kirsch-lila 30.11.-0001, 00:00 Uhr 35 4

Ein Job bei einer Behörde

- oder ein Armutszeugnis für die staatliche Ausbildung

Ich kann mich genau an die Reaktionen von Bekannten erinnern, als ich erzählte, ich würde im Sommer eine Ausbildung beim Finanzamt beginnen. Die Reaktionen der Älteren waren in etwa so: "Beim Finanzamt! Das ist doch toll! Da haste ja einen sicheren Job!"

Um mal gleich alle Vorstellungen aus dem Raum zu nehmen:
1. Ja, beim Finanzamt. (Das bedeutet, meinen Arbeitsstätte ist mehr als andere dem Land und dem Bund unterstellt)
2. Das ist nicht toll und
3. habe ich auch keinen sicheren Job (Laut meines Arbeitsvertrages "besteht kein Anspruch auf Übernahme".)

Unter den Jüngeren gab es eher Reaktionen dieser Art: "Uff, beim Finanzamt! Das ist bestimmt todlangweilig!" Dazu kann ich jetzt nur sagen: Ich hätte nie gedacht, dass es sooooooooooooooooooo langweilig wird! Meine (im Nachhinein naiven) Vorstellungen von einer Ausbildung sahen anders aus.
Ich wollte sehen, wie der Arbeitsalltag in einem nine to five-Job aussieht, war lernwillig, wollte soziale Fähigkeiten ausbauen und nach 13 Jahren Schule meine Tasche nach 16.30 in die Ecke schmeißen dürfen, ohne sie für schwierige Referate, Hausaufgaben etc. nochmal anrühren zu müssen.

Gut, letzteres ist eingetroffen. Ich bin wirklich sehr froh darüber, dass ich mich nach 16.30 Uhr nicht mehr zuhause hinsetzen muss, um Infos für ein Referat zu sammeln. In meiner jetzigen, zweiten Abteilung, die ich seit Beginn der Ausbildung durchlaufe, habe ich sogar nette Kollegen gefunden. Ich habe auch gelernt, dass ein freundliches "Hallo" auf dem Gang zu fremden Kollegen nicht weh tut. Geht es allerdings um die Erkenntnis, wie hier tagtäglich ein nine to five-Job abläuft, sieht es mau aus.

Ich erlebe Kollegen, vorwiegend natürlich Beamte, die über 30 Tage Jahresurlab haben; sich krankmelden können ohne ein schlechtes Gewissen; kaum drei Stunden am Tag arbeiten - viel Zeit zum Tratschen und Lästern bleibt sowieso.
Vom morgendlichen (vorwiegend Bild-)Zeitung-Lesen mal ganz zu schweigen.

Und nun sitze ich, 20 Jahre jung, mit Abi mitten drin. Und bin deprimiert.
Ich habe nichts zu tun. Und wenn ich dann doch etwas bekomme, der Zufall hat zugeschlagen, heißt es "Lass dir Zeit". Bei der Pause heißt es das sowieso.

Ich wollte nach dem Abi bewusst eine Ausbildung machen. Dachte, die praktischen Erfahrungen sind es wert, "studiern kannste immer noch". Trat hoch motiviert nach zweimonatiger Pause vom Lernen am 1. August hier an.

Vielleicht würde sich manch einer freuen, für seine Ausbildung ein recht hohes Gehalt zu bekommen und nichts dafür machen zu müssen. Ich nicht. Auch Nichtstun löst Stress aus; nicht nur Überforderung, sondern auch Unterforderung, sagen Psyhcologen. Wie schön wäre es für mich, endlich mal eine klare Trennung von Privat- und Berufsleben zu erfahren. Doch bereits ab 13 Uhr mittags lese ich an der Arbeit Zeitschriften, lackiere mir die Nägel, schreibe Emails, Sms und so weiter. Ihr habt richtig gelesen! Und das ganze mache ich dann bis halb fünf. Denn auch wenn ich nichts mehr an Arbeit habe, gehen darf ich nicht. Ich muss meine neun Stunden am Tag absitzen.

Zuhause angekommen, habe ich dann schon öfters versucht, mich ins Bett zu legen, nur zu ruhen, die Gedanken alleine fließen zu lassen .... weil ich müde und erschöpft bin. Von was? Ja genau, vom Nichtstun. Das macht meiner Erfahrung nach nämlich noch müder als ständige Arbeit.

Doch ich kann nicht stillliegen. Ich springe wieder aus dem Bett auf, mit dem Gefühl, etwas tun zu müssen. Weil ich mich den ganzen Tag nicht angestrengt habe. Während der Arbeit, wo ich doch die meiste Zeit nur die Zeit absaß, kommen dann so Texte zustande. Außerdem habe ich die wunderbare Erkenntnis gemacht, dass HR 1 ein informativer Sender ist.

Naja, jetzt ist's halb 5, ich hau ab!
(Ich muss dazu anmerken, dass der Text im 5. Ausbildungsmonat während meiner Arbeitszeit entstanden ist. Mittlerweile habe ich allerdings meine Ausbildung abgebrochen, um ein Studium zu beginnen.
Sicherlich kommt bei euch auch die Frage auf, warum ich nicht nach mehr Arbeit gefragt habe. Das habe ich auch regelmäßig getan. Aber immer die selbe Antwort erhalten: "Es ist nichts mehr da. Und die andere Sachen darfst du nicht machen" - das hat damit zu tun, dass der Ausbildungsberuf streng geregelt ist, von Verantwortung konnte man nur träumen, man durfte noch nicht einmal einen formlosen Brief unterzeichnen und rausschicken.)

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Kommentare

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    Naja, also wusstest du nicht vorher was dich erwartet???
    Naja Zeitmanagementprobleme im Sinne von keine Arbeit kenn ich auch. Liegt aber daran, dass ich in einem Schichtlabor arbeite und entweder es kommt alles auf einmal oder ich habe viel Zeit. Diese Zeit kann ich Gott sei Dank für berufliche Weiterbildung nutzen.

    29.12.2007, 20:28 von Gwendoline1987
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    Du hast da wirklich pech gehabt.

    Meine Erfahrung ist, dass sich grade die Kommunalen Verwaltungen um einen Ruf als gute Ausbilder bemühen. Ich bin im 2. Ausbildungsjahr als Informatikkaufmann bei einer Kreisverwaltung. Ein Freund aus der Berufsschule lernt bei einer Stadtverwaltung und teilt meine Erfahrung.

    Grade wenn es um Projekte mit weitreichender Tragkraft und grundlegend neuen Ansichten geht, dann wird auf die Auszubildenden zurückgegriffen. Der Kreis hat sich für die Ausbildung ein intensives Programm einfallen lassen, auch für meine Kollegen, die Verwaltungsberufe lernen.

    Falls ihr mich nach Verantwortung fragt, nunja die muss man sich zum einen verdienen, doch im vergangenen Jahr habe ich wirklich intressante und für den Kreis nicht ganz unwichtige Dinge gemacht. Die technische Umsetzung eines Auswertungssystems für eine Kreisweite umfrage, von der widerum abhing ob sich der Kreis für eine Auszeichnung qualifizieren kann. Diverses an der IT Infrastruktur, was nicht grade unerheblich für den Betrieb ist etc.

    Natürlich gibt es auch Tage an denen wenig los ist, doch mein Berufsbild gibt es dann natürlich her, dass man sich selbständig weiterbildet. BTW: Ein kleines Wettrennen ist es zwischen mir und meinen (Auzubildenen)Kollegen geworden Ideen für Einsparungen und Verbesserungen zu Entwickeln, die werden nämlich hier und da auch mal honoriert :)

    19.09.2007, 19:06 von MontyBrown
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    Hi...weißt du, ich arbeite auch beim Finanzamt und ehrlich gesagt, kann ich dich nicht verstehen...ich finde die Arbeit mehr als interessant...die Arbeitskollegen haben mich alle gut aufgenommen....und Arbeit habe ich immer....manchmal soviel Arbeit, dass ich nicht weiß wo mir der Kopf steht und wenn dann noch das Telefon klingelt...puhh....

    ich weiß ja nicht in welchem FA du bist...aber vlt. solltest du mal mit deinem Lehrbezirk reden......in welchem Studienabschnitt bist du denn jetzt?Und welche Stellen hast du schon durchlaufen?..

    10.07.2007, 17:49 von Jusu
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      @Jusu wie bereits im text erwähnt, habe ich die ausbildung bereits abgebrochen.
      natürlich kommt es darauf an, wo man ist und wer sich um einen kümmert, ob man überhaupt für andere mitarbeiter interessant ist.
      aber bei mir war es einfach so, dass die mehrheit tag für tag schlecht gelaunt war, bildzeitung gelesen hat oder sich über kleinigkeiten aufgeregt hat. in so einem amt möchte ich nicht arbeiten, denn es war ein amt wie es im buche steht (klischee hat sich für mich bewahrheitet).
      außerdem bin ich jemand, der gerne arbeitet, sofern die arbeit fordert und ich meinen kopf anstrengen muss. das war leider nicht der fall.

      11.07.2007, 13:40 von kirsch-lila
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    Ich glaube, du hast dort einfach die falsche Laufbahn gewählt. Eine Freundin von mir (übrigens auch mit supergutem Abi) macht ebenfalls ein Studium bei einer Behörde, im gehobenen Dienst. Seitdem sieht man sie fast gar nicht mehr, sie ist in den Theorie-Zeiten 3-4 Stunden am Tag nur mit Lernen beschäftigt. Und in den Praxiszeiten hat sie auch soviel zu tun, dass sie schon n Haufen Überstunden hat. Mag sein, dass deine Ausbildung nicht so optimal war, aber deshalb solltest du nicht alles, was damit zusammenhängt verurteilen...

    10.07.2007, 11:17 von LaOlaWelle
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    Hallo!
    Interessanter Text-vor allem, weil ich am 1.08. auch eine Ausbldung beim Finanzamt anfange. Eine Frage-du warst nicht im gehobenen Dienst, oder? Denn das soll ja schon eine harte ausbildung sein, bei der man ja die meiste Zeit der 3 jahre in der finanzhochschule ist und das studium absolviert. Ich bin auf jeden Falll gespannt und würde mcih mega freuen, wenn mir jemand was zum Thema "gehobener dienst" bzw. "ausbildung zur Diplom-Finanzwirtin" sagen könnte,,,,! Liebe Grüße

    06.07.2007, 20:25 von hubidoo
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      @hubidoo hm, ich mach halt auch das dualstudium im gehobenen dienst und werde irgendwann, so gott will, dass das alles bald mal ein ende hat, dipl. verwaltungswirtin. tja, zum studium beim finanzamt hört man ja oft, dass es schwierig sein soll. aber ehrlich, die leute behaupten das bei meinem studium auch und bisher such ich noch nach einer tätigkeit außer wachbleiben, die mich fordert. ich hoffe du machst bessere erfahrungen. die bezahlung fürs gammeln ist ja schließlich nicht schlecht. und wenn du gerne auswendig lernst und in vorgegebenen strukturen denkst, dann bist du da gut aufgehoben. wird schon. viel spaß wünsch ich dir

      09.07.2007, 21:17 von noerle
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    danke für deinen beitrag!!! du hast es genaustens erkannt! jetzt weiß ich wenigstens, dass ich nicht allein bin und es anderen auch so geht. bin jetzt auch seit knapp 3 monaten in einem verwaltungsamt tätig. habe mein pensum für die woche gekriegt und hatte von montag an BIS HEUTE!!! zeit unglaubliche 8 Briefe zu verfassen!!! und das wars. das ist eigentlich eine arbeit von höchstens 2 std und ich habe dafür 1 ganze woche zeit gehabt... das telefon klingelt NIE und ich bin die ganze zeit allein in meinem eigenen büro unten im keller. ich kann kommen und gehen wann ich will, solange ich meine "aufgaben" rechtzeitig erledige. ich glaube es würde auch keinem auffallen, wenn ich mal ne woche garnicht kommen würde. ich kann mit keinem reden, da irgendwie alle immer schon weg sind, wenn ich mal mein kleinen kerker verlasse um eine zu rauchen. Das highlight meines heutigen tages war ein blattstau in meinem vorkriegszeit-drucker... ansonsten sitze ich hier nur meine zeit ab, lese zeitung, esse, höre musik (hab mir extra kleine boxen für meinen ipod zugelegt)und surfe im netz. fange echt langsam an hier komplett zu vereinsamen und schäme mich irgendwie das ich aber wirklich rein garnix zutun habe. das einzige produktive was ich hier mache, ist bewerbungen zu schreiben um hier schnellstmöglich wegzukommen. wenn ich das geld nicht so dringend bräuchte, hätte ich schon längst gekündigt. ich freue mich, dass du den schritt gewagt hast! ich wünsche dir viel glück und erfolg bei deinem studium!

    06.07.2007, 14:00 von zimtbroetchen
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    Hey, ich hab mal ein Praktikum bei einer Finanzverwaltung gemacht - wollte nämlich in den gehobenen Dienst. Nachdem ich dort jedoch die 4 langweiligsten Monate meines lebens verbracht habe, die du in deinem Text treffend beschreibst, hab ich mich doch fürs studieren entschieden ;)
    Drück dir die Daumen für deinen weiteren lebensweg

    05.07.2007, 10:50 von Mirabella_123
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    Hi an alle Betroffenen,

    ich glaube wir sind ganz viele mit diesem Problem. Ich bin bei keiner Behörde und habe trotzdem nichts zu tun. Ich habe es drei Jahre versucht- also Aufgaben zu bekommen. Aber es fühlt sich keiner für mich zuständig. Ich war zeitweise sehr deprimiert und frage mich wieso ich soviel Zeit an diese Ausbildung verschwendet habe. Ich hätte längst mit etwas anderem beginnen können. Es gab Tage, da kam ich kaum aus dem Bett.
    Für die Prüfung fehlte Elan und Interesse. Nach drei Jahren konnte ich mich einfach nicht mehr aufraffen.
    Noch eine Etappe habe ich vor mir. Dann bin ich fertig. Ich hoffe mein Gehirn ist noch nicht geschrumpft. Und NICHTSTUN macht tatsächlich krank. Neben der Tatsache, dass ich eigentlich ständig ein schlechtes Gewissen hatte aus Langweile.

    liebe Grüsse.

    05.07.2007, 10:33 von stromy
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