dreamer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Mein langer Weg nach Harvard

"Congratulations from Harvard University" - wie lange hatte ich auf diese Worte gewartet und wie wenig berührten sie mich, als ich sie in Händen hilt.

Erstaunlicherweise war es kein Gefühl der überbrodelnden Freude, als ich die Mail erhalten habe. Es war überhaupt nicht so, wie ich es mir zuvor ausgemalt hatte: Begeisterung, Leidenschaft, Luftsprünge, Schreie, begeisterte SMS und Anrufe. Nein, als ich die magischen Worte "Congratulations from Harvard University" zum ersten Mal las, da lies ich meinen Blackberry sinken, schloss die Augen und dachte mir nur: "So, und das war es jetzt?"

Als ich das erste Mal an Harvard dachte, war ich gerade 16 oder 17 Jahre alt. Ein Teenager, der irgendeinen begeisterten Artikel über die beste Universität der Welt gelesen hatte – und sich einbildete, dass dies doch genau der richtige Platz für ihn sei. Mit dieser Einschätzung stand ich wohl alleine auf weiter Flur – meine Noten waren eher mittelmäßig, mein außerschulisches Engagement beschränkte sich auf die virtuelle Befreiung zahlreicher gefangener Elfen in Computerrollenspielen und meine Englischkenntnisse haben schon Londoner Fast-Food-Verkäufer in den Wahnsinn getrieben – und diese sind wahrlich keine Role Models für die englische Sprachbeherrschung. Nein, Harvard war viel mehr eine Phantasie als eine tatsächliche Möglichkeit, ein Traum, den man hegte, um sich die eigene Durchschnittlichkeit nicht eingestehen zu müssen. Und als Traum war Harvard zu weit entfernt um mich zu motivieren, mein Leben zu ändern, ein besserer Schüler zu werden und die Chancen nach Cambridge, Massachusetts, zu kommen, zumindest theoretisch zu erhöhen.

Doch was ein akademischer Traum nicht richten konnte, dass schaffte ein Mädchen. Nein, nicht ein Mädchen, DAS Mädchen. Um es abzukürzen: Sie war die Beste, in jedem Fach, in jeder Diskussion, in jeder auch noch so zufälligen Bewegung. Sie war so perfekt, dass die eigene Fehlbarkeit im Vergleich in einem Maße deutlich wurde, dass es schon beinahe physische Schmerzen auslöste. Und siehe da, in dem verzweifelten Versuch ihr nachzueifern und ihr aufzufallen, hatte ich plötzlich die Triebfeder gefunden, die ich brauchte, um mich aus meinem mittelmäßigen Trott zu befreien. Die Verwandlung kam schnell, war überraschend und doch vollkommen. Meine Lehrer sollten mir später sagen, dass sie mich nicht wiedererkannt haben. Eine Plattitüde sicher, aber doch mit viel Wahrheitsgehalt. Aus dem mittelmäßigen Schüler wurde der 1,0 Abiturient, aus dem Computerspieler, der engagierte Bürger und Stipendiat einer Hochbegabtenstiftung – was aber viel wichtiger war: Aus dem hoffnungslosen Werber wurde der Freund des perfekten Mädchens.

Und die Tragödie war perfekt: Da hatte ich sie nun, die Voraussetzungen um meinem akademischen Traum zu erfüllen, die Noten, den Lebenslauf, alles. Da lief ich nun über den Campus von Princeton, Harvard und Columbia, hörte mir die Vorträge der Admission-Officer an und wusste, dass ich angekommen war. Doch da war auch sie, in Deutschland, perfekt wie immer, in einer kleinen Studentenstadt studierend und ohne jede Ambition in die USA zu gehen. Und da war ich, zwischen allen Stühlen, gefangen und ratlos. Ich glaube noch immer, dass es für mich sprach, dass ich mich ohne langes Zögern für den Menschen entschieden habe, für die Perfektion und ihr Lächeln. Und tatsächlich, es sollte sich auszahlen. Sechs Jahre lang, durch mein gesamtes Studium hindurch und durch meine ersten Berufsjahre haben mich ihr Lächeln und ihre Perfektion begleitet. Es war die perfekte Zeit – die mich zu Höhen getrieben hat, die ich selbst nie bei mir für möglich gehalten hätte. Doch mit jedem Höheflug, jeder Auszeichnung als Jahrgangsbester, jedem Stipendium, jedem beruflichen Erfolg, fühlte sie die eigene Vollkommenheit ein wenig schwinden – sie hatte ein Ebenbild gefunden, nein, sie hatte es erst erschaffen. Und sie hatte festgestellt, dass sie mit diesem Ebenbild nicht leben kann.

Und so stand ich wieder alleine da – und der bereits verschüttete Traum von Harvard erwachte wieder. Es war ein plötzliches Erwachen, ein lautes Schreien in mir, ein Zerren: "Hier bin ich, vergiss mich nicht, noch ist es nicht zu spät, gib mich nicht auf. Sie hast du verloren, aber mich kannst du noch haben." Es war wie eine Therapie: In den Nächten, die ich ohne ihre Nähe sowieso schlaflos verbringen musste, bereitete ich mich auf Tests vor, schrieb Essays, versuchte zu ergründen, wer ich war, was ich wollte und dies auf Papier zu bringen. Getrieben wurde ich noch immer von ihr, auch wenn sie nicht mehr in meinem Leben war. Es vergingen Monate, bis die Bewerbungen fertig waren – vier insgesamt, für meine alten Bekannten: Princeton, Harvard, Columbia, Chicago. Als ich es durchgestanden hatte, war ich ausgebrannt –Monate mit maximal vier bis fünf Stunden Schlaf forderten ihren Tribut. Was aber noch viel schlimmer war: Die Leere kehrte zurück. Ich konnte immer noch nicht schlafen, die Bewerbungen waren fertig und was fehlte war doch nur Sie. Ich stürzte mich in die Arbeit.

Und dann kam diese Mail. Mit den schlichten vier Worten: "Congratulations from Harvard University". Der Gedanke kam unvermittelt, mit einer unglaublichen Intensität: "Das war es jetzt? Das war alles? Das war mein Traum?" Ich werde ab September in Cambridge leben und an der Harvard University studieren – und ich werde auch dort das perfekte Mädchen vermissen, dass mich erst dorthin gebracht hat. Manche Dinge sind eben größer als Träume."Wichtige Links zu diesem Text"
Homepage der Harvard University

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