finmaya 19.03.2007, 10:32 Uhr 39 19

Studieren mit Kind

Geht das? Ein Erlebnisbericht

4.13 Uhr
Ich stürze aus dem Bett und renne so schnell es im Eben-Noch-Geschlafen-Zustand geht den Gang entlang, fliege dabei über meine Hausschuhe, die ich mir für den Fall des nächtlichen Aufstehens extra in den Weg gelegt habe, schlage mir dabei den Ellenbogen am Türrahmen so fest an, dass ich meine Finger nicht mehr spüre, und lande leise wie Schnee vor dem Bett meiner Prinzessin. Ganz sanft streiche ich ihr über die Stirn und summe leise vor mich hin. Das kann doch garnicht wahr sein, denke ich mir. Langsam spüre ich die Finger wieder. Vor zwei Stunden bin ich ins Bett, weil ich noch an den Vorbereitungen für dieses verfluchte Seminar morgen tüfteln musste. Und ausgerechnet jetzt hat die Kleine Zahnschmerzen. Es sagt einem aber auch keiner, dass Zähne bekommen so weh tut. Mir fallen die Augen zu. Bevor mein Kopf wieder auf mein Kissen trifft, schlafe ich bereits.

7.12 Uhr
So, jetzt ab ins Bad. Ganz gemütlich die Kleine fertig machen. Dieses süße kleine Wesen. Sie grinst mich an mit ihrem engelhaften Lächeln, und sagt „Mama, hallo schönen Morgen!“ Ich könnte heulen vor Freude. Und die süßen Patschhändchen, und die Trollfüße...

8.04 Uhr
So ein Mist, ich muss ja los! Diesmal bin ich dran mit waschen. Danach bin ich zwar nur halb so sauber wie meine Tochter, doch das muss reichen. Sie traktiert ihre Stofftierkuh. Ich packe die Sachen ein, die sie in der Kindergruppe an der Uni braucht. Rein ins Auto und ab in die Kindergruppe.

8.30 Uhr
Wir laufen den Gang entlang im Frechdachs, so heißt die Kindergruppe. Da freut sich die Kleine und rennt los und quietscht. Ihr Freund Vincent quietscht auch und kommt uns entegegen. Sachen ausziehen, Hausschuhe an. Ich kann die Kleine kaum halten, sie will so schnell wie möglich in ihre Gruppe. Mit Mama spielen ist doof, wenn man doch so viele Freunde hier hat.

8.55 Uhr
Jetzt aber los. Schließlich muss ich noch den Vortrag üben. Und die Kleine macht Frühstück mit den anderen Kindern.

10.05 Uhr
Ich bin etwas nervös, denn zum Vortrag üben bin ich nicht gekommen. Lieber noch einen Kaffee getrunken mit einem Kommilitonen. Es hat mir von seinem anstrengendem Wochenende erzählt. Voller Partys und verschlafenen Terminen. Verschlafen, das Wort habe ich schon seit 14 Monaten nicht mehr gebrauchen dürfen. Ich hätte ihn so gerne etwas erwürgt.

11.55 Uhr
Der Vortrag lief nicht so glänzend. Dannach spreche ich mit dem Dozenten. Er hätte sich mehr erhofft, sagt er. Ich erkläre ihm, dass ich eine Tochter habe und zwei Wochen auch nicht gerade eine lange Zeit wären, so einen Vortrag vorzubereiten. Der Dozent ist dann auch noch verständnisvoll und meinte, er hätte mich unterstützen können, wenn ich ihm von meiner Situation früher erzählt hätte. Also als „Situation“ hab ich mein Kind nun wirklich noch nie betrachtet. Naja, beim nächsten Mal erzähl ich ihm von meiner Situation.

12.15 Uhr
Kurzklausur rausbekommen. Note 1,3. Ich bin die Größte! Hat das Lernen in der langweiligen Vorlesung am Mittwoch doch was gebracht! Ich bin ein Held. Vor mir unterhalten sich zwei Mädchen über die Ursachen ihrer schlechten Noten. Sie werden nächstes Semester nicht so viele Kurse belegen. Sie sind nämlich völlig überfordert. Und sie werden erst recht keinen Kurs vor 12 Uhr belegen. Das frühe Aufstehen geht ja mal gar nicht. Und so ein Studium ist ja schon zeitaufwendig. Wer soll denn das schaffen? Sie wirken auf mich sehr ausgeschlafen, trotz anstrengendem Studium. Ich wirke auf wirklich niemanden mehr ausgeschlafen. Schon lange nicht mehr. Vielleicht kann ich die zwei ja nächstes Semester engagieren, so vor 12 Uhr, damit ich mal ausschlafen kann? Ich denke an mein Kopfkissen.

12.30 Uhr
Die Kleine rennt vor mir davon, als ich sie abholen will. Da bleibt doch Zeit für ein Gespräch mit den anderen Müttern. Es ist schön zu hören, dass sie ähnliche Sorgen haben. Und Freuden.

12.45 Uhr
Mittagsschlaf. Zumindest für die Kleine. Ich sitze am Schreibtisch und arbeite an einem Projekt. Mir fallen vor Müdigkeit fast die Augen zu.

14.30 Uhr
Daheim spielen wir noch draußen mit den Kindern aus unserer Straße. Das machen wir jeden Tag aus rein taktischen Gründen. Ich denke mir, sie soll nochmal so richtig toben, damit sie gut schläft. Vor allem aber: damit ich gut schlafe. Heute findet sie Steine sehr aufregend und den Fußball des Nachbarjungen. Sie versucht, beides in ihren Mund zu stopfen. Das klappt ganz gut mit dem Stein, doch bei dem Fußball scheitert sie. Auf der Wiese findet sie dafür aber einen glänzend grünen Käfer, der passt ganz gut in ihren Mund. Das findet sie klasse. Als ich sie dann mit allen möglichen blöden Grimassen zu überreden versuche, den Käfer doch bitte wieder auszuspucken, schluckt sie ihn schnell runter.

18.07 Uhr
Abendessen. Sie versucht, Papa ihre Erbsen auf den Teller zu spucken. Naja, besser als Brötchen an die Wand kleben.

19.45 Uhr
Wir sind im Bad. Die Kleine lacht und quiekt, obwohl sie müde ist. Was für ein tolles Kind ich doch habe. Den Gedanken an den Käfer in ihrem Magen versuche ich zu unterdrücken. Sie lacht und schmunzelt und ist einfach froh. Ich erzähle ihr von meiner Note. Sie grinst mich an und ich muss sie ganz feste drücken. Und Papa drückt mich.

20.02 Uhr
Sie ist gleich eingeschlafen. Wie ein süßer Engel liegt sie in ihrem Bett und schlummert. Bis jetzt zumindest. Ich trinke noch schnell eine Kanne Kaffee.
Dann mache ich mich an die Arbeit: zwei Aufgaben für einen Kurs muss ich machen, die sind morgen fällig. Dann noch meinen Teil für das Projekt fertig machen, das ich mit vier anderen Studenten morgen besprechen werde.

23.42 Uhr
Mensch, wie kann man nur so müde sein? Warum mache ich das eigentlich?

2.48 Uhr
Fertig. Wirklich. Fix und fertig. Nochmal zu ihr geschaut. Am liebsten hätte ich mich zu ihr gelegt, wenn ich in ihrem kleinen Bett nur Platz gehabt hätte. Ich falle in mein Bett, auf mein flauschiges Kissen. Ich weiß, ich werde wohl nicht lange schlafen, aber ich weiß auch, dass mein Kind und das Studium das Beste für mich sind. Ich wollte keine kinderlose Akademikerin sein. Auch wollte ich keine Mama ohne Ambitionen sein. Ich habe das Beste aus beiden Welten. Das lässt mich nachts gut ruhen. Das und der Schlafentzug.


Tags: Studium
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39 Antworten

Kommentare

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    Auch wenn der Artikel schon etwas in die Jahre gekommen ist, muss ich es loswerden: Sehr schön und beneidenswert. Da meine Freundin nun in einer ähnlichen Situation ist und schon verzweifelt, werde ich ihr den Artikel senden und zeigen wie es gehen kann :)

    04.09.2011, 17:23 von espsoi
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    Respekt. ich kann Dich verstehen. Was soll denn auch ein Kind mit ner frustrierten Hausfraumami. Ich hab grad meine Diplomarbeit abgegeben und meine Kleine ist 7 Monate alt. Nicht so stressig wie mit Seminaren, aber einfach auch nicht :-) Auf jeden Fall aber wunderschön. Und frühere Probleme relativieren sich alle, wenn man dem Engel beim schlafen zuschaut. Ich würds immer wieder machen.
    Dir noch viel Durchhaltevermögen, wie lange haste denn noch?

    23.06.2007, 22:17 von bunso
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    gewollt schon, geplant vielleicht nicht ;-)

    24.04.2007, 20:21 von finmaya
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    na klar, jedes kind ist ja auch geplant...

    20.04.2007, 07:21 von Kalendertinte
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    hallo:)
    ich finds auch richtig klasse wie du das alles schaffst.
    ich bin vor 2 monaten mutter geworden, aber ungeplant, und eigentlich war ein kind überhaupt icht in meinem leben vorgesehen. aber nun ist sie da, und ich freu mich jeden tag mehr. im gegensatz zu dir habe ich aber meine eltern, die werden mir schon ne menge abnehmen.
    aber das ist schon schwieriger mit einem kind; wir sollen zb alle an einem referat mitarbeiten, ob wir einen schein machen möchte oder nicht. als ich dann unserm dozenten erklärt habe dass das bei mir nicht so recht ginge, weil ich sie da erst aus dem krh zurückkriege (kam schon in der 26sw) und die referatsgruppe nicht viel davon hätte wenn ich nie dasei, war ihm das allerdings recht egal. und da war ich schon sauer.
    aber echt, ich hoffe ich schaffe es ähnlich gut wie du..:)

    20.04.2007, 07:18 von Kalendertinte
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    @genickstarre: guter kommentar.

    01.04.2007, 23:25 von barcafan
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    Cooler Text.

    Beste Wünsche,
    anne

    01.04.2007, 23:21 von barcafan
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    Ich glaube, Deutschland braucht einfach ein paar mehr von deiner Sorte: Du solltest Deutschland sein :-) ! Wirklich große Klasse! Hut ab!

    01.04.2007, 22:28 von and-why
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    Tolle Leistung, toller Text!
    Ich muss ganz ehrlich sagen, mir wär`s zu anstrengend. Darum hab ich umso mehr Respekt vor dir, vor allem bei dem ganzen Stress und Schlafentzug noch gute Noten zu schreiben...
    Das kriegen andere nicht mal ausgeruht hin...

    01.04.2007, 10:32 von angie_neuburg
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    Klasse Kiompliment

    30.03.2007, 19:43 von SeanSander
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