kerstin_kullmann 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 3

Spanisch für Anfänger

FREMDSPRACHEN öffnen die Welt. Fünf NEON-Autoren haben es zumindest versucht. Auf fünf verschiedenen Wegen. Sie wollten Spanisch lernen

Weg 1: Lernen im Land
Eine Sprache zu Hause lernen bringt nichts. Das weiß ich. Man muss Leute kennen lernen, sprechen, lachen, tanzen, essen, trinken, kotzen. Andere Luft atmen. In einen fremden Blutkreislauf eintauchen. Ich habe im Ausland die besten Erfahrungen gemacht. 1998 in London: einen netten Portugiesen kennen gelernt. 1999 in Barcelona: coole Briten. 2005 in Peking: eine Spanierin aus Barcelona. Ich hatte immer Glück. Der Portugiese sprach eins a Cockney. Die Briten lernten Catalán. Und Anna aus Barcelona kon nte Chinesisch; wenigstens eine von uns. Diesmal, in Sevilla, war es Tammy aus Kalifornien. Nach einem Satz war die Sache klar: In der rechten Hand ein Glas Rotwein, die linke in die Luft gerissen, schrie die große Tammy über die Köpfe von siebzehn mittelcoolen Sprachschülern hinweg: »Mañana! Is fucking holiday!« Ich wusste, ich würde mich für den Rest der Zeit an die Seite dieser Frau begeben und mit ihr durch Sevilla segeln. Zu meinem Unglück sprach Tammy ansonsten kein Spanisch. Sie konnte kein Taxi bestellen, keine Speisekarte lesen. Nichts, nada. Ich wusste: Ich bin dran. Im Sinne von: Ich bin dran. Deswegen lief diesmal alles anders. Und zwar so: Vier Stunden täglich, fünf Mal die Woche. Erst zwei Stunden Grammatik mit Anna, dann Reden mit José. Dann »Aussprache« mit noch irgendwem. Weil man heute wohl auch in der Schule Spanisch lernen kann, saß ich im Anfängerkurs allein mit zwei alten Freaks. Die eine: eben Tammy, 35. Die andere: noch wer aus Italien, 43. Und ich. Aufstehen, hingehen, heimgehen: Das ist in Sevilla zwar nur halb so schlimm wie da, wo ich zehn Jahre zur Schule gegangen bin. Trotzdem. Um es kurz zu machen: Tammy hat glaube ich nichts gelernt. Sie hat gesagt, dass sie mit ihrem Rucksack die Tafel putzen möchte, dass die Leute im Zug das Rennen anfangen und ganz zum Schluss noch, dass sie »Indianerin« heißt. Das alles mit diesem miesen Akzent, so als würde sie bei Taco Bell zwei Burritos bestellen. Ich musste die Sache für uns beide in die Hand nehmen.
Ich habe gelernt: Taxi ordern (¡Si, señor! Ahora!), Essen bestellen, Trinken auch. Ich kann jetzt besser über mich selbst sprechen. Ehrlicher. So, wie man es sonst mit Ende Zwanzig nicht mehr tun würde. Die simplen Dinge. Dass ich gerne bailar und tomar una copa mache. Oder dormir en la cama. Diese Sätze, die bescheuert klingen, in Wahrheit aber ein Leben auf den Punkt bringen. Und einem halbstarken Deutschen, der mich auf Spanisch angequatscht hat (»Weil man im Ausland nicht Deutsch reden soll, sonst lernt man kein Spanisch!«), konnte ich sagen: »Cierra el pico, scheiß Hippie.« Das war großartig. Also, falls du das liest, Tammy: Liebe Grüße! Danke für alles. Und vergiss nicht: Mañana is fucking holiday!

Das braucht man: zwei Wochen Zeit. Ein Sprachkurs in Sevilla, inklusive einem Zimmer im Apartment, kostet bei LAL Sprachreisen um die 600 Euro. Flug ab 69 Euro bei Air Berlin.
Das lernt man: Präsens und Futur schätzen – als Optimistenduo mit Charme. Nach zwei Wochen Konversation in zwei Zeiten hat man verinnerlicht: Was gestern war, das zählt nicht mehr. Nur noch das Heute und das Morgen.
Das lernt man außerdem: das Wesentliche fürs Leben. In Affensprache. Hunger, Durst, Pipi. Wer man ist. Was man will. Wer verschwinden soll.
Macht Lust auf: noch mal machen.
KERSTIN KULLMANN

Weg 2: Lernen am lebenden Objekt
Geradezu modern ist es in meinem Bekanntenkreis zurzeit, sich den Kopf wegen seiner Rente zu zerbrechen. Nix für mich – Probleme mit meiner Finanzierbarkeit habe ich schon heute. Später, so ist der Plan, nicht mehr. Denn sobald es brenzlig wird, setze ich mich nach Buenos Aires ab, in die billigste Stadt der Welt. Ha! Vom großen Glück mit kleinem Geld trennt mich nur noch die Sprache. Doch wo ein Wille ist, da auch ein Weg. Schließlich wohne ich in München, es ist Oktoberfest – und lehrwillige Spanier müssten sich hier mindestens so zahlreich herumtreiben wie Rheinländer am Ballermann. Und tatsächlich: Schon im allerersten Zelt ortet mein Radar einen Ricky Martin mit Fußballtrikot und vier weiteren Toreros. Als Bayerin habe ich Exotenbonus. »¡Buenas Noches!«, rufe ich wie Carolin Reiber. Aber statt mir Spanisch beizubringen, will Ricki Martin
dauernd wissen, was Gemütlichkeit bedeutet. »Sentimiento bonito«, dilettiere ich und ernte da für eine Hand auf meinem Knie. Seriöser, sicherlich, wäre es wohl, sich gezielt mit deutschsprachigen Spaniern zu treffen – und zwar vor der vierten Maß.
Mehrere Einträge in Internetforen, von denen ich mir einen spanischsprechenden Tandempartner verspreche, bleiben unbeantwortet. Auf Ratschlag meiner Mutter hin treffe ich schließlich das Ehepaar Kraus – Spanienurlauber seit 1967. Er, ambitionierter Segler, sie, sein Sonnenschein; wir gemeinsam am Wohnzimmertisch mit Pipas Saladas, Vogelfutter zum Kauen. Frau Kraus erzählt mir von Fuerteventura und zeigt ihre Fotokollektion. Die Spanier, erfahre ich, haben das Tanzen im Blut, das Obst schmeckt viel besser, das Essen »unten« generell – Herr Kraus spitzt die Lippen und küsst Daumen und Zeigefinger. Bevor Frau Kraus die Kastagnetten auspackt, verabschiede ich mich lieber.
Tags drauf sitze ich an der Theke im »Centro Español«. An allen Tischen wieder nur Deutsche. Bloß die Speisekarte und der Schankkellner sind echt. Zur Rente sehe ich mich inzwischen schon in einem leeren Plattenbau in Sachsen. Resigniert bestelle ich trotzdem »una cerveza«, wie gelernt. »Ohhh!« flötet der Kellner anerkennend, »¿Hablas español?« Ich verneine traurig. Der Kellner lockt jetzt mit seinem Finger so nah zu sich heran, dass ich die Goldplomben in seinem Mund sehen kann und rät, ich solle mich in einen Spanier verlieben. »Dann zählst du Finger und Zehen, hast du die Zahlen bis zwanzig. Dann kommen die Körperteile, la barriga, las piernas, el culo … Einen spanischen Freund suche ich noch.
BARBARA HÖFLER

Das braucht man: Kontaktfreudigkeit, Geduld und eisernen Willen. Wenn man es ernst meint: einen spanischen Lover.
Das lernt man: Schimpfworte, Kosenamen und spanische Schlagertitel.
Das lernt man außerdem: Spanier haben einen Mutterkomplex. In Deutschland sprechen Spanier lieber deutsch. Spanier bringen einem lieber andere Dinge als ihre Sprache bei.
Macht Lust auf: Geld haben.


Weg 3: Der Multimedia-Selbstversuch
Als meine Großcousine in Bilbao lebte, brachte sie mir drei spanische Worte bei: tonto (Dummkopf), idiota (Idiot) und cara de culo (Arschgesicht). Seit 20 Jahren bin ich deshalb der Meinung, dass ich Spanisch schon ein bisschen kann. Unter meinem Lebenslauf steht: »Spanisch: Grundkenntnisse.« Vor meinem ersten wirklich wichtigen Bewerbungsgespräch bekam ich dann aber doch Muffensausen. Was, wenn der neue Chef es witzig fände, sein Ibiza-Spanisch auszupacken? Arschgesicht wäre auf jede Frage die falsche Antwort. Die Lern-CDs und Computerprogramme im Buchladen klangen vielversprechend, und ich deckte mich ausführlich ein. »Alles Wichtige schnell lernen «, stand auf der einen Packung; »Sofort zum Erfolg!« auf einer anderen. Heute weiß ich: alles ziemlich gelogen. Denn mit einem Computerprogramm eine Sprache zu lernen, ist ungefähr so, wie wenn man am Joystick versucht, seine realen Fußballkünste zu verbessern. In der Zeit von Atari und dem Computerspiel »Kick off« wurde ich fast jeden Nachmittag am Bildschirm Weltmeister. In der Mannschaft des 1. FC 08 Zeil aber, in der ich ganz leibhaftig spielte, saß ich oft, nein, eigentlich immer auf der Reservebank. Ungefähr so groß wie die Diskrepanz zwischen Computerfußball und Fußball ist jedenfalls auch der Unterschied zwischen einem Softwaresprachkurs und dem echten Sprechen einer Sprache. Am lebhaftesten erinnere ich mich an die vielen Pop-up-Fenster und die hübschen Zeichnungen. Man kann das Tempo der Sprecher von Schildkröte auf Hase umstellen. Immerhin übersetze ich heute etwa 15 spanische Sätze fließend. »Quería ser peluquero« – »Ich wollte Friseur werden«. Oder: »¿La aristocracia? La detesto.« – »Der Adel? Ich verabscheue ihn.« Für das Bewerbungsgespräch sollte solch exquisites Wissen reichen. Es fragte dann sowieso niemand danach. Die Idee, meine »Grundkenntnisse« im Lebenslauf nach dem Multimediakurs in »gute Kenntnisse« aufzupimpen, habe ich mir trotzdem verkniffen.
KLAUS RAAB

Das braucht man: 40 bis 70 Stunden Zeit, etwa 20 Euro für Software und Bücher (Pons Express-Sprachkurs und Powerkurs), schlechtes Wetter.
Das lernt man: seltsame einzelne Sätze. Es gibt die doppelte Verneinung: Der nächste Versuch, Spanisch zu lernen, beginnt bei keiner Null nicht. El piragüismo heißt der Kanusport. Die Pluralform Kanusporte gibt es auch im Spanischen nicht.
Das lernt man außerdem: Man muss mit anderen Menschen sprechen, um Sprachen zu lernen. Computer haben kein Herz. Kopfhörer können Kopfweh machen.
Macht Lust auf: richtiges Spanien oder richtige Computerspiele.


Weg 4: Intensivkurs
Das wirklich Tolle an unserer Zeit ist ja die Geschwindigkeit. Theoretisch bekommt man fast alles in nur einer Woche hin: Europa kennen lernen mit Easy-Jet, 60 Männer kennen lernen dank Speeddating und drei Kilo abnehmen ohne Hunger mit der neuesten Bri gitte-Diät. Diesmal also: Spanisch lernen. »Nach dem Kurs kannst du dich problemlos in einer Disko in Madrid unterhalten«, sagt der Sprachschulchef. Das »in einer Disko« irritiert mich nur kurz, dann melde ich mich für den Intensivkurs an: fünf Tage, je sechs Stunden Unterricht, drei Chicas und Rosalia, die bezaubernde Lehrerin aus Chile. Der Unterricht für Totalanfänger geht so: Rosalia sagt: »Hola, yo me llamo Rosalia.« Dann Bi anca: »Yo me llamo Bianca«, und Johanna: »Yo me llamo Johanna.« Ich: »Yo me llamo Vera«, und Rosalia: »¿Bianca, tu amigo, cómo se llama?« Nach zwei Tagen weiß ich, wie Rosalias, Biancas und Johannas Freunde, Exfreunde, Brüder, Schwestern, Müttern, Väter, Omas, Opas und sämtliche Nachbarn heißen. Und ich weiß auch, was alle diese Menschen am liebsten essen. Und ob sie blonde (rubio) oder dunkle (negro) Haare haben. Nur wenn ich wissen will, wie man noch mal »sein« konjugiert, muss ich dringend in meinen Aufzeichnungen nachgucken. Bei den Übungen stecken alle meine zehn Finger irgendwo im Grammatikbuch, damit ich punktgenau beim Sätzebauen nachschlagen kann. Lernen? Nachher, morgen, später – und Rosalia prescht weiter mit dem Futur. Am Abend im Bett habe ich einen Ohrwurm. Kein
Lied, nicht mal ein Satz, nur ein lispelndes Geräusch. »Patata pathata patata patha« macht es in meinem Kopf, und Rosalias Mund bewegt sich in Nahaufnahme dazu. Dann verwandelt sich der Mund in ihren Freund, der klein ist und im April Geburtstag hat …
Am Freitag nach der letzten Stunde kocht der Sprach kurschef peruanische Kartoffeln. Wir essen und schweigen. Das Buch liegt unerreichbar unter dem Stuhl in meiner Tasche. Der Chef sagt etwas, das so klingt wie »¿Vera, patata pathata pa tata?« Wären wir in einer Disko, ich würde ein fach lächeln und nicken. Und wahrscheinlich würde das sogar funktionieren. Doch wir sitzen in einem Klassenzimmer, draußen klatscht deutscher Regen ans Fenster und ich stammele: »Äh, Moment, äh, oh: Diese Wörter habe ich ge rade nicht mehr parat …« Ums Lernen kommt man einfach nicht herum. Nächste Woche gehe ich das Projekt Brigitte-Diät an.
VERA SCHROEDER

Das braucht man: mindestens 200 Euro, eine Woche komplett freie Zeit. Eine gute Sprachschule, in München zum Beispiel »Spanisch Aktiv«.
Das lernt man: passive Grundkenntnisse. El tórax de pichón heißt Hühnerbrust.
Das lernt man außerdem: Schulsituationen verleiten auch dann noch zum Schummeln, wenn man freiwillig drinsitzt. Ohne Zeit zum Lernen und Üben dazwischen kommt man ab 13 Uhr am zweiten Tag nicht mehr mit. Spanisch lernen im deutschen Herbst ist wie Tauchen im Hallenbad.
Macht Lust auf: Urlaub in Chile.


Weg 5: Der Ein-Mal-in-der-Woche-Kurs:
Selbstgefällig und braun gebrannt wie ein Backhühnchen kam meine Freundin Valerie aus ihrem vierwöchigen Cuba-Urlaub zurück. Die Insel sei ein Paradies, schwärmte sie, die Menschen, Männer und Strände grenzten an Perfektion. Das klang gut für mich, und so beschlossen wir, nach unserem Abschluss gemeinsam nach Cuba zu reisen und dort zu lernen, wie das schöne Leben geht. Doch nicht ohne Kenntnis der Landessprache. Schließlich war der Kontakt zu den Einheimischen die halbe Miete. Wir entschieden uns für einen zweistündigen Anfängerkurs am lokalen Kulturinstitut. Mit Band eins des Lehrbuchs »Caminos – Wege zur spanischen Sprache« unter dem Arm marschierte ich also Montagabend um sechs in die erste Stunde. Das anfängliche Unbehagen über das graumelierte Haar aller anderen Seminarteilnehmer wich schnell der Begeisterung darüber, am nächsten Tag jedem, den ich traf »Buen día, mi nombre es Meredith, como estás?« ins Gesicht posaunen zu können. Die Hausaufgaben erledigte ich noch am selben Abend. Spanisch war wie Latein: eine schöne, klare, einfache Sprache. Deshalb fand ich es auch nicht weiter schlimm, dass ich in der dritten Woche vergaß, den Lückentext für die nächste Sitzung auszufüllen. Es gab ja noch ein Leben neben dem Kurs, Unireferate, Beziehungskrisen, Geld verdienen … Dann kam der Montagabend, an dem ich beschloss, zu müde für den Kurs zu sein und ausnahmsweise mal nicht hinzugehen. Die Woche darauf saß ich wieder im Seminarraum und fragte mich, was denn diese reflexiven Verben bitte sollten. Spanisch wurde schwerer. Aber Zeit nachzulernen, wie ir, das spanische Wort für »gehen« konjugiert wird, hatte ich auch nicht, Klausur, Beziehung, Arbeit … Zwei Montagabende später saß ich plötzlich in einem Kinosessel statt auf dem unbequemen Instituts-Holzhocker. Und während ich in den weichen Plüsch zurücksank, dachte ich kurz an Valerie, und dass sie vielleicht lieber alleine nach Cuba fahren sollte: Spanisch war wohl doch nicht so mein Ding.
MEREDITH HAAF

Das braucht man: ca. 100 Euro und etwa vier ordentlich durchstrukturierte Monate daheim.
Das lernt man: Umfassende Grundkenntnisse, wenn man durchhält. ¿Me puedes coger, por favor? heißt in Spanien »Kannst du mich bitte abholen?«, in Lateinamerika aber: »Bitte habe Geschlechts verkehr mit mir?«
Das lernt man außerdem: Auch alte Menschen machen ihre Hausaufgaben manchmal nicht. Selbst aufrichtiges Interesse an einer Sprache ist nicht so mächtig wie die Möglichkeit des Nichtstuns.
Macht Lust auf: mehr Siesta, Hausaufgabenkontrolle und spontane Stehgreifaufgaben.

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