rufuszofenluder 22.03.2005, 15:04 Uhr 11 0

Mein Freund, die Elite.

Elitehochschulen, Eliteinternate, Eliteförderung. Ein Land im Leistungswahn. Doch das hat seinen Preis. Ein deutsches Schicksal.

Mein Kumpel Bernd redet viel von früher. Vor fünf Jahren war er fast täglich Mountain-Bike fahren. Einmal die Woche ging er in den Schachklub und drei mal die Woche war er mit Freunden unterwegs. "Das war eine schöne Zeit", sagt er. Obwohl er in dieser Zeit viel für die Schule getan hat. Bernd hat ein 1,0 Abi. War schon immer fleißig und ehrgeizig. Und hatte immer ein Lachen in den Augen, das man einfach nicht auspusten konnte.

Kurz nach unserem Abi bin ich mit ihm nach Irland gefahren. Zwei Wochen Natur, Entspannung und Mensch sein. "Das ist der letzte Spaß für drei Jahre", hatte er damals zu mir gesagt. Denn nach dem Urlaub hieß es für ihn "ab in die Karriere". Er war an einer Berufsakademie genommen worden. Genauer gesagt: an einem Elitestudiengang mit einem Nummerus Clausus von 1,0. Eine Ehre, aber er ahnte, was auf ihn zu kam.

"Bis in drei Jahren dann!" sagte er zu mir, als wir uns zurück aus Irland in Deutschland am Flughafen voneinander verabschiedeten. Gut sah er aus. Braungebrannt, muskulös und mit strahlenden blauen Augen. Ein junger Manager, bereit, die Welt auf seine Schultern zu laden.

Wir sahen uns während der folgenden drei Jahre nur selten. Bernd hatte 56 Stunden Unterricht pro Woche und parallel dazu Praxisunterricht in Betrieben. Wenn er nicht in der Akademie war, lernte er zu Hause. Hin und wieder telefonierten wir. Er klang alt und müde am Telefon, aber er hatte einen eisernen Willen und die Gewissheit, dass es in drei Jahren vorbei sein wird.

Das war es tatsächlich. Es war vorbei mit dem Strahlen in den Augen und vorbei mit den Träumen. Bernd bekam schnell Arbeit, war aber von Anfang an mit dem Gehalt nicht zufrieden. Er mietete sich und seiner Freundin eine Wohnung, aber die hatte schnell genug von ihm und die Decke fiel ihm auf den Kopf. Da saß er dann auf seinem teuren Sofa vor seinem Großbildfernseher, lud Filme aus dem Internet auf seinen Labtop und war allein.

Nicht ganz. Ich besuchte ihn hin und wieder. Einen Abend in der Woche leistete er sich eine Auszeit von der Arbeit. Auch wenn er nicht wusste, was er tun sollte. Freizeit war für ihn leere Zeit. In den Stunden, in denen wir zusammen saßen und Vodka tranken, redete er. Von den Frauen, die alle unreif und dumm sind. Von der Leistung, die in Deutschland nicht mehr belohnt wird. Von seinem Auto, das zu viel kostet. Von der Polizei, die ihn immer aufschreibt. Von den Sozialschmarotzern, die so viel von seinem Lohn abbekommen. Überhaupt vom gierigen Staat. Und nach dem fünften Vodka redete er dann von früher. Ob ich noch wisse, wie viel Spaß wir hatten. Ob ich mich noch an seine Schrottkarre erinnere, mit der wir im Winter bibbernd durchs Allgäu gedonnert sind. Ob ich mich an unsere Schachabende bei Amaretto und Zigarren erinnere? Und ganz leise fragt er zum Schluss, ob ich den Bad Religion-Song noch kenne, zu dem wir damals in den Bodensee gekotzt habe? An den muss er in letzter Zeit wieder oft denken.

Ja. Ich kenne ihn noch. "Inner Logic" heißt er. Und er geht so:

"automatons with business suits clinging black boxes/sequestering the blueprints of daily life/
contented, free of care, they rejoice in morning ritual/ as they file like drone ant colonies to their office in the sky."

Nein, nach den drei Jahren Ausbildung war es für Bernd noch nicht zu Ende. Heute hat er dicke Augenringe und tiefe Sorgenfalten. Er verdient mehr Geld, als irgendjemand sonst in meinem Freundeskreis, aber lächeln sieht man ihn nie. Die Eliteausbildung hat ihm das Strahlen aus den Augen gekickt.

Der Teufel namens "Elite" geht um in Deutschland. Er verspricht euch Geld und Ruhm und Erfolg. Aber wenn ich in Bernds frustrierte Augen sehe, weiß ich: Er will dafür eure Seele."Wichtige Links zu diesem Text"
Elite ist geil.
Der komplette Songtext von "Inner Logic"

11 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Auch wenn es sich leichter anhört als getan:

    Ich gehör ebenfalls zu den Elite-Kindern, zwar hab ich meinen Weg selbst noch gefunden und das Ruder herumgerissen. Fahrt doch mal wieder mit einer Schrottkarre ins Allgäu... Sowas braucht eine gebeutelte Seele ab und zu.

    Ich werds meinen Leuten auch nicht vergessen, als man einfach mal wieder nach Jahren der fast schon Freundschaftsabstinenz einen Tequilla-Sit-In abhielt. Der letzte war vor der Zeit des tierischen ernstes, bewor wir alle einen Beruf ergriffen, damals als das Leben noch Leben bedeutete, nicht nur überleben und alles bis zur 100% zufriedenheit seinerselbst abzuzliefern.

    Elite möchte ein Privillig sein, jedoch bezahlt man sie mit Lebensfreude. Auch wenn ich mir heute ab und zu in mein Hinterteil treten könne, dass ich meine Mauerblümchen-100000%-Korrekt-Elite verlassen habe, glücklicher als heute war ich noch nie .

    16.04.2005, 12:51 von biby
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Toll geschrieben...muss ich sagen... erinnert mich an meine eigene Situation... ich mache auch so eine Elitenförderung, wobei ich im Augenblick eher dabei bin sämtliche Professoren davon zu überzeugen das mir mein bisheriges normales Leben besser gefällt als durchgehend lernen zu müssen... es gelingt mir zwar nicht wirklich aber ohne meine Zustimmung kann man mich glücklicherweise nicht auf so ein Internat stecken *freu*
    Es gibt erstaunlich viele- ja sogar fast alle- Eliteschüler sind so wie dein Freund...die meisten merken erst später das es auch anders geht und werden wieder "normal" wobei das auch relativ ist.... aber er hätte wissen müssen das es so kommt...das wäre eigentlich abzusehen gewesen... klar erfordert es mehr einsatz wenn man in der elite ist...aber...er hätte wissen müssen wie es kommt... man muss es ja nicht gesagt bekommen aber bei einem solchen studium... ists meiner Meinung einleuchtend...aber ich kenne eindeutig Leute die in der Elite glücklich geworden sind und Familie und alles haben und glücklich sind...wobei das meistens leider auch nur Ausnahmen sind...
    Es ist verdammt schwer aus dem Kreis da rauszukommen...verdammt schwer...aber nicht unmöglich...

    07.04.2005, 20:01 von Sarana
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich glaub trotzdem, daß eine Elite mit leuchtenden Augen eigentlich die bessere wäre (ist). Man verbraucht doch sehr viel Kraft, wenn alle anderen die Feinde sind, daß man sich nicht ausliefert und hat immer weniger Rückhalt bei Freunden, wenn diese keine richtigen sind.
    Ich würd solche Leute nicht einstellen... aber wahrscheinlich werd ich das eh nie entscheiden können...

    07.04.2005, 19:50 von LudwigMartin
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0


    Das erinnert mich an ein MPL-Seminar.
    (MLP: Finanzdienstleister "NUR" für aussichtsreiche Akademiker und Gutverdiener)
    Im Seminar wurde eine Art "Geschichte" erzählt:
    Zwei Freunde werden bei einer Wandertour von einem Bären überrascht und verfolgt. Es sieht böse aus.
    Bei einer Verschnaufpause packt der eine seine Turnschuhe aus und zieht sie sich an, worauf ihn der andere fragt: "Meinst du, du bist jetzt schneller als der Bär?"
    "Nein, aber schneller als du."

    Ich bekomm beim Gedanken daran jetzt noch eine Gänsehaut. Ob man vorrangig oder automatisch durch eine Eliteschule in diese Sichtweise hineingerät oder ob das bei normalen Ausbildungen auch oft passiert, weiß ich nicht.

    Aber diese Geschichte paßt zu dem, was Du hier kritisierst - und was Menschen zu dem macht, was Dein Freund ist... einfach unglücklich. Oder?

    06.04.2005, 19:28 von LudwigMartin
    • 0

      @LudwigMartin Ich will mir nicht anmaßen, darüber zu entscheiden, ob ER glücklich ist. ICH wäre es nicht an seiner Stelle und ich glaube zumindest, er ist es nicht. Das Problem an der Sache ist eben auch das scheinheilige: Oberflächlich waren sie in seinem Studiengang immer alle gute Freunde...gemobbt wurde hintenrum. Und so gehts jetzt halt auch weiter. Ich war mit ihm mal auf ner Party mit seinen Freunden...das war ein einziger kalter Krieg.

      07.04.2005, 10:09 von rufuszofenluder
    • Kommentar schreiben
  • 0

    DANKE dafür!

    04.04.2005, 12:37 von Brauseblume
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    So alleine ist Bernd nicht. Er hat noch dich! Es fällt oft schwer Kontakt zu halten über Jahre wenn jemand wirklich beschäftigt ist. Zum Glück ist es dir gelungen...

    25.03.2005, 14:28 von Ms.SunnySide
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Danke, fuer deine Nachricht ;)
      ok, du bist wesentlich aelter als ich, da siehst du das von einer anderen Seite. Aber "Bernd" ist ja grad frisch von der Uni und hat schon die Augenringe unter den Augen. Klar, nach 10 Jahren im Beruf will man, egal wie sehr man seinen beruf liebt, keine Naechte mehr durchmachen.
      Aber es war schliesslich seine Entscheidung, das zu tun, was er jetzt tut. Und er koennte ja weniger machen, aber offensichtlich ist ihm berufliches Weiterkommen wichtiger als Freizeit. Das darf dann auch er entscheiden.

      23.03.2005, 13:02 von volvic
    • 0

      @volvic Es ist sicher eine Einstellungssache. Es gibt Menschen, die von Grund auf positiver eingestellt sind als er. Er "liebt" seinen Job übrigens auch. Das Problem ist, dass er in ein System geraten ist, das Menschen geradebiegt. Und bei ihm führt das zu Grummelei. Ich habe auch andere Freunde, die viel verdienen und glücklich sind. Aber die haben sich nie zu sehr reingestresst. Der Knackpunkt bei dem Artikel ist ja, dass Bernd eine ELITEausbildung durchlaufen hat. Die hat ihn kaputt gemacht, weil er ihren Kampf mit in den Beruf genommen hat.

      Mein Kumpel D. z.B. hat an ner ganz normalen Uni BWL studiert, ein ganz normales Studentenleben gehabt, hat heute nen ähnlichen Job wie Bernd und freut sich des Lebens. Weil er das ganze nicht so verbissen sieht. Elitebildung macht unglückliche Menschen. Das wollt ich damit sagen. Nicht, dass man durch Karriere prinzipiell unglücklich wird.

      23.03.2005, 14:08 von rufuszofenluder
    • 0

      @rufuszofenluder "Der Knackpunkt bei dem Artikel ist ja, dass Bernd eine ELITEausbildung durchlaufen hat. Die hat ihn kaputt gemacht, weil er ihren Kampf mit in den Beruf genommen hat."
      Inwieweit verbindest du eine Eliteausbildung oder Elitenstatus, so verschiedengeartet er auch sein mag, mit einem ständigen Kampf? Kampf der Elite nach außen oder der Kampf nach innen, um der Elite standzuhalten? Folgt aus einem Elitenstatus prinzipiell und zwingend ein Kampf?

      26.03.2005, 23:53 von Totekadan
    • 0

      @Totekadan Nun Kampf gegen alle. Es gibt keine richtigen Freundschaften, höchstens Allianzen. Hm...ich glaub aber, es geht weniger um den Kampf als um den Stress. Ich glaube einfach nicht, dass Leute mit einem Stundenplan von 56 Stunden die Woche mehr lernen als Leute mit 26 Stunden die Woche. Irgendwann ist der Kopf einfach voll und was darüber hinaus geht, schadet dem Menschen. Bei Bernd hat sich das halt so ausgewirkt, dass er sich im Kampf mit der Welt sieht...bei anderen führt´s zu Depression. Und sicherlich gibts auch Workaholics, die darunter ein paar Jahre nicht zerbrechen. Aber ganz sauber sind die nicht.

      29.03.2005, 10:01 von rufuszofenluder
    • 0

      @rufuszofenluder Aber Elitenbildung geschieht nicht nur durch 56 Wochenstunden und Wissenseinprügelung. Und innerlich leer werden, so wie Bernd aus deinem Freundeskreis, kann man auch in einem "normalen" Studiengang bzw. Ausbildung, obwohl eine 56-Stunden-Woche sicherlich bei einer bereits gegebenen Veranlagung noch mehr reinhaut.
      Ich finde einfach die Idee des Teufels der Elite, der zwangsläufig alles auffrißt, zu plakativ.

      04.04.2005, 14:30 von Totekadan
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare