Heir 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 6

Der öde erste Teil

Schullektüren of Death. From Hell. Oder auch: "Und wenn euch für die Weihnachtsfeier nichts einfällt, hole ich meinen Nathan raus!"

Bärlach kam zu früh. Er schien einer der Guten zu sein, allerdings war ich mir nicht ganz sicher. Seine Vorliebe für Intrigen, die Bereitschaft,seinen jungen Kollegen einer Wette wegen zu opfern, und seine allgemeine Garstigkeit, ließen mich zweifeln. Etta kam nach Bärlach und definitiv zu spät. Etta war elf, schwer verliebt in den gleichaltrigen Nachbarssohn Toni und empfand kribbelige Aufregung, als sie nach ihm aus einer Flasche trank, ohne deren Hals abzuwischen. Ich war 13 und es bedurfte mehr als angesabberter Flaschenhälse, um mich in kribbelige Aufregung zu versetzen. Auf Etta folgte eine Horde Teenager, die den klassischen Lektürenfreifall vom ersten Joint direkt in die Heroinabhängigkeit erlitten und mich kalt ließen. Madeleine Scuderi kam zur richtigen Zeit und war Protagonistin der ersten Schullektüre, die ich gerne las. Kurz darauf traf ich auch Bärlach wieder, diesmal auf der selbstzerstörerischen Jagd nach einem Mengele-Verschnitt. Und plötzlich mochte ich den todkranken Kriminalkommissär.




Die Reihe meiner Schullektüren lässt sich fortsetzen. Einige mochte ich, andere nicht, soweit Geschmackssache. Was mich interessiert hätte, wären die Auswahlkriterien. Frank, Remarque und sogar der unsägliche Beziehungsdrama-IRA-Krimi-Mix, den wir im Oberstufenkurs Englisch lesen mussten, sind vermutlich fächerübergreifendes Pflichtprogramm und für mich nachvollziehbar. Warum allerdings lässt ein Lehrer eine deutlich angeödete siebte Klasse “Kleider machen Leute“ lesen? Wie sollen Neuntklässler, die sich in Geschichte gerade durch den Vormärz arbeiten, selbständig die Hintergründe von “Animal Farm“ erschließen (Ich las es übrigens gerne, allerdings erst in der Elften)? Obwohl ich weiß, dass das unfair ist, drängt sich mir gelegentlich der Verdacht auf, die Lehrer legten es darauf an, den Schülern den Spaß am Lesen zu verderben.


Sicher kann man nicht jeden Schüler mit einer Lektüre glücklich machen, aber die Klasse in die Auswahl einzubeziehen, wäre zumindest ein Versuch, auch Schüler, die von Haus aus ungern lesen dafür zu erwärmen. In der Oberstufe scheint es besser zu laufen. Zumindest äußern sich mir bekannte junge Menschen dementsprechend und auch ich fand die Auswahl angenehmer. Camus, Wilde oder Wedekind lasen sich leicht und brachten mich tatsächlich zum Nachdenken. Tonio Kröger hasste ich inbrünstig mochte ich weniger, allerdings erkannte der Lehrer meine sachlich geschilderte Ablehnung an und reagierte nicht beleidigt auf die Zurückweisung seiner vermeintlichen Lieblingslektüre, wie ich es zuvor einige Male erlebt hatte.


Was waren eure meistgeliebten/meistgehassten Schullektüren und warum? Was hat euch nachhaltig beeindruckt? Gibt es Bücher, die in der Schule unbedingt gelesen werden sollten? Oder sind Schullektüren komplett unsinnig?.


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31 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wir hatten in der Mittelstufe einen klasse Deutschlehrer... er ließ uns unsere Lieblingsbücher vorstellen und dann demokratisch drüber abstimmen, welches davon wir als Lektüre lesen würden... es war das bescheuertste Buch, was ich je für die Schule gelesen hab.  "Das scharlachrote Kampfhuhn" von Helge Schneider.

    09.06.2016, 09:09 von Tanea
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  • 1

    Schockierend: Das Klassenbuch

    02.05.2016, 16:29 von quatzat
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  • 3

    Vattern hat damals gesacht:" Junge, für beim Opel am Band brauchste kein Nietzsche." Da habe ich dann Schwalben gefaltet. Seite 82 flog gut und ich später auch. 

    19.04.2016, 15:55 von jetsam
    • 0

      :D 

      19.04.2016, 16:09 von Fin_Fang_Foom
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  • 1

    In der 5. oder 6. haben wir "Der Weg nach Bandung" von Klaus Kordon gelesen. Es war traurig, schön und vor allem greifbar für Kinder in unserem Alter, da es um einen gleichaltrigen Jungen ging. Und es hat mir zum ersten mal ein Gefühl für die Dimension der Welt gegeben und für das Glück im Wohlstand zu leben.

    Ansonsten war da noch Max Frisch mit "Biedermann und die Brandstifter", was sicher unglaublich lehrreich sein sollt. Ich erinnere mich aber nur schemenhaft und an ganz viel Widerstand.

    Anne Frank....und mehr weiß ich nicht. Deutsch war zwar in der Schule mein Lieblingsfach, aber Schule im Leben eher nicht.

    19.04.2016, 15:11 von Feodor
    • 2

      Klaus Kordon schreibt sehr schöne Bücher für junge Leute.

      19.04.2016, 23:11 von Heir
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  • 3

    laffju, göte.

    19.04.2016, 14:10 von ga
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  • 1

    Ich fand prima, dass wir Bücher wie Frischs Homo faber lesen sollten/durften. Irgendwann früher war da noch Crazy, das dann irgendwann später verfilmt wurde. Mochte ich.
    Was ich gehasst habe, war Emilia Galotti. Sie verdarb mir insgesamt den Spaß an Lessing.

    Einige Bücher, die wir lesen sollten, hatte ich zuvor schon privat gelesen. Das war irgendwie ungünstig.

    19.04.2016, 14:00 von nyx_nyx
    • 0

      Achja, was ich grandios fand: ein Lehrer forderte uns auf unser jeweiliges aktuelles Lieblingsbuch vorzustellen. So lernte man einerseits etwas über die Mitschüler, die man sonst nicht so kannte, andererseits trugen die Leute mit so viel Leidenschaft vor und diskutierten angeregt, wenn mehrere das Buch kannten, dass es echt dazu animierte, Bücher zu lesen die man sonst evtl. nicht gelesen hätte.

      19.04.2016, 14:06 von nyx_nyx
    • 0

      Sowas haben wir auch gemacht.
      6. Klasse.

      19.04.2016, 14:15 von sailor
    • 0

      Emilia Galotti hat mich auch ziemlich angeödet. 

      20.04.2016, 12:01 von mephista7
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  • 3

    Effie Briest war und ist noch immer eins der wenigen Bücher, bei dem ich nicht über die ersten drei Seiten hinauskam. Wenn ich noch eine Steigerung von "am langweiligsten" bräuchte, ich würde sie Effie Briest nennen. Die Begeisterung die so manche für dieses Buch aufbringen, erschließt sich mir einfach nicht.

    Was mir damals wahnsinnig gut gefallen hat, war der Steppenwolf von Hesse und 22367 Experiment Hex", ein Science Fiction - Roman und im Englischunterricht haben wir Catcher in the Rye durchgenommen, das Buch fanden eigentlich alle durch die Bank weg "ganz ok" (kein Wunder, die schwerpubertierenden Jugendlichen haben sich da wohl wieder gefunden). Ich finde es eigentlich ganz gut, dass man im Deutschunterricht Bücher lesen und erörtern "muss" - und ich bin auch heute noch recht dankbar über diese Form des Allgemeinwissens. Ich hatte das Glück, dass ich leiwande Deutschprofessoren hatte, die haben auch (gerade in den späteren Klassen) hin und wieder nachgefragt, was wir denn gern lesen würden. Was mich interessieren würde, ist, inwieweit es da Unterschiede zwischen zB. Gymnasium und Hauptschule gibt.

    Kurzgefasst: Schullektüre gut und notwendig.

    19.04.2016, 13:07 von Agmokti
    • 1

      hauptschule ist streetwork.

      gymnasium ist sotunalsob.

      19.04.2016, 14:13 von ga
    • 1

      des hast du wundaschön gesagt. und stimmen tuts auch noch. org.

      19.04.2016, 16:51 von Agmokti
    • 1

      alles empirie.

      20.04.2016, 11:54 von ga
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  • 0

    Anfangs habe ich diese Schullektüren gehasst und zugegebenermaßen auch kaum eines wirklich gelesen, maximal angerissen. Die Interpretationen als Hausarbeit liefen entweder als Copy-Paste ab, oder dem Hund hat sein Futter nicht ausgereicht - vor allem in Deutsch. Ein Graus war das. Ich habe darin auch kaum einen Sinn gesehen - damals. Naja, wie das so ist, irgendwann habe ich zumindest den Grund dahinter "verstanden" - schlimm waren die Lektüren immernoch. Als Beispiele: Lessings "Nathan" und "Emilia Galotti", sowie, um Gluecksaktivistin zu bestätigen, Lenz ebenso (bei uns/mir "Das Feuerschiff" und Max Frischs "Andorra". Damit wurde ich einfach nicht warm, nicht einmal lau. Einzige Lichtblicke waren "Das Parfüm" von Süßkind und "Wilhelm Tell", die wurden sogar komplett gelesen.
    Im Englischen sah die Sache etwas anders aus, da kam die Erkenntnis und die Begeisterung weitaus früher. Auch, weil die Lektüren allgemein weitaus interessanter waren. Orwells "Animal Farm" oder XYZs "Heat and Dust" waren 2 der "guten" Werke.
    Dankbar, wirklich dankbar, bin ich für "The Firm", welches ich regelrecht verschlungen habe und meine bis heute anhaltenden Liebe zu Grisham entfacht hat.

    19.04.2016, 11:41 von DerWesir
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  • 2

    Wir haben in der Schule nur Sachbücher gelesen. Und ein Buch über Pi. Das hatte ich doppelt. Dann kam die siebte Klasse und ich ging ab.
    Alle meinten, ich sei echt spät dran.

    18.04.2016, 20:52 von JackBlack
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