frollein.m 25.07.2010, 23:27 Uhr 1 0

Die Bibliothek ist das neue Balkonien

Normalerweise glich meine Hautfarbe im Sommer der einer bronzefarbenen Göttin. Armvergleiche gewann ich immer, ..

Herausfordernde zogen ihre Gliedmaßen nach abschätzenden Blicken ein. Zu diesem guten Gefühl einer gesunden Hautfarbe kam der ausschlaggebende Faktor, dass ich Zeit en masse für den Sommer hatte, entspannt und voller Freizeit, statt Lernpläne zu befolgen ging es arbeitsfrei zu von Juni bis September.

Jetzt gehöre ich zu denen, die so antriebslos sein sollen, dass man ihnen deshalb die Studienbedingungen straffen musste(‚Bachelor’). Zu einer großen Masse von nicht allzu braungebrannten, in der Bibliothek ernst dreinblickenden Studierenden. Unsere Freiheit ist die Selbsteinteilung unserer Zeit, wann wir was erledigen bestimmt keine Stechuhr, sondern wir. Das kann zu Verschiebungen führen wie bis 24 Uhr über den Büchern in einem Lesesaal zu sitzen und ab da bis morgens Freunde zu treffen. Aber abhanden kommt so oder so die Zeit. Und somit die Muße, sich an Seen, Flussufer oder in Parks zu klatschen und die Arme weit von sich zu strecken, natürlich mit dem Handrücken zur Wiese, damit die Innenarme auch Farbe bekommen.
Die Bibliothek wird für die kommenden Wochen oder Monate, je nach Fleiß, der noch dürftigere Freizeitfüller als Balkonien sein. Der Blick auf die gegenüberliegende Häuserfront und den Fetzen Himmel wäre jetzt Luxus! Das Beruhigende: Tausenden Anderen in dieser Stadt muss es auch so gehen, denn eine Viertelstunde nach der Öffnung der Bildungseinrichtung gibt es kaum noch freie Leseplätze. Die Klimaanlage ist angeschaltet, die Rollladen heruntergelassen, damit es keine sehnsüchtigen Blicke nach draußen geben kann. Zur Ausstattung jedes Menschen hier drin gehört eine durchsichtige Plastiktüte, am besten von einer renommierten Universität oder der Staatsbibliothek, und ein Vorhängeschloss. Die Vielfalt von Schlössern, dicke, dünne, mit Zahlen, in lila, erscheint plötzlich interessant. Mit dabei zum Lern-/Arbeitsplatz sind auch stets eine gigantische Flasche Wasser und das Handy. Letzteres wird auffallend oft gezückt und auf ihm herumgetippt, anscheinend so etwas wie eine kleine Verbindung in die Außenwelt. Obendrauf gibt es als Folgeerscheinung von Bibliotheksbenutzung, ich bin mir sicher, ein paar Dioptrien Sehverlust und einen krummen Rücken.

Hier macht sich niemand Gedanken über das Erlangen einer gesunden Hautfarbe. Die einzige Möglichkeit braun zu werden, meine Pigmente zum sich Verändern zu bringen, hole ich mir nun in den 15 Minuten Pause vor der Bibliothek. Studienordnung, sprich Klausuren und Hausarbeiten, wollen es so. Während dem Bräunungs-Shot habe ich die Wahl zwischen preiswerteren, da selbstgemachten Stullen, die nach drei Stunden Schließfach nicht mehr ganz so fresh sind, und einer Ice Latte für 2,50 gegenüber. Die Vorfreude auf das beste Gefühl, nach einem arbeitsamen Tag gehen zu können, wächst. Um sich nicht ganz so seltsam und allein vorzukommen, besonders Samstag oder Sonntag morgens um zehn, hilft es, sich mit anderen „Studis“ zu verabreden. Der Treff zu jeder vollen Stunde vor der Tür kann ein richtiges Highlight sein und fühlt sich ein wenig an wie große Pause. Wer hier niemanden kennt, klemmt sich das Mobiltelefon ans Ohr, um so wenigstens ein wenig soziale Kontakte zu haben oder die Durststrecke des Paukens mit einer Verabredung am Abend zu versüßen. So bekomme ich beim Stulle essen mit, wer was im Anschluss unternehmen wird.
Die Sonne strahlt, aber auch zu wissen, voranzukommen und etwas abzuschließen, gibt ein wohliges Gefühl. Dennoch vergehen die Minütchen in der Sonne seltsamerweise viel schneller als über die Theorien und Formeln gebeugt. Aber das Gewissen packt gleich wieder zu. Manchmal vergeht ein halber Tag ohne ein Wort gesprochen zu haben. Ob der erste Satz später sich wohl brüchig und ungelenkt anhören wird?
Die Stulle ist leer, die Gedanken schweifen zurück zu dem zu Erledigendem und weiter geht’s. Dann schluckt einen der Kosmos Bibliothek wieder, die Drehtür saugt mich zurück in die geschäftige Stille und Ernsthaftigkeit des Studierendenlebens.

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Die Bauern sind braun, der Adel ist blass. ;)

    26.07.2010, 00:40 von what_else_is_there
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare