Seilschaften
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Selbst nach fünfzehn Jahren im Haifischbecken musste ein Rest ästhetischer und auch morali scher Empfindlichkeit in Rolf Höffner überlebt haben: Dies schloss er daraus, dass er ab und zu nachts im Traum dafür bestraft wurde, den Firmenslogan »Wir generieren Content!« gegen das gedemütigte Altmanagement durchgeboxt zu haben. Doch was nutzte ihm die Gewissheit, kein durch und durch verdorbener Mensch zu sein, wenn sein Leben nun an einem seidenen Faden hing (beziehungsweise an einem dünnen Seil und ein paar Karabinerhaken) und wenn die junge Frau am andern Ende nicht den geringsten Grund hatte, an das Gute in Rolf Höffner zu glauben?
Er hatte sich selbst hineingeritten. Betriebsausflug, aber nicht wie sonst eine Städtereise oder ein Spaziergängerwochenende im Schwarzwald: Nein, nach den Umstrukturierungen der letzten Monate musste es etwas Besonderes sein, etwas, das Aufbruchstimmung stiftete und zeigte, dass auch ein verschlanktes Team noch ein Team war. Also Klettern im Allgäu. Natürlich nichts Extremes, Routen, die ein halbwegs trittsicherer Anfänger gut bewältigen konnte. Und die neuen Projektleiter hatten beide genug Erfahrung am Fels, um auch wacklige Mitstreiter sicher zu führen.
Nun war es ausgerechnet ihm selbst passiert, ihm, der ganz hinten stieg und den Schluss der Kette sicherte. Fehlgetreten, weggerutscht. Da hing er über dem Abgrund. Die Haken an seinem Brustgurt schienen unerklärlicherweise auf den Rücken gerutscht, jedenfalls fand er sie nicht mehr. Und selbst wenn er sie gefunden hätte: Die nächsten Klammern des Steigs lagen gerade so hoch, dass er sich nicht danach strecken konnte. Noch knapp darüber, an der Felskante, das Gesicht von Ayla, der Praktikantin. Ihr wehendes Haar im Gegenlicht und ein Blick, der zwischen Schreck und Schadenfreude zu schwanken schien. Der ganze Rest der Seilschaft außer Sicht. »Sei doch froh, dass du nicht nur zum Putzen hierherkommst«, hatte er zu Ayla einmal gesagt, als sie sich beschwerte. Oder zweimal. Und die Sprüche über Kopftuch und Bauchtanz und Harem kamen ihm in diesem Moment auch nicht mehr so harmlos vor, wie er sie gemeint hatte. »Scheiße«, sagte er, »scheiße«, nickte sie. »Wenn du jetzt rechts über dir einhakst und dann unten nachziehst...«, fuhr er fort, »ich weiß«, unterbrach sie ihn. »Na dann. Also...« Doch sie schüttelte den Kopf: »Ein tragischer Unfall. Herr Höffner hatte seine eigenen Fähigkeiten überschätzt. « »Was willst du damit sage...« Ein Klicken. Sie musste den ersten Karabiner gelöst haben. »Ayla, bist du durchgeknallt?« »Wie, war das nicht richtig, was ich jetzt gemacht habe?« Wieder ein Klicken. »Ayla! Das kannst du nicht - das ist Mord!« Ein drittes Klicken. Er hatte kaum noch Halt. »Ayla - ich - verdammt, hilf mir! Es tut mir leid! Es tut mir alles leid! Ich verspreche dir, ich werde...« Ein viertes Klicken. Er stürzte.
Und wachte schreiend auf. Im blau-weiß karierten Bettzeug des Sporthotels. Nur gut, dass er das Einzelzimmer hatte. Ayla? War gar nicht mit zum Klettern, das war ja nichts für Praktikanten. Sie schob die drei Tage Bürodienst. Und da war natürlich gleich um neun Uhr ein Kontrollanruf fällig.






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