Fantine 04.03.2008, 19:58 Uhr 34 17

Lesen ist Rechtssache

Yelda ist 14 und trägt ihre langen schwarzen Haare gerne hochtoupiert, sodass sie ein bisschen wie Amy Winehouse aussieht.

Einzelne Strähnen hat sie sich pink gefärbt, passend zu den Klammern. In ihren Ohren stecken große schwarze Kreolen. Yelda weiß, wie sie sich schminken muss, um älter auszusehen. Der schwarze Lidstrich passt zu den schwarzen langen Fingernägeln. Mit der Hand spielt sie an der silbernen Kette, die um ihren Hals baumelt. Dann greift sie sich die kleine Tube mit dem glitzernden Lipgloss und fährt sich über die Lippen.

Yeldas Leben ist voller Widersprüche, und das weiß niemand besser als sie selbst. „Weiß ich nicht, ob ich Deutsche oder Türkin bin!“, sagt sie zum Beispiel und zieht ihre Augenbrauen hoch. „Ich mein, meine Mutter, ja, die hat jetzt nen deutschen Pass bekommen, aber das heißt doch nichts, ist ja nur ein Stück Papier.“ Das „ich“ spricht sie so, dass es wie „isch“ klingt. Manchmal, wenn sie etwas sagen möchte, was ihr wichtig ist, lehnt sie sich zurück, verschränkt die Arme und guckt einem direkt in die Augen: „Ey, was ich voll hasse!“, sagt sie dann, „ist, ey ja, die ganzen Ausländer, die haben alle keinen Respekt vor den Älteren.“ Sie macht eine Pause um zu gucken, wie es wirkt, bevor sie grinsend fortfährt: „Ich muss es wissen, weißte. Ich hab selbst überhaupt keinen Respekt vor meiner Mutter.“ Und dann grinst sie, als ob sie noch nicht richtig wisse, ob sie deswegen Stolz oder Scham empfinden soll.

Tatsächlich streitet sie sich jeden Tag mit ihrer Mutter. Sie muss sie nur sehen, um schlechte Laune zu bekommen. „Lass mich!“, pampt sie dann und fängt an zu schreien.
Yelda und ich sehen uns einmal pro Woche, damit ich ihr helfe, in Deutsch besser zu werden. Wir üben Grammatik, lesen Texte und schreiben Aufsätze. Dazwischen unterhalten wir uns. „Die Jungs hams viel besser!“, erklärt sie mir, „weißte, ey mein Cousin zum Beispiel, der ist einfach von der Schule abgegangen, ohne Abschluss, aber weißte was, das ist scheißegal, denn jetzt arbeitet er bei seinem Vater. Als Junge kannst du sowas machen. Als Mädchen musst du nen Abschluss machen.“ Einerseits. Aber andererseits „würd ich voll gerne Modedesignerin werden oder sowas, weißte.“

Ich möchte ihr wirklich helfen, einen guten Abschluss zu schaffen, aber in der Realität ist schon jede Versetzung eine Zitterpartie. Ihre Mutter ist zwar sehr ehrgeizig und möchte sehr gerne, dass aus ihrem Kind mal was wird – aber sie erwartet, dass Schule und Nachhilfe das leisten. Sie kümmert sich zum Beispiel nicht darum, dass Yelda Bücher liest – was dringend notwendig wäre. Ich war ernsthaft stolz auf mich – ich hatte Yelda vorgeschlagen, sich einen Bibliotheksausweis zu besorgen, jede Woche ein Buch zu lesen und es mit mir zu besprechen. Bisher liest sie gar nicht und wenn, dann empfindet sie es als große Qual. Anstatt der erwarteten pampigen Reaktion hat sie jedoch genickt und war einverstanden.

In der Woche drauf knallte sie mir einen Zettel mit der Benutzungsordnung der Bibliothek hin: Kinder unter 18 dürfen nur in Begleitung Erwachsener einen Bibliotheksausweis beantragen. „Meine Mutter hat keine Zeit!“, sagt sie, „immer, wenn die offen haben, muss sie arbeiten.“. Ihre Mutter hat mir das bestätigt. Und überhaupt findet sie, so war mein Eindruck, dass sie das auch nichts angehe.
Ein paar Tage später bin ich selbst in die Bücherei gegangen und habe nachgefragt, ob das wirklich nicht anders zu regeln sei. Der Bibliothekar schüttelte den Kopf und meinte ernst: „Nee, das haben wir ja sogar noch hoch gesetzt, von 16 auf 18! Das ist einfach eine Rechtssache!“

Dieser Satz hing mir nach: Ist Bildung denn nicht auch eine „Rechtssache“? Und was bedeutet diese Regelung anderes, als dass nur die Kinder die Möglichkeit haben, Bücher zu lesen, deren Eltern sich ohnehin darum kümmern? Während ein Kind, dessen Eltern Lesen für unwichtig halten, keine Chance hat, an seiner Situation etwas zu ändern?

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34 Antworten

Kommentare

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    Sehr guter Artikel!
    Ich hab emeinen Ausweis schon ziemlich lange und kenne deshalb die Regelungen bei usn nciht, aber was mcih ebenfalls stört ist, dass ich mit 16 pro jahr 12€ bezahlen muss. Klingt vielleicht erstmal nicht viel, aber für Familien mit weniger Geld wohl trotzdem ein Grund darüber nachzudenken. Wieso kann das für Schüler und Studenten, die Bücher ja auch für Recherchen brauchen, nicht umsonst sein?????

    18.03.2008, 10:23 von Loensche
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    aber leihen darf sie die bücher dann alleine oder wie?

    12.03.2008, 10:30 von Redeemer
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    Hallo!

    1. Wegen den Gebühen: Vielleicht gab es früher zuviel Ärger mit Eltern, die nicht wußten, dass Ihr Kind Bücher ausgeliehen hat, diese Bücher wurden dann nicht zurückgebracht, das verursachte Kosten, die über den Taschengeldparagraphen hinausgehen, dann haben die Eltern sich geweigert, dass zu zahlen, dann hat ein Rechtanwalt/Justitiar der Bücherei gesagt, dass das o.k. ist, die Bibliothek blieb auf den Kosten sitzen und hat beschlossen, dass das nicht geht (sind dann ja auch Gelder die dem Steuerzahler entgehen) und dann durften nur noch Büchereiausweise nach der jetzigen Regelung ausgestellt werden.

    2. Soweit ich weiß, gilt ein Ausweis, der in einer der Bibliotheken des Berliner Verbunds ausgestellt wurde, auch in den anderen Bibliotheken. Die Amerika-Gedenkbibliothek gehört (meine ich), auch zum Verbund. Die haben Wochentags von 10-20 Uhr geöffnet und Samstags von 10-19 Uhr. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass die Mutter (und was ist mit dem Vater?) die ganze Zeit arbeiten muss, könnte man dahin gehen, das Mädchen anmelden und kann dann auch in der Bücherei vor Ort ausleihen. Die Amerika-Gedenkbibl. ist am Halleschen Tor (dort wo auch der Karneval der Kulturen stattfindet). Wenn die U-Bahn wieder fährt, kommt man da mit der U1 oder U6, Hst. Hallesches Tor, hin.

    Irgendwo in Berlin (Xberg und F'hain) gibt es auch noch 2 Läden in denen man kostenlos (gerne gegen eine kl. Spende) Bücher aussuchen kann.

    Viel Erfolg bei der Nachhilfe!

    12.03.2008, 09:44 von buch77
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    toller text!

    auch wenns einfach schrecklich ist, wie einem steine in den weg gelegt werden, das kann die leute ja nur demotivieren...

    10.03.2008, 19:47 von hannah_in_usa_2006
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    ja die 2 letzten fragen machen schon traurig.

    07.03.2008, 18:20 von Sofya
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    Bei uns ging es vor Jahren über die Schule. Jeder Schüler hat so eine Vollmachtserklärung bekommen, die er unterschrieben wieder mitbringen sollte und dann ist die ganze Grundschulklasse mit der Lehrerin zur Bücherei und wir haben alle einen Ausweis bekommen. Dann konnte man sich noch ne Weile umsehen und gleich Bücher ausleihen und danach gings wieder zurück. Mag auch daran liegen, dass die Schule nicht mal 5 Minuten entfernt war und der Weg dahin äußerst lehrerfreundlich (nur eine Straße mit Zebrastreifen zu überqueren).

    Sowas sollte es trotzdem viel öfter geben.

    07.03.2008, 18:04 von SisterofEvil
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    dass immer alle auf irgendwelchen regelungen herumhacken müssen, ohne nur ein einziges mal darüber nach zu denken... aber schön aufregen.

    bücher kosten geld, werden als wertgegenstände bezeichnet.
    eine bücherei verrechnet gebühren, über einen zeitraum, sowie strafgebühren im falle von nicht einhalten eines "vertrags". PUNKT, also ich kenne keinen solchen vertrag den ein 14 jähriger unterzeichnen dürfte.
    außerdem stimmt es nicht dass man keinen zugang hat weil man sie nicht unter 18, ohne eltern, ausleihen kann - man kann in diesen bücherein sitzen und ohne jeden ausweis lesen...

    ansonsten erkenne ich da eigene erfahrungen...
    schönes thema ;)

    07.03.2008, 03:30 von rundesei
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    Ich hab nen Nachbarsjungen, der ausm Kosovo kommt und jetzt grad eingeschult wurde - mit dem bin ich auch regelmäßig in die Bücherei hier gegangen und hab ihm mit meinem Ausweis Bücher ausgeliehen. Inzwischen hat ihn seine Mama auch selber angemeldet und kommt ab und an mit.
    Was ich sehr gut und wichtig finde. Inzwischen liest er auch schon ziemlich gut und ich war letztens begeistert, als er sogar das Spiegelverkehrte an ner Scheibe lesen konnte.
    Ich finde wirklich gut, dass Du Dir auch über Deine Nachhilfetätigkeit hinaus Gedanken machst, wie du sie fördern bzw. ihr helfen kannst. Hut ab!
    Und ja, auch wenn sich alle dagegen stellen, gibt es, wie hier schon in den Kommentaren angesprochen, Möglichkeiten, um auch so an Bücher zu kommen. Vielleicht könntest Du ihr auch mal ein Buch von Dir ausleihen. Eins was Dir gefällt und wo Du denkst, dass sie es vielleicht mögen würde.
    Alles Gute ihr und: Mach weiter so!

    07.03.2008, 00:16 von Kampfkruemel
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    das hab ich mich auch gefragt, was das soll.
    ich bin selbst 17 und wollte mir vor kurzem einen ausweis besorgen.
    als ich dann in der bibliothek stand und mir wortwörtlich gesagt wurde "da muss aber deine mama mitkommen" wusst ich echt nicht mehr ob ich lachen oder weinen soll...

    06.03.2008, 17:00 von Septembre
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