deernaufreisen.de.vu 14.04.2008, 21:19 Uhr 22 13

Der Geisteswissenschaftler, das Mammut...

...und die Keule! Auch die „Generation Praktikum“ wird irgendwann erwachsen. Und dann?

Bis an die Zähne mit Magister-Titel und einem vor Praktika heiß gelaufenen Lebenslauf bewaffnet ziehen wir Geisteswissenschaftler nun also los, um das Mammut der Postmoderne zu erlegen, den heiligen Gral unser eigen nennen zu können, unsere einzige Sehnsucht endlich zu erfüllen: Es, das sagenumwobene Volontariat! Jeder kennt jemanden, der – angeblich - eines absolviert, aber mit eigenen Augen und in freier Wildbahn hat es noch niemand lebend gesehen...

"Ich hätte auch Mathematik studieren sollen!“, steuere ich zu einer Runde Bier und kollektiven Gejammers über die Zukunftschancen für junge, engagierte, hoch motivierte und qualifizierte Geistes- und Sozialwissenschaftler bei.
„Und“, kommt der übliche Einwand „was würdest Du dann damit machen?“
„Versicherung!“, antworte ich wie aus der Pistole geschossen.
Allgemeine Heiterkeit. Ich kann den Anlass für diese gesteigerte Ausgelassenheit nicht verstehen. Immerhin hätte ich in einer Versicherung ein gutes Einkommen und ein bequemes Leben mit Gleitzeit, voller betrieblicher Absicherung, bezahltem Urlaub, 13. Monatsgehalt. Vielleicht sogar Kinderbetreuung? Geschäftsreisen? Ich gerate ins Schwärmen.
„Und dann willst Du bis zur Rente also in einem Büro der Allianz sitzen und Kalkulationen anstellen?“, wird meinem unverständig fragenden Gesicht entgegen gehalten.

Ach so. Nee, natürlich nicht. Jetzt verstehe ich wo der Haken an der Sache ist und kann mir bei dem Gedanken daran, wie ich mit Rechnen oder gar Logik meinen Lebensunterhalt bestreiten soll, ein Grinsen auch nicht verkneifen. Mathe ist eh doof. Und so bleibt auch mir nach dem erfolgreichen Abschluss eines geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiums nichts weiter übrig, als mich ebenfalls auf Volontariatsjagd zu begeben. Die Konkurrenz schläft nicht und nur der Stärkste überlebt. Da heißt es also die Keule schwingen und sich mit Gebrüll ins Schlachtgetümmel werfen!

Auf der Leipziger Buchmesse schwingt meine Freundin Ann-Kathrin – ihres Zeichens junge und aufstrebende Geisteswissenschaftlerin – ihre Keule. Das literarische Schlachtengetümmel ist durchsetzt mit allerlei zivilen Raritäten: Herden an Schulklassen werden von euphorisierten Lehrern durch die Hallen getrieben, eine Spanisch-Dolmetscherin betreibt Zwei-Kanal-Kommunikation. Jungliteraten erotisieren den weiblichen Teil eines Deutsch-LKs aus der Provinz mit ihren Erzählungen aus dem hamburgischen Prekariatsmilieu. Gewalt, Tristesse, Drogen, soziale Abgründe, präpubertäre Perversionen, gescheiterte Lebensläufe. Das ist so urban, so echt, so intensiv, so -!

Eine Gruppe um die Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel“ hat ein Kinderpappspielhaus aufgebaut und macht – warum auch immer – einen Riesenwirbel darum. Pappdach auf, Punk rein. Pappdach zu. Punk schaut aus dem Fenster. Pappdach auf, Punk raus. Laptop an. Pappdach zu. Punk rein. Ein Kamerateam der ARD filmt das Spektakel. Wahrscheinlich ist es lustig. Weiter hinten flanieren mit jeder Pore ihres Daseins Aufmerksamkeit einfordernd Manga-Fans in befremdlichen (werde ich etwa alt?) Kostümierungen: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!“. Und zwischen all diesen Gestalten, das Mammut klar anvisiert, schwingt Ann-Kathrin nun ihre Keule. Gemeine Zungen würden sagen, sie ginge Klinken putzen. Mit der Geisteswissenschaftlern eigenen Beharrlichkeit und Unerschrockenheit, denn man ist es gewohnt, dass es eigentlich niemand ernsthaft interessiert, was man da betreibt, spult Ann-Kathrin den immer gleichen Spruch ab, der mit wissenschaftlicher Zuverlässigkeit in immer dem selben Dialog mündet:

„Guten Tag, mein Name ist Ann-Kathrin Schröder, ich bin Studentin. Nach dem Examen möchte ich gerne ein Volontariat in einem Verlag absolvieren und wollte mal fragen, ob das bei Ihnen möglich ist und ab wann Sie wieder Plätze frei hätten.“
„Ja, das geht. In welcher Sparte möchten Sie das Volontariat denn absolvieren?“
„Im Lektorat.“
„Ah ja, Lektorat… Ja, aber da sind alle Plätze bis Sommer 2024 vergeben.“
So oder so ähnlich. Dann gibt es meistens noch eine Visitenkarte mit dem Namen einer Ansprechpartnerin in die Hand gedrückt, dazu einen Bonsche, einen Button oder einen Aufkleber. Danke schön und auf Wiedersehen, während ich in bester Sherlock-Holmes-Manier auf das Namensschild des Verlagsmitarbeiters schiele und für Ann-Kathrin die Referenzpersonalien aufnehme.

„… und beim NDR würde ich aber zwischen 1300 und 1400 Euro verdienen“, referiere ich über die Vor- und Nachteile der einzelnen Volontariate. NDR, das ist zwar bei mehreren hundert Bewerbungen auf 18 Volontariatsstellen jährlich ein wenig größenwahnsinnig, aber irgendwer muss diese Plätze ja bekommen, warum also nicht ich? Noch bin ich optimistisch.
„Oh! Naja, das ist natürlich wenig. Aber danach verdient man dann ja ziemlich gut, oder?“, Stefan – Phillips, Gleitzeit, dreizehntes Monatsgehalt, bezahlter Urlaub, volle betriebliche Absicherung - hat irgendwas von diesen Techniksachen studiert, die ich mir nie merken, geschweige denn auseinander halten kann. Irgendetwas was von mir – wahrscheinlich fälschlich – in die Schublade mit der Aufschrift „Ingenieur“ gesteckt wurde. Und Stefan hat da was falsch verstanden. Einstein lässt grüßen. 1300 bis 1400 Euro für ein Volontariat war kein Nachteil, sondern ein absoluter Vorteil, denn das hieße, dass ich mich allein von der Vollzeitausbildung finanzieren könnte und nicht noch abends oder an den Wochenenden jobben müsste. Volontariate, bei denen man 500 oder 600 Euro monatlich verdient, sind auch bei namhaften Verlagen und Sendern keine Seltenheit.

Noch eher zaghaft schwinge nun auch ich meine Keule. Ich und mein erstes Assessment-Center, der rbb, der NDR Berlin-Brandenburgs, hatte geladen! Unter ebenfalls hunderten Bewerbern habe ich mich gemeinsam mit 31 überwiegend Mitstreiterinnen, für die letzte Runde im Kampf um den Mammutstoßzahn durchsetzten können. Diesen Erfolg habe ich nicht etwa meinem Fleiß, meinem Talent oder meinen journalistischen Vorkenntnissen zu verdanken, sondern einzig und allein dem bedingungslosen Einsatz meiner Würde und meiner körperlichen Unversehrtheit. Für die Vorrunde musste unter anderem eine Reportage über Extremsport geschrieben werden. Und als echte angehende Reporterin habe ich das Angebot der beiden Parkoursportler, doch einfach gleich mitzumachen, direkt angenommen, ohne vorher an meine physische Prädisposition gedacht zu haben. Wenn schon, denn schon! Ergebnis des Experiments war ein spaßiger und ereignisreicher Nachmittag, den ich gekonnt mit einem Krankenhausbesuch wegen eines geprellten Fußes zu krönen wusste. Das Mammut forderte seinen Tribut!

Doch zurück nach Potsdam. Zwei Tage lang versuchten ich und meine Mitbewerber das Mammut zu bezwingen. Wie die Liliputaner Gulliver bekämpften, präsentierten, formulierten, schnitten, recherchierten und diskutierten wir auf das Gulliver-Mammut ein. Der Umgang war trotz der Konkurrenzsituation entspannt. Keiner wollte sich als unsoziales, karrieregeiles Ellenbogenarschloch outen. Und es gab nicht nur viele schöne Streicheleinheiten für das Ego, sondern ich habe dort auch die peinlichsten 45 Minuten meines Lebens durchlitten. Es war ein Ringen um Leben und Tod. Das Mammut oder ich. Hinterrücks hatte ich schon den Kopf des Mammuts erklommen und befand mich in einer einmaligen Ausgangsposition. Jetzt, mitten auf die Zwölf! Doch wo hatte ich nur meine Keule gelassen?
Gut, dies war meine erste Mammutjagd. Ich habe es zwar nicht erlegen können, aber ich war kurz davor. Mit anderen Worten: Nachrückerplatz und keiner der 16 tapfersten Krieger hat abgesagt.

Aber das nächste Mammut, das wird bestimmt meins!


Tags: Erster Job
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22 Antworten

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    Ich musste echt lachen als ich deinen Artkel gelesen habe. Auch ich kenne die Schwierigkeit ein Volo (Redakteur) zu ergattern nur zu gut. Wobei sich mein Kampf um ein Volo als deutlich schwieriger gestaltet. Ohne abgeschlossenes Studium :-( da muss ich wohl doch noch mal ran... Jetzt bin ich erstmal Redaktionsassistentin und darf auch ohne Volo schreiben. Hoffe trotzdem, dass das nicht das Ende ist. Dir wünsche ich alles Gute.
    Achja, fast vergessen: super geschrieben natürlich :-)

    18.06.2009, 17:50 von evrika
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    Sehr lebensecht und leider auch mir gut bekannt.

    16.11.2008, 20:00 von Aornis
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    Wird Geisteswissenschaftlern eigentlich beim Studium beigebracht, dass jeder, der was technisches studiert, das auschließlich der guten Jobaussichten respektive des Geldes wegen macht?

    29.06.2008, 14:54 von Kataklysmus
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    Einerseits gebe ich dir Recht mit dem, was du schreibst. Es ist wirklich nicht leicht, als Geisteswissenschaftler einen guten Job zu finden. Erst recht nicht einen mit guter Bezahlung.

    Andererseits gibt es auch viele Möglichkeiten neben dem sagenumwobenen Volontariat. ich habe auch lange Zeit gedacht, dass das der einzige Weg sei, in die Arbeitswelt einzusteigen. Und ich dachte immer, dass Geisteswissenschaftler nicht in die "freie Wirtschaft" gehörten.

    Zu meiner großen Überraschung habe ich dann aber festgestellt, dass es auch tolle Jobs gibt, die nicht in den Medien, im Verlagswesen oder im Agenturbereich angesiedelt sind, sondern in Unternehmen. Und die sind ebenso gut bezahlt wie die Jobs der BWLer, Ingenieure etc., aber TROTZDEM spannend, herausfordernd und so interessant, dass man sich die Aufgaben auch für mehrere Jahre vorstellen kann.

    Ich glaube, dass sich nur die meisten Geisteswissenschaftler gar nicht dessen bewusst sind, dass es solche Jobs gibt. Deshalb kann ich nur raten: Fixiert euch nicht auf "die Medien", Verlage und Agenturen, sondern haltet die Augen offen nach Jobs in Unternehmen. Online-Redakteure in der Unternehmenskommunikation, Spezialisten für Interne oder Externe Kommunikation, Referenten im Personalmarketing... Es gibt etliche Profile, man muss nur breit genug suchen. Bei mir hat's geklappt, und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

    19.04.2008, 21:09 von Allymaniac
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      @Allymaniac Was genau tust du denn jetzt? Wie wohl sehr viele kann ich mir unter deinen Beschreibungen nicht wirklich was vorstellen =)

      20.04.2008, 13:00 von naddal
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      @naddal Ich habe zuerst als Referentin für Personalmarketing bei einem Handelskonzern (= Positionierung und Vermarktung des Unternehmens als Arbeitgeber) gearbeitet und wechsle jetzt in die Interne Kommunikation einer Bank. Was ich da im einzelnen mache? Ein kleiner Auszug: Ich schreibe Texte für Intranet, Internet, Firmenzeitschrift und Broschüren, organisiere Veranstaltungen, erstelle Konzepte zu verschiedenen Themen (Hochschulmarketing, Verbesserung der Kommunikation etc.), erstelle und halte Präsentationen. Und im Personalbereich war es zusätzlich Praktikanten- und Traineerecruiting und -betreuung.

      21.04.2008, 07:32 von Allymaniac
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    @oceaneyes: "Mal geht das mehr in Richtung Marketing/Vertrieb, und mal eben nicht."
    Wozu gehört "mal eben nicht"? Werbung=Marketing, und wenn nicht BWL, dann zumindest kaufmännisch

    "Der Werbemensch in unserem Verlag hat ganz bestimmt noch kein BWL-Skript von weitem gesehen."
    Klar gibt es einen Unterschied zwischen den Kreativen und den Kaufmännischen. Aber die Kaufleute sagen, wie der Hase läuft, legen Zielgruppen fest etc. Ein rein Kreativer kann nie und nimmer ein komplettes Werbekonzept erstellen, im Gegensatz zur PR.

    Ich bin selber Werbekauffrau und Medienwissenschaftlerin - kannst mir ruhig glauben.

    17.04.2008, 18:27 von gianas_sister
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    oceaneyes: "Dabei gibt´s durchaus auch andere interessante Bereiche, für die man auch mit Geisteswiss-Studium passend genug qualifiziert ist. Z.B. die Bereiche Auslandslizenzen, Presse oder Werbung".

    Presse und Werbung sind zwei total unterschiedliche Sachen, denn Werbung ist BWL-dominiert. Wer nichtmal weiß, auf was er sich bewirbt...übrigens: ausser Presse gibt es noch weitere Bereiche in der Unternehmenskommunikation wie "interne", ich würde mal danach suchen. Generell müsste man aber schon wissen, was man machen will und nicht das ewige "irgendwas mit Medien", das geht schief.

    16.04.2008, 11:13 von gianas_sister
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      @oceaneyes ich gehöre ja auch den harten frontkämpfern der literaturwissenschaftler und bin nun schon 4 jahre lang auf dem arbeitsmarkt. mal hatte ich arbeit, dann wieder nicht, mal waren es gute job, mal aberwitzig schlechte.

      aber man muss jetzt auch sagen: das man nicht so recht auf die beine kommt, gilt im grunde für die meisten studiengänge. aber nie aufgeben, heisst das zauberwort und ich würde auch allen raten:

      macht nicht zuviele praktika, ist reine ausbeutung und in fast allen fällen zeitverschwendung.

      übrigens: wenn jemand noch einen jobbereich sucht, der für germanisten mit learning by doing gut geeignet ist: online-redakteur oder auch inzwischen als content-manager beschrieben, ist durchaus etwas mit dem man sich etablieren kann. :)

      16.04.2008, 21:59 von CosmoSchmidt
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    Heute erst habe ich über dieses Thema nachgedacht, als angehende Geisteswissenschafts Studentin, aber leider durch eine rosarote Brille. Dein Artikel macht mir Angst. Ich lasse die Brille lieber noch so lange an, wie es möglich ist.

    15.04.2008, 20:24 von Nihilistin
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