init-admin 09.09.2010, 12:45 Uhr 0 0

Schöner studieren

Bachelor-Ärger, Stellenstreichungen, Studiengebühren - aus deutschen Hochschulen kommen selten gute Nachrichten. Doch es gibt Ausnahmen. ZEHN UNIVERBESSERUNGEN zum Nachmachen.

Von Konstanz lernen:

Drei Tage wach

Noch wenige Tage, bis die Hausarbeit beim Professor liegen muss, noch nichts geschrieben, im Wohnheim wütet jeden Abend eine Party - für Konstanzer Studenten kein Grund zur Panik: Ab in die Unibibliothek, die hat ja so gut wie immer geöffnet, durchgehend von Montag um 8 bis Freitag 23 Uhr, und selbst am Wochenende bis 23 Uhr. Auch wenn der senfgelbe Teppichboden des Siebzigerjahrebaus nicht jeden zum 5-Tage-Durchlernen animiert - den Service der Konstanzer Bibliothek muss man einfach lieben: Auch mitten in der Nacht kann man sich hier mit Aristoteles Theorie der Glückseligkeit oder Picassos Blauer Periode auseinandersetzen. Auf 25 000 Quadratmetern haben die Studenten freien Zugang zu zwei Millionen Büchern, die nicht irgendwo, sondern thematisch geordnet nebeneinander stehen. »Das spart Zeit und hat den Vorteil, dass man im Regal zum The ma stöbern kann«, sagt Direktorin Petra Hätscher, die mit ihren 120 Mitarbeitern im BIX, dem Ranking deutschsprachiger Bibliotheken, zum dritten Mal in Folge ganz oben steht. Und wer noch effektiver recherchieren will, lässt sich von den Bibliothekaren schulen: In Kursen können Studenten lernen, wie sie Informationen speziell für ihr Fach am besten suchen und verarbeiten. So gewinnt man Zeit und kann sich auf einer der elf Ruheliegen mal etwas Schlaf gönnen - oder sich auf Erkundungstour durch die verschachtelten Ebenen der Bibliothek begeben. Mit etwas Glück entdeckt man den Schreibtisch mit Seeblick, den Ohrstöpselautomaten oder trifft Unikater Sammy, der sich nachts auch gerne zum Ersatzkuscheln anbietet. Catrin Zander

Von Ottersberg lernen:

Mensalust statt Mensafrust

Über den zementartigen Auflauf in der Mensa meckern kann jeder. Es besser machen können allerdings nur wenige. Die Studenten und Studentinnen der Fachhochschule in Ottersberg bei Bremen sind überzeugte Bessermacher. Einfach nur in der Schlange stehen und mit dem Tablett an der Auslage entlang streifen, so läuft das hier nicht. Einmal im Trimester hat nämlich jeder Student Kochdienst. Fünf müssen jeden Tag ran. Gekocht wird nur Vegetarisches. Etwa neunzig Portionen für jeweils drei Euro, pünktlich um 13.15 Uhr serviert. Dozenten, Sekretärinnen und Studenten - hier essen alle zusammen an großen runden Holztischen. Gemeinschaft ist ein wichtiger Teil des Hochschulkonzepts. Hauptgericht, Beilage und Nachtisch stehen ebenso in der Mitte des Tisches wie Blumen und Kerzen. Jeder kann nehmen, so viel er will - oder so viel wie eben da ist. Die Zutaten für die Menüs kommen fast alle von umliegenden Biohöfen. Gekocht wird, was die Jahreszeit hergibt. Aber in keinem Trimester zweimal das Gleiche. Darauf achtet Köchin Ikki Bülow ganz genau. Doch auch wenn in Ottersberg alles anders ist als in anderen Mensen, das Lieblingsgericht der Studenten ist dann doch das gleiche - oder zumindest fast: Nudeln mit Sojabolognese. Yvonne Adamek

Von Dresden lernen:

Auf die Alten bauen

Umgerechnet 20,3 Milliarden Euro sammelten sogenannte Alumnivereine in den USA im Jahr 2009. Bis dahin ist es sicherlich noch ein weiter Weg, aber die Studentenstiftung der Technischen Universität Dresden zeigt, dass die Förderung durch Spenden von Ehemaligen nicht nur privaten Eliteschulen mit Efeuhecken und Poloteam vorbehalten sein muss. Als erste deutsche Stiftung dieser Art wirbt sie seit mittlerweile fünf Jahren um Gelder, aber auch Sachspenden und freiwillige Mitarbeit von aktuellen und ehemaligen Studenten sowie von Firmen und Bürgern vor Ort. Erfolge bisher: eine anonyme psychologische Telefonberatung für Studierende (»Nightline Dresden«), der erste Wickeltisch an der gesamten Uni, sowie die Öffnung der Bibliothek auch sonntags. Letzteres wurde anfangs von der Stiftung finanziert, seit diesem Jahr trägt die Universität die Kosten wieder selbst. »Unser Ziel ist es nicht, Aufgaben des Staates oder der Uni zu übernehmen «, stellt Martin Bockisch, Vorsitzender der Stiftung, klar. »Wir möchten zeigen, wie manche Probleme behoben werden können.« Das große Ziel: die Finanzierung eines eigenen Lehrstuhls. Etwa 200 Professorenstellen sind derzeit in Sachsen aus Kostengründen nicht besetzt. Doch um einen Lehrstuhl zu finanzieren, bräuchte die Stiftung die Zinsen eines Grundkapitals von rund 60 Millionen Euro. Ambitioniert, aber nicht utopisch - denn es werden nicht nur Spenden eingesammelt. Mit einer bereits finanzierten Fotovoltaikanlage wird die Stiftung bald eigenen Solarstrom produzieren und so nebenher noch eigenes Geld verdienen. Christoph Koch

Von Hamburg lernen:

Jobtraining just for you

Wie sieht eigentlich die perfekte Bewerbungsmappe aus? Welches Hobby schreibt man in den Lebenslauf, welches besser nicht? Und, äh, was sind eigentlich meine »guten« Schwächen? Wer sich diese Fragen erst dann stellt, wenn er sein Abschlusszeugnis in Händen hält, hat Glück, wenn es in Hamburg ausgestellt wurde. Denn im Career-Center der Universität finden Absolventen auch in den zwei Jahren nach der Exmatrikulation noch Antworten - und zwar bei denen, die es wissen müssen: Personalern und Bewerbungsberatern. Wer also sichergehen will, dass nicht schon die schriftliche Bewerbung das K.o. bedeutet, lässt Lebenslauf, Anschreiben und Passfoto einfach von einem der strengen Schlipse persönlich checken. Und wer nicht weiß, ob er in Vorstellungsgesprächen schlagfertig genug ist, begibt sich probeweise in die gefürchtete Interviewsituation und erhält danach ein Feedback zum eigenen Auftreten. Aber nicht nur die Angst vor Assessment- Centern, Dresscodes oder Gehaltsverhandlungen kann man auf dem Hamburger Campus in kostenlosen Workshops abbauen. »In Zeiten, in denen man eine Karriere nicht mehr so einfach wie früher planen kann, wollen wir junge Menschen vor allem dabei unterstützen, eigene Zukunftsideen zu verwirklichen und sich nicht nach Schema F irgendwelchen Jobprognosen anzupassen«, sagt Frauke Narjes, Leiterin des Hamburger Career-Centers. Und wer dann herausfindet, dass er eigentlich gar nicht im Büro, sondern weiterhin in der Bibliothek sitzen möchte, wählt einfach noch den Kurs »Promotion - Themenfindung und Exposé«. Catrin Zander

Von Braunschweig lernen:

Probleme weg mit Web 2.0

Jeder, der auch nur einen einzigen Tag an einer Uni verbracht hat, kennt das Problem: Niemand ist zuständig. Nicht für die Heizung, die auch im Hochsommer den Hörsaal bebollert. Nicht für die immer zu knappen Sprechstunden. Nicht für die ständig defekten Kopierer. Nicht für den Irrsinn, dass man für jedes Institut eine andere Kopierkarte braucht. Und jeder, der auch nur einen halben Tag damit verbracht hat, sich durch die Hierarchien und Zuständigkeitsbereiche einer Hochschulverwaltung zu meckern, lernt: das nächste Mal lieber in der Mensa sitzen bleiben und einen zweiten Nachtisch holen. In Braunschweig gibt es seit Anfang 2009 an der TU eine zentrale Anlaufstelle für alle Sorgen und Nöte der Studierenden - das »Sag's uns«-Blog. Ob kleine Anliegen (mehr Mülleimer im Informatikzentrum oder Tacker und Locher bei den Druckern) oder große Ideen (ei ne einzige Chipkarte für Men sa, Kopierer und Bücherausleihe oder eine Onlinebewertung der Professoren) ? hier kann alles vorgebracht, vorgeschlagen, angedacht werden. Das Gute an der Sache: Es können zum einen, wie im modernen Mitmachweb üblich, alle die Beiträge einsehen und mitdiskutieren. Zum anderen wird von Anja Reisch, die das Blog von der Uniseite aus betreut, sofort ermittelt, wer in der Verwaltung genau für das Thema zuständig ist. In der Regel wird binnen 24 Stunden eine offizielle Antwort gepostet, wenn nicht sogar schon eine Lösung präsentiert. Klar, Mülleimer aufstellen oder Heizung abdrehen geht deutlich schneller als eine Reform der Studienordnung, aber es gibt endlich eine einheitliche Anlaufstelle ohne Zuständigkeitsausreden. Und, so die Organisatoren selbst: »Wir erfahren so viel schneller, wo der Schuh drückt.« Christoph Koch

Von Osnabrück lernen:

Wohnen auf dem Bauernhof

Mit dem Umbau einer Gasuhrenfabrik fing alles an. Als die Universität Osnabrück 1974 gegründet wurde, blieb der geplante Campus am Rande der Stadt eine Skizze auf Papier. Doch irgendwo mussten die Studenten wohnen. »Da kamen wir auf die Idee, auch alte Gebäude zu renovieren«, sagt Ursula Rosenstock vom Studentenwerk Osnabrück. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Fast 300 Studenten wohnen heute in der umgebauten Fabrik. Beschaulicher geht es auf dem Bauernhof Luhrmann zu, wo neben 58 Studenten auch ein paar Hühner leben. Bäume und eine alte Bruchsteinmauer umgeben das Fachwerkhaus und seinen Garten. Die Bewohner schlafen hier nicht in uniformen Wohnheimblöcken, sondern in der ehemaligen Scheune, in der alten Werkstatt, im Stall oder im Backhaus. Auch kleinste Gebäude verschmäht das Studentenwerk nicht. In einem Gartenhäuschen aus der Zeit um 1800 wohnen jetzt zwei Studenten. Gesamtmiete: 330 Euro. Und ja, es geht noch kleiner. Felix Grau, 24, bewohnt das wohl kleinste Studentenwohnheim in ganz Deutschland: den alten Wachturm an der Osnabrücker Stadtmauer. Das Fachwerktürmchen zieht immer wieder Neugierige an. Manchmal führt Felix sie durch seine neunzehn Quadratmeter große Bleibe, in der die Stadtmauer mitten durchs Badezimmer verläuft. Am liebsten würde er aus seinem Turm gar nicht mehr ausziehen. Ein Glück, dass er noch sechs Semester Produktionsgartenbau vor sich hat. Verena Duregger

Von Hohenheim lernen:

Zehn Servicegebote

Sprechzeiten alle zwei Monate, unfreundliche Sekretärinnen und Profs, die gerne mal die eigene Sprechstunde vergessen: Wer ungeduldig ist, hat es schwer, im Wartezimmerdschungel der deutschen Unis zu überleben. Entweder man bewaffnet sich also von Anfang an mit Geduld ? oder man geht an die Universität in Hohenheim. Dort hat Markus Voeth, Inhaber des Lehrstuhls für Marketing, für seine Studenten versucht, diese und noch andere altbekannte Probleme zu lösen. Vor zwei Jahren verkündete er zehn Serviceversprechen, zum Beispiel Klausurkorrekturen innerhalb von vier Wochen, Unterstützung bei Unternehmenskontakten für Diplomarbeiten, auf Wunsch Feedbackgespräche nach Seminaren und mündlichen Prüfungen oder E-Mail-Antworten binnen 24 Stunden. Für nicht eingehaltene Versprechen gibt es im Internet eine Meckerecke namens »Fouls«. Allerdings ist die seit dreieinhalb Jahren leer, und das soll auch so bleiben. Schließlich profitieren von so viel Service nicht nur die Studenten. Die Leistungsbereitschaft des Hohenheimer Lehrstuhls hat sich rumgesprochen. Unter Studierenden wird die Universität in der Nähe von Stuttgart immer beliebter. Die Universitäten in Bamberg, Bochum, Kiel und Göttingen versuchen sich bereits an ähnlichen Serviceprojekten. Yvonne Adamek

Von Jena lernen:

Forscher von morgen fördern

Dem Doktoranden ergeht es ähnlich wie einem Teenager in der Pubertät. Was will ich eigentlich? Wer bin ich? Eben noch Student und jetzt - ja, was denn eigentlich? Sich Wissenschaftler zu nennen, klingt noch nicht richtig. In dieser Identitätskrise braucht der Doktorand Unterstützung: fachliche, organisatorische, menschliche. Die Graduiertenakademie der Uni Jena will all das bieten. Was nach Eliteschmiede klingt, ist »eine Dachorganisation, in der wir die Interessen der Doktoranden vertreten «, wie Geschäftsführer Jörg Neumann sagt. Konkret heißt das: den Nachwuchsforschern Kurse anzubieten, in denen sie Zeitmanagement, Fremdsprachen oder den geschicktesten Aufbau einer wissenschaftlichen Publikation lernen. Oder verbindliche Regeln für alle Betreuer aufzustellen, damit kein Doktorand als Leibeigener seines Professors schuften muss. Und wer befürchtet, während seiner Promotion zum Fachidioten zu werden, der besucht die Vorträge für Promovierende aller Disziplinen von Quantenphysik bis Marktökonomie. »Mir gefällt, dass ich andere Denk- und Herangehensweisen kennen lerne«, sagt Astrid Körner, die seit eineinhalb Jahren an der Seite von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern in Psychologie promoviert. Nur schreiben muss man seine Promotion leider auch in Jena noch selbst. Katrin Blawat

Von Potsdam lernen:

Starthilfe für junge Gründer

Aus der Reihe »Sätze, die es zu vermeiden gilt«: 1. »Toll, ich wusste gar nicht, dass du schwanger bist!« (zur vollschlanken Cousine); 2. »Na ja, immerhin zahlste wenig Miete« (zum stolzen Einweihungsparty-Einladenden nach der Wohnungsführung); 3. »Klingt total interessant, und was macht man mit so was?« (zu Studenten). Ausnahme zu Punkt 3.: Die Studenten studieren an der Uni Potsdam. Dann kann es passieren, dass man als Bereits-einenganz- tollen-Job-habender-Mensch (»Ich bin im Bereich Controlling«) derjenige ist, der nach dem Angebereinstieg kleinlaut zur Badewanne mit dem Bier schleicht. Und nicht mehr wiederkommt. Weil die Studenten die viel partygesprächstauglicheren Sachen machen. Oder anleiern. Zum Beispiel Sandra Trenkamp und Nicolas Schauer: Sie erforschen, wie man nicht wässrige Tomaten züchtet, und verkaufen das Wissen an Bauern. Oder Raul Krauthausen: Er dachte sich Flaschenpfandboxen für Supermärkte aus. Wer sein Zettelchen da rein wirft, spendet seine 1,95 Euro an eine Tafel. Alle drei konnten ihre Ideen noch vor dem Examen in eigenen Firmen verwirklichen, weil das Institut für Gründung und Innovation der Universität Potsdam geholfen hat. Die Berater dort hören sich lustige Hirngespinste geduldig an, helfen beim Businessplanschreiben, und wenn es ernst wird, gewährt das Institut mit Mitteln von Uni und Land einen Gründungszuschuss von 5000 Euro ? seit 1998 rund 300 Mal. Egal, ob die Antragsteller Informatik studieren oder Philosophie. Dafür gab's den ersten Platz beim bundesweiten Gründerranking 2009. Völlig zu Recht. Mit »so was« kann man nämlich oft viel mehr machen als Taxi fahren. Oder Controlling. Anne Lemhöfer

Von Karlsruhe lernen:

Bologna verbessern

Die vor elf Jahren in Bologna beschlossene Reform der Hochschulen macht aus erwachsenen Menschen wieder Schulkinder. Anwesenheitspflicht sogar in Vorlesungen. Ein Setzkastensystem aus Studienmodulen, oft so unflexibel, dass die Regelstudienzeit gar nicht einhalten kann, wer »Statistik I« versäumt ? weil im zweiten Fach ebenfalls dienstags um 14 Uhr »Einführung in die Ästhetik« läuft. Wo bleibt da noch Zeit für Nebenjob, Praktikum, Auslandssemester? Ein Dilemma. Denn im ersten Vorstellungsgespräch sollen wir natürlich wieder, bitte schön, als Erwachsene auftreten, gereift und flexibel. Personalchefs interessiert es nicht, wie geschickt wir das mit den Credit Points für Modul 2B gelöst haben. Gegen die neuen Abschlüsse Bachelor und Master haben deshalb hunderttausende demonstriert. Mit Erfolg. An fast allen Unis in Deutschland basteln Arbeitsgruppen jetzt an einer Reform der Reform - das offene Eingeständnis einer grandiosen hochschulpolitischen Fehlleistung. In den Bologna-Werkstätten an der Frankfurter Goethe-Uni tun das Studenten und Professoren gemeinsam. »Völlig unakademisch« sei die Anwesenheitspflicht in Vorlesungen - da sind sich sogar Jonas Erkel, Asta-Vorsitzender, und Manfred Schubert- Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Uni, einig. Am Karlsruher Institut für Technologie wurden Anwesenheitskontrollen bereits ganz abgeschafft. Außerdem werden dort jetzt alle Module für Elektrotechnik und Informationstechnik jedes Semester angeboten. Na also, geht doch. Anne Lemhöfer

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