grubby 22.07.2005, 01:34 Uhr 10 0

Summerhill - Der Traum eines jeden Schülers?

"Stell dir vor, es gibt eine Schule, in der du selbst entscheiden darfst, ob du am Unterricht teilnehmen willst oder nicht"...

Bis vor kurzem wusste ich es nicht, aber es scheint sie tatsächlich zu geben - und das immerhin schon seit 84 Jahren. Die Summerhill School in Leiston, ca. 2 Autostunden von London entfernt. Ihr Begründer, A. S. Neill, wollte seinen Schülern so viel Freiheit wie möglich gewähren. Sie sollten machen können, was sie wollen, solange sie sich oder anderen dabei nicht
schaden. Und sie sollten möglichst frei von Angst, Heucheleien, Enttäuschung und Intoleranz aufwachsen können. Neill war der Überzeugung, dass Hass und Strafen nichts zu erreichen sei und dass eine Zwangserziehung unterdrückte Individuen
hervorbringt. Er schätzte Kinder als von Natur aus verständig und realistisch ein und verurteilte die Gesellschaft, die durch ihre Erziehungsmethoden das ursprüngliche Gutsein im Kind verfälscht. Summerhills Schüler sollten sich selbst
überlassen und unbeeindruckt von Erwachsenen aufwachsen können und sich somit entsprechend ihren Möglichkeiten entwickeln, aufgrund der Annahme, dass übertriebene Ängstlichkeit der Eltern ängstliche Kinder erzeugt.
Neill ist 1973 gestorben, aber die Summerhill School hat überlebt und sich in den Grundideen ihres Begründers bis heute nicht verändert.

In Summerhill ist der Unterricht tatsächlich freiwillig, es also möglich, während der ganzen Zeit an der Schule nicht einmal den Unterricht besucht zu haben, was jedoch so gut wie nie vorkommt. Auch gibt es keine Prüfungen, keine Noten und kein Sitzenbleiben. 60-70 Kinder zwischen 8 und 17 Jahren aus verschiedensten Nationen besuchen das Internat, das Neill
lieber als "von Kindern selbst geleitete Gemeinschaft" betitelte. Denn das zentrale Konzept der Schule ist die Selbstregulierung, was bedeutet, dass die Kinder ihr Leben in der Gemeinschaft weitestgehend selbst regeln. Außer
Sicherheits-, Gesundheits- und staatlichen Gesetzen gibt es keine Vorschriften, die festgelegt sind. Regeln werden in gemeinschaftlichen Treffen wöchentlich
debattiert, aufgestellt und wieder aufgelöst. Werden diese von Schülern, Lehrern oder Betreuern gebrochen, so setzt die Gemeinschaft demokratisch eine Strafe an, welche jedoch nie allzu hart ausfällt, da bei einer solchen Struktur jeder mal "verurteilt" werden kann und wird. Auch kann es passieren, dass alle Regeln gleichzeitig abgeschafft werden, so dass Anarchie-ähnliche Zustände entstehen können. Diese bleiben jedoch meist nicht lang bestehen, da die Schüler einige
klare Strukturen im gesellschaftlichen Zusammenleben wünschen. Schimpfwörter allerdings sind und waren nie verboten, genauso wie es auch keine Kleidungsvorschriften und keine Tischmanierenpflicht gibt.
Erwachsene und Kinder sind in Summerhill gleichgestellt, es herrscht kein hierarchisches Gefüge und es gibt auch keine moralische, religiöse oder politische Belehrung durch Lehrer oder Betreuer.

Kinder, die neu nach Summerhill kommen, sind viel weniger einsichtig und sehen Erwachsene als Autoritäten, vor denen man sich fernhalten muss und nicht als Personen, auf die man ganz normal reagieren kann. Sie besitzen oft ein hohes Maß an
Falschheit, um in einer Gesellschaft akzeptiert zu werden, die vorgetäuschte soziale Anpassung mehr schätzt als echte menschliche Qualitäten. Diese Falschheit äußert sich in gekünstelter Schüchternheit, falscher Bescheidenheit oder
mechanischer Höflichkeit. Doch mit der Zeit legen die Kinder ihre aufgebauten Fassaden und Masken ab und beginnen ihren wirklichen Gefühlen zu vertrauen. Künstlichkeit, Wut und Frustration werden zugelassen und bald darauf auch wieder
aufgegeben. Die Kinder akzeptieren Einschränkungen immer mehr und entwickeln die große Gabe, genau zu wissen, was das Beste für sie ist.
So zumindest beschreiben Neill und ein ehemaliger Lehrer der Schule, Matthew Appleton, das Leben und die Entwicklungen in Summerhill.

Jedoch wird auch immer wieder Kritik an diesem Schul-System laut, etwa, dass Neill die Bedeutung und Befriedigung eines intellektuellen Begreifens der Welt unterschätzte. Oder dass in Summerhill hinsichtlich der späteren Anforderungen auf das
gesellschaftliche und kulturelle Leben zu wenig gelernt würde. Und schlussendlich, dass weder die Geschichte der Menschheit, noch die Geschichte der Pädagogik jemals bewiesen hätte, dass ein Kind sich ganz aus seinem eigenen Antrieb entsprechend seinen Möglichkeiten entfalten kann.

Diese und auch andere Kritik mag in gewissen Punkten zutreffen, jedoch bin ich sehr positiv überrascht von diesem System, von dem ich nicht geglaubt habe, dass es in unserer Gesellschaft schon seit vielen Jahren funktioniert."Wichtige Links zu diesem Text"
Homepage der Summerhill School

10 Antworten

Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Da kann ich mich nur deinem Kommentar anschliessen, schließlich waren wir ja zusammen in einer Klasse auf der Montessorigesamtschule;-)
      Du hast geschrieben, dass wir eine Menge gelernt hätten, ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, wir haben mehr gelernt, als wir auf einer "normalen" Schule hätten lernen können, nähmlich: Selbstständigkeit, Toleranz und Unabhänigkeit!

      18.03.2007, 18:29 von Nanou
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    wir haben die summerhill-schule vor kurzem im pädagogik unterricht besprochen und mich wundert, dass sie in unserer heutigen Gesellschfaft überhaupt noch bestehen kann. ich glaube auch nicht, dass die kinder, die diese schule besuchen, freiwillig auf der schule sind, sondern von ihren eltern dorthin geschickt wurden, weil sie auf anderen schulformen einfach "loser" waren, ich weiß es nicht. natürlich ist das dreigliedrige schulsystem nicht das beste, aber summerhill ist meiner meinung nach auch nicht ganz das wahre. aber schön geschrieben ;)
    Fabio

    14.01.2006, 23:16 von Fabio
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      @[Benutzer gelöscht] Also das ist ja eine Null-Aussage, oder?

      Relativ gesehen haste natürlich Recht: Ein Schiff ist ein Boot und Boot ist ein Kanu . . . man kann sich im Wasser fortbewegen . . .

      in allen 3en wird Kindern Bildung ermöglicht.

      Kenn mich zwar auch nicht super gut aus, aber Summerhill ist ja eher ein Bildungsangebot für Kinder und im Mittelpunkt steht die Selbstbestimmung des Kindes bzw. der Kinder als Gemeinschaft. Die Lehrerrolle ist eher passiv, denn die Schüler bestimmen selbst eigene Regeln und können selbst entscheiden.

      Hinter Waldorf steckt eine gewisse Ideologie der Menschwerdung und der Lehrer bekommt eine sehr große Rolle zugewiesen, denn der soll Vorbildcharakter haben und dient als Identifikationsfigur. Hab da mal was über eine Führerrolle gelesen . . .

      Montessorischulen kenne ich nicht, allerdings weiß ich da auch nur, dass dort die Perspektive des Kindes eingenommen wird und alles daraufhin ausgerichtet wird. D. h. einfach gesagt: bei Waldorf sind sämtliche Fähigkeiten vorhanden und müssen nur entsprechend begleitet werden, damit sie sich entfalten können und bei Montessori wird halt aktivierend begleitet, das Kind muss quasi angeleitet werden um seine Fähigkeiten zu entfalten.

      Summerhill ist die radikalste Form, denn da wird quasi behauptet ein Kind entwickele sich von allein und braucht keine großen Hilfen von Erwachsenen.

      Eine sehr elementare Beschreibung ohne jegliche Gewähr auf Richtigkeit . . . Verbesserungen bitte gerne anfügen!

      13.01.2006, 00:12 von Klabautermann
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    Alles was ich schreiben wollte ist schon erwähnt worden, allerdings wird die Schullandschaft oder auch Bildungslandschaft vielfältiger mit solchen "Schulen" und allein ihre Existenz und ihre konstanten Schülerzahlen sind ein Beweis für ihre Daseinsberechtigung . . . offenbar gibt es entweder so verzweifelte Eltern die nicht mehr weiter wissen mit ihren Kindern oder aber sie sind überzeugt davon, dass die Kinder auf solchen Schulen genau das lernen was sie fördert.

    Keiner weiß doch was aus einem geworden wäre, wenn man auf einer solchen Schule gewesen wäre . . .

    Das Problem ist aber, dass die sog. Reformschulen oftmals als letzte Möglichkeit für auffällige Schüler genutzt werden und da durch natürlich entsprechend stigmatisiert sind . . .

    Als Beispiel kann man im deutschen Schulsystem die Hauptschulen nehmen, denn von vielen Hauptschulen werden gleiche Probleme gemeldet und das liegt nicht an dem Konzept der Hauptschule, sondern am gesamten Schulsystem: es wird so lange differenziert und selektiert bis etwas übrig bleibt: demotivierte/frustrierte Schüler. . . Aber wem erzähle ich das? Die Erwähnung von PISA hätte ja genügt!!!

    19.10.2005, 21:08 von Klabautermann
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    eine Schule in der man selber bestimmten kann ob man hingeht oder nicht ?!? Gibts doch schon ... nennt sich Unversität *g*

    25.07.2005, 12:24 von Composer
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    da war also noch jemand in einem reformpädagogikseminar ;) schon ein interessantes konzept. ich halte wenig von den ganzen reformschulen, diese hier ist eigentlich auch noch einen tick schlimmer als die meisten, was das antiauthoritäre system angeht, andererseits auch faszinierend, wenn es tatsächlich so funktioniert, wie neill es sich vorstellte und wie es nach außen getragen wird.

    aber auf die frage, die jeder dozent stellt, nämlich ob ich meine kinder auf eine solche schule schicken würde, so ist die antwort wie bei jeder reformschule: nein.

    25.07.2005, 11:18 von hullabaloo
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    Schöner und interessanter Text, jedoch denke ich von diesem Konzept das selbe, wie du schon in der Kritik erwähnt hast, dass es auf die Schüler die Auswirkung hat, im späteren Leben anders zu denken als der Rest der Menschen, die nicht auf so einer Schule waren.
    LG

    24.07.2005, 22:19 von Junge_Helden
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    um summerhill streiten sich seit jahrzehnten die geister.
    summerhill mag als modell in der tat tragfähig sein, tragfähig aber immer als insellösung - im bewusstsein, dass es für die nicht geringen gruppen von schülerinnen und schülern, die mit diesem modell überfordert sind, alternativen gibt.

    summerhill ist und bleibt eine insellösung -egal, ob es davon eine oder zwanzig inseln gibt. sumerhill ist aber keine schlüssige und machbare alternative zum öffentlichen schulsystem und zum spektrum vielfältiger angebote freien schulen ( privater schulen.

    wer übrigens über ansätze einer "selbstre-gulierenden" gemeinschaftserziehung auch einmal historisch informieren will, der lese - bei aller auch ideologischen Kritik - durchaus bei makarenko nach;

    ich denke, die diskussion sollte geführt werden, wenn man "das beispiel summerhill" gelesen hat,
    sehr kurzweilig und zumindest ein guter lesbarer stil

    24.07.2005, 22:18 von zarejewitsch
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    www.wikipedia.de:
    1968 erschien Bernsteins Studie über ehemalige Summerhill-Schüler, die sich im großen und ganzen positiv für Summerhill auswirkte. Die Studie beruht auf keiner sehr breiten Grundlage: Bernstein war auf einem alten Motorroller durch England gereist und hatte ehemalige Schülerinnen und Schüler interviewt. Seine Datengrundlage und die Aufbereitung dieser Daten waren höchst fragwürig aber die Studie wurden von Neill gerne herangezogen um seiner Schulidee eine empirische Rechtfertigung hinzuzufügen.

    24.07.2005, 22:03 von augentierchen
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    sag mal hast du irgendwo auch schon ne kleine studie oder ähnliches gefunden, in der beschrieben wird, in wie weit diese Schüler im alltäglichen Leben klar kamen und kommen und ob sie auch wirklich das wissen besitzen, was wir in unser gesellschaft außerhalb dieser summerville als "allgemeinwissen" ansehen? würd mich echt interessieren.
    Finde das konzept sehr interessant, hatte davon auch schonmal gehört aber wieder vergessen.

    24.07.2005, 18:46 von Breezer
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