Das »Jeder kann es schaffen«-Märchen
Wer sich genug anstrengt, kommt ganz nach oben? Du bist, was du bist - dank deiner eigenen Fähigkeiten? Schön wär’s.
Es war einmal ein wunderschönes deutsches Märchen: das Märchen von der Chancengleichheit. Hat man uns schon als Kindern erzählt. Gehört bis heute zum Standardwerk – zumindest in Familien, wo RTL-II-Gekreisch nicht alles übertönt. Lern brav, besagt das Märchen, streng dich an, gib dir Mühe! Du bist deines Glückes Schmied. Just do it. Wer etwas will, der schafft’s.
Schön wär’s. Die neuesten Studien sind alarmierend: Anstatt sich weiter zu schließen, klafft die Schere der Chancengleichheit in Deutschland immer weiter auf. Dass Professorentöchter oder Chefarztsöhne zur Uni gehen, ist inzwischen achtmal wahrscheinlicher, als wenn der Vater LKW-Fahrer oder Arbeiter ist. Und selbst wenn es einer zur Promotion gebracht hat: Die Spitzenpositionen in der Wirtschaft sind zu 80 Prozent mit Managern aus der Oberschicht besetzt, die gerade mal 3,5 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Laut Pisa-Studie klaffen innerhalb Westeuropas nur in Belgien die Chancen zwischen Arm und Reich so sehr auseinander wie bei uns. »Die Familie ist das zentrale Risiko für den Lebenslauf«, stellt der Hamburger Soziologe und Biografieforscher Professor Harry Friebel fest. Oben bleibt oben in Deutschland, und unten bleibt unten. Der Rest in der Mitte schwimmt ein wenig auf und ab – kleine und mitteldicke Fische, die bis zu gewissen Punkten ihr Leben verbessern können. Nicht mehr. Nicht weniger.
Die Eltern kannten nur den „normalen“ Weg
Martina Paul, 25, stammt aus einer Bauernfamilie: Milchkuhhaltung in einem Kaff bei Rosenheim. Viel harte Arbeit und drei Kinder. In der Grundschule war Martina fleißig, doch nach der Vierten kam sie auf die Hauptschule, wie die meisten Kinder im Dorf. Zwei Jahre später dann der Wechsel zur Realschule: nicht zum technischen Zweig, sondern zum hauswirtschaftlichen, trotz Spaß an Naturwissenschaften. »Es war keine Frage, dass ich kochen und Handarbeit lernen sollte«, sagt Martina. »Meine Eltern haben es wirklich gut gemeint, kannten aber eben nur den ›normalen‹ Weg. Der schwierige Technikzweig war für Mädchen nicht üblich. Irgendwie habe ich damals das Gefühl entwickelt: Das schaffst du doch eh nicht.« Philipp Julian Friedrichs, 21, stammt aus einer Familie, die man wohl großbürgerlich nennen würde. Beide Eltern sind Akademiker, der Vater organisiert weltweit Messen. Als Philipp klein war, war seine Mutter für ihn immer da, hat ihm Astrid Lindgren und selbstgeschriebene Bücher vorgelesen. Zu Hause lief Opernmusik, Philipp lernte Klavier spielen am Flügel im Salon. In der Schule hatte er beste Noten. Und als die Familie in der vierten Klasse nach Frankreich zog, lernte er eben noch fließend Französisch. Später ist er dann auf das Schlossinternat Salem gegangen – eine Einrichtung, die wegen Exklusivität, guter Erziehung und elitären Lernangeboten bekannt ist. Und weil die Schulgebühr mehr als 25 000 Euro jährlich beträgt. So etwas hören die kleineren Fische nicht gerne. Doch egal, ob Hauptschule, öffentliches Gymnasium oder privates Internat: Vieles ist längst entschieden, bevor die Knirpse nur stolz ihre Schultüte umklammern. Wissenschaftler glauben, dass 50 bis 70 Prozent unserer geistigen Wendigkeit geerbt sind. Doch selbst wenn ein IQ von 100 Punkten genetisch vorgegeben ist: Je nach Förderung und Erziehung ist eine Spannbreite von 70 bis 130 Punkten drin – also von Sonderschule bis Hochbegabung. Und wenn man dann überlegt, dass 1,1 Millionen Kinder in Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen sind … dass drei bis vier Millionen Kinder in Familien aufwachsen, in denen ein Elternteil süchtig, meist alkoholabhängig, ist … dass andere bis zum Schulanfang kein Deutsch lernen, weil die Eltern selbst die Sprache nicht beherrschen … dann ahnt man, was schief läuft, wenn der Staat die frühkindliche Phase ignoriert: In Schweden sind Förderkindergärten ab zwei Jahren Pflicht – bei uns gibt es meist erst Spielanstalten für Vierjährige, oft nur privat und teuer. Am ersten Schultag ist die Ungleichheit schon zementiert. »Kinder, die gefördert wurden, können dann schon schreiben und rechnen«, seufzt eine Grundschullehrerin aus Bonn. »Andere schaffen es nicht mal, einen Stift zu halten.« Und nach vier Jahren wird ausgesiebt. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – so endet das Märchen Chancengleichheit. Sind beide Eltern Arbeiter, schaffen es 20 Prozent in die gymnasiale Oberstufe. Sind beide Eltern Angestellte: 50 Prozent. Beide Beamte: 84 Prozent. Martina hat nach der Realschule eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin gemacht, stand dann hinter dem Apothekentresen und hat gemerkt: Ich kann mehr, ich will mehr – auch wenn’s im Dorf hieß: »Die spinnt«. Abi auf dem zweiten Bildungsweg: Das hieß mittags arbeiten und morgens und abends für die Münchner Berufsoberschule BOS büffeln. Die hatte gerade aus Platznot Räume im altehrwürdigen Max-Gymnasium bezogen, trotz heftiger Elternproteste. »Das ging nach dem Motto: Die Asozialen kommen an unsere humanistische Schule«, erzählt Martina. »Da waren dann die Gymnasiasten mit ihren Sportwagen – und dazwischen unsere Klasse, mit Krankenschwestern und Zimmerern. Aber wir waren hochmotiviert.« Mit 1,6 hat sie Abitur gemacht und angefangen, auf Lehramt zu studieren. »Lieber was Sicheres, hab ich gedacht – und heimlich schon damals von Archäologie geträumt. Bloß hatte ich das Gefühl: Das ist einfach nicht für dich bestimmt.«
Erzähl von deiner Herkunft – und Soziologen sagen dir, wie weit du’s wohl bringst. Entscheidende Faktoren sind laut Professor Friebel das Einkommen und die Bildung der Eltern. Die regionale Herkunft – wer auf dem Land lebt, ist tendenziell benachteiligt. Und die falsche Religion. Katholisch oder evangelisch spielt heute zwar nicht mehr die Rolle wie noch in den 60er Jahren. »Aber Migrantenkinder, die nicht christlich, sondern muslimisch sind, haben schlechte Karten,« sagt Friebel. Auch bei der Pisa-Studie haben deutsch-türkische Schüler besonders schlecht abgeschnitten. Überhaupt, der Pisa-Schock. Bis dahin schien alles in Ordnung in Deutschland: Es gibt kaum teure Schulen wie in England, ein kostenloses Studium für alle – im Gegensatz zu den USA – und so viele Abiturienten, dass mancher panisch »Barrieren erhöhen!« ruft. 1950 haben weniger als fünf Prozent eines Jahrgangs Abitur gemacht; heute sind es je nach Region mehr als sechsmal so viele. »Das Problem ist, dass bildungsferne Familien mit den Angeboten nichts anfangen konnten«, sagt Friebel. »Nur die Mittel- und Oberschicht hatten Steigerungsraten beim Abitur.« In den 60ern sei das Gymnasium für ein Beamtenkind viermal wahrscheinlicher gewesen als für ein Arbeiterkind – heute ist es sechsmal wahrscheinlicher. Es ist bitter, sich einzugestehen, dass das »Dukannst-alles-schaffen«-Märchen nie gestimmt hat. Dass man wohl nicht nur Richtung Traumjob marschiert, weil man schlau und fleißig war – sondern weil andere diese Chancen nie bekommen haben. Natürlich können wir viel im Leben selbst bestimmen, durch Ehrgeiz oder Faulheit und die Wahl des Berufs. Aber oft ähneln wir unseren Eltern stärker, als wir zugeben wollen. Wetten, dass aus der Durchschnitts-Abi-Klasse der Arztsohn jetzt VWL studiert? Die Anwaltstochter Germanistik? Und die Mädchen aus Martinas Realschulklasse: Klar hatten sie die Wahl zwischen Erzieherin, Arzthelferin und Bürojobs. »Wir haben insgesamt mehr Möglichkeiten – aber die sind milieuspezifisch«, sagt Friebel. »Letztlich bleiben wir auf der gleichen Ebene. Dass sich nach oben oder unten etwas deutlich ändert, passiert selten.«
Der Erfolgsschlüssel: Wie einer redet und sich gibt
Philipp hat seine Salemer Schulzeit als »die ideale Vorbereitung für das weitere Leben« empfunden. Die kleinen Klassen. Das Sport und Kulturangebot. Die internationale Atmosphäre mit Kameraden aus Adels- oder Industriellenfamilien und begabten Stipendiaten. Bei der Studienfahrt nach Berlin ging’s nicht bloß hoch zur Reichstagskuppel – sondern rein ins Machtzentrum, um mit den Entscheidern persönlich zu sprechen. Besonders wichtig seien ihm aber die sozialen Dienste gewesen, die jeder Eliteschüler ausübt, sagt Philipp. »Kein Zweifel: Auf so einer Schule wird man auf eine Verantwortungsposition in der Gesellschaft vorbereitet.« Der 21-Jährige studiert jetzt Jura, »als gesunde Basis – ob ich nun eher die politische Richtung verfolgen oder auf die internationale Ebene gehen will«.Was er sagt, klingt stets klug, gewandt und zielgerichtet. Martina erzählt eher, dass sie sich vieles nicht zutraut: »Ich schaffe es bis heute nicht, wie viele andere an der Uni aufzutreten. So nach dem Motto: Mir gehört die Welt«. Soziologen nennen das »Habitus« – wie einer redet und sich gibt. Nach Ansicht des Darmstädter Professors Michael Hartmann ist dies der Schlüssel zum Erfolg. Er hat die Karrieren von 6500 promovierten Juristen, Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern untersucht. Bis zu dieser Stufe hatten sich auch Talente aus Unter- und Mittelschicht hochgearbeitet. Aber wenn es dann um die Besetzung von Vertrauenspositionen geht – dann zählt eben auch plötzlich, dass einer die richtigen Umgangsformen hat,die richtige Kleidung trägt, mit der Vorstandsgattin über Opern plaudern kann. Dass er mit seinem ganzen Auftreten sagt: Ich bin einer von euch, gehöre zur Elite – das kann man kaum lernen, wenn man im Plattenbau groß wird; eher in Einrichtungen wie Salem, bei Bällen und »Formal Dinners«. Über 80 Prozent der Bosse von großen deutschen Unternehmen stammen aus dem hohen Bürgertum; die Hälfte sogar aus jenen Oberschichtfamilien, die gerade mal ein halbes Prozent der deutschen Gesellschaft stellen. Der Mittelschichts-Nachwuchs steigt laut Hartmann zwar ebenfalls auf – doch eher zum »qualifizierten Experten« als zum Boss. Aber der Schröder hat’s doch nach oben geschafft! Und der Joschka Fischer! Die deutsche Politik gilt tatsächlich als durchlässiger als die Wirtschaft. Wer’s da zu etwas bringen will, muss sich durch die Parteiinstanzen kämpfen, muss wieder und wieder die kleinen Parteimitglieder überzeugen. Denen müssen Politiker vom »Habitus« ähneln – vermeintliche Schnösel haben schlechte Chancen. Philipp ist neben dem Studium geschäftsführender Gesellschafter der Kinderbuchforum- Stiftung geworden: Übers Internet sollen Kinder zum Lesen und Geschichtenschreiben angeregt werden – eine Idee, die er mit Hilfe und dem Geld seiner Eltern umsetzen konnte. »Mir ist klar, in was für einer privilegierten Position ich mich befinde«, sagt er. »Vielleicht ist es eine Art Ausgleich, etwas weiterzugeben.« Martina hat nach drei Semestern das Hauptfach gewechselt. Und endlich ihr Traumstudium gewagt: Archäologie, obwohl Studienberater dreist behauptet hatten, das sei doch zu akademisch für sie. Jetzt jobbt sie weiter in der Apotheke, hat aber das Latinum bestanden und erzählt begeistert von der ersten Ausgrabung. Manche Freunde, die am Sinn ihres ach-soselbstverständlichen Studiums zweifeln, beneiden sie um den schwierigen Weg, »und darum, dass ich mein Studium als Privileg empfinde«. Nur der Druck mit dem Geld sei schrecklich. »Wenn irgendwann das Bafög ausläuft … da darf ich gar nicht dran denken.« Märchen haben eigentlich ein gutes Ende – doch wie’s mit der Chancengleichheit weitergeht, ist ungewiss. Es gibt gute Ideen: Intensive Förderung im Kleinkindalter. Ganztagsschulen. Eine spätere Trennung der Kinder statt nach der vierten Klasse. »Man darf nur nicht versuchen, die Punkte einzeln durchzusetzen«, sagt Professor Friebel. »Alle drei auf einmal – und wir hätten eine völlig neue Republik.« Jetzt kann Deutschland auf hilfreiche Feen warten. Oder endlich Reformen anpacken.





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