Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Eine Azubi-Anekdote
Ich hab meine Ausbildung in einer winzigen Agentur gemacht. Alle gingen nach und nach oder wurden gegangen oder nicht übernommen. Im zweiten Lehrjahr war ich dann allein mit meinem Chef.
Mein Chef hasste Frauen.
Weil er mit einer Ausländerin verheiratet war, die ihn nicht mehr liebte, ihm ein Kind angehängt hatte, sich fremdvergnügte, ihn finanziell ausnahm und er hatte doch nichts anderes gelernt, als sich seinen Willen und die Liebe anderer Menschen ständig und bei allem zu erkaufen und war dementsprechend überfordert.
Die Trümmer dieser Ehe lagen immer irgendwo im Büro rum. Die Blüten dieser Ehe auch.
Sie in hochschwanger und oben ohne. Alle Bilder auf dem Geschäftsserver, für jeden zugänglich.
Manchmal sprach ich mit ihm drei Sätze am Tag.
"Guten Morgen" – "Ich mach Mittagspause, soll ich dir was mitbringen?" – "Tschüss, bis morgen dann."
Ich hatte ihm nichts zu sagen und was er mir außerhalb seiner fachlichen Kompetenzen hätte sagen können interessierte mich nicht.
Einmal, nach dem Weihnachtsurlaub zitierte er mich an den Besprechungstisch.
Es folgte ein längerer Monolog über meine Kleidung, die nicht dem entsprach, was er sich für eine junge Dame im Beisein von Kunden wünschte.
Er hätte lieber mehr Ausschnitt, kurze Röcke und keine Ringelpullis.
Er sprach weiter und sagte, ich hätte doch sicherlich zu Weihnachten Geld bekommen, das solle ich bitte dringend in eine neue Garderobe investieren.
Ich antwortete: "Tut mir leid, das ganze Geld ist schon weg."
Dann sagte er nichts mehr.
Dann sagte er, er würde mir ein Outfit bezahlen, ich solle in die Stadt gehen, gucken, was so ein Hosenanzug mit allem Firlefanz kostet und er würde das dann übernehmen.
Ich forschte nach, nannte ihm den Betrag und er sagte: "Ich hab's mir anders überlegt. Ich zahl dir hundert Euro, den Rest legst du selber drauf."
Ich fragte ihn, wieviel er denn so auf den Ladentisch legt, wenn er sich einen komplett neuen Anzug inklusive Schuhe kaufen würde.
Da sagte er nichts mehr.
Ein paar Tage später sagte er mir, er würde mir jetzt ein komplettes Azubi-Monatsgehalt überweisen, davon solle ich mir anständige Sachen kaufen.
Ich wartete, bis das Geld auf meinem Konto war, fuhr zum Elektronikfachmarkt und kaufte mir einen Laserdrucker.






Kommentare
Schön. Lässig. Mich nervt nur die Begründung "Weil er mit einer Ausländerin verheiratet war, die ihn nicht mehr liebte...". weil die recht einfache Erklärung den Text schwächt. Kann ja schießlich auch andersrum gewesen sein.
09.01.2010, 15:25 von Trebor-FaustWie steht Dir der Drucker?
16.11.2009, 15:28 von SeerosengiesserKlingt nicht gerade nach einem guten Betriebsklima. Beim Lesen solcher Geschichten bin ich über mein Studium doppelt glücklich.
21.10.2009, 01:04 von Pagogden Einkauf kann ich nachvollziehen :-)
09.09.2009, 15:38 von macaveli....Mist!
25.08.2009, 20:35 von Rico_StgIch hätte mich als Stift anders kleiden sollen, vielleicht wäre meine damalige Chefin dann etwas gönnerhafter gewesen.
Nett. Was für zwischendurch.
25.08.2009, 02:25 von DarenBRensdas du nicht gemacht hast, was er wollte, war von anfang an klar; daher hat mich das ende nicht überrascht.
22.08.2009, 17:02 von marco_frohberger@marco_frohberger "das du das nicht gemacht hast"
24.08.2009, 08:17 von SurecampEin S fehlt, ein S fehlt!!
@Surecamp ach, das s. naja...
24.08.2009, 09:30 von marco_frohberger