„Man fasst es nicht!“
Geburt, Abi, Bachelor, Master, Berufsleben, Ruhestand, Tod. So einfach könnte der Weg durch das Bildungssystem sein. Könnte. Die Geschichte von Tim.
Tim ist 23,917 Jahre alt. Vor vier Jahren hat er sein Abitur in einem der 16 deutschen Bundesländer abgelegt. Was zunächst nur eine unbegründete und böse Vorahnung war, sollte sich rasch bestätigen: Für sein Studium wechselte er das Bundesland und sah sich nun inmitten anderer Studenten, die unfreiwillig Opfer einer anderen Bildungspolitik geworden waren. Opfer heißt in diesem Fall: Schlechtere Bildung, bessere Abschlussnote.
Tim konnte sich aber anfangs noch glücklich schätzen. Denn im Gegensatz zu ehemaligen Klassenkameraden, die sich im deutschlandweiten Kampf um Studienplätze aufgrund ihrer vermeintlich schlechteren Note geschlagen geben mussten, hatte er den gewünschten Studienplatz erhalten. Tims angestrebter Abschluss: „Bachelor of Frustration and Inequity“, wie sich später herausstellen sollte.
Im Verlauf seines Bachelor-Studiums stellte Tim nun immer häufiger fest, dass einige derer, die neben ihm im Hörsaal saßen zwar teilweise des Deutschen mächtig waren, aber von einer allgemeinen Hochschulreife so weit entfernt wie A von Z. Diesen grundsätzlich traurigen Umstand konnte Tim für sich nutzen. Es sollte nicht lange dauern bis er durch sehr gute Noten motiviert und durch ein Leistungsstipendium finanziell gefördert wurde. Nicht nur, aber auch deshalb sah Tim über diese Ungleichheit hinweg. Eigentlich war er ja vom deutschen Bildungssystem überzeugt und der Meinung, dass jeder das Recht auf hohe Bildung habe.
Seit einigen Monaten darf sich Tim nun wieder voll und ganz als Bürger des Bildungsland Deutschland fühlen. Er ist im sechsten Semester und von seinem Abschlusszeugnis trennt ihn nur noch die Bachelorarbeit, welche er gerade schreibt. Sein Schnitt wird vermutlich zwischen 1,4 und 1,6 liegen. Da Tim in seinem späteren Beruf ein möglichst hohes Gehalt haben möchte und er sich außerdem am Ende seines Bachelorstudiums noch nicht ausreichend auf den Berufsalltag vorbereitet fühlt, stand für ihn fest, dass er seine bisherige Bildung mit einem Master krönen wollte.
Zunächst recherchierte Tim nach möglichen Studienorten des gewünschten „Master of Crisis Management“. Hier bemerkte er bereits erste Unterschiede. Während der Internetauftritt der Hochschule PsEli (PseudoElite) immerhin klar strukturiert war und ihm die gesuchten Informationen um das Bewerbungsvorgehen rasch bot, konnte die Homepage der Universität zu InDes (InformationsDesaster) lediglich durch Unübersichtlichkeit und fehlende Inhalte glänzen.
Doch das eigentliche Übel zeigte sich für Tim erst im Vergleich der Bewerbungsregularien: Neben diversen Varianten an geforderten Lebensläufen (teils nach vorgegebener Vorlage, teils tabellarisch oder auch ausformuliert), Essays und Motivationsschreiben (in der geforderten Länge bis zu drei Seiten variabel), verschiedensten Nachweisen (über Englischkenntnisse, Beherrschen weiterer moderner Fremdsprachen, Praktika (bis zu 12 Monate), soziales Engagement, Berufserfahrung etc.) und Zeugnissen (mal beglaubigt, mal nicht beglaubigt),schwankte vor allem eines: Die Bewerbungsfrist. „Wie kann es sein, dass jede Uni in solch einer wichtigen Angelegenheit ihr eigenes Süppchen kochen darf?“, fragt Tim, wenn es um das Master-Desaster geht. Man muss wissen, dass Tim neben Unmengen an Zeit für die Besorgung und Anfertigung hunderter Kopien, Essays und Nachweisen auch viel Geld in Portokosten stecken musste, um sicher zu gehen, dass seine Bewerbung auch garantiert rechtzeitig ankommt. „Wofür trage ich meine Daten erst online ein, wenn ich anschließend doch alles per Post verschicken muss? Und überhaupt: Wonach wählen die Unis denn ihre zukünftigen Studenten aus?“
Auf diese Fragen sollte Tim auch noch Antworten erhalten. Während einige Bildungseinrichtungen gänzlich davon absahen, Tim über Erhalt, Sichtung oder Bewertung seiner Bewerbung zu unterrichten, erhielt er von anderen Universitäten hingegen deutliche Rückmeldung. Zum einen konnte seine Bewerbung nicht angenommen werden, da ein anerkannter Englischnachweis fehlte (Tim hatte acht Jahre Englisch in der Schule, besuchte den Englisch-Leistungskurs, machte mehrfach Sprachreisen nach England, hat den berufsfeldbezogenen Englischkurs im Studium nachweislich mit sehr guten Noten abgeschlossen und ein dreimonatiges Praktikum im englischsprachigen Ausland absolviert.). Zum anderen wurde er gar nicht erst zum Auswahltest eingeladen. Ob seine schlechte Abschlussnote oder das mit Sicherheit miserabel zu lesene Motivationsschreiben der Grund für die Ablehnung waren, wurde Tim nicht mitgeteilt.
Doch einen Lichtblick gab es noch für Tim. Er wurde kurz nach Absenden seiner Bewerbung von der Hochschule ScheiPä (ScheinPädagogisch) telefonisch kontaktiert. In diesem Gespräch wies ihn eine hörbar hysterische und gestresste Sekretärin darauf hin, dass sein Abiturzeugnis nicht in beglaubigter Form vorliege und er das schnellstmöglich nachreichen müsse. Wie in seiner Bewerbung angeboten, reichte Tim also das von der Behörde beglaubigte Zeugnis nach. Wenig später erhielt Tim die erfreuliche Nachricht, dass er zum Auswahlgespräch eingeladen sei. Tim wunderte sich zwar, wie es sein konnte, dass eine Kommilitonin mit unbeglaubigtem Abiturzeugnis auch eingeladen wurde, freute sich aber nichtsdestotrotz über diesen zu verzeichnenden Erfolg.
Nach hunderten Kilometern Anreise für ein 15-minütiges Gespräch stand Tim nun vor dem Gesprächszimmer. Die Tür ging auf, er wurde in die Höhle des Löwen gebeten und mit den Worten „Auf Händeschütteln verzichten wir!“ begrüßt. Tim, der den händischen Gruß als Zeichen des Respekts des Gegenüber ansieht, spürte ab diesem Moment eine unsichtbare Barriere zwischen ihm und den vier Personen auf der anderen Seite des Tisches. In einer ungemütlichen Atmosphäre, die getränkt war von Überheblichkeit der Fragenden, war Tim nun bohrenden Fragen ausgesetzt, die nur darauf abzuzielen schienen, ihn in die Enge zu treiben. Glücklicherweise konnte der selbstsichere und wortgewandte Tim damit umgehen (Anders erging es seiner Nachfolgerin, die den Löwenpalast mit feuchten Augen verlies.). Ihm stockte jedoch kurz der Atem als er gefragt wurde, ob er sich das Studium leisten könne. Denn schließlich sei der „Master of Crisis Management“ ein Vollzeitstudium und es sei unmöglich und unerwünscht nebenher zu arbeiten. „Meinen die das ernst?! Suchen die gezielt nach Söhnchen und Töchterchen reicher Eltern?“, dachte sich Tim, dessen Gerechtigkeitssinn Alarm schlug und antwortete dann: „Ja, ich denke schon.“ Ähnlich schockiert war Tims Blick, als ihm in einem Nebensatz mitgeteilt wurde, dass das Interview aufgezeichnet würde und er seine Aussage, das Studium würde ihn hoffentlich weder über- noch unterfordern, später nicht mehr revidieren könne. Leider suchte Tim vergeblich nach dem erlösenden Lächeln oder Zwinkern, das ihm hätte verstehen lassen sollen, dass es sich dabei um einen sehr schlechten Scherz gehandelt habe.
Tim, der zwar einen sehr guten Abschluss, aber keine Perspektive mehr hat, steht nun vor großen Problemen. Für weitere Bewerbungen ist es jetzt zu spät. Auch für mögliche Auslandsaufenthalte wird die Zeit knapp. Also bleibt Tim nichts anderes übrig als über das Bildungsland Deutschland nachzudenken und dabei zu dem selben Schluss zu kommen wie Pepe Nietnagel, dem Lümmel aus der ersten Bank: „Man fasst es nicht!“
Jegliche Parallelen zum Werdegang des Autors sind absichtlich und nicht zufällig.







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