Verzeih mir, Mutter
Wer sich mit Geisteswissenschaften beschäftigt, der wagt sich in ein Randgruppenstudium. Mutig oder der eigene Karrieresuizid?
Uni Düsseldorf. Das Seminar beginnt. Der Physikstudent nestelt nervös an seiner Butterbrotdose herum. Wie niedlich, eine Butterbrotdose. Sie ist gelb. Wahrscheinlich ist er noch Bettnässer, aber darüber darf man ja keine Witze machen. Ich saß in einem Seminar, das sich "Chinesische Philosophie und Rechtskultur" schimpft. "Wir" klären gerade die Frage: "Was ist Recht, und was bedeutet es?". Ich klärte eigentlich eher gerade die Frage: "Was mache ich hier eigentlich?".
Vor über zwanzig Jahren weihte mich ein älterer Herr, damals war ich fünf Jahre alt, in das offene Geheimnis ein, dass Mundraub nichts unrechtes sei, also rein rechtlich betrachtet. Vergangenes Jahr sagte meine Mutter mir, dass man das nicht macht und gab mir einen Klaps auf meine nach Kirschen grabschende Hand. Mein Vater hatte dazu natürlich auch was zu sagen und erklärte mir, dass Fahrerflucht unrecht sei, es sei denn, man ditscht nur ein klein wenig beim Ein- oder Ausparken an das "Partnerauto" an. "In meiner Heimat macht man das so", soll ich sagen. Meine Heimat ist eigentlich ein kleines Dorf an der Nordsee, aber die Heimat meines Vaters ist Kairo, und da macht man das wohl wirklich so. Mundraub wird dort jedoch schwer bestraft, schlimmstenfalls mit dem Abschlagen der rechten Hand. Sehr dramatisch, aber ich schweife ab.
Der junge Mann mit der komischen Stimme spricht gerade und bekommt meine vollste Aufmerksamkeit. Vielleicht auch nur die halbste. Er könnte Phillip heißen. 'Nicht lachen Yasmin. Oh bitte nicht lachen.' Sein Stimmlein klingt wie aus einem Comic, und er sieht ein wenig aus wie eine Lesbe mit Bart. Vielleicht ist er ja zwittrig operiert. Meine Mama würde nun sagen, dass man über andere Leute nicht so reden sollte. Wahrscheinlich darf ich dann auch nicht drüber schreiben oder nur daran denken. Die Gedanken sind bekanntlich frei, nur äußern sollte man sie möglichst nicht. Es sei denn, man sitzt in einem Seminar, das "Chinesische Philosophie und Rechtskultur" heißt. Gerade lästerte mein lieber Dozent über einen nicht erschienen Kommilitonen. "Der Herr Fischer ist vom letzten Mal wohl noch stark indigniert". Äh Indi..ana? Ich scheine nicht klug genug für die Philosophie zu sein. Zu bedenken gebe ich auch, dass ich mir sehr regelmäßig die Haare wasche und mir die Beine rasiere, was mich kategorisch aus der elitären Riege der Philosophen ausschließt. Man könnte meinen, dass ich nur Philosophie studiere, weil mir nichts gemeineres eingefallen ist, um mich an meinen Eltern und deren Moral- bzw. Karrierevorstellungen zu rächen. So manch einer sagt auch, dass es zu mir passt, also dieses Studium. Ich sei ja schon von Anbeginn an recht redefreudig gewesen, und im Lesen war ich auch schon immer ganz toll, was mich augenscheinlich für ein Germanistikstudium prädestiniert. "Laberfächer" halt.
Gestatten: Yasmin mein Name, und ich studiere Germanistik im Hauptfach. Was ich damit machen möchte? Karriere! Plan B wäre dann Hausfrau und Mutter. Ich meine, die Nachbarn ausm Dorf haben doch Recht. Ich werde nie eine eigene Kanzlei oder Praxis haben, maximal ein eigenes Leben. Abgesehen davon macht es mich wenigstens interessant, wenn ich auf Partys sage, dass ich Künstlerin, gar Schriftstellerin sei. Das hat was zartes, aber auch rebellisches. Männer scheinen es zu mögen, wenn Frauen nicht den Hauch einer Chance auf Selbstversorgung haben.
Ich habe mich gegen den Weg der gängigen Normen entschieden. Ich schmeiße weder mit Steinen, noch wähle ich die CDU. Weder ernähre ich mich makrobiologisch, noch liebe ich Sushi. Ich spiele keine Gitarre am Lagerfeuer, zähle die Sterne am Firmament oder träume von einer Festanstellung bei der Deutschen Bank. Ich habe die Band nicht zuerst gehört, geschweige denn habe eine eigene.
Angeblich ist es blauäugig sich keine Gedanken über das "Danach" zu machen. Ich bin blauäugig. Ich habe keine Zusatzversicherung aber genug Menschen die sich über mein "Danach" sorgen. Das klingt verbal nach Endzeit und Hartz IV. Dieses böse "Danach" schwebt wie eine dunkle Wolke über meine Generation. "Da kann man nichts machen!" oder "Hätteste ma lieber ne Ausbildung gemacht!" sind die aktuellen Leitsätze. Mein Vater streut Hoffnung mit der beliebten Floskel: "Wer nichts wird, wird Wirt.". Ich bin mir sicher er meint damit den uns all bekannten Betriebswirt.
Gut, mein Vater sagt immer, er hätte zwei Söhne und ein Kind, aber ich glaube, er ist irgendwie stolz auf mich. Immerhin kann ich kochen. Das macht ja eine gute Tochter aus. Ich war ein privilegiertes Mädchen. Bekam Reitstunden. Wuchs auf dem Land auf, und die größte Kriminalität, mit der ich in Berührung kam, war, als ich mit fünfzehndreiviertel das erste Mal an einer Zigarette gezogen habe. Noch heute gehe ich über keine rote Ampel. Mit meinen Studiengang verknüpft mein Umfeld jedoch Lernlethargie, übermäßigen Alkoholkonsum sowie das Zuführen illegaler Rauschmittel in jeder Form. Beruhigen kann ich sie nicht.
Zurück ins Seminar. Ich wurde etwas gefragt.
- "Frau... äh egal ...worin ist dann die Quelle zu sehen?"
- "Äh - weiß nicht?"
- "Warum wissen das nicht?"
- "Hm?"
- "Hach ja! Weiß jemand anders die Antwort?!"
Der Comicfigurentyp meldet sich schnipsend wie ein blöder Erstklässler. Scheißer!
- "Die Gewohnheit!!"
- "Warum wussten Sie das nicht?!", vorwurfsvoller Blick zu mir.
- "Ich habe wohl gerade nicht zugehört."
- "Was haben Sie dann getan?"
Ich erinnerte mich daran, dass man immer die Wahrheit sprechen soll: "Wissen Sie, Sie inspirieren mich so unheimlich, da musste ich einfach etwas zu aufschreiben." Mein Gegenüber wurde leicht laut und erklärte mir, dass wir hier in keiner Schreibwerkstatt seien, sondern in einem anspruchsvollen Seminar. In meiner Eitelkeit gekränkt begann ich zu quietschen: "Sie behindern gerade meine Kreativität, mein Chi. Ich bin KÜNSTLERIN!". Kurz danach befand ich mich auf dem Flur vor dem Seminarsraum. Ich wurde rausgeschmissen. Egal. Später habe ich Naturethik und eine neue Chance. Thema: Menschenrechte für große Menschenaffen. Da kann ich ja nun mitreden, da kenne ich mich aus.
Ich liebe mein Studium.
Tags: Studium






Kommentare
hui.. das ging runter wie öl..
12.01.2012, 19:50 von CaesparKannst Du bitte wieder etwas schreiben?!
11.11.2011, 21:03 von RAZimGefällt mir. ziemlich ehrlich und das mag ich!
21.05.2011, 22:45 von solveigRespekt! Ich habe noch nie von jemandem erfahren, der sich von seinen Eltern emanzipiert hat! Ähhhm *rausper*
05.07.2010, 19:32 von musicalismDiese leichte Arroganz und Inhaltlosigkeit machen den Text für mich nicht gerade Lesenswert.
Für wen und mit welcher Intension hast du das geschrieben?
Man könnte fast meinen, du versuchst dich selbst zu überzeugen.
zu geil... sehr cool geschrieben und ich fühle mit dir, wort für wort :)
29.06.2009, 21:41 von fidelitaHallo,
22.04.2009, 23:20 von NoukDein Text ist okay, ich finde mich in vielen Sachen wieder, hab auch Germanistik studiert, allerdings nicht in Deutschland sondern im benachbarten Ausland, d.h. hab auch noch zwei andere Fremdsprachen dabei gehabt, Frz. und Englisch.
Wir Geisteswissenschaftler haben doch verdammt viele Talente: wie denken Global und ins kleinste Detail, wir können Sprache verkaufen, wir können alles und jeden analysieren, wir können kommunizieren, wir studieren Lebensabschnitte anderen Menschen (Romane). Ich denke wir haben das Glück das ,,Leben'' auf eine gewisse Art und Weise zu studieren. Jeder kann Schriftsteller werden, oder?
Ich für meinen Teil bin rückblickend zufrieden mit meiner Studienwahl, weil es eine Herzenswahl war: Sprache.
Nur aufpassen Geisteswissenschaftler, keine Überrladung der Gedanken, sonst kann es leicht zum Kolpass kommen!
Ich glaube ich habe Krebs, mein Arzt kann mich mal. Mutter und Vater sind auch doof, aber was solls.
22.04.2009, 23:18 von Lolly_SnukKleiner Rat : Ins Seminar - kurz durchhalten - Schein im Kasten - und dann in Ruhe mit Freunden und Wein ablästern ...
17.04.2009, 18:27 von Peter2710Aber schon sehr unterhaltsam ! :-)