ichdenkenach 29.05.2012, 16:33 Uhr 5 1

Fräulein Doktor.

Eigentlich sind es nur 300 Seiten. Jeden Tag eine Seite habe ich mir gesagt. Ich habe das Material, die Ideen..aber trotzdem bin ich immer bei Twitter

Heute zieh ich mal richtig durch. Schön habe ich mir meinen Arbeitsplatz zurechtgemacht. Meine Bücher ordentlich gestapelt, meinen Laptop aufgestellt. Eine Tasse Kaffee, damit ich ja nicht müde werde, kleine Snacks...es könnte also losgehen. Ich öffne meine Datei. Sie heißt Kapitel 3. Nicht, dass ich 1 und 2 schon fertig hätte, ich habe schon damit angefangen, aber mein scheinbares Ausmerksamkeitsdefizit hat sich durchgesetzt und nun mache ich erstmal mit dem dritten Kapitel weiter.

Ich schreibe an meiner Doktorarbeit. Warum ich mir das antue, verstehe ich zwar schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber nach außen hin sammle ich damit viele Punkte. "Mensch, das klingt ja superspannend", "na und? wie weit bist du schon?" und auch sehr gerne: "Ach, das Fräulein Doktor." So begegenet mir meine Umwelt, wenn es darum geht, was ich so den ganzen Tag mache. Also erstens ist es nicht superspannend, weil das eine Arbeit ist, wie jede andere auch, zweitens mache ich nicht jeden Tag große Schritte, weshalb man auch nicht zwei Mal die Woche nach Fortschritten fragen braucht und drittens bin ich längst nicht Fräulein Doktor.

Ich lese  die letzten Zeilen vom Vortag nochmal durch. Dann muss ich nur mal eben schauen, ob mir jemand bei Facebook geschrieben hat? Ich habe ein neues Foto hochgeladen. Niemand hat dazu etwas geschrieben, aber eine Kollegin hat gefragt, wann ich im Sommer Urlaub habe. Ich antworte und logge mich wieder aus.
Das wird schön im Urlaub. Gleich checke ich nochmal, ob ich schon eine Antwort auf meine Anfrage an das Hostel, in dem ich in Marokko übernachten werde, bekommen habe. Postfach leer.
Ich widme mich also wieder meiner Arbeit. Natürlich muss ich nun nochmal nachlesen, da ich schon wieder den Anschluss verloren habe. Ich nehme ein Buch, in dem die verschiedenen Typen politischer Kultur nach Almond/Verba aufgeführt sind. Ich schreibe eine Zwischenüberschrift: Typen politischer Kultur nach Almond/Verba.
Danach schau ich nach, ob schon jemand mein Foto kommentiert hat.

Ich frage mich, woran das liegt. Nächtelang liege ich wach und habe Angst, dass ich es nie schaffen werde, die Arbeit zu Ende zu schreiben. Und wenn ich auf Arbeit an der Uni bin, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich die Tage nicht ausgenutzt habe, an denen ich frei habe. Natürlich ist es für mich nicht so wichtig, wenn jemand mein Foto kommentiert oder ich bei Twitter erwähnt werde. Aber es ist wie ein Kontrollzwang, dem ich alle paar Minuten nachgehen muss. Nur, um mich von meiner Arbeit abzulenken.

Jetzt esse ich die Schokolade, die ich mir extra zurecht gelegt habe. Wieder versuche ich, meinen Text weiterzuschreiben. Die Schokolade hat mich hungrig gemacht. Ich mache mir also erstmal etwas zu essen...erstmal eine Pause.
Ich gehe in die Küche, in der mein Handy liegt. Das erste, was ich mache: ich checke meine Mails und meinen Twitter-Account. Vielleicht sollte ich darüber meine Doktorarbeit schreiben.

Natürlich gibt es auch bessere Tage, aber es läuft auch oft so ab. An Tagen wie diesen fahre ich dann lieber in die Bibliothek, da sehe ich wenigstens, wer noch alles so bei Facebook surft und fühle mich wieder ganz normal.


Tags: doktorarbeit, adhs
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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Prokrastination ist mittlerweile eine Volks"krankheit"...
    Das Video hier ist super:

    Prokrastination

    24.06.2012, 13:48 von freilaufmenschen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Sei froh, dass du eine Stelle an deiner Uni hast.

    Ich hatte keine, habe mich 1 Jahr lang mit einer Doktorarbeit rumgequält, die ich "nur" aus Interesse machen wollte und bin jetzt mit 100% meiner Frei-(Arbeits-)zeit auf Stellensuche, weil ich die Sache aus den gleichen Problemen wie du heraus mental schon abgeschrieben habe. Ich frage mich bloß immernoch, wie ich das möglichst geschickt meinem Umfeld, vor allem meinen Eltern, beibringen werde. :D

    29.05.2012, 19:20 von wordmage
    • 0

      am besten ist, du wartest, bis du einen tollen job gefunden hast und nimmst den dann als alibi :)) ich wünsche dir glück!!


      31.05.2012, 14:44 von ichdenkenach
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  • 2

    Ich finde das ja irgendwie putzig. Du hast übrigens vergessen zu erwähnen, dass Du außerdem noch Artikel bei Neon postest. Wie oft hast Du seit 16:33Uhr nachgeschaut, ob es Kommentare zu dem Text hier gibt?

    29.05.2012, 18:53 von Mrs.McH
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