Manchesterkapitalismus II
Ein paar bittere Wahrheiten für meinen Freund im Praktikum und seinen Brief „Manchesterkapitalismus“
Lieber Christoph,
Du machst schon wieder ein Praktikum ? Geht´s jetzt irgendwann auch mal weiter? Kann es sein, dass DU irgendwas falsch machst? Irgendwas mit DEINER Einstellung vielleicht nicht stimmt?
Dein Chef hat sich also mit Dir in den Abendstunden hingesetzt, um Dir was zu zeigen. Warum macht er das? Was hat er davon, neben der Tatsache, dass er seinen Feierabend für Dich opfert? Bekommt er mehr Geld dafür? Mit Sicherheit nicht. Vielleicht macht er es aus christlicher Nächstenliebe, vielleicht, weil er ein eitler Arsch ist, der bewundert werden will. Egal. Beides gut für Dich. Du lernst davon. Er hat einen Job, Du hast keinen. Wenn Du an Deiner Situation etwas ändern willst, lerne, so viel Du kannst. Wenn Du hingegen mehr Freizeit haben willst, warum machst Du dann ein Praktikum? Der Mangel an Freizeit ist doch nicht Dein Problem, sondern das Gegenteil, oder?
Du hast mit Anglizismen ein Problem. Du hast mit Amis ein Problem. Immer? Lehnst Du auch US-Bands ab, weil sie aus dem Land der SUV-Fahrer kommen? Findest deshalb auch englische Songtexte unmöglich? Machst Du auch Deine Freunde stetig darauf aufmerksam, bitte besser „MP3-Abspielgerät“ statt „MP3-Player“ zu sagen? Was denkst Du, was Deine Freunde darüber denken würden? Ja, das denken Deine Kollegen auch von Dir. Warum sollte es hier anders sein? Es spricht nichts dagegen, die sprachliche Entwicklung grundsätzlich bedauernswert zu finden. Aber es ist die gewöhnte Sprache Deines Arbeitsumfeldes. Du bist der Fremdkörper, nicht die anderen. Gewöhn´ Dich daran.
Ja, es geht in erster Linie nur um Kohle. Und zwar Dir. Das ist der Grund, warum Du einen anständig bezahlten Job suchst. Solltest Du nur kreativ sein wollen – das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten. Ginge es Dir nicht um Geld, könntest Du Deine Arbeitskraft auch karitativ einsetzen. Willst Du aber nicht. Also, wie an die Kohle kommen? „Müsste eigentlich wert sein“, hilft nicht. „Ich find´ mich gut, egal, was die anderen dazu denken" auch nicht. Wir leben in einem Land, in dem Angebot und Nachfrage den wirtschaftlichen Wert einer Leistung bestimmen. Das ist Fakt. Der wirtschaftliche Wert Deiner Arbeitsleistung bestimmt sich allein danach, was der Markt dafür bereit ist, zu geben. Ein Unternehmen zahlt Dir das Geld, was es Dir zahlen muss, um Deine Arbeit zu bekommen und bei dem es eine reale Chance sieht, sie teurer weiterverkaufen zu können. Willst Du (mehr) Geld verdienen, kümmere Dich um diese beiden Faktoren. Das kann man alles schrecklich finden. Auch die Frage, wo der Mensch dabei bleibt, ist berechtigt. Wenn Du das aber ändern willst, werde politisch aktiv. Trete einer Partei bei. Organisiere Dich. Schreibe Artikel. Ein Praktikumsplatz in einem Unternehmen ist aber mit Sicherheit der falsche Ort, das gesamte System in Frage zu stellen. Deine Position hilft dort keinem und schadet vor allem Dir selbst.
In zweiter Linie (neben Deiner wirtschaftlich verwertbaren Leistung) geht´s um Dich und wie Du Dich in Deinem persönlichen Umfeld benimmst. Man stellt Dich auch danach ein, ob Du ins Team passt. Ob man Dich mag, schätzt und respektiert. Ob Du Dich integrieren kannst. Versuche Dich in die Lage Deines Chefs zu versetzten, der ein Team aufbauen muss, um ein Projekt zu stemmen. Wen würdest Du dafür nehmen? Den, der es kann und den Du auch den ganzen Tag um Dich herum ertragen willst oder den vermeintlich „coolen“, der Probleme mit Dir, seinen Kollegen und seiner Arbeitseinstellung hat? Benimm´ Dich danach. Sei nett und hilfsbereit. Das klingt einfach, ist aber schwer. Und angepasst. Ich weiss. Aber Du willst etwas an Deiner Situation ändern, nicht die anderen.
Ja, das Berufsleben dreht sich um Abgabe- und Projekttermine. Um Timing. Das ist das wahre Leben - nicht das Schüler- und Studentenleben vorher. Dieses Leben kommt auch nicht wieder. Realisiere es. Du wirst nicht als freier Geist wahrgenommen, wenn Du Dich dagegen stemmst, sondern als untragbar.
Schön, dass Du Abi hast, studiert oder vielleicht sogar promoviert. Leider zahlt Dich aber keiner dafür. Du erhältst Deinen Lohn nicht als Orden für ein erfolgreiches Abi/Studium, sondern dafür, was Du danach dem Unternehmen erwirtschaftest. Deine Ausbildung ist allein Eintrittskarte, um in die Arena zu dürfen. Dein Geld bekommst Du dafür, was Du dann in der Arena tust. Auch wenn das Abi/Studium schon sehr schwer war; wenn es einen Zeitpunkt gibt, an dem Du Gas geben musst, dann ist er jetzt.
Du findest, Deine fette Eintrittskarte macht Dich eigentlich viel wertvoller, als in der schäbige Arena aufzutreten, die man Dir anbietet? „Kopierarbeiten, spinnen die?“ Wenn Du als Alternative eine bessere Arena zur Auswahl hast, dann hast Du Depp die falsche Wahl getroffen – nicht das Unternehmen. Verabschiede Dich nett und wechsele in die bessere Arena. Du hast keine bessere Alternative? Hast Du mal darüber nachgedacht, ob die „fette Eintrittskarte“ wirklich so fett ist? Ob sie sich wirklich so wirtschaftlich verwerten lässt, wie Du es gern hättest? Oder ob nicht Tausende mit der gleichen Eintrittskarte an der Arena stehen? Es ist egal, ob Du gut bist, wenn dass tausende andere auch sind, aber man nur wenige in der Arena braucht. Dann musst Du nämlich außergewöhnlich gut sein. Ein ehrlicher und meist schmerzlicher Realitätscheck hilft oft: wie viele Arbeitsplätze gibt es für Deinen Studiengang? Wieviele bewerben sich darauf? Steht das Verhältnis 1:100, solltest Du entweder zu den besten 1% gehören, das versuchen oder Dir schleunigst eine Arena suchen, wo das Verhältnis für Dich besser ist. Auch wenn Du auf diese andere Arena nicht ganz so viel Lust hast. Das findest Du alles ungerecht? Ist es auch zum Teil. Jammern hilft aber nicht. Ignoranz auch nicht. Und erst Recht nicht, „...es kann doch nicht sein, dass...“ Sätze zu sagen. Auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu warten ist der Tod.
Hierarchie nervt. Auch wenn man weiß, dass man sie grundsätzlich braucht. Aber was nervt am meisten daran? Unten zu stehen und nach oben schauen zu müssen. Jetzt kann man entweder darauf warten, dass es bei uns wie in China ´66 eine „Kulturevolution “ ausbricht oder die NewEconomy sich wiederholt. Oder man muss leider den langem Marsch nach oben selbst antreten. Aber Du hast Recht, wir sind zum Glück nicht in einem Königreich. In die Hierarchie eines Unternehmens wird man nicht geboren. Wir leben vielmehr in einer Leistungsgesellschaft. Du hast also eine reelle Chance, egal, wer Dein Vater und Deine Mutter waren. Dein Chef sitzt (von Ausnahmen abgesehen) da, wo er sitzt, weil er irgendwas besser gemacht hat. Vielleicht war es nicht unbedingt seine wirtschaftlich verwertbare Leistung, dann aber seine Fähigkeit sich in seinem Umfeld gut zu Recht zu finden.
Du siehst diese Typen, ihr Auftreten und ihre Privilegien und es kotzt Dich an? Verständlich. Viele, die nicht Deine Bildungschancen hatten, finden Dich genauso zum Kotzen, insbesondere, wenn Du meinst, nichts aus diesen Chancen machen zu müssen. Mach´ also etwas draus. Mach´, dass man Dich als Chef nicht zum Kotzen findet. Du hast es selbst in Hand.
Weißt Du was? Wenn sie nicht von selbst merken, was sie an Dir haben, zeige es ihnen. Kein falscher Stolz. Du hast nichts gewonnen, wenn Du „erhobenen Hauptes“ den Praktikumsplatz schmeißt oder absitzt. Du hast es damit keinem gezeigt. Der Leittragende bist allein Du selbst. Verschenke nicht Deine Lebenszeit.
Amen.
Liebe Grüße,
Tim123"Wichtige Links zu diesem Text"
Das war der Brief von Christoph






Kommentare
Du hast einfach nur Recht. Punkt.
19.04.2008, 22:40 von AllymaniacZum ersten find ich die beiden Briefe echt klasse geschrieben. Zum zweiten hoffe ich wirklich der erste Teil hat die Erwartungen vieler Praktikanten gut überspitzt. Ansonsten wärs echt zu Traurig.
17.11.2007, 22:47 von Riku_HanaAber eine Frage hab ich. Gabs zu Brief I eine Vorlage oder wie kamst du zu der Idee?
Liebe Grüße
"Der wirtschaftliche Wert Deiner Arbeitsleistung bestimmt sich allein danach, was der Markt dafür bereit ist, zu geben. Ein Unternehmen zahlt Dir das Geld, was es Dir zahlen muss, um Deine Arbeit zu bekommen und bei dem es eine reale Chance sieht, sie teurer weiterverkaufen zu können."
16.11.2007, 13:35 von sailorAnständige Arbeit bedarf anständiger Entlohnung.
Alles andere ist unanstägndig.