schlupu 17.01.2007, 21:01 Uhr 49 17

The Last Rockstars

Vor kurzem war ich auf meiner Uniparty. Und wurde das Gefühl nicht los, eines der letzten Exemplare einer aussterbenden Art zu sein.

Komm, das eine Mal noch, wahrscheinlich das letzte Mal, denke ich mir, als ich mich entschied, für 1,50 Euro einen kleinen Papierschnipsel zu erwerben. Auf den Eintrittskarten hatte sich die Fachschaft wie immer kreativ ausgetobt, diesmal an einer Persiflage der Bildzeitungswerbung: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Darunter Angela Merkels Mundwinkel und die Sprechblase: „Das Bier hat nur 1,50 gekostet und ich hab keine Ahnung mehr, wie ich nach Hause kam.“

Meine Wahrheit ist: Ich bin seit 13 Semestern Studentin und - wenn alles gut geht - noch genau 19 Tage. Die Publiparty war die ganzen Jahre ein Pflichttermin für mich. Umso mehr als ich auf einer Party vor ein paar Semestern besoffen genug war, um mich hemmungslos an den Kommilitonen ranzuschmeißen, der seitdem mein Herzallerliebster ist – wir haben also quasi Jubiläum. Außerdem habe ich auf den Publipartys zum ersten Mal beim Rauchen inhaliert, angeschickert mit meinem Professor über seine Kollegen gelästert und mich immer wieder darüber gefreut, dass das Fach Publizistik schnittige Typen anzieht.

Mehr als genug Gründe also, um auch dieses Mal wieder ins verranzte Studihaus zu pilgern. Der Rauch brannte mir in den Augen, sobald ich den Raum betrat. Deichkind schrieen ihr „Yippieh Yippieh Yeah“ aus den Boxen. Und zum Trinken gab es immer noch nichts Vernünftiges. Also bestellte ich Sekt im Plastikbecher bei der aufgeschneckten Barfrau und versuchte, mit meinem Blick nicht ihrem goldenen Kettenanhänger in ihr monströses Dekollete zu folgen. Früher waren die Typen an der Bar verasselte Bartträger im 24. Semester gewesen. Aber die waren nicht mehr da, irgendwie.

Auch die schnittigen Typen nicht mehr. Stattdessen füllte sich die Tanzfläche mit Mädchen, die doch gerade erst aufs Gymnasium gekommen sind, als ich Abi gemacht habe und Bübchen, die noch nicht mal Stoppeln im Gesicht haben. Ich und die paar übrig gebliebenen Kommilitonen, mit denen ich dort war, wir standen eine Weile fassungslos am Tanzflächenrand. Früher, da kannten wir hier jeden, und oft besser, als uns lieb war. Heute? Höchstens vereinzelte Nasen hatte ich schon mal irgendwo gesehen.

Na gut, das ist der Lauf der Zeit. Time to say goodbye. Los, ein letztes Mal das Studihaus rocken! Dachte ich mir, und holte mir bei der goldigen Busenlady einen zweiten Becher Sekt. Während ich mir das gruselige Rotkäppchen-Gebräu durch die Kehle rinnen ließ, ließ ich meinen Blick nach oben zum DJ-Pult schweifen, in der Hoffnung, wenigstens dort einen der üblichen Verdächtigen zu sehen. Doch auch da stand statt der alten Garde ein putziger kleiner Snowboarder, den ich sogar schon mal gesehen hatte, als ich im achten Semester einen verbummelten Grundstudiumsschein nachgeholt habe.

Nach Deichkind legte er die Red Hot Chilli Peppers auf, dann Mando Diao, irgendwann die Killers. Zumindest die Musik hat sich nicht geändert, dachte ich, als ich glücklich durch die zertretenen Plastikbecher hüpfte und … erschrocken starrte ich der Gruppe Milchbubis neben mir auf die Füße. Weiße Slipper! Jeans in den Socken! Bleistiftdünne Koteletten! Solche Prolls haben doch früher nicht Publizistik studiert. Dieses Urteil verschärfte sich, als ich einen sah, dem fast der Arsch aus der Hose fiel und mehrere Schicksen, die sichtlich Probleme hatten, mit ihren spitzen Pumps unfallfrei durch die Bierlachen zu kommen. Kurz danach passte sich die Musik dem Publikum an. Latin Grooves und HipHop, Shake-Your-Ass und NtzNtzNtz.

Überhaupt keine Lust mehr zu tanzen und zu trinken. Wir analysierten das Geschehen wie ein sozialwissenschaftliches Experiment. Wo sind sie hin, all diese, meine Leute, Leute, die diverse Dinge auf Magister studiert haben, die über ihren Tellerrand geguckt haben, meistens Journalisten werden wollten und neugierig auf die Welt waren. Was hier zu Shakira und Beyonce über die Tanzfläche gurkte, sah mehr aus wie eine ausgerissene Horde angepasster BWLer im Grundstudium.

Aber nein. Es waren “Bachelor of Arts Candidates”. Bemitleidenswerte Studenten, die Credit Points sammeln müssen, Studiengebühren zahlen müssen und exmatrikuliert werden, wenn sie Grundstudiumsscheine verbummeln. Eine karrierebewusste Gruppe, die von der Uni im Schnellverfahren Employability verpasst kriegt, ohne die Chance, mal ein Jahr lang das Falsche zu studieren, mal freiwillige Vorlesungen zu besuchen und ohne genügend Zeit, bei Campus TV, Studentenzeitung oder Online-Communities die eigene Begabung zu testen. Das 13. Semester darf und wird diese Spezies nicht erleben, denn Regelstudienzeit sind sechs Semester, nach neun sind sie raus. Ab 2010 darf es nur noch Bachelor und Master geben, die meisten Unis haben jetzt schon umgestellt. Ich werde (so Gott will) in 19 Tagen meinen Magister Artium haben. Damit bin ich eine der letzten meiner Art – doch Gott sei Dank in hervorragender Gesellschaft. Wir Magisterstudenten – The Last Rockstars.

Die Publi-Party haben wir schon um zwei Uhr verlassen. Ich war nüchtern genug, um mit dem Auto nach Hause zu fahren, habe an dem Abend weder Zigaretten geraucht, noch die falschen Männer geküsst, noch mich vor meinem Professor blamiert. Die Zeiten ändern sich. Time to say goodbye.

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49 Antworten

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    genau das hab ich mir letztens auch gedacht, als eine horde emos (ja, genau! pupertäre EMOS! die mit den totenköpfen, sternchen und trauuuurigen augen) aus dem hörsaal kam... bin froh, dass ich nur noch ein semester hab...

    21.10.2007, 22:29 von Enigami
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    Ähm irgendwie hab ich die stelle überlesen, wo der rockstar auftaucht ?

    Oder kann es etwa sein, das die authorin keine ahnung über dieses spezies hat und sie deshalb gleich wegrationalisiert ...

    28.06.2007, 19:22 von Mewkew
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    Ich find es erstaunlich, wie man 6 einhalb Jahre studieren kann- ich finde eher, da macht man was falsch.
    Ich studier im 2ten Semester einen Bachelor Studiengang, und ja, es ist stressig- und? Ich hab trotzdem meine Hobbys, geh fast jedes Wochenende und hab nicht das Gefühl was verpasst zu haben. Gut, diese Partys finden nicht mitten in der Woche statt, und ich betrinke mich nicht haltlos, aber das hab ich davor auch nicht gemacht.
    Und alle "neuen" Studenten über einen Kamm zu scheren finde ich bedenklich- es gibt noch genug "Rockstars", Alternative und Informatiker.

    Der Text hat für mich von daher eher einen bitteren Nachgeschmack, ist dennoch gut geschrieben.

    26.06.2007, 19:18 von lollila
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    emitleidenswerte Studenten, die Credit Points sammeln müssen, Studiengebühren zahlen müssen und exmatrikuliert werden, wenn sie Grundstudiumsscheine verbummeln. Eine karrierebewusste Gruppe, die von der Uni im Schnellverfahren Employability verpasst kriegt, ohne die Chance, mal ein Jahr lang das Falsche zu studieren, mal freiwillige Vorlesungen zu besuchen und ohne genügend Zeit, bei Campus TV, Studentenzeitung oder Online-Communities die eigene Begabung zu testen. Das 13. Semester darf und wird diese Spezies nicht erleben, denn Regelstudienzeit sind sechs Semester, nach neun sind sie raus.

    eigentlich würde ich den text ja negativ bewerten, weil mich der blanke neid packt und ich eben mit solchen schicksen und bwlern zusammenstudieren muss...;)

    sie es positiv, auch unter uns gibt es solche und solche, leute die sich, trotz der gefahr 500€ mehr zahlen zu müssen freiwillig in politikvorlesungen setzen (dafür erstaunte blicke bis höhnendes gelächter ernten), sich im protest gegen studiengebühren engagieren (ja ich darf zwei mal fehlen, und wenn die für eine VV oder demo drauf gehen dann seis drum, und wenns einmal mehr ist. unsere dozenten sind 68er, die kümmert es mehr das wir hier drinne sitzen und uns langweilen als mal etwas für unsere zukunft zu tun...nämlich auf die strasse zu gehen)...
    und solche die nicht seiten aus lehrbüchern reißen, anderen helfen und sich mit ihnen über gute noten freuen

    ich finde deinen text schön und ich bin der meinung meine eltern hätten mich 2 jahre früher auf die welt bringen sollen:)

    07.02.2007, 16:16 von Butah
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    Also, über Bachelor abmeckern und Erstsemesterstudenten humorvoll herablassend darstellen ist grundsätzlich kein ROCK, sondern hört sich eher als wäre eine LEbensphase vorüber un man blickt traurig zurück.
    Übrigens Bachelor ist stressig aber nicht das Ende der Welt. Ich mache dieses Jahr im 10.Semester meinen zweiten BA und arbeite halbzeit dabei und bin doch noch ständig auf Party's anzutreffen. Bachelor ist nicht dass Ende der Welt und auch nicht dass Ende der freien Wahl der Studenten, auch wenn dies allgemeines Vorurteil ist. In Belgien ist das Schulsystem schon die letzten fünfzig Jahre und mehr so gewesen und wir leben auch ganz glücklich hier...

    20.01.2007, 19:14 von Waldesmann
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    @sofie:
    hm, wie gesagt, uch studiere ja (noch) nicht. aber, wo du recht hast...

    btw, hat eigentlich jeder von euch, der volljährig ist, sich schon an der sammelklage gegen die studiengebühren beteiligt? =)
    und wie gesagt, das damit bildung kein luxus wird, nicht, damit die party weitergeht ^^

    20.01.2007, 07:48 von Haarmilch
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    Fällt eigentlich niemandem hier auf, dass es irgendwie paradox ist, sich einerseits darüber aufzuregen, dass die Unis ihres INTELLEKTUELLEN CHARAKTER verlören (wofür es in der Tat Indizien gibt, den Druck, schnell fertig zu werden, festgelegtere Studenpläne, etc.), aber andererseits das frühere Studentenleben durch " Außerdem habe ich auf den Publipartys ZUM ERSTEN MAL BEIM RAUCHEN INHALIERT, angeschickert mit meinem Professor über seine Kollegen gelästert und mich immer wieder darüber gefreut, dass das Fach Publizistik SCHNITTIGE TYPEN ANZIEHT", "zeiten, in denen wir spätvormittags noch mit NICHT ZU UNTERSCHÄTZENDEM RESTALKOHOLPEGEL in den übungssaal gestrauchelt sind" o.ä. zu DEFINIEREN????

    Was bitte ist so besonders intellektuell oder niveauvoll daran, zu feiern und zu saufen, bis der Arzt kommt?

    Ich habe die Studentenklischees satt, ich habe die Rockklischees satt, und dieser Text bestärkt mich darin.

    Auch ich bin bis vor gar nicht allzu langer Zeit dem Irrtum zum Opfer gefallen, dass "Rockmenschen" geschmackvoller als die Anderen und in gewisser Weise elitär wären. (entschuldigt also meinen aggressiven Tonfall, er richtet sich auch gegen mich selbst.)
    Ich bestreite nicht, dass Tocotronic textlich gehaltvoller sind als das übliche R'N'B-Zeugs (bei the Killers bin ich mir da nicht so sicher). Aber genauso gibt es die "böse" Variante, den alten, dreckigen Punkrock, der nach Alkohol und Männerschweiß stinkt, sich jeder Menge Fäkalhumor bedient und kaum Platz für weibliche Akteure auf der Bühne lässt.

    Die Hochschulreform kann man aus verschiedenen Gründen kritisieren (und sollte das vermutlich auch).
    Fakt ist, dass sie das studentische Selbstverständnis auf den Prüfstand stellt und so einige "typische Charakteristika" entlarvt, die im Grunde genommen keinen Sinn ergeben.
    Ich finde es fragwürdig, das Studium in Zukunft nur noch auf den beruflichen Nutzen auszurichten. Aber ich finde es genauso fragwürdig, mittwochnachts im Vollrausch "Kill All The White Men" mitzugröhlen, das als politische Bewusstseinsbildung anzusehen und auch noch zu erwarten, dass der Staat diesen Exzess für unbegrenzte Zeit finanziert.

    Hört auf zu tanzen und fangt an zu diskutieren! (Ein, zwei Dosen Bier könnt ihr dabei meinetwegen mitnehmen.) Dann könnt ihr euch eventuell etwas darauf einbilden und auch verlangen, dass es gefördert wird. Aber SO NICHT!

    19.01.2007, 23:55 von Sofie_Amundsen
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