MrDeeds 10.05.2012, 13:59 Uhr 2 2

Bald Brötchen nur vom Bachelor?

Immer mehr Menschen legen das Abitur ab und studieren, anstatt einen traditionellen Beruf zu erlernen. Brauchen wir mehr Meister statt Master?

Ich komme gerade aus Polen zurück, wo einige Bekannte zurzeit ihr Abitur machen. Sie sind mehr als nervös, denn das Abi dort scheint über Sein oder nicht Sein zu entscheiden. Die Hochschulreife hat einen so zentralen Platz in der Ausbildung der jungen Leute dort eingenommen, dass selbst die Dame an der Rezeption oder die Kellnerin im Restaurant nicht ohne den höchsten, allgemeinbildenden Schulabschluss auskommen.
Noch nicht richtig am Flughafen in München gelandet, höre ich im Radio, die IHK beklagt in Deutschland, dass immer weniger Menschen sich für traditionelle Ausbildungsberufe entscheiden, um auf einem der vielen Wege ihr Abitur zu machen, damit sie später studieren können. Jetzt startet man eine Kampagne unter dem Titel: „Wir brauchen auch Meister, nicht nur Master“.
Ich sehe die ganze Situation mit Sorge, denn in meinen Augen verliert das gute, alte Abitur deutlich an Wert, dadurch, dass es von immer mehr Leuten bestanden wird. War die Hochschulreife vor 40 Jahren noch etwas Außergewöhnliches, ist sie heute so normal wie das tägliche Brot. Und die Umwelt, sie passt sich an. Die ehemalige Bildungselite geht ein Stück weit verloren, denn plötzlich gehört irgendwie eine Mehrheit dazu. Ehrlich gesagt würde es mich ein bisschen irritieren, wenn beim Bäcker meines Vertrauens ein Universitätsdiplom hängen würde oder ich beim Haareschneiden durch die Bachelorarbeit meiner Friseurin blättern könnte, die sie nicht gerne und freiwillig geschrieben hat, sondern weil es von ihr verlangt wurde, um ihren Traumberuf zu erlernen. Das Traditionelle muss wieder attraktiver gemacht werden, aber wie? Wie überzeugt man jemanden davon, dass ein Bäcker oder ein Metzger genauso wertvoll ist wie ein Anwalt oder ein Ökonom? Man kann niemandem Bildung verbieten, aber einen gesellschaftlichen Zwang auszuüben geht gegen jegliche Vernunft (nach dem Motto: Wenn du kein Abi hast, bleibt dir nur noch Hartz IV). Ich selbst habe eine Freundin, die sich unter Beruhigungsmitteln durch das Gymnasium kämpfen musste, um an der Schauspielschule aufgenommen zu werden (obwohl sie mit einem größeren Talent gesegnet ist, wie manch anderer Hochschulabsolvent), weil sie unter einer Lernschwäche litt, ohne dem Papier hätte sie in Polen allerdings ihren Traumberuf nicht erlernen können. Ihrer Psyche hat das bis heute geschadet. Vielleicht sind meine Sorgen hier mit ein paar radikalen Beispielen serviert, aber in anderen Ländern sind diese Zustände schon längst Normalität. In Mexiko bekommt man keine Buchhalterstelle, ohne vorher studiert zu haben und der Kundenberater in den USA braucht inzwischen auch mindestens einen Bachelor in Kommunikationswissenschaften. Habt ihr Vorschläge wie man das System ein wenig entzerren könnte?

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Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Naja, so ist es halt heutzutage - auch wenn das platt klingt.
    Ich habe mich kürzlich mit meinen Eltern über das unterhalten: Wie sie beide so um 1960 rum mit Abschluss der höheren Handelsschule (mein Vater) bzw. Abschluss der Volksschule (meine Mutter) sich ohne viel Trara, wie man das heute kennt, ihre  Lehrstellen quasi aussuchen konnten. Beides kaufmännische Stellen. Und wenn es dort nicht gefiel, konnte man mal eben zwei Türen weiter zur Konkurrenz gehen und fragen, ob man dort anfangen könne - ohne Verzögerung wohlgemerkt.
    Das klingt alles nach Wirtschaftswunder inklusive goldbelegter Straßen. Es ist aber eine Sache von Angebot und Nachfrage: Deutschland geht es immer besser (nominell), deshalb werden auch die Anforderungen immer härter. Selbst die Vorstandssekretärin muss dann heute Abitur + Studium haben, damit sie nicht vor jedem Fremdwort und englischer Konversation zurückschreckt, die ihr im Arbeitsalltag begegnen.

    Dass es so kommen wird, dass klassische Ausbildungsberufe ganz verschwinden, glaube ich aber nicht. Es wird aber überall mehr in den Bereich des dualen Studiums gehen, also Berufsausbildung + Studium, wie es beispielsweise in der Mechatronik der Fall ist. Der Bäcker hat dann einen Themenblock Oecotrophologie, der Metzger Veterinärmedizin und die Frisöse Design und Gestaltung.
    Mitziehen muss eigentlich das Schulsystem (und die Hochschulen), damit jeder auf Wunsch auch seinen Abschluss erreichen kann, wenn er dazu in der Lage ist. Denn wenn Nachfrage da ist, sollte der Staat diese eigentlich abdecken können. Schlecht kann es, wie ich denke, auf keinen Fall sein, dass der Standard steigt.

    10.05.2012, 18:49 von wordmage
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