Können! Wollen? Scheitern.
Nichts ist bedrückender als die Freiheit, zwischen allen Möglichkeiten wählen zu dürfen.
Mir geht es schlecht. Keiner merkt es, man kann es nicht merken, denn eigentlich geht es mir gut. So gut, dass es mir von Tag zu Tag mehr Kummer bereitet. Von außen betrachtet scheint mein Leben ein Traum zu sein. Das Studium läuft super, die Noten sind gut, ich habe eine tolle WG gefunden, mich super eingelebt und sogar die Finanzierung dieses gerade begonnenen Lebensabschnitts, von dem man so oft sagt, es sei die schönste Zeit im Leben, ist, BAFöG sei Dank, gesichert. Ein Bilderbuchbeispiel eines Studentenlebens. Ein Traum, mit dem ich nicht glücklich bin.
Ich entwerfe mich selbst, versuche, mir das optimale Leben zu konstruieren, sehe mich im Studium ebenso wie in meinen Freizeitaktivitäten wachsen. Ich häufe enorme Mengen von Wissen an, werde besser, schneller, effizienter, kreativer, und ein Ende scheint nicht in Sicht. Aber eines werde ich nicht: glücklich. Ich fühle mich nicht, als durchlebte ich gerade die schönste Zeit meines Lebens. Ich fühle mich das erste Mal im Leben wirklich deprimiert. Ich habe Angst. Angst, auf dem falschen Weg zu sein. Angst zu scheitern.
Ich bin multitalentiert, in vielerlei Hinsicht begabt. Ich kann mich ohne Probleme den unterschiedlichsten Herausforderungen stellen, werde zahlreichen Ansprüchen gerecht, manchmal sogar meinen eigenen. Eine Gabe, um die mich viele beneiden. Ein Schicksal, das ich keinem Menschen auf dieser Welt wünschen möchte. Die Welt steht mir offen, ich könnte mich in so vielen Dingen behaupten, vieles erreichen. Doch ich weiß nicht, was aus mir werden soll.
Mein Leben ist immer perfekt nach Fahrplan verlaufen, alle Entscheidungen waren richtig, die Ergebnisse sehenswert. Dabei blieben Spaß, Feiern und all die Dinge, die das Leben wirklich lebenswert machen, nie auf der Strecke. Im Gegenteil: Verlauf und Ergebnisse meiner Schulzeit bilden einen äußerst unterhaltsamen Kontrast. Früher wurden Anforderungen an mich gestellt. Heute stelle ich selbst Anforderungen an mich und muss merken, dass nichts so ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich hatte nie die Chance, aus Fehlern zu lernen. Diese Tatsache besitzt auf eine seltsame Art und Weise ihre ganz eigene Tragik. Sie macht mir das Leben schwer.
Nach dem Zivildienst habe ich mich für alle möglichen Studiengänge beworben, die in irgendeiner Art und Weise mein Interesse wecken könnten. Immer auch mit dem Hintergedanken, endlich eine Schwachstelle finden zu können, für etwas nicht geeignet zu sein, etwas ausschließen zu können. Ich habe Motivationsschreiben verfasst, Eignungstests absolviert, Vorstellungsgespräche geführt und schließlich Studienplätze angeboten bekommen, für die sich viele eine Zulassung gewünscht hätten. Selbst die ZVS war kein Hindernis.
Ich habe sie alle links liegen gelassen und mich für ein Lehramtsstudium eingeschrieben. Zulassungsfrei. Unspektakulär. Überlaufen. Keine Eignungstests. Keine Motivationsschreiben. Kein NC. Dafür aber mehr als genug Kommilitonen, endlose Wartelisten für Seminarplätze und noch endlosere Stundenplanbasteleien in der Hoffnung, ohne allzu viele Überschneidungen und Ausfälle durch das anstehende Semester zu kommen. Ich hätte problemlos besseres bekommen können. Wollte ich es nicht besser? Wäre etwas anderes überhaupt besser? Zu viele Konjunktive. Zu viele Fragezeichen. Ich nehme sie alle jeden Morgen mit in die Uni. Sie bedrücken mich. Sie demotivieren mich. Sie werfen Zweifel auf. Sie stellen meine Zukunft in Frage. Ich stelle meine Zukunft in Frage!
Ich bin unglücklich. Unglücklich auf sehr hohem Niveau. Die Ergebnisse der ersten Prüfungen sind ausgezeichnet. Doch der Spaß ist verflogen. Ist er das wirklich? Oder habe ich ihn nur begraben unter all den Selbstzweifeln, der Unzufriedenheit, den Fragezeichen und Konjunktiven? Wäre er wieder da, wenn ich mich einfach nur auf mein Leben einlassen würde? Wenn ich all die Sorgen hinter mir lassen würde, für die es rein faktisch betrachtet sowieso keinen Anlass gibt? Oder ist es ein eindeutiges Zeichen, diesen Weg zu verlassen, bevor die Brücken hinter mir abgebrochen werden und es kein Zurück mehr gibt? Wieder nur Fragezeichen.
Ist es wirklich besser, noch einmal neu zu starten? Den sicheren Hafen zu verlassen und das erträumte Architekturstudium zu wagen, gerade in Zeiten, in denen ich immer öfter beobachte, wie Freunde, gescheitert in ihrem Studium, desillusioniert vom vermeintlichen Traumfach, schockiert vom aussichtslosen Arbeitsmarkt, in diesen sicheren Hafen einlaufen und doch Lehrer werden, weil es ja „nichts Schlechtes ist“. Ist es der Traum vom Architekturstudium überhaupt wert, geträumt zu werden? Oder ist er nur eine Seifenblase, die aus dem Gedanken, es gebe etwas besseres als das Jetzt, etwas, was mich mehr erfüllt, mich glücklicher macht, entstanden ist und die zerplatzen wird, sobald ich versuche, nach ihr zu greifen? Ist die momentane Unzufriedenheit mit dem Weg, den ich gehe, ebenfalls nur aus diesem Gedanken erwachsen? Ich weiß es nicht. Und ich werde es nicht wissen können, bevor ich mich nicht entschieden habe. Ich muss an Schrödingers Katze denken. Ich könnte mir eine Zukunft als Lehrer gut vorstellen. Dieser Gedanke wird aber immer begleitet von der Angst, etwas Besseres verpassen zu können. Etwas, das sich die meisten viel mehr ersehnen als das Leben eines Lehrers. Etwas, das für mich keine Sehnsucht sein muss, sondern realisierbar wäre, wenn ich mich nur dazu entscheiden könnte, es wahr zu machen.
Noch ist nicht alles vorbei. In diesem Sommer kann ich mich noch einmal bewerben. Noch einmal neu starten. Einen anderen Weg wählen. Es wird der Sommer der Entscheidung werden. Ich lege mich auf ein Studium fest. Auf einen Beruf. Auf einen Lebensentwurf. Auf meinen Lebensentwurf! Ich habe Angst vor dem Moment der Entscheidung. Angst, mir später vorwerfen zu müssen, es hätte eine bessere Alternative gegeben. Angst, nie wirklich im Leben anzukommen. Angst, an mir selbst und meinen Anforderungen zu scheitern. Nichts ist bedrückender als die Freiheit, zwischen allen Möglichkeiten wählen zu dürfen. Alles ist erreichbar, aber nur ein Traum darf gelebt werden. Umtausch ausgeschlossen.






Kommentare
Ich finds normal, dass du dich mit den Möglichkeiten befasst, die dir offenstehen. Wieso hast du gleich ein Studium angefangen, statt dir etwas Zeit zu nehmen, etwas Erfahrung zu sammeln, mal in die Welt zu fahren, um etwas davon kennen zu lernen?
12.06.2008, 20:20 von oneandallSo oder so, du wirst durch dein Studium sowieso eine Mege Erfahrungen sammeln, die deine Fragen beantworten und egal welchen Beruf man hat auch hier ist das ganze Leben dazu Zeit mehr zu lernen.
Lehrer ist doch ein toller Beruf in dem man viel mit Menschen zu tun hat, und noch viel dazulernen kann auch nach dem Studium. Also sicher eine gute Wahl.
Die Welt steht dir offen, das muss so sein. Es ist die Aufgabe eines jeden sich in dieser Freiheit einen Weg zu bahnen. Wähle mit Bedacht, geh furchtlos in die eigene Zukunft.
ach, das ist textonanie. get off your ass and start living.
05.11.2007, 22:47 von farangstarHey,
31.10.2007, 21:05 von Ataxich kenne deine Situation. "Können! Wollen? Scheitern."
Das trifft ins Schwarze. Ich stehe kurz vor meinem Abi, bin auf einem Internat für Leute, die es in der Schule immer leicht hatten. Diese quälenden Zweifel eine Entscheidung zu treffen, heraus zu finden, was denn nun der richtige Weg sein soll. Und das Schlimme: Irgendwann gibt es kein Zurück mehr: entweder du hast dich "falsch entschieden" oder du hast gar nichts. Auch wenn das nach Problemen auf hohem Niveau klingt, sind sie verdammtnochmal nicht zu unterschätzen.
Ich bin über Google auf diesen Artikel gestoßen. Mich persönlich beschäftigen im Moment ein paar Dinge in mir, die sehr viele Fragen aufwerfen. Unter anderem die ähnliche Situation mit der Angst zu Scheitern. Sie lähmt, schränkt die Möglichkeiten ein, obwohl man viele Möglichkeiten hat. Sie lässt Wünsche nicht wahr werden, weil man nicht anfängt, für die Wünsche etwas zu tun. Es könnte ja schief gehen. Die hohen Ansprüche, Erwartungen an sich selbst wird man sich selbst nicht mehr gerecht.
05.08.2007, 10:34 von skatertimDie Formel "Können! Wollen? Scheitern." trifft es eigentlich sehr gut. Wenn man am "Wollen" zweifelt (aus welchen Gründen auch immer), dann wird man scheitern.
Also müsste man nur eigentlich das Vorzeichen ändern. Eigentlich ...
Ich hab in einer Buchhandlung ein Buch in der Hand gehabt: "Der Weg zum Erfolg" - einer der vielen Ratgebern, welche die Märkte überschwemmen. Nach den ersten Seiten wusste ich bereits, was das Buch mir suggerieren wollte: Fang endlich an!
Aber diese Zweifel wieder. Und schon schlägt wieder die Formel in der Überschrift zu. Ein guter Freund von mir meinte, man muss klein anfangen. Immer! Überall!
Gerne können wir uns elektronisch über das tief sitzende Problem austauschen.
Servus Unglücklicher. Mir ging es vor einiger Zeit genau so wie dir. Wenn ich dich richtig verstehe, passiert in deinem Leben nichts, was nicht schon mal passiert ist. Du bekommst Anerkennung für deine Leistungen, aber daran bist du gewohnt. Du wohnst mit netten Leuten zusammen, aber das ist für dich noch kein Grund für einen Luftsprung. Zusammenfassend kann man sagen, dass dein sozialer Lerntrieb nicht mehr hinreichend stimuliert wird?
30.07.2007, 17:44 von Herrengedeck2005Aus dieser Lage gibt es drei bekannte Auswege. Chuck Palahniuk schrieb sinngemäß, wenn es nichts neues mehr zu erleben gibt, greifen die Menschen zu Drogen oder zum Selbsmord, denn nur in diesen beiden Extremen stecke noch herausfordernde Spannung. Jedoch sei der Tod für die meisten "zu autoritär". Nun, das ist die Ansicht eines Amerikaners, ich als Europäer reise lieber. Das würde ich auch dir empfehlen.
Du scheinst mir ein Kontrollmensch zu sein, der auf lange Zeit hinaus plant. Um also etwas Neues zu erleben, musst du dich in Situationen begeben, die du nicht unter Kontrolle hast. Das könnte z.B. eine Fußreise durch ein Entwicklungsland sein oder ein nächtlicher Spaziergang durch deine Stadt unter Einfluss z.B. haluzinogener Pilze. Da kannst (und wirst) du nämlich noch Fehler machen. Und aus ihnen lernen. Und es wird nicht dein normales Leben ins Wanken bringen, es sei denn du entscheidest dich bewusst dazu.
Was die Hippies vor 40 Jahren sagten, stimmt auch heute noch. Free your ass. Your mind will follow.
MfG, Herrengedeck
ich hab vorhin ne "vom leben gelernt"-aussage gelesen: das leben muss man vorwärts leben und ... rückwärts verstehen.
29.07.2007, 01:32 von johnnywaldich kenne die gemütslage, aber das leben gibt dir trotz eines eingeschlagen wegs noch genug wahlmöglichkeiten. es gibt strassenkreuzungen, gabelungen, machmal umwege, abkürzungen, und selbst mit lehramt musste doch bestimmt nicht dein leben lang lehrer bleiben.
Habe mich auch während meines Studiums auch mindestens 4mal für ein anderes Studiuenfach beworben, wurde immer genommen und habs nicht gemacht.
27.07.2007, 23:29 von rudinhoHabe auch Tage, auch Nächte überlegt, was den das richtige für mich ist --> natürlich erst mal ohne Entscheidung.
Ich sag auch jetzt ganz bestimmt nicht sei froh, dass du alles machen kannst, denn subjektiv kann diese Vielfalt an Möglichkeiten eher belastend sein, weil man nach dem absolut Perfekten sucht.
Ich habe allerdings auch erst begreifen müssen, dass es positiv ist sich so viele (quälende :-)) Gedanken zu machen, da es doch ausdrückt, dass man Anspruch an sein Leben und das was man tut hat.
Ich denke, dass man ohnehin immer erst hinterher weiß ob es das richtige für einen selbst war. Und im Endeffekt hast du doch weder das eine noch das andere ausprobiert und kannst vielleicht erst nach Praktika...etc ein belastbares Urteil fällen.
Und wichtig: Auch dann gibts immer ein zurück, weil man ja nur zu sehr neigt keine Entscheidungen treffen zu wollen da Sie ja so endgültig sind.
Mein Hausarzt hat erst Jura (fast) komplett studiert. danach Medizin und hat mal gesagt, sowas ist doch fürs Leben das Salz in der Suppe sonst ists doch langweilig.
You get what you give, wennst du was anderes willst machs einfach oder tu das was du jetzt machst mit Leidenschaft.
Ich kann dich wirklich gut verstehen und
der Umtausch ist zum Glück nie ausgeschlossen.
wahrlich ein luxus-problem. das wird schon.
27.07.2007, 02:38 von NeonBlond...offengestanden hab ich deinen artikel nur bis zum "erträumte Architekturstudium" gelesen und die kommentare gar nicht. wenn du deine multitalentierte birne mal dafür benutzen würdest dich mit gleichaltrigen zu unterhalten, dann dürftest du mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit feststellen, dass es tatsächlich jedem so geht.
24.07.2007, 14:44 von Annekind_Skywalkerna gut, außer die, die ein familienunternehmen, oder sonst irgendeine tradtition an der backe haben, oder diese extrem selten anzutreffenden zeitgenossen, die tatsächlich schon immer wussten, was sie beruflich machen wollen.
wenn du weißt, architektur ist es, dann machs einfach und schreib keine zwischen selbstbeweihräucherung und selbstmittleid oszillierenden meeega-artikel.
p.s. mir gehts genauso, verstehe nur nicht, warum du nicht einfach einsiehst, dass du einfach halt mal eben ne falsche entscheidung getroffen hast. so what? das passiert ständig. und jedem.