EinfachNurAndreas 06.04.2009, 13:51 Uhr 4 1

Morbus scientificus

... ist eine schreckliche Krankheit. Vielleicht bin ich auch infiziert.

Für zwei Tage verwandele ich mich in Wesen namens „Wissenschaftler“. Ich lege mein schwarzes Langarm-T-Shirt und meine Jeans ab und ziehe ein gebügeltes Hemd an. Ich binde mir eine Krawatte um. Ich rasiere mich, was ich wirklich nicht gern tue. Ich packe allerlei Papier in meine Aktentasche und gehe los. Sie nennen es „Tagung“.

In einem ungemütlichen Raum stehen ein Haufen Stühle sowie Kaffeekannen herum. Menschen setzen sich und verbringen die nächsten Stunden damit, wichtig zu gucken und so zu tun, als würden sie etwas verstehen. Vorne steht immer einer (ganz selten ist es auch mal eine Frau) und redet 30-40 Minuten am Stück. Er liest von seinen Papieren ab. Hinterher stellen die Leute Fragen. Der Mann (ganz selten ist es auch mal eine Frau, aber die redet dann genau so) antwortet. Er sagt: „Vielen Dank für diese interessante Frage...“, aber es klingt eher wie Du hast ja keine Ahnung, wovon du redest. Oder er sagt: „Das ist ein ganz spannender Punkt...“ ("habe ich jemals schon so einen Schwachsinn gehört?"), oder „diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt...“ ("bist du fertig? Das habe ich auch gedacht, als ich zwölf war"), oder „darüber sollten wir im Gespräch bleiben...“ ("ich werde zwar im Leben meine Meinung nicht mehr ändern, schon gar nicht wegen deines blöden Gefasels, aber wir können nachher vielleicht ficken"). Aus dem Fenster sieht man ein schönes Café mit einem Haufen ganz glücklicher Menschen im Frühlingswind. Die Leute im Raum leiden alle an Morbus scientificus.

Die Symptome sind klar: 1. immer länger reden als vorgesehen; 2. sich nicht für eine Sache, sondern nur für die eigenen coolen Thesen interessieren; 3. das Gefühl, es von vornherein besser zu wissen, deswegen sauer sein, dass den anderen so viel Redezeit eingeräumt wird; 4. nicht wirklich zuhören, was jemand anders zu sagen hat; 5. Dinge beurteilen, wegen derer man nicht gefragt war; 6. Rat geben, um den man nicht gebeten worden war ("das musst du so und so machen, ich habe schließlich eine W3-Professur"); 7. Thesen im Brustton der Überzeugung vorbringen, selbst wenn man es gar nicht so genau weiß; 8. die eigenen Themen für die wichtigsten der Welt halten, so nebensächlich sie auch sein mögen; 9. die eigenen Erfahrungen zu universalen und unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten aufblasen; 10. je nach Stellung in der Hierarchie: lachen über Witze, die man scheiße findet, um die Aufstiegschancen zu erhöhen bzw. nicht mehr mitkriegen, ob die eigenen Witze scheiße sind, weil die anderen doch immer lachen (in eins damit: die Meinung, die eigene Stellung verdient zu haben).
Es ist eine schwere Krankheit. Einmal ausgebrochen, gibt es eigentlich kein Heilmittel. Erfolglosigkeit hilft nicht, sondern führt zu 11. verbittert sein, weil die anderen die geilen Posten abfassen und man selbst sich von einer halben Projektstelle zur nächsten hangelt. Auch Frau und Kinder (sehr selten: Mann und Kinder) helfen nicht, sondern bringen mit sich: 12. Frau und Kinder vernachlässigen und dann bei den Ehrungen mit gerührter Stimme sagen: „Ich danke meiner Frau und meinen Kindern, die mich immer unterstützt haben“.

Auf dem Rückweg sitzt ein „Tagungsteilnehmer“ etwas verloren in der Straßenbahn und liest mit verkniffenem Gesicht ein Buch. Drei junge Mexikanerinnen gehen vorbei, er schaut kurz hoch und dann schnell wieder in sein Buch. Ob ich auch infiziert bin?

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4 Antworten

Kommentare

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    Nun, Professoren sind schlimme Narzissten.

    Aber sie dürfen es sein, weil sie wirklich was auf dem Kasten haben.

    Ich war bisher auf keiner Tagung, aber bei etwas sehr Ähnlichem. Es war sehr spannend, zu merken, dass es nicht um die bloße Darlegung von Thesen geht, sondern um existenzielle Überzeugungen und natürlich die Behauptung des Egos unter Wissens-Egozentrikern.

    Höchstwahrscheinlich läuft es ähnlich ab, wie Du es parodistisch beschreibst. Professoren müssen eventuell gerade so auftreten, weil sie viel für ihre Erkenntnisse tun und ein Disput auf solchem Niveau eine hohe Kampfkunst ist, die allen Beteiligten Spaß brinken kann.

    14.01.2012, 20:19 von TilmannKleye
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    4.,6.,9.!

    14.01.2012, 19:29 von mo_chroi
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    Einfach nur schrecklich, du, das habe ich auch schon erlebt.

    29.05.2009, 10:02 von EinfachNurAndreas
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ja, ein bisschen peinlich.

      28.06.2012, 15:55 von EinfachNurAndreas
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