MisterGambit 22.12.2011, 04:43 Uhr 65 30

Jeannette hasst es, hier zu sein.

.

Nur noch die letzte Woche. Ein Mal noch da sitzen, schlucken, ertragen.

Und schon sitzt Jeanette im Seminar, am Fenster fallen die Flocken, ohne sie zu beachten, denen ist es egal, was die Kommilitonen wieder reden und atmen und sagen. „Gut haben es die Schneeflocken“, denkt sie sitzend, kritzelnd, seufzend.

„Die Scheißkommilitonen“, denkt sie, „diese Kinder, Dummköpfe, Versager. Wenn sie halb so gebildet wären, wie ich, wäre auch alles halb so schlimm.“

Jeanette hasst es, hier zu sein, sie wäre lieber schon längst daheim, bei den Herzmenschen, bei den Eltern. In ihrem im Jugendzimmer. Würde Fotos ansehen, feiern, den Hund kraulen, wenn sie die Tür zum Elternhaus aufschließt und endlich, nach Monaten, ihre Taschen  schwer und laut auf den Flurboden plumpsen lässt.

Noch einmal neunzig Minuten Dies und neunzig Minuten Das. Hände gehen hoch, dumme Antworten reihen sich aneinander, hinter ihr spielt jemand „Angry Birds“ auf dem Laptop, das Geräusch lässt ihren Kopf fast bersten, sie überlegt, wie sie den Ohrstöpsel ihres Ipods geschickt unter der Hand verstecken kann, aufgestützt am Tisch, halb zur Tafeln schielend. Es klappt nicht, der Dozent blickt nur eine Sekunde in ihre Richtung und schüttelt bedeutend den Kopf.

„Was das hier aus mir macht...ich drehe am Rad. Schuld sind:“, beginnt sie in ihr Büchlein zu schreiben, das sie in den Ferien ihren Freundinnen geben wird, damit diese wissen, wie das Semester war. Sie zählt auf: „Die Fotzenkinder mit ihrem pseudointellektuellen Gelaber. Die begriffsstutzigen Rückfragen. Der Gestank von fünfzig Menschen, die bei aufgedrehter Heizung vergessen, ihren Mantel auszuziehen. Das Bologna-Urteil, das aus Studenten Zombies gemacht hat. Die Wirtschaftskrise. Die Lüge von freier Bildung (weil gebildet ist hier keiner)… .“

Sie kritzelt sich selbst mit einem Samuraischwert darunter, wie sie den Weg in Richtung Mensa freimetzelt, während aus den Lautsprecheranlagen Lykke Li schallt. Sie kritzelt und hat dabei den Geruch ihres Hundes in der Nase, spürt dessen Fell auf dem Handrücken. Sie sitzt da, kritzelt, hasst. Und vergisst dabei, dass sie Glück hat, alt genug zu sein, um dem Bachelor-Sumpf zu entgehen. Sie vergisst dabei, wie sie vor sechs Semestern mit großen Plakaten einen Sommer lang protestieren war, damit die Studiengebühren abgeschafft werden. Wie sie laut gebrüllt hat „freie Uni für alle“, wie sie als Erstsemesterin mit großen Augen durch die Gebäude geirrt ist und drei Mal hinter vorgehaltener Hand nach dem Weg in den Kunsttrakt fragte. Wie schlecht ihre Bilder damals aussahen, wie falsch belichtet die Fotos waren.

Würde sie morgen mit dem Studium fertig sein, denkt sie, als sie so vor sich hin kritzelt, würde sie sich als Terroristin bewerben, dann auf Parties gehen, am besten auf so eine Spießer-Akustik-Gitarren-Gesellschaftsspiele-Party. Sie würde sich bei Reise nach Jerusalem als Erste zwischen die Stühle plumpsen lassen und eine Bombe zünden, die all die dummen Lehramtskinder in die Freiheit sprengt. Kaboom.

 

Sie denkt an Marco. Vor zwei Wochen saß sie das letzte Mal in seiner Wohnung, sie hörten gemeinsam Platten, schauten sich Fotos an, Filme, kochten, sprachen lange und tranken, als sie ihm zu erzählen begann, wie sehr sie alle Menschen inzwischen hasst,  wie sehr sie sich wünscht, alles wegzubomben. Und sie erzählte, dass sie deswegen zuerst beim Therapeuten war und der ihr nicht rechtgeben wollte, dass sie Autistin sei, nicht mal ein bisschen, und auch ADHS wollte er ihr nicht bescheinigen. Und dass das sowieso einer von diesen Spinnern war, die Psychologie nur studiert haben, um sich selbst zu therapieren. Aber was hat Marco, dieser Pimmelkönig, gemacht? Mit dem Kopf hat er geschüttelt und dann lange nichts gesagt, nur betreten an seinem Getränk genippt und Buchseiten geblättert. Da wusste sie: „Nie wieder auf jüngere Typen einlassen. Die verstehen einen ja sowieso nicht. Wie sollen sie auch, ohne Lebenserfahrung?“

Sie denkt an den Brief, den er ihr eine Woche später im Vorbeigehen zusteckte. Eigentlich es war es weniger ein Brief als eine Liste mit Fragen, eine Art jugendlicher Vergeltungsschlag:

Wie viel verstehst du aus den Zeitungen, die du jeden Tag liest?

Wie viel musst du noch fotografieren, bevor du anfängst, zu leben?

Kann man mit erhobenem Zeigefinger applaudieren?

Warum scheißt du dir ständig in dein Herz und nennst es Tiefsinn?

Das war der Beweis, wie dumm die ganze Welt ist, das war der Beweis, dass sie weg muss aus dieser Stadt, dass es hier keinen Trost gibt, keine Liebe, keine Bildung – nur Versager, die begriffsstutzig Fragen stellen und keine Antworten geben. Hat er sie damit provozieren können? Kinderspielchen. Wegbomben!

Ihr Hund stellt niemals dumme Fragen, der schaut sie nur wissend an, dann legt er sich vor ihre Füße und wartet, wie nur reife Wesen das können. Und ihre Eltern belästigen sie ebenfalls nie mit dämlichen Fragen. Ihre Herzmenschen auch nicht, die nehmen das Leben mit Vollspann. In dieses Gedankenchaos versunken wird Jeanette angestoßen von dem Jungen, der rechts neben ihr sitzt.

„Was denn?“, raunt sie.

„Teilnahmeliste“, sagt er und lächelt versöhnlich.

Sie reißt ihm die Liste aus der Hand, diesem Vollpfosten mit seiner Naziliste. „Immer schön eintragen, gibt Fleißbienchen“, nuschelt sie in seine Richtung, er lächelt weiter. „Beinahe wie ein dummer Hund“, denkt sie laut, da schüttelt er mit dem Kopf, lächelt nicht mehr, dreht sich weg.

Sie unterschreibt die Liste an fünfundfünfzigster Stelle mit „She-Ra“, kichert dabei nicht mal in Gedanken, kratzt sich hinter dem Ohr, gibt die Liste weiter. Das Mädchen neben ihr kichert, „She-Ra. Das bist doch nicht du?“, sagt sie, kichert deutlicher. „Doch. Bin ich.“

„Dann schreib ich Mila Superstar“, sagt sie, kichert immer noch, schreibt es wirklich. Jeanette greift sofort nach der Liste, streicht „She-Ra“ durch und unterzeichnet stattdessen mit J. Mann, quittiert das Ganze mit seinem „So!“ und schiebt die Liste zurück.

Die nächsten vier Stunden schweigt sie, dreht sich nicht mehr zu den Kommilitonen, stellt ihren Gehörgang auf Durchzug, kritzelt weiter Bilder:  wie sie mit einem Blitzdingens alle Menschen an der Universität, im Bus zum Bahnhof, im Zug nach Hause bei lebendigem Leibe grillt.

Später sitzt sie selbst im Zug, hat kein Blitzdingens, hat auch keinen Sitzplatz, hockt auf ihrem Trolley, hört laut Lykke Li, lässt in Gedanken Köpfe gegeneinander klatschten, zählt Gespräche, die nicht geführt werden sollten und bewertet sie auf einer Skala von 1 wie „nervig“ über 5 wie „muss man so etwas in der Öffentlichkeit besprechen“ bis 10: „Geh sterben“.

Als sie dann endlich ankommt, in der Haustür steht, hört sie ihren Hund bellen, drückt sie sich fest an ihn, krault sie seine Ohren, drückt sie ihre Wangen an sein Fell. Die Eltern drückt sie ebenfalls. Dann tragen sie gemeinsam den Trolley und den Rucksack in das Jugendzimmer, kochen Tee, setzen sich. Als Schneeflocken vor dem Fenster zu tanzen beginnen, die Welt für einen Moment frei ist von all den Idioten, dem Lärm, den nutzlosen Gesprächen, als der Vater kurz in der Küche ist, um den Kuchen aus dem Ofen zu holen, sagt die Mutter: „Du, wegen deinem Weihnachtsgeschenk. So ein Blitzdingens haben wir nirgendswo finden können. Wir haben auch keine Ahnung, was das ist oder was man mit so einem Ding überhaupt macht. Brauchst du das für deine Kunstprojekte?  Vielleicht können wir dir noch etwas anderes besorgen. Ist ja noch nicht zu spät! Worüber würdest du dich freuen?“.

Jeanette fällt darauf nichts ein, also nickt sie bloß. Dann schweigen beide, blicken mit offenem Mund aus dem Fenster, starren den Schneeflocken nach, die, als sie die Scheibe treffen, einfach schmelzen.

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65 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich glaub du hast sie echt perfekt beschrieben. auch wen ich so einen menschen mir total gut vorstellen kann. und deshalb bin ich da auch einfach reingerutscht und war total überrascht als es schon zuende war.
    ich kann filleduvent nicht zustimmen, weil: DICKES, FETTES KOMPLIMENT!

    24.01.2012, 17:28 von wir_sommer_wiese
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  • 1

    Okay, Dein Schreibstil hat mich wirklich miterleben lassen. Ich dachte erst wie bitter man die Welt um sich doch wahrnehmen kann und hatte am Ende nurnoch Mitleid. Trotzdem fuehle ich mich manchmal genau so - von der Welt nicht verstanden und abgesehen von unglaublich armseligem Hochmut auch einfach arm dran. Die Stelle, an der sie zurueckfaellt und einen debilen Scherz macht, hat mir besonders gefallen.


    Ich kann Dir kein Lob aussprechen, denn Du weisst offensichtlich wie man schreibt; nur hat Dein Text bei mir einen Punkt getroffen. Immer wieder zu hinterfragen. Gut. Und ich mag Schneeflocken.

    04.01.2012, 18:17 von filleduvent
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  • 0

    *blitzdings*

    02.01.2012, 15:22 von herrnashorn
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  • 1

    ich glaube, die schanett hat wirklich nich adhs und auch keine autistischen züge. die hat börn-aut!!!

    warum isse so frustriert?
    schlimm, die jugend heutzutage!

    gambit: große nummer! großartig beobachtet und umgesetzt!

    (und heute erst entdeckt!)

    28.12.2011, 20:05 von MiZa.
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  • 2

    STARTSEITE!

    23.12.2011, 13:32 von Beautiful_Mistake
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  • 1

    ein gelungener Text, von einem guten Autor über ein dämliches und unsympathisches Mädchen. Ich hasse deine Protagonistin, liebe allerdings deinen Text.

    23.12.2011, 01:47 von Sterling4ever
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  • 0

    hinter ihr spielt jemand „Angry Birds“ auf dem Laptop, das Geräusch lässt ihren Kopf fast bersten, sie überlegt, wie sie den Ohrstöpsel ihres Ipods geschickt unter der Hand verstecken kann, aufgestützt am Tisch, halb zur Tafeln schielend.



    Da hab ich mal wieder n Verstaendnisproblem.
    will Sie die Ohrstoepsel jez ins ohr machen, um Angry Birds zu entkommen?
    Stoert sonst niemanden das Geraeusch des Spiels?

    Tut dem Text natuerlich keinen Abbruch, versteh ich nur einfach nicht so recht.
    Und
    Tafeln
    braucht kein "n" :)

    22.12.2011, 15:09 von CornflakesTime
    • 0

      hast du doch verstanden

      22.12.2011, 15:11 von MisterGambit
    • 0

      Bin ja nicht vorlesungsbewandert, aber es stoert da den Dozenten nicht, wenn einer laut Angry Birds spielt, aber dass sich jemand n Kopfhoerer ins Ohr stecken will?

      Ach egal. Ich mag den Text, der Absatz holpert halt nur bei mir.

      22.12.2011, 15:14 von CornflakesTime
    • 0

      ich hab schon blobby-volley-turniere beobachten können oder wie jemand snooker-wm guckt über dvb-t

      22.12.2011, 15:16 von MisterGambit
    • 0

      Klingt als haettest du alles richtig gemacht.

      22.12.2011, 15:21 von CornflakesTime
    • 0

      Ich finds ja immer wieder sehr unterhaltsam, wie von 500 Studenten in einem Vorlesungssaal ca die Hälfte ihren Laptop auspackt und dann erstmal 200 blaue Facebook-Profile auf den Bildschirmen erscheinen :D

      22.12.2011, 17:27 von NeverGrowUp
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  • 0

    Warum
    scheißt du dir ständig in dein Herz und nennst es Tiefsinn?

    -> Gold wert dieser Satz!!

    Gambit, ich bin zweifach beeindruckt! Erstens, wie schnell das mit der Blitzdingsumsetzung funktioniert hat! Und zweitens, in welchem Ausmaß! Immer wieder erfreut von dir zu lesen!

    22.12.2011, 14:50 von rubs_n_roll
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  • 4

    4 Uhr 43, du freak.

    22.12.2011, 12:04 von MaasJan
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  • 0

    Den zahlreichen Meckertexten und -kommentaren hier zu urteilen hat Jeanette hier viele Gleichgesinnte.


    Der Text hier ist aber auf jeden Fall sehr nett zu lesen.

    22.12.2011, 11:17 von Marvbaer
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