewegt.
Je näher die Menschen also dem Tod kommen, desto schneller werden sie, in der Hoffnung, somit noch ein bisschen länger leben zu können.
Durch diese Einstellung ist es soweit gekommen, dass ich nicht einmal mehr weiß, wofür ich überhaupt rennen soll, wenn man mich ohnehin nicht leben lässt. Müsste ich jetzt sterben, ich wüsste nicht, worauf ich stolz sein soll. "Laura H.- verendet am bitteren Konflikt der Theorie mit der Praxis" würde auf meinem Grabstein stehen, wenn ich einen haben wollte.
Der Begriff "Allgemeinbildung" wird im (in meinem Fall sächsischen) Bildungssystem offenbar falsch interpretiert. Statt allgemein sinnvollem Wissen lade ich mir allgemein vorhandenes Wissen in meine grauen Zellen, so lange, bis ich nur noch Fehlermeldungen sehe: "SYSTEMFEHLER: DER FREIE SPEICHER AUF DEN DATENTRÄGERN OS:C OS:D UND OS:G IHRES GEHIRNS SIND VOLL. Klicken Sie hier, um durch das Löschen nicht mehr benötigter Dateien Speicher freizugeben. [Ignorieren] [Ok] [Datenträger bereinigen] [Problembericht senden]."
Am liebsten würde ich einen richtig, richtig dicken Problembericht senden, aber so wie es aussieht werde ich wohl beim Ignorieren verbleiben müssen. Ob das 'Ok' ist, weiß ich nicht, aber der Datenträger bereinigt sich ohnehin von selbst, gleich nach der zu erbringenden Note. Um Platz für noch mehr Spammails zu machen.
Aber ich will ja studieren, ich will ja Jemand werden, Jemand sein bedeutet mehr sein als man ist, klingt ja wünschenswert; und darum geht es immer so weiter. Ich bin ein Systemzombie, totes Herz, totes Hirn, ich liebe- und lebe nicht, ich folge Algorithmen, und an guten Tagen wird der Rest Leben für den Freitagabend zusammengekratzt und in Tanzbars bei der Garderobe vergessen.
Ich habe Tobias nach vielen Jahren der Abwesenheit neulich im Supermarkt getroffen. Er ist schon in der zehnten Klasse vom Gymnasium gegangen und macht jetzt eine Ausbildung zu einem Beruf, auf den er keine Lust hat.
Wahrscheinlich hat er zu lange bei der Sackgassenampel getrödelt.






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