CommodoreSchmidtlepp 22.08.2006, 09:50 Uhr 14 2

Medienquatsch mit Soße

„In Berlin gibt es über dreitausend arbeitslose Mediengestalter“ sagt sie, die Lehrerin, na ja „Dozentin“ wird sie hier genannt, in unserer schicken

Medienakademie.Das sagt sie jetzt, ein halbes Jahr nachdem ich mit der Ausbildung angefangen habe. Bei der Farce die sie Vorstellungsgespräch nannten war davon nicht die Rede. Da wurde der ganze Quatsch hier auch anders dargestellt, Frontalunterricht, motivierte Dozenten, tolle Mitschüler und sowieso und überhaupt. In der Realität sieht es so aus, dass auf dieser Schule die Menschen genommen wurden, die sonst niemand haben wollte, dementsprechend sieht die Zeit die Unterricht heißt, aber diesen Namen eigentlich gar nicht verdient, aus. Ein Treppenwitz. Ich rutschte da irgendwie rein, brauchte ein Studium, einen Ausbildungsplatz und dann schien mir eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton sinnvoller als ein Studium der neuen Deutschen Geschichte.
Wenn mehr als die Hälfte aller Leute da ist, ist das schon viel und die Leute die da sind bekommen den Mund nicht auf, da sie entweder nichts zu sagen haben, oder nicht mehr wissen wie das geht, den Mund aufmachen. Ich sitze mit ehemaligen Glasern, 33jährigen, die als einzige Berufsqualifikation einen Fernkurs für Windows NT gemacht haben und Versagern zusammen in einem Raum und ich habe Angst davor dazuzugehören.
Ich sagte, dass ich schon viel geschnitten und gedreht habe, in der Freizeit, das sei kein Problem sagte man mir, der Unterricht würde sehr schnell anspruchsvoll werden, bla bla. Ich werde aggressiv wenn ich daran denke, an dieses Vorstellungsgespräch. In sechs Monaten wurde mir nichts vermittelt, was ich mir nicht an einem Nachmittag oder in einer ruhigen Stunde hätte selbst beibringen können. Im Gegenteil, jeden Tag mit diesen Torfnasen zu verbringen stumpft ab, macht depressiv. Es ist leider so, dass sich heutzutage jede Firma Medienakademie oder sonst was ans Gebäude pinseln darf und so tut als würde sie Menschen ausbilden. Hier wird einfach mit der „Hippnes“ von „irgendwas mit Medien“ gehurt, hier geht es nicht darum Menschen auszubilden, hier geht es darum Geld zu verdienen. Ich war zugegebenermaßen sehr naiv, aber von einer Ausbildung, für die man im Monat 456 Euro bezahlen muss kann man doch erwarten, dass sie ein wenig Gehalt hat, das einem etwas vermittelt wird, das man etwas für das Leben, für die berufliche Zukunft und so weiter mitnimmt. Und alles weil dieser Druck da ist, etwas zu tun, zu machen, sich zu qualifizieren, bloß nicht arbeitslos werden, immer schön mitschwimmen, kaufen, kaufen, kaufen.
Nach einer Zeit wird man von diesem Zustand gelähmt, weiß nicht mehr so recht ob man es nicht einfach durchziehen soll, oder abbrechen, irgendwas anderes machen, denkt an seinen Lebenslauf. Diffuse Ängste die sich da auftun und wahrscheinlich unbegründet sind.
Nun, ich habe mich wieder auf die Universitäten beworben, auf Studiengänge für die es 34 Studienplätze gibt und auf die sich 1078 Menschen bewerben. Auf die man mit einem Abi von 1,8 nicht mehr genommen wird. Schöne neue Welt.

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Kommentare

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    Hey!
    Die Qualität des Unterrichtes dieser Schulen/Akademien ist sicherlich nicht immer gewährleistet. Es gibt auch einfach zu viele Akadmien und Schulen im Medienbereich. Und nur einige sehr wenige herrausragende. Ich Kann Deine Entscheidung sehr gut nachvollziehen. An der Uni/ FH weißte im Nachhinein wenigstens was de gemacht hast...Und dass deren Studenten durch NC oder andere Auswahlverfahren, zumindest selektiert wurden...Und nicht jeder einfach akzeptiert wird... Anyways, viel Erfolg... Lass Dich nicht unterkriegen...

    25.08.2006, 23:07 von wickedchick
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    Oh Mann! Die Seite der Medienakademie ist ja noch nicht einmal für den Firefox optimiert. Ganz bitter.

    23.08.2006, 23:30 von Sebush
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    krass, krass, krass.

    Kopf hoch, es wird alles irgendwann wieder besser und Du bist ja nu schon aktiv geworden, da kann das mit dem Besser-werden ja nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

    Gruß,
    barcafan

    23.08.2006, 17:27 von barcafan
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    Ich kann Dir da nur beipflichten - als ehem. Dozent auf zwei solcher Schulen. Nicht selten wurden sogar Schüler gleich nach ihrem Abschluß (immerhin hatten sie einen) als Dozenten rekrutiert. Ok, sie waren fachlich gut, aber didaktisch natürlich völlig unerfahren und damit unerfahren.
    Und von den Schülern vom Arbeitsamt ganz zu schweigen: ich weiß nicht, was ein 40jähriger Bäcker in einer solchen Weiterbildung zu suchen hat. Es ist nahezu ausgeschlossen, daß dieser nach der Schule irgend einen Arbeitsplatz bekommt. Wahrscheinlich wußte er das selbst und saß wie ein Fünftklässler mit verschränkten Armen am hintersten Tisch und nölte ewig am Unterricht rum - naja, welcher 40jährige Desillusionierte läßt sich schon gern von einem massig (damals) massig jüngeren etwas erklären?

    Aber wenn Du nicht mehr so viel Zeit dort verbringen mußt, würde ich das an Deiner Stelle durchziehen und Dir auch selbst die Dinge beibringen, die Dir fehlen. Vieles kann man mit learning by doing ergänzen. Klar werden die Absolventen dieser Schule ungern genommen - ich beachte sie gar nicht, weil sie oft nicht mal die Applikationen beherrschen – aber Abbrecher haben dann wohl noch weniger Chancen.

    Dran bleiben oder nur dann gehen, wenn Du direkt im Anschluß etwas anderes hast.

    23.08.2006, 17:25 von pacozaq
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    Jaja, auf so eine "Schule" bin ich auch mal reingefallen. Im Bewerbungsgespräch wurde nur so mit diffusem Beeindruckungsvokabular um sich geschmissen: "qualifizierte Psychologen hauen mit ihnen optimierte Bewerbungen raus", "1a Kontakte in die Branche", "jeder macht mindestens 1/2 Jahr Auslandspraktika", "Sprachkurse", spätestens als was vom "Hubschraubertraining" erzählt wurde, hätte ich den guten Mann mit seinen Phantasien allein lassen sollen. Hab ich aber nicht getan sondern mich hübsch angemeldet und bin von Hamburg nach Bayern gezogen.
    Die erste Lehrveranstaltung war dann erstmal ein 1 wöchiger Internetkurs bei einem haha Dozenten, der sonst Langzeitarbeitslosen erklärt, wie man sich bei einem Email-Dienst anmeldet und einen Browser benutzt. Die Einführung ins "Profi-Schnittprogramm" Premiere gab uns ein Typ mit Micky Maus Schlips der eine Computerfirma betreibt und sich offensichtlich kurz ins Handbuch reingelesen hatte. Von Filmschnitt hatte er natürlich keine Ahnung.
    Es ging ähnlich desaströs weiter. Kein einziger Kursteilnehmer fuhr ins versicherte Auslandpraktikum. Für 20 Leute gab es drei kümmerlich ausgestattete Kameras und zwei professionelle Schnittplätze. Ansonsten schlecht funktionierende Windows-Rechner mit "Premiere".
    Als klar war, das Beschweren nichts mehr bringt, hab ich mich zum zweiten Lehrjahr neu beworben und bin in einen echten Betrieb gekommen.
    Ich kann Dir nur raten, ebenso zu tun. Ich hatte das Gefühl, meine Geschichte kam bei Bewerbungsgesprächen gut an. Schließlich präsentiert man sich als jemand, der offensichtlich wirklich den Beruf erlernen möchte und bereit ist, etwas an seiner Situation zu ändern.

    Es ist übrigens so, das Abgänger der privaten Schulen (meist zurecht) in der Branche einen sehr schlechten Ruf haben. Es kann passieren, daß ein arbeitsloser Gas-Wasser-Installateur im Beratungsgespräch der Bundesagentur äußert, er habe schon mal Urlaubsvideos im Computer zusammengeschnitten und das habe ihm Spass gemacht. Darauf jubelt die Beraterin. "Na also, das ist doch schon mal etwas. Also was mit Medien. Dann machen sie doch eine Weiterbildung zum..." schon sitzt er auf Kosten der Bundesagentur in einer privaten Akademie und stellt fest, das vertikale Austastlücken und SDI-Signale dann doch über sein Interesse an Mediengestaltung hinausgehen.
    Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß man in den IHK-Prüfungskommissonen diese Privatschul-Prüflinge gerne durchfallen sieht, weil sie mit schlechter Qualität den Markt für gut ausgebildtete Mediengestalter verwässern. Von IHK-Seite braucht man also keine Hilfestellung erwarten.

    Ich kann dich aber beruhigen was die Marktsituation angeht. Von den Mediengestaltern, die mit mir und nach mir fertig geworden sind, haben so gut wie alle einen Job gefunden, jedenfalls in München.

    Also dann viel Erfolg und bleib bloß nicht dort , wo Du jetzt bist.

    23.08.2006, 10:05 von dondada
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    Wach auf!
    Eine Berufsausbildung garantiert noch lange keinen Ausbildungsplatz. Mach Deinen IHK Abschluss mit Bestnoten und vor Allem bewirb Dich um Praktika und gibt es nicht Kunstwettbewerbe in Deiner Branche?

    Warum drehst Du nicht mal einen Kurzfilm? Wenn Du diesen Job nicht selbst ausgestaltest solltest Du lieber was machen, wo Du nach Anweisung arbeiten kannst.

    23.08.2006, 10:01 von ulf
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    Guten Morgen Commodore,

    wenn das ganze Sammeln von Informationen für Deine berufliche Zukunft, in einem Vorstellungsgespräch endete, halte ich dies für ein wenig zu bequem um sich hinterher zu beklagen.

    Daß Mediengestalter zum Sammelbegriff für ein unheimlich breites Spektrum an Qualifaikationen wurde, vom Hilfsarbeiter-Job bis zum Akademiker, denke ich sollte bekannt sein.
    In Deinem Falle scheinen die Betreiber dieser Schule ein interessantes und einfaches Verdienstfeld gefunden zu haben.

    Menschen, die sich aufgrund Arbeitslosigkeit umschulen lassen, derart pauschal abzuqualifizieren halte ich nicht für gerecht.

    Wie Du selbst schriebst, wurdest Du vom immaginären Druck getrieben "etwas tun zu müssen". Dies ist sicherlich nicht unbedingt die richtige Motivation für eine Entscheidung, die letzthin Dein Leben prägen soll.

    Zu allgemeinen Problematik in Deinem Artikel: Du hast sicherlich vollkommen recht, daß in den letzten Jahrzehnten in Deutschalnd unheimlich viel falsch gemacht und versäumt wurde, was Ausbildung und vor allem wertige Qualifikation anbelangt. Ein "Hoch-Lohn-Land" wie Deutschland kann es sich nicht leisten KUltur udn Bildung seiner Bevölkerung derart steifmütterlich zu behandeln wie dies geschah. Eines meiner Lieblingsbeispiele: Die Heimat von Siemens, Nixdorf, SAP und der MP3-Technologie muss Spezialisten aus Indien anheuern, da es im Lande nicht genügend qualifizierte Menschen zu geben scheint.

    Da aus Deinem Artikel keine weiteren Informationen hervorgehen, bitte ich Fehldeutungen meinerseits nicht über zu bewerten oder persönlich zu nehmen.

    Viele Grüße und vor allem viel Erfolg und ein wenig Glück - trooper

    23.08.2006, 08:11 von trooper
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      @trooper Stimmt aber schon, bevor ich knapp 500 Euro pro Monat in eine Ausbildung stecke, informiere ich mich vorher SEHR eingehend über eben diese, und dann kann einem schonmal ne Statistik über die dort herrschende Arbeitslosenquote ins Auge fallen, oder?

      23.08.2006, 15:03 von Coogar
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