apoll0n 25.02.2005, 17:36 Uhr 27 0

Bewerbungen: Und noch ein Absager packt aus

"Leider müssen wir Ihnen mitteilen...:" Wer sind bloß diese Schweine, die andere in Zweifel und Ängste stürzen durch ihre gemeinen Bewerbungsabsagen?

Tja, wer sind sie, die Typen, die den Daumen heben oder senken bei der Vergabe des Traumjobs und damit Identitätskrisen und Selbstzweifel auslösen? Und vor allem: Warum machen sie das? Alles Sadisten?

Nun also: Ich bin einer von ihnen. Schon mein erster Job brachte mich in Situationen, in denen ich die kreative Qualität von Grafikern und Textern bewerten und dann - reichlich Absagen verteilen durfte. Mein zweiter Job warf mich erst recht ins Herz der Finsternis, denn dort wurde das Anstellen von Leuten sogar zu meinem Hauptberuf. Auch derzeit suche ich wieder nach Leuten, und das einzige, was sich gebessert hat, ist, daß ich die Absagen jetzt nicht mehr selber schreiben muß. Ich schätze, in den letzten 6 Jahren bis zu 200 Bewerbungsmappen gelesen und Bewerbungsgespräche geführt zu haben - um am Ende 80% der Kandidaten abzusagen. Ich Schwein.

Aber warum? Ein paar Antworten sind klar: Manchmal gibt es nun mal mehr Bewerbungen, als Stellen da sind, und da muß halt irgendjemand den Kürzeren ziehen. Aber oft genug suchte ich monatelang nach geeigneten Kandidaten und verfaßte trotzdem Absage nach Absage. Wie das sein kann? In Deutschland mit seinen Millionen Arbeitslosen? Nun: Wäre ich wirklich ein Sadist, hätte ich schon längst eine Galerie mit dem Namen "Verpeilt & Unverständlich: Bewerbungs-Lowlights aus der Medienbranche" ins Internet gestellt. Gut und gern drei Viertel aller Bewerbungen, die ich je sah, wiesen teils erschütternde Mängel auf bei so fundamentalen Dingen wie Rechtschreibung, verständliche Formulierung und optische Aufmachung. Weitere zehn Prozent waren gut, aber nicht so gut, wie sie hätten sein können. Und an dieser Stelle kann ich die Eingangsfrage nur zurückgeben: Wer, wer seid ihr, die ihr etwas nicht völlig Nebensächliches wie eine bezahlte Anstellung sucht und nicht in der Lage seid, auch nur ein einziges Komma in euren Anschreiben richtig zu setzen? Ihr, deren Lebensläufe übelst fehlformatiert sind, obwohl ihr euch "perfekte Kenntnisse von MS Office" zuschreibt? Ihr, die ihr euch "Englisch: sehr gut" attestiert und dann in drei Zeilen englischem Text 5 Anfängerfehler macht? Was mich immer besonders irritiert: Ist euch die ganze Sache so wenig wert, daß ihr das Resultat eurer Bemühungen nicht einmal irgendjemandem zur Korrekturlesung vorlegen zu müssen glaubt? WG-Mitbewohner, Mutter, Freundin?

Hinzu kamen über die Jahre die eigenartigsten Einlassungen von Bewerbern, die die erste Hürde genommen und mir nun vis a vis im Interview gegenübersaßen. Ganz erbarmenswert war vor einigen Wochen die Antwort einer Praktikums-Bewerberin auf meine Frage, weswegen sie zwar Publizistik studiert hätte, nun aber nicht Journalistin werden wolle. Sie - übrigens mit einem Abiturschnitt von 1,2 -, treuherzig: Sie hätte gehört, da müsse man so viel arbeiten. Außerdem würde man nicht mit Sicherheit übernommen. Und hätte unregelmäßige Arbeitszeiten, auch länger als 8 Stunden am Tag. Und unregelmäßige Einkünfte. Und auf Kommando kreativ sein, nein, das läge ihr auch nicht.

Es gab Zeiten, vor einigen Jahren, da war ich so verzweifelt über das, was mir täglich auf oder vor den Schreibtisch flatterte (Kettenraucher; zerlumpt Gekleidete; nach Schweiß Dünstende), daß ich dachte: Es reicht doch schon, kein Analphabet und normal nett und vernünftig zu sein, um einen Job zu bekommen! Sind die normal Netten und Vernünftigen hinter meinem Rücken ausgestorben?

Heute denke ich: Bitte tut euch selber einen Gefallen und ARBEITET an euren Bewerbungen. Nur ein klein bißchen, bitte, bitte. Überwindet euren Stolz, auch wenn ihr Klassenbeste oder Hochschulabsolventen seid, und legt eure Unterlagen Freunden oder sogar Profis vor - Bewerbungscoachings gibt es doch an jeder Ecke. Macht mal ein Test-Job Interview. Zum Dank dafür verspreche ich euch, daß ich gute, interessante Bewerbungen, die aber auf meine Stellen nicht passen, an befreundete Unternehmen sogar weiterleite!

Ist das ein Deal?

27 Antworten

Kommentare

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    tu mal nicht so überheblich, du glaubst doch nicht, dass jeder gleich heult, nur weil eine bewerbung abgesagt wird! ist doch klar, dass man 10 bis 20 bewerbungen schreibt und sich dabei nur auf wirklich zwei bis drei konzentriert!!!

    29.06.2006, 14:09 von jan28
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    Ich habe bereits beide Seiten kennengelernt. Meinen Bewerbungsmappe war gut, meine Noten auch...logische Folge: Einladung zum Vorstellungsgespräch... was dann folgte war ein Absagenmarathon, obwohl ich denke, dass ich nicht den Ngeativbewerbern zugeordnet werden kann.
    Auch die andere Seite war nicht einfach... dabei habe ich auch so manche strange Bewerbung gelesen und dachte immer wieder warum wurdest du nicht genommen, obwohl deine Bewerbung in Relation dazu viel besser war, aber warum an sich zweifeln, von irgendwo kommt immer ein Lichtlein her...
    Heute denke ich, dass diese Absagen mich sogar in eine Studienrichtung gedrängt haben, auf die ich nie im Leben gekommen wäre, wenn ich diese Abasgen nicht kassiert hätte und stattdessen eine Ausbildung gemacht hätte.

    12.09.2005, 15:32 von icyflower
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    jetzt stellt sich die frage: formt der individuelle mensch das unternehmen oder das unternehmen den menschen? haben wir nicht alle in den politisch korrekten zeiten der vergangenheit gelernt das der mensch einzigartig und wundervoll sei? wieso sollen wir jetzt alle das gleiche tun, das gleiche sagen und das gleiche fressen? jeder mensch kann irgend etwas besonders gut, rechtschreibung gehört bei manchen nunmal nicht dazu. eine aussage über einen menschen aufgrund eines läppischen 40 zeilers zu treffen, finde ehrlich gesagt grotesk.
    das war jetzt zwar naiv, aber das ist mir mittlerweile ziemlich scheißegal

    14.04.2005, 13:08 von rummtata
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    Also, dem was ich hier (und andernorts) lese zufolge hat heutzutage nur noch der "perfekte" Bewerber die Chance auf eine Stelle. Dazu habe ich eine Frage an die Personaler unter euch: was ist eigentlich der "perfekte" Bewerber?
    Daß Rechtschreibung und Form stimmen müssen, setze ich voraus. (Allerdings bezweifle ich, daß es wirklich noch so viele Bewerber gibt, die die hier beschriebenen liderlichen Bewerbermappen verschicken.) Hinzu kommen als wichtige Kriterien: Sprachkenntnisse, Auslandsaufenthalte, gute Zensuren, Arbeitserfahrung (möglichst im angestrebten Bereich). Hobbies und Interessen sollten sich mit dem gewünschten Berufsziel decken. Lücken im Lebenslauf sind heutzutage keine Katastrophe mehr, sollten sich aber hinsichtlich des angestrebten Jobs begründen lassen. Am Besten sollte der Bewerber auch seine Freizeit darauf ausgerichtet haben, dereinst in diesem Beruf zu arbeiten. Freunde hat man ja schon auf der Arbeitsstelle. Und sein Kommunikationsbedürfnis spart man idealerweise für Kundengespräche auf.
    Umfrage: Wieviele von euch sind so? Sind die Leute, die eingestellt werden wirklich die beschriebenen, auf den Job konditionierten, Arbeitsroboter? Sind das wirklich die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten möchten? Was ist mit den ganzen Leuten, die viele verschiedene Interessen haben? Die gerne Sport machen, aber auch gerne lesen, reisen, einen trinken gehen? Die in der Schule/Uni nur stabil mittelmäßig waren-aber das in allen Fächern? Und diejenigen, die sich nicht schon mit 12 entschieden haben, daß sie mal Verkäufer bei einer Telekommunikationsgesellschaft werden wollten (oder was auch immer)? Diejenigen, die wirklich gerne arbeiten gehen möchten, fleißig sind, und zuverlässig. Sich schnell in einen Themenbereich einarbeiten können, aber sich halt noch nicht ihr halbes Leben darauf vorbereiten? Die Rechtschreibung drauf haben, sich ausdrücken können, mathematisch begabt sind, und auch ein bißchen kreativ, aber gerade deshalb nicht so richtig perfekt zu einer bestimmten Stelle passen? Denn mal ehrlich: so sind doch die meisten von uns! Soll ich jetzt mein ganzes Leben (oder zumindest den CV) daraufhin tunen, daß ich der perfekte Bewerber für Stelle x bin? Denn das wäre ja gelogen.

    11.03.2005, 12:27 von Ana_No_Berlin
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    Ich finde es auch sehr lohnenswert, daß apollon mal ein bißchen plaudert - kann doch nix schaden, oder? Und die von ihm genannten Gründen scheinen ja nicht weit hergeholt; sämtliche negativen Kommentare (4felix, strawberry_fiend) zu diesem Artikel halte ich für extrem unreif und polemisch und destruktiv, gibt halt immer Leute, die lieber motzen, als den Tatsachen in´s Auge zu sehen (so auch etlliche Bewerber).

    08.03.2005, 11:05 von meenzine
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    Hey, danke für die Antwort auf meine (kleine) Frage und weitere Tipps.
    Im Gegensatz zu einigen anderen find ich es ziemlich gut, dass apollon sich hier quasi "geoutet" hat und auch noch Fragen beantwortet. Ich fände es toll, wenn es mehr Leute von der Seite des Tisches geben würden, die diese Hilfe hier anbieten würden (gibts ja auch schon :)). Denn man kommt ja so im "echten" Leben immer schlecht an diese Leute zu einem kleinen Plausch heran, es sei denn, er ist angeheiratetes Familienmitglied oder Ähnliches... und diese Leute können eben die besten Tipps geben. Da sind Lehrer und Arbeitsamtmitarbeiter doch oft einfach zu weit weg vom Geschehen!
    Also ich hoffe, dass das hier noch lange ein Forum für informelle Fragen zu diesem Thema bleibt. ir würd es wirklich helfen! Auch, wenn es vielleicht nicht Leute aus der Branche sind, in die ich möchte, gibt es doch einige Regeln, die die fast überall gelten.

    07.03.2005, 19:18 von fuexs.chen
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    also, ich war auch eine von denen, die gerne mal im auftrag des chefs absagen verteilen musste und auch wenn ich nicht die direkte entscheidung zu treffen hatte, konnte ich die ein oder andere absage verstehen. zuallererst: vermeidet doch bitte unternehmen mit bewerbungsmappen zu belästigen, wenn sie definitiv keine stelle für euch haben. am besten ein netter anruf vorab, sich den ansprechpartner sagen lassen und einfach mal fragen. klar, initiativbewerbung blablabla... aber fakt ist, dass solche bewerbungen manchmal einfach nur geldverschwendung sind.: ich weiß, dass die mappen zerfleddert werden und anderweitig verwendet werden, wenn sich der bewerber nicht mehr meldet und man macht sich lange nicht mehr die mühe die dinger wieder zurückzuschicken.
    Wenn man dann weiß, dass eine bewerbung erwünscht ist, gehts los. egal ob standard bewerbung oder ausgefallene idee. das wichtigste ist sauberkeit, vollständigkeit und eine gewisse ordnung und logik bzw. richtigkeit (rechtschreibung!!). überlegt euch doch mal selbst: wenn ihr einstellen müsstet in eurer eigenen firma. wie wären eure ansprüche, worauf würdet ihr achten? prinzipiell ist es immer gut, wenn man sich vom bewerber ein vollständiges bild machen kann. klar, es dürfen auch fragen offen bleiben (man braucht ja auch ein bißchen was fürs gespräch), aber du lädtst doch niemanden ein, der nicht irgendwelche schlüsselreize in seiner bewerbung hat. eine wichtige info. ein lächeln öffnet so manche tür! die erfahrung hat gezeigt, dass ein kleines schmunzeln über eine treffende wortwahl in einer bewerbung oder ein witziges konzept den bewerber gleich symphatisch macht. den will man kennenlernen.
    ansonsten sollte sich doch jeder auch die frage stellen: wo bewerbe ich mich und vor allem warum? will ich da wirklich hin oder tu ich es nur zur gewissensberuhigung etc. denn diese halbherzigen schritte lohnen sich nicht. lieber 5 bewerbungen mit herzblut, als 25 so lala.
    das wars von meiner seite - viel glück! jk

    07.03.2005, 14:25 von jk282
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      @[Benutzer gelöscht] Das Wort "Napfsülze": Ich dachte bislang, daß das nur einem kleinen Kreis Menschen aus dem Umfeld der Lüneburger Heide bekannt wäre als Bezeichnung für eine Trantüte. Entweder hab ich mich getäuscht, oder du kommst aus der Lüneburger Heide...

      08.03.2005, 07:17 von apoll0n
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    "Wenn jemand Texter werden will und es läßt sich nirgends eine Begeisterung für Literatur rauslesen, dann weiß ich nicht so recht." - wieso muss ein texter deiner meinung nach eine begeisterung für literatur haben? sind denn nicht sprachgefühl und ideen ausschlaggebend? und vielleicht sogar die fähigkeit, in bildern zu denken?

    05.03.2005, 22:28 von beatcruiser
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