Unresting 11.09.2008, 11:58 Uhr 8 2

Berufsschule

Ein Berufsschultag. Nur eine Momentaufnahme. Hier und jetzt und in Gedanken ganz woanders

Scheiße! Verpennt!
Jetzt war Beeilung angesagt, um die Bahn zur Berufsschule noch zu bekommen.
Wenigstens hinderte mich keine nörgelnde Mutter beim morgendlichen Schnellstart,
denn als Wohnheimbewohner hatte man eine angenehme Entfernung zu diversen Elternteilen.
So befand ich mich nach relativ kurzer Zeit schon auf dem Weg zur Bahn. Als ich im Laufen meine BW-Jacke und mein Pali richtete, bemerkte ich, dass ich wohl mein Nietenarmband vergessen hatte, aber das war jetzt auch egal.
Als ich um die nächste Ecke bog, konnte ich noch vage die Rücklichter der Bahn im Tunnel verschwinden sehen. Tja, den Schnellstart hätte ich mir auch sparen können.
Da ich mich nun aus gegebenem Anlass dazu entschied, mit dem Auto zur Schule zu fahren,
hatte ich ein bisschen mehr Luft, denn die 30km bis zu unserem „wunderschönen“ Berufskolleg führten größtenteils über die Autobahn, und die sollte jetzt noch frei sein.
Wieder im Wohnheim angekommen, schnappte ich mir meinen Autoschlüssel und diesmal auch mein Nietenarmband und begab mich runter auf den Parkplatz.
Als ich schon im Begriff war zu starten, fiel mir auf, dass mein USB-Stick durch Abwesenheit glänzte, was meine Musikauswahl im Auto stark eingrenzte. Da ich nun auch nicht mehr so viel Zeit, und noch weniger Lust hatte, besagtes Speichermedium zu holen, durchforstete ich mein Handschuhfach nach einer eventuell vorhandenen CD.

Tatsächlich fand sich ein Silberling, „Virginia Jetzt“ stand in krakeligen Edding-Buchstaben drauf. „Volltreffer“ dachte ich. Jetzt konnte es losgehen.
Als ich mich kurz hinter der Autobahnauffahrt aus dem Windschatten eines LKWs löste und auf die mittlere Spur wechselte, sah ich, dass wohl noch jemand die Bahn verpasst hatte.
Woran ich das erkannte? Weil einfach niemand anders als der dicke Peter einen verrosteten Fiesta mit riesigem NOFX-Sticker auf der Heckscheibe fuhr.
Peter, ein Klassenkamerad und guter Kumpel von mir, schien mich zuerst nicht zu bemerken,
obwohl ich direkt hinter ihm fuhr. Dem half ich mit der Lichthupe ab.
Wie es in solchen und ähnlichen Situationen typisch war, begrüßte mich Peter mit einem breiten Grinsen und seinem dicken Mittelfinger, den ich ihm direkt mit einem noch breiteren Grinsen zurückgab. Die adrett gekleidete Frau in dem dicken BMW, der links an uns vorbeizog, guckte ein wenig pikiert. Peter und ich fandens lustig.
„Alte Leute schwärmen davon, wie toll ihre Jugend war“, dachte ich, „wir wissen, dass das grad unsere Zeit ist“, dachte ich weiter und lächelte.
Ziemlich am Ende des Schulwegs angekommen, war ich noch nicht ganz sorgenfrei, denn unsere Schule zeichnete sich durch das konsequente Fehlen eines Schülerparkplatzes aus. So war die Parkplatzsuche eine Herausforderung, die nun nicht nur auf mich wartete.
Also bewegte ich meinen Corolla noch einige Hundert Meter die Straße runter, um einen der beiden großen Parkplätze vor der Bibliothek anzusteuern.
An diesem Morgen schien Verschlafen ein omnipräsentes Ärgernis in meiner Klasse zu sein, denn auch Yuri parkte gerade ein, als ich auf den Parkplatz kam. Obwohl in der Parkbucht eigentlich genug Platz für 4 Autos gewesen wäre, bekam Yuri es hin, so schief einzuparken, dass Peter und ich einige Versuche brauchten, unsere Autos neben seinen Mégane zu stellen.

Ein Blick auf die Uhr hätte uns jetzt eigentlich dazu bewegen sollen, die letzten Meter zur Schule in gesteigertem Tempo zurückzulegen, aber wir entschieden einstimmig, vorher noch einen Stop am Kiosk einzulegen. Während Yuri und Peter sich mit neuen Kippen versorgten, bestellte ich mir einen großen Kaffee. Seit ich vor etwa einem halben Jahr aufgehört hatte, Kippen zu Rauchen, war ich erfolgreich ins Lager der Koffein-Junkies gewechselt.
Mit qualmenden Kippen bzw. dampfenden Kaffeebechern machten wir uns dann glücklich auf den Weg, denn einen Schultag ohne Suchtmittel zu beginnen, ging ja mal gar nicht.
Eine Minute nach Unterrichtsbeginn erreichten wir unseren Schulhof. „Zumindest sind wir nicht die letzten“ meinte Yuri. Wir lachten, denn es war wirklich sehr wahrscheinlich, dass Nessa noch später als wir kommen würde als wir. Nessa, die im Gegensatz zu einigen anderen Leuten aus der Klasse kein bisschen zickig oder eingebildet war, kam fast jeden Tag einige Minuten zu spät zur Schule, obwohl sie einen der kürzesten Schulwege hatte.

Wir hatten uns einen günstigen Morgen zum Verschlafen ausgesucht, denn in der ersten Stunde stand BWL bei Frau Gössler an. Jeder, der mal schulpflichtig war, kannte diesen Typ von Lehrerin: Anfang 50, etwas rundlich; so kompetent, dass sie uns wirklich was beibrachte; so autoritär, dass sie nicht davor zurückschreckte, bei Bedarf mal richtig laut zu werden, aber gleichzeitig so mütterlich, dass wir sie alle mochten und zum Glück auch so locker, dass sie uns mit einem „Jetzt aber flott meine Herren“ auf unsere Plätze scheuchte.
Nessa war an diesem Morgen zwar pünktlicher als wir, war aber so fair, unsere Verspätung nicht zu kommentieren.
Auf die gechillte erste, folgte die tendenziell eher einschläfernde zweite Stunde, was weniger daran lag, dass es die zweite Stunde war, sondern viel mehr daran, dass Deutsch bei Herrn Hank zu jeder Tageszeit einschläfernd war.
Während Herr Hank seinen Monolog hielt, fand jeder seine eigene Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Peter und Yuri tauschten via Bluetooth lustige Handybilder aus, Flo und Marie bemalten in der letzten Reihe gegenseitig ihre Blätter, und während Nessa eine SMS tippte, starrte ich an die Wand. Ich liebte Momente wie diesen, in denen die Zeit still zu stehen schien. Als ich mir die hellen Backsteine ansah, die vom sterilen Neonlicht beleuchtet wurden, fragte ich mich, wie viele Karrieren in diesem Raum wohl ihren Anfang genommen hatten. Meine würde nicht dazugehören. Unser Ausbildungsberuf galt vielleicht in vielerlei Hinsicht als modern, war aber im wesentlichen nur einer der vielen Bürojobs, dem außerdem auch ein wenig das Image einer „Problemkinderausbildung“ anhaftete, seit eine Ausbildungsoffensive einige Jahre zuvor für massive Azubi-Einstellungen gesorgt hatte.
Als Problemkind hätte ich aber weder mich noch den Großteil meiner Klassenkameraden bezeichnet.

Meine Träumerei wurde durch ein ermahnendes „Leute konzentrieren Sie sich, Sie sind in der Oberstufe“ von Herrn Hank unterbrochen.
Danke Herr Hank, gutes Stichwort. Wir saßen in der Oberstufe der Berufsschule, was hieß, dass wir im dritten Ausbildungsjahr angekommen waren, was wiederrum hieß, dass unsere Tage als Azubis gezählt waren und wir uns bald alle irgendwie orientieren mussten.
Yuri und Nessa hofften ja darauf, übernommen zu werden, Flo hatte seinen Studienplatz schon sicher, Philipp, der Vollidiot aus der ersten Reihe war dank Papas Beziehungen auch irgendwo untergekommen, Peter hatte auch schon Pläne.
Meine Pläne beschränkten sich im Moment darauf, meinen Zivi an die Ausbildung zu hängen.
Der Musterungsbescheid lag schon auf meinem Schreibtisch und sollte bald meine Fahrkarte in 9 Monate sorgenfreies Zivileben werden.
Ich war mir nur noch nicht ganz schlüssig, wo es mich dafür hinverschlagen sollte. Marie wollte nach Berlin, Berlin war eh geil, Leipzig hätte ja auch was, wobei Berlin zweifellos geiler wäre. Hier wollte ich nicht bleiben, so viel stand fest. Irgendwohin, irgendwohin weit weg…

Diesmal war es das Pausenklingeln, das mich zurück ins Hier und Jetzt holte.
Große Pause war angesagt. Große Pause rockte, egal ob man Grundschulkind, Abiturient, oder Oberstufenschüler einer berufsbildenden Schule für Wirtschaft und Verwaltung war.
Über die Zukunft konnte ich mir später noch Gedanken machen.
Im Rausgehen fragte ich Yuri, was wir nach der Pause hätten. „Doppelstunde Englisch“ antwortete er, während er sein Feuerzeug aus seiner Hosentasche fischte.
„Fuckin simple“, meinte ich, obwohl ich nun wirklich kein Oberstreber war…

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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    nett..erinnert mich an alltägliches welches wir einfach so hin nehmen.. 

    26.12.2011, 22:56 von Goldmann
    • 0

      Eine ganz neue Sichtweise.

      Wobei "hinnehmen" ne ziemlich negative Färbung hat, und negativ sollte dieser Artikel eigentlich nicht sein.

      26.12.2011, 22:59 von Unresting
    • 0

      nein gar nicht, nur ich glaub wenn wir über solche tage nicht konkret nachdenken würden wir sie leicht vergessen 

      26.12.2011, 23:01 von Goldmann
    • 1

      Genau das wollte ich auch ausdrücken. :)

      26.12.2011, 23:03 von Unresting
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    ich finds sehr schön... :-) ich hoffe so eine zeit kommt diesen sommer wieder...

    01.02.2010, 00:07 von nightscape
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  • 0

    nen normalen, "langweiligen" schultag gut in worte gefasst ;D
    gefällt mir :)
    nur beim letzten kann ich nich so ganz zustimmen..
    englisch brrh...xD aber in deutsch gehts mir genauso wie dir^^

    30.10.2009, 19:56 von IIR
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  • 0

    ja, ich verstehe was du ausdrücken willst.. so gehts mir momentan auch :))

    28.12.2008, 18:29 von mathis
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  • 0

    Und wo bleibt der Sinn?
    danke für 5 verschwendete Minuten!

    11.09.2008, 12:26 von Filmstudent
    • 0

      @Filmstudent Der Sinn besteht darin, ne Momentaufnahme einer tollen Zeit anzustellen und deren Vergänglichkeit zu zeigen.

      Wenn sich Dir dieser Sinn nicht erschließt,
      gern geschehen!

      11.09.2008, 17:08 von Unresting
    • 0

      @Unresting Na ja, das mit dem Sinn kann man sehen wie man will. Schule ist Schule, was soll denn da für ein Artikel kommen?

      Also ich fands ganz nett geschrieben, mir fehlt nur irgendwie... irgendein konkretes Ereignis? Oder doch der Sinn?^^

      22.08.2010, 22:07 von Luanna
    • 0

      @Luanna Naja, meine Intention war es, zu zeigen wie vergänglich diese Zeit ist.
      Und das geht doch auch ohne konkretes Ereignis, schließlich sind auch die "normalen" Schultage charakteristisch. ;)

      22.08.2010, 22:11 von Unresting
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