koallasuu 07.10.2007, 21:08 Uhr 0 0

Tour d'université

Diesen älteren Text von mir entdeckte ich in meinen Archiven. Anlässlich des drohenden Semesterstarts, habe ich ihn für die NEON-Gemeinde rausgekramt.

24. April – Der erste Uni-Tag.
Ich habe mein eigentlich nicht so stadt-taugliches Mountainbike entwintert; nicht unerhebliche Schneemassen haben hier und da Rostflecken hinterlassen. Ich gehöre einfach nicht zu den Freaks, die ihr Fahrrad im Winter über 4 Stockwerke hinweg mit in die Wohnung nehmen...

Nach etlichen Anstrengungen mit der Luftpumpe traue ich mich nun wieder in den Kampf ... äh ... Straßenverkehr.

Es ist Montag morgen. Strahlender Sonnenschein. Noch befinde ich mich jenseits der von studentischen Fahrrädern beherrschten Schellingstraße. Nach fast 3 Monaten Semesterferien hält sich meine Lust auf überfüllte Vorlesungssäle und Mensaschlangen in Grenzen, doch zu dem Zeitpunkt ahne ich noch nicht wie interessant so eine kurze Fahrt zur Uni werden kann.
Kurz bevor ich von der Schleißheimer,- in die Schellingstrasse abbiege, erreiche ich die Baustelle, die mein Freund und ich schon seit Jahren ob ihrer hartnäckigen Standhaftigkeit bewundern, da sie uns auf etlichen Fahrten zum wöchentlichen Hindernis wurde. Doch als Fahrradfahrer erlebt man eine ganz neue Sicht auf solche störenden Bauten und schlängelt sich unter dem neidischen Blick mancher Autofahrer elegant hindurch.

Es ist so weit, ich biege in die Schellingstraße ein. Weit in der Ferne erahne ich die Fassade der Ludwigskirche. Es dauert keine Sekunde und ich bin von Fahrrädern nur so umzingelt und befinde mich fortan gemeinsam mit ihnen an der „Front“. „Nur zusammen sind wir stark“ denke ich mir und schlängele mich mit ihnen an einem der zahlreichen Laster vorbei die, wie jeden Montag, ihre Ladung loswerden wollen.

Dabei erinnere ich mich an eine Autofahrt auf besagter Strecke, bei der mein Freund nur noch fluchte und stöhnte. Nur rote Ampeln. Baustellen. Stau. Kurzum: An einem Montagmorgen mit dem Auto die Schellingstrasse entlangzufahren ist zeitökonomischer Selbstmord. Ich kam natürlich zu spät.

Zu-Spät-Kommen gehört neben Gar-Nicht-Kommen überhaupt zu dem studentischen Sport schlechthin. Ich kenne Kommolitonen, die grundsätzlich eine Viertelstunde zu spät kommen und ebenso früh wieder gehen. Während die meisten Dozenten nie ein Wort darüber verlieren, erlebte ich schon solche, die es öffentlich anprangerten. Letzte Woche wies ein Professor eine Komolitonin auf leisen Pfoten vor versammelter Mannschaft darauf hin, dass sie sich ruhig noch eine Viertelstunde gedulden könne, da die Vorlesung noch nicht beendet sei’. Sie murmelte etwas von „Ich muss leider...“ und ward nicht mehr gesehen.
Wir werden immer mehr Radlfahrer. Der eine oder andere Autofahrer beginnt unruhig zu werden als wir uns an der Ampel demonstrativ in einer Reihe vor ihm positionieren. Ich grinse innerlich und erwarte den Startschuss. Der kommt prompt. Der Autofahrer zieht den kürzeren und wartet bis sich die Fahrrad-Armee entfernt hat und nimmt die erstbeste Gelegenheit war uns mit röhrendem Motor zu überholen.

Ich fahre etwas langsamer, die Schnellstarts fordern ihren Tribut in meiner Ausdauer und ich nehme ein unangenehmes Qietschen wahr. Da ich die Geräusche meines eigenen Tretmobils: eine markerschütternd laute Bremse und manchmal klackernde Gangschaltung, recht gut kenne, kann ich die Geräuschquelle recht schnell ausfindig machen: Es ist die Fahrradfahrerin vor mir, die auf einem nicht mehr neuwertigen Radl ihren Frühsport macht. Sie und das Fahrrad sind erstaunlich zäh und es ist nicht leicht sie zu überholen, doch ich schaffe es im Schweiße meines Angesichts doch noch und komme der Schellingstrasse 3 immer näher. Den Verteiler der Süddeutschen Zeitung, der Wind und Wetter stets heroisch trotzt, im Blick, scanne ich die Umgebung nach einem Fahrradstellplatz ab.

Der nette Herr, dessen Namen ich leider nicht kenne, war übrigens schon einmal unerwartet Thema einer meiner Seminarsitzungen. Wir waren uns alle einig darin, dass es uns leid tut, ihn auch bei Minusgraden noch vor der Uni stehen zu sehen. Irgendjemand meinte dann, die würden beide nicht schlecht verdienen, weil sie noch die alten Verträge hätten, so dass wir dann mit dem eigentlichen Thema weitermachten.

In Ermangelung einer besseren Parkmöglichkeit blicke ich mitleidig auf den frischen grünen Rasen des Instituts für Romanistik und schließe endlich mein Fahrrad ab. Ich gehe gedanklich noch einmal die Erlebnisse der letzten 15min durch und grinse etwas. „Was für ein Start ins neue Semester!“, denke ich mir und habe die schlechte Laune über Gedränge und die ersten Wirr-Warr-Wochen längst vergessen.

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