Oliver_Bach 31.05.2008, 13:21 Uhr 0 0

Die Qual keiner Wahl

Zu kurz, zu verschult: die Hauptkritikpunkte am Bachelor sind bekannt. Das muss sich noch zeigen. Jetzt sind vor allem die Mängel der Umstellung akut.

Katharina B. (Name geändert) hat allen Grund sich zu wundern. Die 19-jährige Münchnerin hat gerade ihr Abitur frisch in der Tasche und voller Elan besucht sie die Studienberatung der LMU München. Sie möchte Politikwissenschaften studieren, denn diese Studienwahl hatte schon ihr älterer Bruder getroffen. Sie möchte ihrem Bruder nicht in allen Punkten nacheifern, denn schließlich hatte er in den Nebenfächern Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre belegt, zwei Fächer, für die Katharina sich gar nicht interessiert. „Ich möchte stattdessen als Nebenfächer Interkulturelle Kommunikation und Psychologie studieren.“ erzählt sie mit ganzem Tatendrang.
Es fällt dem Berater nicht leicht, Katharina B. einbremsen zu müssen. Der ältere Bruder hatte Politikwissenschaften noch im Rahmen eines Magisterstudienganges studiert, bestehend aus einem Hauptfach und zwei Nebenfächern, erklärt der Studienberater. Doch dies ändert sich zum Wintersemester 2008/09. Politik steigt auf den Bachelor um. Die LMU München führt als eine der letzten Universitäten in Deutschland die Umstellung ihrer Diplom- und Magisterstudiengänge auf das neue Bachelor/Master-System durch.
Das bedeutet für Katharina B. zuerst zweierlei: erstens dauert dieses grundständige Studium sechs Semester und zweitens kann im Rahmen des Politologie-Bachelors an der LMU München nur ein Nebenfach studiert werden. Die Fächer, welche sich mit dem Fachbereich Politikwissenschaften schon auf ein geeignetes Nebenfachprogramm geeinigt haben, sind Recht, Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftswissenschaften.
„Und sonst?“ Katharina B. ist sichtlich erstaunt, dass der Berater mit seiner Aufzählung schon fertig ist. Das ist leider der Stand der Dinge, bisher sind noch keine weiteren Fachbereiche hinzugekommen. Es ist Mitte Mai und in zwei Monaten, spätestens bis zum 15.07., müssen Interessenten sich zur Eignungsfeststellungsprüfung in Politologie anmelden. Es sei eine Zumutung, echauffiert sich nun Katharina B., sich binnen zweier Monate, in denen – hoffentlich, aber verspätet – das ein oder andere Nebenfachangebot hinzukommt, entscheiden zu müssen, ob man nun drei Jahre seines Lebens ein Studium durchführt. Der Studienberater hinter der Infotheke schaut gleichfalls unglücklich drein: er würde Katharina ja gerne weiterhelfen, aber es liegt nicht in seiner Hand.
„Und warum nur ein Nebenfach? Ich möchte wie mein Bruder zwei Nebenfächer studieren! Nur so erlange ich doch eine für mich ganz spezifische, aber trotzdem breite Qualifikation!“ Katharina B. ist mittlerweile richtig sauer, sie haut mit ihrer kleinen Faust wiederholt auf die Theke. Dem Berater bleibt nichts anderes übrig, als den Status Quo der Umstellungsplanungen noch einmal aufzusagen und mit einem mitleidigen Lächeln die Schultern zu zucken.
Natürlich hat auch der Studienberater seine Meinung zur Umstellung der Diplom- bzw. Magisterstudiengänge auf das Bachelor/Master-System. Nur darf er diese Meinung natürlich als neutraler Berater und Mitarbeiter der LMU nicht äußern. Es hälfe auch nichts: die Bachelor-Umstellung ist, wie schon gesagt, höhere Gewalt.
Das Nebenfach-Angebot wird sich langfristig ausweiten und verbessern, das dürfte außer Frage stehen. Zum Wintersemester 2009/10 stellen auch die letzten Magister-Disziplinen, vornehmlich geisteswissenschaftliche Fächer, auf den Bachelor um. Kurzfristig sind jedoch Kandidaten wie Katharina B., welche ihr Abitur in den Jahren 2005 bis 2008 gemacht haben, wesentliche Leidtragende. Sie fallen in den Wirbel der Umstellung. Wenn sie ein Fach studieren wollen, das schon auf Bachelor umgestellt hat, stellt sich ihnen wie Katharina B. das Problem, dass unter Umständen die gewünschte Zweitdisziplin selbst noch auf Magister läuft und noch gar kein Bachelor-Nebenfach anbietet. Das Gleiche ist umgekehrt der Fall. Wollen Interessenten als einige der Letzten noch einen Magisterstudiengang beginnen, kann es sein, dass einige Fachbereiche wie z.B. Psychologie und Soziologie das Magister-Nebenfach nicht mehr anbieten. Für sie ist die Auswahl mau und von der Auswahl und Wahlfreiheit, die ein Magisteranfänger bis ca. 2005 genoss, weit entfernt.
Ob sie bei dieser Auswahl für ein sechssemestriges Bachelor-Studium 500 Euro Studienbeiträge bezahlen will – das müsse sie sich noch einmal ganz genau überlegen, schimpft Katharina B., als sie aus der Studienberatung stürmt. Der Studienberater kann nicht erleichtert darüber sein: solche Szenen spielen sich laufend ab. Erleichtert kann er nur darüber sein, dass er selbst noch auf Magister studiert und damals, als er angefangen hat, die volle Auswahl an Fächern genossen hat.

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