x-antia 25.01.2005, 16:34 Uhr 56 0

Höchste Zeit für Studiengebühren

'Studienkosten belasten die Falschen!’ prangt in dicken, schwarzen Lettern über dem doch sehr pauschalisierenden Photo einer Anzeige

‚Studienkosten belasten die Falschen!’ prangt in dicken, schwarzen Lettern über dem doch sehr pauschalisierenden Photo einer Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Darauf ist ein recht adrett und ordentlich gekleideter Jura-Student abgebildet, der sich auf dem Rücken eines KfZ-Mechanikers sitzend ziemlich wohl zu fühlen scheint, wie er da so in seinen Büchern schmökert – während der Mechaniker recht angestrengt in die Ferne blickt - vielleicht in Erwartung einer besseren und gerechteren Zukunft?

Ob Bilder wie dieses dazu geeignet sind, ein so schwieriges und komplexes Thema im richtigen Maßstab zu illustrieren, oder ob so etwas nicht letztendlich doch wieder zu unnötiger Frontbildung und Überhitzung der ohnehin schon hitzigen Debatte führt, sei dahingestellt. Tatsache ist, es wird sich etwas ändern, und zwar bald, nämlich schon am morgigen Mittwoch in aller Frühe, wenn das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung über das bundesweite Verbot von Studiengebühren bekanntgibt. Damit ist ein vorläufiges Ende der Diskussion zu erwarten... oder doch nicht?

Alles deutet darauf hin, dass das Bundesverfassungsgericht das bundesweite Verbot von Studiengebühren kippen wird. Somit wird den Ländern der Weg geebnet zur Erhebung von Studiengebühren, zunächst in einer Höhe von 500 Euro pro Semester. Allen voran wird Bayern vielleicht noch in diesem Jahr damit beginnen.

Noch einmal begehren ein paar Emsige auf, mit einer letzten, in ihrer Hoffnungslosigkeit schon rührenden Unterschriftenaktion der Uni Konstanz. ‚Es geht hier um den Versuch, eine Million Stimmen zusammen zu kriegen! (Wir sind jetzt bei ca. 224.756)’ schallt der etwas hilflos anmutende Aufruf in die digitale Welt hinein. ‚Es gibt da nämlich eine EU-Richtlinie, wonach Petitionen, die von über einer Million EU-Bürgern unterzeichnet werden, vom Gesetzgeber nicht übergangen werden können.’ Soweit die juristischen Tatsachen. ‚Wehrt Euch, es geht hier um unser Geld! Wir sind die Zukunft dieses Landes!’

Tatsache ist: Die deutschen Universitäten brauchen Geld. Und zwar dringend. Von überfüllten Hörsälen über das nervtötende Gerangel um Seminarplätze bis hin zur maroden Bausubstanz des einen oder anderen Auditorium Maximum: es hakt an allen Ecken und Enden. Und was spricht dagegen, dass die Studenten ihren Teil dazu beitragen, das Bildungsangebot mit zu finanzieren? Wahrscheinlich würde sich sogar ein Großteil der Studenten durchaus dazu bereitfinden, in ihre Ausbildung zu investieren – vorausgesetzt, sie profitierten tatsächlich davon, und das Geld versickerte nicht in ominösen, mit dem undurchsichtigen Begriff ‚Verwaltungskosten’ betitelten Posten um dann letztendlich zur Sanierung des maroden Staatshaushalts verwendet zu werden.

Großbritannien beispielsweise verfügt über ein international anerkanntes und renommiertes Bildungssystem. Britische Studenten haben die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit zu einem hoch qualifizierenden Studienabschluss zu gelangen. Die Seminare werden in der Regel auf hohem Niveau gehalten, auf die Ausbildung von Teamfähigkeit und Zeitmanagement, um nur zwei der vielerorts gepriesenen und geforderten ‚Soft Skills’ zu nennen, wird Wert gelegt. Der prozentuale Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der in Großbritannien für Bildung und Erziehung aufgewendet wird, ist mit 4,5% sogar um 0,1 Prozentpunkte niedriger als in Deutschland. Auch spanische, portugiesische, niederländische, ungarische und italienische Studenten, ihres Zeichens alle EU-Bürger, könnten wohl über die Unterschriftenaktion der Uni Konstanz nur müde lächeln: Sie alle entrichten Studiengebühren in unterschiedlicher Höhe.

Auch das Argument der sozialen Gerechtigkeit mag nicht mehr so recht ziehen, da ist der Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft durchaus Recht zu geben. Untersuchungen haben ergeben, dass der Anteil der Studierenden aus unteren sozialen Schichten in den letzten Jahren eher zurück gegangen ist, während der Anteil derer, die aus wohlhabenden Haushalten stammen, noch zugenommen hat. Obwohl bislang keine Studiengebühren erhoben werden. Tatsächlich scheint es eher ungerecht, dass für einen Kindergartenplatz mehrere hundert Euro im Monat entrichtet werden müssen, während ein Student für das Bildungsangebot nahezu nichts zu zahlen braucht.

Die Bildungsmöglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, sollten als das betrachtet werden, was sie sind, nämlich als ein enormes Privileg, das wir in Deutschland genießen. Bildung ist etwas Selbstverständliches für uns geworden, und mit etwas Selbstverständlichem geht man bisweilen achtlos um. Dass Bildung einen Wert besitzt, und dass qualitativ hochwertige Bildung ihren Preis hat, sollen wir anerkennen. Die finanzielle Last sollte nicht von Leuten getragen werden, die persönlich nie etwas von der Ausbildung der Studenten haben werden. Das ist soziale Ungerechtigkeit.

Wir Studenten sind die Zukunft dieses Landes. Deutschland hat keine nennenswerten natürlichen Ressourcen, die exportiert werden können. Deutschland ist auf seinen Status als Bildungsstandort angewiesen. Das ist richtig. Aber das heißt nicht, dass wir mit einer enormen Selbstverständlichkeit, die an Anmaßung grenzt, von einer dauerhaften Sonderbehandlung ausgehen können. Man muss auch berücksichtigen, dass Akademiker in der Regel gut bezahlte und anspruchsvolle Tätigkeiten ausüben, weniger von Arbeitslosigkeit bedroht sind und die Möglichkeit haben, sich ein Leben lang weiter zu bilden und sich zu entwickeln. Das sind Privilegien, von denen der Student später einmal ganz persönlich profitieren wird. Und sind die es nicht wert, in diese auch persönlich zu investieren?

Zum Abschluss eine kleine Anekdote aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz. Als Studentin der Politikwissenschaften gehöre ich nicht unbedingt zu denen, die unter exorbitanter Arbeitsauslastung zu leiden haben. Ich freue mich, wenn ich es schaffe, meinen Semesterplan so zu organisieren, dass ich montags länger schlafen kann und vielleicht freitags sogar ganz frei habe. Und wenn sich dann doch einmal die Notwendigkeit ergeben sollte, dass ich an einem der Wochentage auf eine Party gehen muss, dann nimmt es mir auch keiner krumm (am meisten wahrscheinlich noch ich selbst), wenn ich am nächsten Tag mal die eine oder andere Vorlesung schwänze. Wenn ich nun mit meiner guten Freundin aus München telefoniere, die eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht hat und derzeit an der Berufsoberschule ihre Allgemeine Hochschulreife nachholt, während sie nebenbei noch in der Buchhandlung jobbt, und wenn mir diese gute Freundin dann erzählt, sie habe sich letztens ausgerechnet, dass sie eine 78-Stunden-Woche habe, dann fühle ich mich doch ein bisschen schlecht. Und dann denke ich mir, dass es mir doch eigentlich ziemlich gut geht. Ob nun mit oder ohne Studiengebühren.

56 Antworten

Kommentare

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    …dass mit der "Selektion nach kultureller und vor allem sozialer Herkunft", die es schon immer gab – das halte ich dann doch für etwas fragwürdig. Ich studiere Design, mit vielen (auch internationalen) Komilitonen. Da zweifle ich also schonmal die kulturelle Selektion an – Bei der Aufnahmeprüfung interessiert es auch niemanden, aus welchen Verhältnissen Du kommst. Sozial schwächere Studenten haben des weiteren die Möglichkeit über Stipendien und / oder Bafög ihr Studium zu bezahlen.
    Zusätzliche Studiengebühren würden dann den ohnehin nicht exorbitant hohen Lebensstandard der Studenten deutlich verringern, bzw. nach dem Studium teilweise einen noch höheren Schuldenberg hinterlassen.
    Dass wer die Regelstudienzeit über das 1,5 fache übersteigt zahlen muss (wie’s momentan ja gängig ist) halte ich meinetwegen für gerade noch akzeptabel…
    Ein Land, dass sich "Sozialstaat" nennen will, kann nicht ab dem ersten Semester (im Erststudium) Studiengebühren kassieren!

    14.10.2005, 15:51 von madmachine
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    muss ich dir zustimmen! Muss diese Trennung/Auswahl immer weiter gehen`??? sicherlich nicht

    22.09.2005, 16:44 von Strahle
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    @ Strahle

    Ich würde dein Posting sofort unterschreiben, ABER wenn man realistisch ist dann gibt es diese "Selektion" nach kultureller und vor allem sozialer Herkunft schon heute. War sie überhaupt jemals nicht vorhanden ? Ich glaube nicht.

    22.09.2005, 08:35 von Blutlaugensalz
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    studiengebühren ? JA, aber nur wenn sie noch zu bezahlen sind !
    Es kann ja nicht sein, das wenn man aus einer sozialschwachen Schicht kommt sich kein Studium mehr leisten kann weil es nicht bezahlbar ist !!
    Ist studieren bald ein Luxus ???
    Das darf es nie werden!!!!

    22.09.2005, 08:23 von Strahle
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    man investiert ohnehin schon genug während eines studiums, zahlt evt. für sprachkurse (die ja als zusatzqualifiaktion gebraucht werden) oder geht erstmal ein wielchen arbeiten, um über die zeit zu kommen, in denen man eines der lieben unbezahlten praktika macht-- die zwar gut für CV sind, aber einen eben nicht ernähren. und dann noch studiengebühren?

    zudem wundere ich mich immer über die diskussion: deutschland hat zuviele studenten, deutschland hat zu wenige studenten. was denn nun?
    wenn es zu wenige sind, wird man mit studiengebühren kaum einen anreiz schaffen, mehr an die uni zu bringen.
    und wenn es zu viele sind, kann man natürlich durch einführung von studiengebühren zwie fliegen mit einer klappe schlagen: die unis bekommen mehr geld für die ausstattung (wer's glaubt....) und es kommen weniger studies nach.
    und was die elitendiskussion angeht, frag ich mich noch immer: will man eine geistige oder eine finanzielle elite?

    eine möglichkeit zur verringerung der zahl wären auswahlverfahren in JEDEM fach (wie es im immer wieder so gern angeführten Finnland der fall ist). die aufnahmeprüfungen sind dort realtiv hart; aber man muss sich eben schon vor studienbeginn richtig mit den inhalten der gewählten fächer beschäftigen, was zumindest den effekt, das man schneller merkt, ob es einem liegt oder nicht.
    ergo: verkürzte studiendauer, weil höhere motivation.

    solange weder die garnatie besteht, dass jeder cent in die unis (in forschung lehre, NICHT in die verwaltung) fließen noch die möglichkeiten zur unterstützung von studenten aus ärmeren familien gesichert sind, halte ich die einführung von studiengebühren für absolut unsozial.

    15.09.2005, 21:39 von Pirkko
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    na super, und wenn die studiengebühren dann einmal eingefürt sind, sieht man plötzlich, dass die hochschulen nicht mehr auf die unterstützung der länder angewiesen sind. und dann? ja dann haben die unis genauso viel geld wie vorher.... um das mal grob auszudrücken... mal abgesehen davon, bin ich der meinung, dass bildung so wenig wie möglich kosten sollte! lieber sollte man geld dafür ausgeben, und jeder kann das selber für sich entscheiden, sich persönlich mit dingen weiter zubilden ( sprachreisen, auslandspraktikum,...) denn darauf kommt es ja auch zu einem großen teil an.... es wird ja heutzutage immer mehr von einem erwartet...

    14.09.2005, 23:24 von mademoiselleNELE
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    Guter Artikel,
    auch ich würde kürzer treten um mein Studium zu finanzieren. Es ist einfach scheissgeil studieren zu dürfen. Ich denke so 600€ pro Semester sollte einem das schon wert sein.

    25.08.2005, 22:20 von r0b
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    Kann mich Sas nur anschließen bezüglich der KFW: Hab mal was gehört, dass die dann ca 12Mrd Euro PRO MONAT aufwenden müßten, wenn alle gefördert würden. Also kaum zu finanzieren über Darlehen.
    Bin echt froh, dass ich in RLP studiere.
    Gruß
    Tobias

    17.08.2005, 23:46 von Tobias83
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