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Generation Praktikum? – Schön wär’s!

Überall Berichte über die Geplagten der „Generation Praktikum“. Was aber ist mit denen, die gar nicht erst einen Praktikumsplatz bekommen?

Ost-Westfalen-Lippe, ehemals „Modellregion“ Nordrhein-Westfalens. Eine Gegend, die sich vor allem aus kleinen Städten und noch viel kleineren Dörfern zusammensetzt. Hier ist die Welt noch in Ordnung – oder? Denn auch hier gibt es junge Leute, Menschen wie mich, die zur Schule gehen, fleißig lernen, ein gutes Abi machen, nebenher noch ehrenamtlich arbeiten und zur sprachlichen und persönlichen Weiterentwicklung ein halbes Jahr im Ausland verbringen, kurz gesagt: typische Vertreter der viel beschworenen „Generation Praktikum“. Gut ausgebildet, flexibel und hoch motiviert. Einziges Problem: Hier einen Praktikumsplatz zu bekommen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Wer später mal Journalist werden möchte, Redakteur oder auch nur PR-Mensch, bekommt es bei allen Veranstaltungen zur „Berufsberatung“ vorgebetet: Früh praktische Erfahrungen sammeln, Kontakte knüpfen, sonst besser BWL studieren und Steuerprüfer werden. Wo diese Kontakte in der lippischen Provinz herkommen sollen und wer einem die Chance gibt, praktische Erfahrungen zu sammeln, das sagt einem niemand. Versteh es als erste journalistische Herausforderung, dieses zu recherchieren!

Die Recherche ergibt: Zeitungen sind sehr spärlich bis gar nicht vorhanden, Praktikumsplätze nur, wenn deine Eltern mit dem Chefredakteur Golf spielen und auch dann mit mindestens zwölf Monaten Vorlaufszeit. Leicht demotiviert, doch nicht geschlagen weitet man den Suchsektor aus, auf alle Orte, an denen Verwandte und Bekannte ein Gästezimmer zur Verfügung stellen können. Schließlich ist man ja flexibel, auch wenn es nur um vier Wochen in den Sommerferien geht.

Köln und Hamburg, Medienstädte schlechthin, erschließen eine ganz neue Dimension an Absagegründen: „Es tut uns Leid, unsere Praktikumsplätze vergeben wir bevorzugt an Bewerber aus der Region. Wir wünschen Ihnen alles Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg.“ Mein weiterer Lebensweg? Ich stehe noch auf dem spärlichen Pfad, der mal mein Lebensweg werden soll und ein jämmerliches Praktikum in Ihrer Lokalzeitung hätte der erste Stein werden sollen…

So geht es weiter, Bewerbung um Bewerbung, ob Wetzlarer Anzeiger oder Gerstener Kurier, alles scheint ausreichend versorgt mit Praktikanten „aus der Region“ oder, noch schlimmer, Studenten! Die füllen auch jene Plätze aus, die sie eigentlich unterfordern und lassen einem als Schüler keine Chance. Und so kommt es, dass man bereits vor dem ersten richtigen Job versteht, wie sich jene fühlen, die seit Jahren Beschäftigung suchen. Die Erkenntnis kommt mit Macht: Was du kannst, zählt nicht, wen du kennst ist wichtig, wo du herkommst und dass du zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist.

Liebe Praktikanten, die motivierten, intelligenten, flexiblen, schlecht bezahlten, ausgebeuteten und überarbeiteten: Auch ich bin motiviert, intelligent, flexibel und ich wäre gerne bereit, für wenig Geld viel zu arbeiten, wenn ich dafür wenigstens etwas lernen könnte – und wenn’s nur Kaffee kochen ist. Brecht eine Lanze für die „Generation der Praktikumslosen“, denn auch wir sind Deutschlands Zukunft!

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27 Antworten

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    mir geht's ähnlich wie dir. mein zuhause ist auch das schöne owl und ich möchte später gerne "was mit medien" machen, bestenfalls also natürlich "was in richtung journalismus und pr" - und es ist wirklich nicht einfach, da erfahrungen zu sammeln. mal abgesehen davon, dass ich während der schulzeit so gut wie gar keine zeit für ne freie mitarbeit hätte, wird diese hier gar nicht angeboten. bleiben also die ferien. da stellen sich die bösen leute allerdings auch quer. was tun? alle verlangen "erfahrung, erfahrung, erfahrung" - aber wie soll man die sammeln? kurz gesagt: ich verstehe dich.

    17.02.2007, 23:28 von Fabio
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    Nun, ich gehöre zu denjenigen, de einen Praktikumsplatz gefunden haben. Fast zufällig, weil ich an der Quelle war, als Praktikanten gesucht wurden. Aber auch nur, weil viele wussten, dass ich ach dem Abitur nichts habe, weder angestrebtes FKJ, noch Studium. Und so kam ich dann zu einem Praktikumsplatz am Theater. Dort etwas zu finden ist meist sehr schwer. Mitpraktikantinnen kommen aus entfernten Städten, wie z.B. Dresden.
    Und doch hat vielen geholfen, dass sie hergekommen sind und sich vorgestellt haben. Wenn man sympathisch ist und etwas leisten will, dies auch zeigt, dann sind die Anstellungschancen hoch.
    Durch meinen Einsatz bin ich bekannt geworden und habe sogar eine Assistenz angeboten bekommen, die ich bereits hinter mir habe. Leistung zählt also auch sehr viel, nicht nur Kontakte.

    Übrigens: ich konnte mein Praktikum verlängern auf ein Jahr. Und ich verdiene nichts, kein Geld. Und doch werfe ich mich jeden Tag mit neuer Motivation in meine Arbeit. Auch wenn ich inzwischen mehr als eine Praktikantin normalerweise leiste.
    "Auch ich bin motiviert, intelligent, flexibel und ich wäre gerne bereit, für wenig Geld viel zu arbeiten, wenn ich dafür wenigstens etwas lernen könnte – und wenn’s nur Kaffee kochen ist." - würdest du also für's Kaffeekochen Geld verdienen, wärst du besser bezahlt als ich. Würdest du auch für KEIN GELD arbeiten?

    01.02.2007, 20:57 von Gegengift
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    Mein erstes Praktikum habe ich dank Vitamin B bekommen,das zweite durch dreistes Nachfragen und beim dritten musste ich nur noch fragen: " wollt ihr mich als eure Praktikantin?"
    Ich kann nur sagen man muss den Mut haben in eine größere Stadt zu gehen und einfach zwanzig Leute anrufen und das so oft bis sie verzweifelt aufgeben! Also viel Spaß!

    22.12.2006, 10:56 von lilly-ka
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    Scheise!!!!!!!!!

    16.12.2006, 21:28 von SeanSander
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    Hallo system.
    Ja, ich verstehe dich schon. Ich musste vor Studiumsbeginn Praktika ableisten, erst als ich gezielt Bekannte angeprochen hatte habe ich Praktikumsplätze bekommen. Im Studium selbst musste ich dann auch wieder Praktika ableisten (in den Semesterferien) und hier halt nicht einmal Bekannte oder Stellenanzeigen. Den auf die haben sich auch fertige Absolventen beworben gehabt. Erst ein Zufall half mir weiter: Bei einem Gemeindefest quatsche ich mit einem Fremden, der zufällig im Ort einen Freund besucht hatte. Dem erzählte ich so beiläufig, dass ich ein Praktikum in dem und dem Bereich brauche. Er gab mir seine Mailadresse und ich wurde tatsächlich als Praktikant (nicht als billige Arbeitskraft) eingesetzt. Also, erzähl es jedem der dir über den Weg läuft. Man glaubt nicht wo man die richtigen Leute überall zufällig trifft! Und so seltsam es klingt: Ich verstehe auch die Firmen, erlebe es gerade wieder. Die Kosten sind ein wichtiger Faktor in der Wirtschaft...

    16.12.2006, 18:09 von kleiner-Mann
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    Mir fiel grad noch was ein:
    Du beziehst Dich auf die "Generation Praktikum". Man kann aber Deine Situation mit der angesprochenen Bevölkerungsgruppe nicht wirklich vergleichen. Bei Dir handelt es sich um ein Praktikum vor der Ausbildung, zur Ausbildung, vor dem Berufseinstieg. Für die Generation Praktikum sieht es da schon etwas anders aus. Denn bei den meisten hier handelt es sich um ein Praktikum statt des Berufseinstiegs. Das sind Leute mit einem akademischen Abschluss, also voll ausgebildet, die schlicht nicht für ihre Arbeit und damit ihre Leistung bezahlt werden sollen.
    Meiner Meinung nach zwei völlig verschiedene Paar Schuhe, weshalb man nicht wirklich sagen kann "schön wär's".

    14.12.2006, 07:24 von farbenkind
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      @farbenkind hast natürlich irgendwo recht...aber man brauch ja auch immer einen guten aufhänger, nicht wahr....sonst liests ja keiner...

      außerdem hab ich halt auch schon ne menge gemacht, ehrenamtlich gearbeitet, auslandsaufenthalt, gute noten inner schule etc. insofern bin ich auch "hochqualififziert" soweit das in meinem alter schon möglich ist. deshalb der vergleich.
      greetz

      14.12.2006, 07:39 von system
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      @[Benutzer gelöscht] Und wie diese Generation existiert. Denn selbst mit einem abgeschlossenen Studium muss man sich mit Praktika herumschlagen, um evtl mal einen Job zu finden. Ich z.B. bekam für viele Volos, für die ich mich beworben hatte, eine Absage mit der Begründung, sie hätten gerne einen promovierten Bewerber?! Aha, also zurück an die Uni und noch den Doktor machen? Ich prognostiziere: in 10 Jahren sollte man wahrscheinlich einen Lehrstuhl inne haben, um einen Volo-Platz zu bekommen. Und wenn man das alles nicht hat bzw. nicht machen will, muss man sich eben leider unter Wert verkaufen und hoffen, dass man als Uniabsolvent via Praktikum den Fuss in eine Firma bekommt und so den Schülern und Studienanwärtern den Praktikumsplatz wegnimmt ...

      17.12.2006, 13:00 von Primelchen
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    Man muss auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ich habe immer gehört, dass es sooooo schwierig ist, in die journalistische "Szene" reinzukommen. Aber selbst bei mir hat es geklappt - ohne Studium und "nur" mit Fachhochschulreife.
    Ich habe einfach mal in der Lokalredaktion angerufen, nachgefragt, wie es mit einem Praktikum ausschaut. Ein paar Tage später sprach ich mit dem zweiten Chefredakteur, er sah mein Zeugnis an - und fragte mich, welche Erfahrung ich schon im Schreiben hätte. Keine.
    Aber aus dem anfänglichen Praktikum ist nach eineinhalb Jahren (!) ein Volontariat geworden. Als Praktikantin bekam ich erst Zeilengeld, dann wurde ich "Redaktionspraktikantin" (da gab´s dann schon ein festes Gehalt etc.) und jetzt bin ich schließlich ein kleiner Volo in einer Pups-Redaktion. Ich bin glücklich!

    Es kann also auch so funktionieren! Ich hatte auch eine riesen Portion Glück.

    13.12.2006, 23:10 von Erdbeerheld
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