Veritoll 27.10.2012, 01:53 Uhr 5 5

flexibel

Gar nicht so einfach, fast Mitte zwanzig zu sein, und das einzige, womit man sich brüstet, ist das: fast Mitte zwanzig zu sein, also jung.

Flexibel


Ich bin Anfang der zwanziger Jahre, sagen wir mal ein gutes Viertel ist vollbracht ohne etwas vollbracht zu haben. Okay, Abitur, als eine der Besten, aber wirklich viel getan dafür habe ich nicht. Wenn man sich nicht ganz so garstig anstellt im Unterricht, kann man doch ganz passable Noten bekommen. Im Studium sieht das schon anders aus. In der Schule warst du der King, wenn du den größten Freundeskreis der Schule hattest. Im Studium gehen die als Sieger hervor, die keine Freunde haben – oder bereit sind, für ihre Karriere die Freundschaftsbande ein wenig lockerer zu lassen oder eben ganz durchschneiden. Man sieht sowas ja ständig im Fernsehn, wenn etwas tolles neues eingeweiht wird, schneidet man mit einer schönen goldenen Schere ein rotes, dickes Band durch. Und schwups, trinken alle Champagner, es gibt kleine Cremeberge auf schwarzen Pumpernickeln, die von einer schnieken Kellnerin mit Steinlächeln auf einem silbernen Tablett rumgereicht werden. Nur die Menschen, die dann um einen herum stehen, sind nicht mehr deine Freunde, sondern deine Chefs, die sich in Fäustchen lachen, wenn du berauscht vom Champagner, der nur einmal so gut schmecken wird, wie an diesem Tag, ins Bett fällst und noch einen wundervollen Abend mit deinem Partner verbringst. Der letzte entspannte Abend, bevor du keine Zeit mehr hast.

Aber ich schweife ab, ich war ja gerade noch beim Studium. Ich schreibe Lebensläufe, um mich für einen dieser zeitintensiven Jobs zu bewerben. „Was sind denn deine Stärken?“, denke ich mir, um überhaupt mal Fuß zu fassen, auf diesem Papier, wo ich meine Fußspuren der Vergangenheit ausgraben soll. Ein „Skillprofil“ soll ich erstellen. Was kann ich denn? Mein Studium hab ich nun beendet, Noten hab ich auch wieder bekommen. Zwar nicht mehr gerade so gut, wie die vom Abi, aber durchaus ansehnlich. Das hat aber nichts mit dem zu tun, was ich nun beherrsche. Eigentlich fühle ich mich ziemlich dumm.

Aber nützt ja nix, zurück zur Frage: was kann ich? Bisher hab ich nicht so viel vollbracht. Ich hab zwar mein Studium hinbekommen, doch war ich eben eine derjenigen, die ihre Freunde behalten haben. „Find ich total cool, dass du während deines Dualstudiums noch so viel Zeit für uns hast!“ Ja, ich fands auch „total cool“, aber gerade bringts mich nicht weiter. Ich kann nämlich nicht auf diesen dummen Zettel schreiben: „Ich kann Freundschaften pflegen und gebe mich aufopferungsvoll für meine Freundin hin, wenn er wieder mal nicht angerufen hat oder ihr angedroht hat, sie zu verlassen, wenn sie nicht bald mal die ganze Wäsche gebügelt kriegt“. Ich fange an das zu schreiben, aber ich lösche es wieder. Guter Computer, löschen geht einfacher und man muss auch keine Zettel genervt zerknüllen.

Was denn dann? Mir fällt was ein. Ich bin flexibel! Flexibel bin ich wirklich. Vor allem im Niveau. Ich hab Freunde, die total normal sind, Freunde, die die Überflieger im Kurs sind und Freunde, die einfach komplett einen an der Waffel haben. Was das über mich aussagt, will ich nicht weiter vertiefen.

Ich nenne es einfach flexibel. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich immer die dumme bin, bei der die Beziehungen nicht lange halten. Ich bin einfach keine Zicke. Kein Mimöschen. Ich lass mir ziemlich viel gefallen, mache jeden Quatsch mit. Bin einfach flexibel.

Kein Motzen, wenn er besoffen ist, kein Teller-an-die-Wand-werfen, wenn er nicht spült oder es dreckig ist, wenn er Motorrad fährt...

Aber Männer wollen sowas nicht, sie wollen angemotzt werden, wollen streiten. Wahrscheinlich sind sie froh, dass ihre Freundin überhaupt mit ihnen redet, und wenns nur mit lauter oder verheulter Stimme ist.

Zurück zum Thema: meine Flexibilität. Und das, was ich bisher mit ihr erreicht habe.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre krank. Das stimmt so nicht ganz. Korrigiere: Manchmal wünsche ich mir, ich wäre krank gewesen. Das klingt etwas merkwürdig, zynisch und fies. Aber, wenn aufm Lebenslauf sowas stehen würde wie..Ich habe den Krebs überwunden und ging als Sieger hervor und konnte mich dadurch stärken und weiß nun was ich will, ich weiß das Leben zu schätzen, nun starte ich wieder voll durch... mh, nein, sowas kann ich nicht sagen. Ich hatte nicht mal in einer wichtigen Klausurphase Pfeiffersches Drüsenfieber. Nichts. So klammere ich mich an meine ständigen Rückenschmerzen und Allergien, die aber heutzutage jeder Zweite hat. Das bringt mich jedoch auch nicht weiter, denn wimmernde Waschlappen sind nicht gerne gesehen.

Mit meiner Kindheit kann ich in diesem Sinne nicht punkten. Sie war nicht mehr oder weniger tragisch als die eines jeden normalen Kindes auch, das in einem 600 Seelen Dorf aufwächst.

Was tun, wenn man anpassungsfähig ist? Keine herausragenden Fähigkeiten, die auf der anderen Seite auch Macken und Marotten zulässt, die einem gerne verziehen werden, da man ja in fachlicher Hinsicht einfach genial ist. (Vielleicht ist das der Grund mit den Frauen und den Männern...da geh ich jetzt aber nicht weiter drauf ein!)

Was tun, wenn man einfach durchschnittlich ist? Wenn die eigene Leuchtkraft in einem Sonnen erstrahlten Raum einfach nicht hell genug ist, um bemerkt zu werden.

Hat man als Normalo keine Chance mehr in dieser Gesellschaft?

Das ist etwas, was ich kann. Normal sein. Kein Überflieger sein.

Das kann ich aber auch nicht schreiben. Da muss Leben in die Bude, in diesen Lebenslauf muss Farbe. Dabei kann ich zu meinem Leben keine Farbe bekennen. Außer vielleicht pastell grau. Diese Farbe beschreibt es ganz gut. Die letzten Jahre waren eine einzige Grauzone. Nicht schlecht, nicht herausragend. Einfach...normal.

Gar nicht so einfach, fast Mitte zwanzig zu sein, und das einzige womit man sich brüstet ist das: fast Mitte zwanzig zu sein, also jung. Mit Jugend kann man sich später auch nicht mehr retten. In einem tabellarischen Lebenslauf ist leider kein Platz für Botox und Silikon. Aber andererseits wäre das bestimmt mal was Neues, etwas, das niemand macht. Abnormal. Ich glaube, das versuche ich!



Tags: Studium, Lebenslauf, Bewerbung
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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    in dem Stil als Geschichte verpackt und du bekommst ein Mag ich Bussi

    18.11.2012, 08:46 von SteveStitches
    • 0

      Na ich weiß nicht, ob das für ne Geschichte reicht. Geschichten über normale Menschen will ja auch keiner lesen :D

      18.11.2012, 22:40 von Veritoll
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  • 0

     Im Studium gehen die als Sieger hervor, die keine Freunde haben – oder bereit sind, für ihre Karriere die Freundschaftsbande ein wenig lockerer zu lassen oder eben ganz durchschneiden.

    Hinterher zeigt sich, nur wer wirklich Freunde hat, kommt ganz oben mit der dünnen Luft klar.



    Was denn dann? Mir fällt was ein. Ich bin flexibel! Flexibel bin ich wirklich. Vor allem im Niveau. Ich hab Freunde, die total normal sind, Freunde, die die Überflieger im Kurs sind und Freunde, die einfach komplett einen an der Waffel haben. Was das über mich aussagt, will ich nicht weiter vertiefen.


    Flexibel und auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Ein charakterliches Merkmal von nahezu 90% der Menschen auf Karriereportalen und Jobmessen. Wie flexibel die Menschen wirklich sind, stellst du fest, wenn du sie fragst, ob sie auch von zu Hause arbeiten würden und/oder in ihrer eigenen Stadt. Denn heißt flexibel nicht irgendwo sowas wie "ich will weg von hier?"



    Aber andererseits wäre das bestimmt mal was Neues, etwas, das niemand macht. Abnormal. Ich glaube, das versuche ich!


    der Satz gefällt mir am meisten.


     


    Insgesamt ein sehr an der Wahrheit haftendes schönes Schriftstück

    30.10.2012, 14:38 von ChaotImAnzug
    • 0

      Erst einmal, dankeschön ;)

      Ja, das mit flexibel sein ist schon so ne Sache. Das sagt heutzutage wirklich jeder, es wurde quasi zur floskel. Das unterstreicht das Dilemma vom lyrischen Ich noch mehr...das die einzige Qualifikation keine ist...

      Auch dass man in sich selbst suchen muss, um überhaupt etwas herausragendes zu finden, was eine Firma interessieren könnte, ist gar nicht so einfach.
      "Geht Sie zwar nix an, aber ich kann verdammt gut Brote schmieren" ist wohl nicht der richtige Satz auf: Welche Stärken haben Sie?

      30.10.2012, 17:45 von Veritoll
    • 0

      Genau das! Sehr schön geschrieben.

      21.11.2012, 12:32 von schnatzinger
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