Malua 06.08.2007, 11:30 Uhr 56 9

Abgelehnt.

Mein Job: Hoffnung zerstören. Wie ich lernen muss, Bewerbungsabsagen zu schreiben.

Seit ein paar Wochen sitze ich nun im Lektoratssekretariat eines, den meisten wohl weniger bekannten Verlages und versuche mich durch das Alltagschaos zu schlagen. So langsam habe ich den größten Teil des Unwissenheits-Dickichts niedergekämpft und finde mich in meinen neuen Aufgaben zurecht. Der momentane Schwerpunkt meiner Arbeit lag bisher in der Ablehnung unaufgefordert eingesandter Manuskripte. Eine wirklich einfache Sache. Excel-Tabelle mit Namen und Adressen aufrufen, Serienbrief mit Standartabsage fertig machen, Manuskript und Brief eintüten. Ab die Post.

Doch mittlerweile liegen auf meinem Schreibtisch auch Bewerbungsabsagen. Von Menschen, die nicht wesentlich älter sind als ich, aber auch von Menschen, die bereits meine Eltern sein könnten. Denen soll ich nun die Hoffnung auf ein Volontariat, einen Ausbildungsplatz oder gar auf eine feste Anstellung nehmen. Die Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft. Zumindest für die nächsten Monate oder Jahre.

Ein komisches Gefühl, wo ich doch selbst gerade erst in der Ausbildung bin. Das Wort „Berufserfahrungen“ bisher eine Leere Hülle ist, die nach und nach mit Inhalt gefüllt wird. Ich soll also diese Bewerbungen absagen. Mit dem Wissen, dass hinter jeder dieser Mappen eine Existenz steckt, die jeden Tag mit Hoffnung in ihren Briefkasten schaut weil die mögliche Zusage drin sein könnte. Die jeden Tag mit Angst ihren Briefkasten öffnet weil die befürchtete Absage in ihm stecken könnte.

Leider weiß ich noch zu gut, wie sie sich jetzt fühlen. Die Schulabgänger, Studiumsbeender, oder wie man sie auch immer bezeichnen mag. Mit dieser, für mich verantwortungsvollen, Aufgabe fühle ich mich mehr und mehr überfordert und schaue erst einmal nach, wie meine Vorgänger damit umgegangen sind.

Erschreckend. „Sehr geehrter Herr XY, hiermit erhalten Sie Ihre Bewerbungsunterlagen zu unserer Entlastung zurück.“ Mehr nicht. Nein, so kann und so will ich nicht antworten. Vielleicht mag es für viele die einfachste Lösung sein. Vielleicht stumpft man irgendwann ab und vergisst das Schicksal das man gerade in Händen hält. Doch das kann es einfach nicht sein.

Da ich von meinem Chef nur die jeweilige Mappe mit dem vielsagenden Vermerk „ablehnen“ bekomme, kann ich noch nicht einmal individuell auf den jeweiligen Bewerber eingehen. Ich weiß, dass wir immer wieder Bewerbungen kriegen, die einfach indiskutabel sind. Aber selbst die kann man freundlich ablehnen.

Und so durchforste ich das Internet nach „netten“ Bewerbungsabsagen. Kaum etwas zu finden, überall der gleiche Inhalt ohne Sinn, in anderen Wortkompositionen verpackt und doch immer wieder beklemmend kühl, distanziert bis unhöflich formuliert. Ich weiß wie enttäuscht ich über solche Absagen war. Und jetzt soll ich den gleichen Mist selbst schreiben?!

Ich beginne meine erste Absage. „Sehr geehrte Frau XY…“. Doch wie weiter? Es soll in keinem Fall ein Dreizeiler werden. Die Frau soll sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlen, oder entmutigt. Also formuliere ich immer wieder neu. Streiche hier etwas Belangloses weg, füge eine Nettigkeit hinzu. Geschafft. Auf einer ganzen Seite erkläre ich, dass ihre Bewerbung aussagekräftig, die Qualifikationen gut und ihr studienbegleitendes Engagement beeindruckend ist. Doch das wir leider keine Möglichkeit sehen, sie innerhalb unseres Verlages adäquat einzusetzen. Sie solle sich nicht entmutigen lassen und wir wünschen ihr viel Erfolg auf ihrem weiteren Weg.

Ein paar Tage später bekomme ich eine e-Mail. „Liebe Frau YZ, vielen Dank für Ihre überaus freundliche Absage.[…]“. Mission geglückt.

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56 Antworten

Kommentare

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    wenn du deine Arbeit sonst schaffst, super.

    14.08.2009, 17:44 von alendra
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    Wir sollten doch alle ein wenig auf Freundlichkeit achten. Es fängt ja schon beim Supermarkt an. Man blickt immer in trostlose Kassierer/-innen - Gesichter. Sie schieben Tag ein Tag aus die Waren übers Band. Ein Spruch wie "Ein Lächeln steht ihnen besser" mit dem Selbigen zu begleiten, macht den Tag sicherlich erträglicher.

    11.07.2009, 01:37 von cleolite
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    Ich find das toll. Jetzt, während meine Jahrespraktikums bei einer Stadtverwaltung musste ich auch Absagen schreiben. Echt nichts tolles. Die Leute, denen ich die schicken musste kenne ich persönlich, bin mit ihnen befreundet.
    Selber hab ich auch schon Absagen bekommen, die niederschmetternd waren.
    Deine würde mich wahrscheinlich mehr ermutigen, wie diese Standart Absagen.

    04.01.2009, 18:29 von manao
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    Wenigstens eine Person die sich darum schert, wie beschissen man sich nach einer Absage fühlt. Wer würde nicht lieber eine begründete Absage kriegen als eine nichtssagende? Mich hat das immer gestört.
    lg

    12.10.2008, 13:24 von Aornis
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    Das find ich großartig.
    Ich hab auch die unliebsame Aufgabe, Leuten mitzuteilen, dass wir sie für nicht qualifiziert halten. Ich klau dir ein paar deiner Gedanken ...

    15.07.2008, 10:34 von volumINA
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    Hallo Malua,
    Ich kann Dich gut verstehen, da ich selber während meiner kaufmännischen Ausbildung in einem Chemie-Grosskonzern im Personal tausende von Absagen schreiben musste. Bei uns war der Brief allerdings ziemlich freundlich und höflich verfasst, so dass das Selbstvertrauen der Bewerber/Innen eigentlich nicht "zerstört" werden sollte. Fakt ist eben leider, dass jedes Unternehmen die für sich best geeignete Person einstellen möchte und auf eine freie Stelle folgen nunmal oft hunderte von Bewerbungen. Ich habe mich davon distanziert, da ja auch ich nicht die Person war, die entschieden hat, wer in die nächste Runde kommt oder wer direkt eine Absage kassiert. Das hat eigentlich ganz gut geklappt und ich habe auch nie ein "böses" oder "trauriges" Email zurückerhalten. Anscheinend hast Du ja für Dich auch bereits nach Lösungen und Alternativen gesucht, wie es für Dich besser tragbar ist.

    Mittlerweilen arbeite ich in der globalen Personalentwicklung, was mir ehrlich gesagt doch lieber ist :-) Dennoch war die andere Erfahrung für mich persönlich wichtig und gut. Man sollte immer das Positive für sich mitnehmen und das Negative hinter sich lassen - Privat wie im Job - Schau nach Vorne!

    12.06.2008, 16:40 von Paradojica
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    ... wenn man sich bewirbt, kommen oft auch einige Absagen zurück, ich glaube da tut es der Seele gut ein paar liebe Wörter zu hören....auch wenn es wieder eine Absage ist. Dann vllt eine mit Hoffung das alles doch noch klappt....

    ....ich finde das toll....solche brauchen wir!

    23.02.2008, 10:00 von ninchen-lu
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